Natürlich gab es auch hier draußen Siedlungen, wie überall in den Senken und blinden Tälern und auf den Pässen, die über das Meer schauten. Isolierte Farmen, Dörfer mit zehn, zwanzig oder hundert Einwohnern. Es sah aus wie Island. Überall gab es Leute, die diese entlegene Gegend liebten. Ein Dorf klebte auf einer flachen Kuppe hundert Meter über der See. Es hieß Nuannaarpoq, was Inuit war für ›extravagantes Vergnügen am Leben haben‹. Diese Dorfbewohner und alle anderen in den Phlegras konnten mit kleinen Luftschiffen den Rest von Elysium erreichen oder zu der um Elysium herumführenden Piste absteigen und eine Fahrgelegenheit erwischen. Speziell für diese Küste wäre die nächste Stadt ein wohlgestalteter Hafen namens Firewater auf der Westseite der Phlegras, wo sie zuerst eine Halbinsel geworden waren. Die Stadt stand auf einer Bank am Ende einer breiten Bucht. Als Nirgal sie entdeckte, landete er auf der kleinen Rollbahn am oberen Ende der Stadt und mietete sich in einer Herberge am Hauptplatz hinter den Docks ein. Sie lag oberhalb der von Eis bedeckten Meeresküste.
An den folgenden Tagen flog er in beiden Richtungen an der Küste entlang und besuchte eine Farm nach der anderen. Er traf eine Menge interessanter Leute; aber niemand davon war Hiroko oder sonstwer von der Zygote-Schar, nicht einmal einer ihrer Genossen. Es war sogar etwas verdächtig. In der Region lebten ziemlich viele Issei, aber jeder von ihnen bestritt, Hiroko oder jemanden aus ihrer Gruppe je getroffen zu haben. Indessen trieben sie alle sehr erfolgreich Ackerbau in einer steinigen Wildnis, die nicht leicht zu bewirtschaften schien. Sie kultivierten vorzügliche kleine Oasen mit landwirtschaftlichem Ertrag. Sie lebten als Anhänger von Viriditas, aber niemand hatte Hiroko getroffen. Sie erinnerten sich kaum, wer sie war. Ein amerikanischer Mummelgreis lachte Nirgal ins Gesicht: »Wasde nich sagst, wir ha’m ’nen Guru? Wir soll’n dich zu unserm Gurü bringen?«
Nach drei Wochen hatte Nirgal überhaupt keine Spur von ihr gefunden. Er mußte die Phlegra Montes aufgeben. Es blieb ihm nichts anderes übrig.
Unablässig wandern. Es war sinnlos, auf der riesigen Oberfläche einer ganzen Welt nach einer einzelnen Person zu suchen. Das war ein unmögliches Vorhaben. Aber in manchen Dörfern gab es Gerüchte und bisweilen Sichtungen. Immer ein weiteres Gerücht. Sie war überall und nirgends. Viele Beschreibungen, aber nie ein Foto; viele Geschichten, aber nie eine Computernachricht. Sax war überzeugt, daß sie irgendwo da draußen war. Cojote war vom Gegenteil überzeugt. Das spielte keine Rolle. Sie war da draußen, sie versteckte sich. Oder führte ihn bei seinem fruchtlosen Unterfangen an der Nase herum. Er wurde ärgerlich, wenn er daran dachte. Er würde nicht nach ihr suchen.
Indessen konnte er nicht aufhören herumzuziehen. Wenn er länger als eine Woche an einer Stelle blieb, fing er an, nervös und mürrisch zu werden wie noch nie in seinem Leben. Es war wie eine Krankheit. Alle seine Muskeln waren angespannt, aber scheinbar in seinem Magen konzentriert. Er hatte erhöhte Temperatur, war unfähig, sich auf seine Gedanken zu konzentrieren. Er hatte den Drang zu fliegen. Und so flog er nun von Dorf zu Station zu Karawanserei. Manche Tage ließ er sich vom Wind treiben, wohin der auch wollte. Er war immer ein Nomade gewesen. Kein Grund jetzt aufzuhören. Ein Wechsel in der Regierungsform — warum sollte das einen Unterschied für seine Lebensweise machen? Die Winde des Mars waren erstaunlich. Stark, unregelmäßig, laut, unablässig.
