Und so war das nun. Die Frau schien vollkommen ehrlich zu sein; es gab keinen Grund anzunehmen, daß sie log oder an Halluzinationen litt.
Nirgal wollte nicht darüber nachdenken. Aber er hatte sowieso daran gedacht, Shining Mesa zu verlassen und sich an anderen Orten umzusehen. Also konnte er.
Und — nun — er mußte mindestens einen Blick darauf werfen. Shigata ga nai!
Am nächsten Tage wirkte das Gespräch weniger verpflichtend. Nirgal wußte nicht, was er denken sollte. Er rief Sax über den Handgelenkapparat an und berichtete ihm, was er gehört hatte. »Sax, ist es möglich? Kann es überhaupt möglich sein?«
Ein seltsamer Ausdruck zog über Sax’ Gesicht. Er sagte: »Es ist möglich. Ja, natürlich. Als du krank und bewußtlos warst, habe ich dir erzählt, daß sie... « — er suchte seine Worte wie so oft mit einem Blinzeln der Konzentration —, »daß ich sie selbst gesehen habe. In jenem Sturm, als ich draußen festsaß. Sie hat mich zu meinem Wagen gebracht.«
Nirgal starrte auf das kleine flimmernde Bild. »Daran erinnere ich mich nicht.«
»Oh, ich bin nicht überrascht.«
»Also denkst du — daß sie von Sabishii entkommen ist?«
»Ja.«
»Aber wie wahrscheinlich ist das?«
»Ich kenne die Wahrscheinlichkeit nicht. Die ist schwierig zu beurteilen.«
»Aber hätte sie sich davonschleichen können?«
»Der Hügel des Sabishii-Moholes ist ein Irrgarten.«
»Du denkst also, sie ist entkommen?«
Sax zögerte. »Ich habe sie gesehen. Sie hat mein Handgelenk gepackt. Ich muß es glauben.« Plötzlich verzog er das Gesicht. »Ja, sie ist da draußen! Sie ist draußen! Ich habe keinen Zweifel! Keinen Zweifel! Unzweifelhaft erwartet sie, daß wir... daß wir zu ihr kommen.«
Und Nirgal erkannte, daß er nachsehen mußte.
Er verließ Candor, ohne sich von irgend jemandem zu verabschieden. Seine Bekannten dort würden es verstehen. Sie flogen oft selbst für einige Zeit fort. Irgendeines Tages würden sie alle wieder zurück sein, über die Canyons flitzen und ihre Abende zusammen in Shining Mesa verbringen. Und so reiste er einfach ab. Hinunter in das ungeheure Melas Chasma, dann wieder den Canyon hinab, ostwärts nach Coprates hinein. Viele Stunden lang flog er durch diese Welt, über den Gletscher 61, an Einbuchtungen und Vorsprüngen vorbei, bis er durch das Dover Gate hindurchkam und sich unter ihm die Gabelung von Chasmas Capri und Eos öffnete. Danach über die eisgefüllten Chasmaflächen, deren brüchige Oberflächen viel glatter waren, als es das überschwemmte Land darunter gewesen war. Dann über das rauhe Gewirr von Margaritifer Terra und schließlich nordwärts entlang der Piste nach Burroughs. Als diese sich Lybia Station näherte, schwenkte er ab nach Nordosten auf Elysium zu.
Das Elysium-Massiv war jetzt zu einem Kontinent im Nordmeer geworden. Die schmale Wasserstraße, die es vom südlichen Festland trennte, war ein flacher schwarzer Streifen, der mit weißen Eisschollen und gesprenkelt durch die Inselgruppen, die einmal Aeolis Mensa gewesen waren, an Farbe gewann. Die Hydrologen des Nordmeeres wollten diese Straße flüssig halten, damit Strömungen von Isidis Bay nach Amazonis Bay passieren konnten. Um das zu erreichen, hatten sie einen Kernreaktorkomplex am Westende der Straße errichtet und pumpten die meiste Energie dort ins Wasser, so daß sie eine künstliche, das ganze Jahr eisfreie Fläche erzielten und ein gemäßigtes Mesoklima auf den Abhängen zu beiden Seiten der Straße. Die Dampfwolken der Reaktoren konnte Nirgal von weitem auf der Großen Böschung erkennen; und als er den Hang hinunterschwebte, überquerte er sich verdichtende Tannen- und Gingkowälder. Über das westliche Tor der Passage war ein Kabel gespannt, um in der Strömung schwimmende Eisberge abzufangen. Er flog westlich des Kabels direkt über das Packeis und schaute auf treibende Eisschollen hinunter. Dann ging es über das offene Wasser der Straße, den größten Streifen freien Wassers, den er je auf dem Mars gesehen hatte. Er flog zwanzig Kilometer lang über die offene Wasseroberfläche und stieß bei dem Anblick einen lauten Ruf aus. Dann wölbte sich vor ihm eine immense leichte Brücke über die Straße. Das schwarzviolette Wasser darunter war gesprenkelt mit Segelbooten, Fähren und langen Lastkähnen, die alle ein weißes V-Kielwasser nach sich zogen. Nirgal glitt über sie hinweg und umrundete die Brücke zweimal, um den Anblick zu genießen, der mit nichts zu vergleichen war, was er bisher jemals auf dem Mars gesehen hatte: Wasser und Meer, eine Welt der Zukunft.