Manchmal führte ihn der Wind hinaus über das Nordmeer; und er flog den ganzen Tag und sah nichts als Eis und Wasser, ganz so, als ob der Mars ein Ozeanplanet wäre. Da war Vastitas Borealis, der weite Norden, der jetzt zu Eis geworden war. Das Eis war an manchen Stellen flach, an anderen zerbrochen. Manchmal weiß, manchmal fleckig. Entweder Staubrot oder das Schwarz der Eis-Algen oder kaltes Blau von klarem Eis. An manchen Stellen waren große Stürme niedergegangen und hatten ihre Gewitterlast abgeladen; und dann hatte der Wind den Schutt gekerbt, so daß kleine Dünenfelder entstanden waren, die genau wie die alte Vastitas aussahen. An manchen Stellen war das von Flüssen beförderte Eis über die Ränder von Krater-Riffen gekracht und hatte kreisrunde Druckwülste erzeugt. An anderen war das Eis verschiedener Ströme zusammengestoßen und hatte Druckgrate erzeugt, die wie die Rücken von sauren Drachen in der Landschaft lagen.
Das offenes Wasser war schwarz oder zeigte die verschiedenen Purpurtöne des Himmels. Es gab viel davon: Eisfreie Stellen, Rinnen, Flecken — vielleicht bereits ein Drittel der Meeresoberfläche. Noch häufiger waren Schmelzteiche auf der Oberfläche des Eises. Deren Wasser war weiß und auch himmelsfarben, was zu Zeiten ein helles Violett ergab, sich aber bisweilen in dessen zwei Farben trennte. Ja, das war eine andere Version in Grün und Weiß — die umhüllte Welt, zwei in einem. Wie immer fand er den Anblick einer doppelten Farbe störend und fesselnd zugleich. Das Geheimnis der Welt.
Viele der großen Bohrplattformen in Vastitas waren von den Roten erobert und in die Luft gejagt worden. Schwarze Trümmer in weißes Eis gestreut. Andere Plattformen waren von den Grünen verteidigt worden und dienten jetzt dazu, das Eis zu schmelzen. Große offene Stellen erstreckten sich im Westen dieser Plattformen, und das Wasser dampfte, als ob Wolken aus einem Himmel unter der See aufstiegen.
In den Wolken, im Wind. Die Südküste des Nordmeers war eine Folge aus Golfen und Festland, Buchten und Halbinseln, Fjorden und Kaps, Klippen und flachen Archipelen. Nirgal erforschte den Lauf der Küste jeden Tag und landete spätnachmittags in den kleinen Siedlungen am Meer. Er sah Kraterinseln, deren Innenseiten tiefer lagen als das Eis und das Wasser außerhalb des Randes. Er sah einige Stellen, an denen das Eis zurückzuweichen schien, so daß unter dem Rand schwarze Strände zum Vorschein kamen, in parallele Linien gekämmt, die nach unten zu einem angetriebenen Gemisch von Fels und Eis verliefen. Würden diese Strände wieder geflutet werden, oder sie sich verbreitern? Niemand in diesen Küstenstädten wußte das. Niemand wußte, wo sich die Küstenlinie letztendlich stabilisieren würde. Die Siedlungen hier waren so eingerichtet, daß man mit ihnen umziehen konnte. Polder mit Deichen zeigten, daß manche Leute offenbar die Fruchtbarkeit des neu freigelegten Landes testeten. Von weißem Eis eingerahmt lagen grüne Getreidefelder wie ein weiß-grüner Traum am Ufer.
Nördlich von Utopia kam Nirgal über eine niedrige Halbinsel, die sich von der Großen Böschung die ganze Strecke bis zur nördlichen Polarinsel hinzog — die einzige Unterbrechung in dem die Welt umspannenden Ozean. Eine große Siedlung auf diesem flachen Land, namens Boone’s Neck, war halb überkuppelt und halb offen. Ihre Bewohner waren damit beschäftigt, einen Kanal durch die Halbinsel zu schneiden.
Eine Boe trieb ihn nach Norden, und Nirgal folgte ihr. Der Wind summte, fauchte und biß. An manchen Tagen kreischte er. Im Meer lagen zu beiden Seiten der langen, niedrigen Halbinsel Eisschollen. Hohe Berge aus Jade-Eis brachen durch diese weißen Schelfe. Da oben lebte niemand; aber Nirgal war ohnehin nicht mehr auf der Suche. Er hatte nahe der Verzweiflung aufgegeben und schwebte einfach dahin und ließ sich vom Wind treiben wie der Samen eines Löwenzahns. Über das weiße, zerrissene Eismeer, über freies purpurnes Wasser; gesäumt von im Sonnenlicht strahlenden Wellen. Die Halbinsel verbreitete sich zur Pol-Insel, einem weißen buckligen Landfleck im Eis des Meeres. Kein Anzeichen von den urtümlichen Wirbelmustern der Schmelztäler. Diese Welt war dahin.