Er flog weiter nach Norden, stieg über den Ebenen von Cerberus auf, vorbei an dem Vulkan Albor Tholus, einem steilen Aschenkegel auf der Seite von Elysium Mons. Auch der viel größere Elysium Mons war steil, mit einem dem Fujiyama ähnlichen Profil, das vielen in der Region tätigen Ackerbaukooperativen als Markenzeichen diente. Unter dem Vulkan über die Fläche verstreut waren Farmen, an den Rändern meistens verwildert, oft terrassiert und gewöhnlich durch Heckenstreifen oder kleine Wäldchen unterteilt. Junge unreife Obstgärten punktierten die höheren Teile der Flächen, jeder Baum in einem Topf. Näher am Meer gab es große Weizen- und Maisfelder, durchschnitten von Reihen aus Oliven- und Eukalyptusbäumen als Windbrecher. Gerade zehn Grad nördlich vom Äquator, gesegnet mit regenreichen milden Wintern und vielen heißen Sonnentagen. Die Leute dort nannten es die mediterrane Region des Mars.
Weiter nördlich folgte Nirgal der Westküste, die aus einer Kette von Eisbergen, die den Rand des Eismeeres säumten, aufstieg. Während er auf das weite Land unter sich hinabblickte, mußte er der allgemeinen Ansicht zustimmen: Elysium war schön. Dieser westliche Küstenstreifen war, wie er gehört hatte, die am dichtesten bevölkerte Region des Mars. Die Küste war durch eine Anzahl von Fossae unterbrochen; und breite Häfen wurden gebaut, wo diese Canyons in das Eis tauchten: Tyrus, Sidon, Pyriphlegeton, Hertzka und Morris. Oft wurde das Eis durch steinerne Wellenbrecher abgehalten. Sie waren mit Flotten kleiner Boote gefüllt, die alle auf eine offene Passage warteten.
Bei Hertzka wandte sich Nirgal nach Osten zum Inland hin und flog den sanften Hang des elysäischen Massivs hinauf. Dabei kam er über Gürtel von Gärten, die das Land begrenzten. Hier lebten die meisten der Tausenden von Elysium in intensiv kultivierten Ackerbau- und Wohnzonen, die sich in das höhere Gebiet zwischen Elysium Mons und dem Kegel an dessen nördlichen Vorsprung, Hecates Tholus, hinzogen. Zwischen dem großen Vulkan und seiner Tochterbergspitze flog Nirgal durch den kahlen Felssattel des Passes, wie eine kleine Wolke vom Bergwind getrieben.
Der Osthang Elysiums sah ganz anders aus als der westliche. Er war kahles, rauhes, zerrissenes Gestern mit schwerer Sanddrift, in fast seinem ursprünglichen Zustand erhalten durch den Regenschatten des Massivs. Nur in Nähe der Ostküste sah Nirgal wieder grüne Flächen, unter sich. Ohne Zweifel genährt durch Passatwinde und winterlichen Nebel. Die Städte an der Ostseite waren wie Oasen, aufgereiht an einer die Insel umrundenden Piste.
Am fernen Nordostende der Insel liefen die zerklüfteten alten Hügel der Phlegra Montes weit in das Eis hinaus und bildeten eine spitzige Halbinsel. Irgendwo hier war es gewesen, daß jene junge Frau Hiroko gesehen hatte. Als Nirgal an der Westseite der Phlegras hochflog, hatte er den Eindruck, daß das ein Ort war, wo man sie wohl finden könnte. Es war wildes und typisches Marsgebiet. Das Phlegra-Gebirge war, wie viele der großen Bergketten auf dem Mars, der einzige verbliebene Bogen des Randes eines alten Einsturzbeckens. Jeder andere Aspekt dieses Beckens war längst verschwunden. Aber die Phlegras standen immer noch da als Zeugen eines Augenblicks unvorstellbarer Gewalt, des Aufpralls eines Asteroiden von hundert Kilometern Durchmessern. Große Stücke der Lithosphäre waren geschmolzen und beiseite geschoben worden; andere Stücke waren in die Luft geschleudert worden und in konzentrischen Ringen um den Aufschlagspunkt heruntergefallen, wobei ein großer Teil des Gesteins sofort zu metamorphen Mineralien verwandelt worden war, die viel härter waren als ihre Originale. Nach diesem Trauma hatte der Wind an den Trümmern genagt und schließlich nur noch diese harten Hügel hinterlassen.