Dann über die andere Seite der Welt und des Nordmeeres, über die Orcas-Insel auf der Ostflanke von Elysium und wieder hinab über Cimmeria. Schwebend wie ein Same. An manchen Tagen wurde die Welt schwarz und weiß. Auf dem Meer Eisberge in der Sonne, Tundraschwäne vor schwarzen Klippen, schwarze Lummen, die über das Eis flogen, Schneegänse. Den ganzen Tag nichts anderes.
Unablässiges Wandern. Er flog zwei- oder dreimal in die nördlichen Teile der Welt, schaute auf das Land und das Eis hinunter, registrierte alle Veränderungen, die stattfanden, und alle kleinen Siedlungen, die sich in ihre Zelte kuschelten oder im Freien den kalten Winden trotzten. Aber aller Blick in die Welt konnte seinen Kummer nicht vertreiben.
Eines Tages kam er zu einer neuen Hafenstadt am Eingang des langen schmalen Fjords von Marwth Vallis und traf dort seine Krippengefährten aus Zygote, Rachel und Tiu, an. Nirgal umarmte sie und betrachtete während eines Dinners und danach mit Freude ihre ach so vertrauten Gesichter. Hiroko war fort, aber seine Brüder und Schwestern waren geblieben, und das war schon etwas. Ein Beweis dafür, daß seine Kindheit real war. Und trotz all der Jahre sahen sie genau so aus wie damals, als sie Kinder gewesen waren. Es gab keinen echten Unterschied. Rachel und er waren befreundet gewesen. Sie hatte mit ihm in den frühen Jahren einen Flirt gehabt, und sie hatten sich in den Bädern geküßt. Er erinnerte sich mit leichtem Zittern an eine Zeit, wo sie ihn auf ein Ohr geküßt hatte und Jackie auf das andere. Und obwohl er es fast vergessen hatte, hatte er seine Unschuld eines Nachmittags in den Bädern mit Rachel verloren, kurz bevor Jackie ihn zu den Dünen am Teich herausgeführt hatte. Ja, eines Nachmittags, fast zufällig, als ihre Küsserei plötzlich drängend und erforschend geworden war, und sich ihre Körper ohne Willen bewegt hatten.
Jetzt betrachtete sie ihn freundlich und zugetan, eine Frau in seinem Alter, deren Gesicht wie eine Karte von den Linien ihres Lachens gezeichnet war, heiter und stolz. Vielleicht erinnerte sie sich auch nur ebenso wenig wie er an ihre erste Begegnung. Schwer zu sagen, an was sich seine Geschwister aus ihrer gemeinsamen bizarren Kindheit erinnerten. Jetzt sah sie aber aus, als ob sie sich erinnerte. Sie war immer lieb gewesen und war es auch jetzt. Er erzählte ihr von seinen Flügen um die Welt, getragen von den ständigen Winden, und vom langsamen Hinabsinken gegen den Auftrieb des Luftschiffs zu einer kleinen Siedlung nach der anderen auf der Suche nach Hiroko.
Rachel schüttelte den Kopf und lächelte ironisch. »Wenn sie hier draußen ist, dann ist sie eben hier draußen. Aber du könntest ewig suchen und würdest sie niemals finden.«
Nirgal stieß einen bekümmerten Seufzer aus, und sie lachte und zauste ihm das Haar.
»Such nicht nach ihr!«
An diesem Abend ging er am Strand spazieren, knapp oberhalb der verwüsteten, mit Eisbrocken übersäten Küstenlinie des Nordmeeres. Er hatte die körperliche Empfindung, gehen und laufen zu müssen. Fliegen war so einfach; es war eine Trennung von der Welt. Die Dinge wurden wieder klein und fern. Es war das falsche Ende des Teleskops. Er mußte wieder gehen.
Dennoch flog er. Immerhin sah er sich beim Fliegen das Land näher an. Heide, ein Moor am Flußufer. Ein Bach, der über eine kleine Stufe direkt ins Meer stürzte, und ein anderer, der einen Strand überquerte. An manchen Stellen hatte man Wälder gepflanzt, in dem Versuch, Staubstürme abzuhalten, die in dieser Gegend entstanden. Es gab immer noch welche, und die Bäume waren noch Schößlinge. Hiroko könnte imstande sein, das zu beheben. Schau dich nicht nach ihr um! Schau auf das Land!
Er flog nach Sabishii zurück. Dort war noch eine Menge Arbeit zu tun — Entsorgung der verbrannten Trümmer und Neuaufbau. Manche Bau-Kooperativen nahmen noch Mitglieder auf. Die eine machte Rekonstruktionen, baute aber auch Kleinluftschiffe und andere Fluggeräte einschließlich einiger experimenteller Vogelanzüge. Nirgal sprach mit ihnen über seinen Beitritt.
Er ließ seinen Luftschiffgleiter in der Stadt und lief weit hinaus auf die Hochmoore östlich von Sabishii. In seinen Studentenjahren war er hier oft entlanggegangen. Viele Laufstrecken waren ihm noch vertraut. Dahinter neues Gelände. Ein hohes Land mit seinem moorgemäßen Leben. Große kami-Steine standen da und dort wie Wächter auf dem zerknitterten Land.
Eines Nachmittags beim Lauf durch eine unbekannte Bodenwelle blickte er nach unten in ein kleines hohes Becken, wie eine flache Schüssel, die eine Öffnung zu einem niedrigeren Land im Westen hatte. Wie ein eiszeitlicher Zirkus, obwohl es wahrscheinlicher ein erodierter Krater mit einer Bruchstelle im Rand war, so daß ein hufeisenförmiger Grat entstanden war. Ungefähr einen Kilometer im Durchmesser und nicht besonders tief. Bloß eine Runzel unter den vielen Runzeln des Tyrrhena-Massivs. Von dem umgebenden Grat aus waren die Horizonte weit entfernt und das Land in der Tiefe klumpig und unregelmäßig.
Das wirkte vertraut. Vielleicht hatte er es bei einer Übernachttour in seinen Studentenjahren besucht. Er kletterte langsam in das Becken hinunter und hatte noch immer den Eindruck, sich auf dem Gipfel des Massivs zu befinden. Das klare dunkle Indigo des Himmels und die weiträumige Aussicht durch die Lücke nach Westen verstärkten diesen Eindruck. Wolken rollten über seinem Kopf dahin wie große runde Eisberge. Trockener körniger Schnee fiel aus ihnen herab, der durch den scharfen Wind völlig in Spalten oder aus dem Becken hinausgetrieben wurde. Auf dem runden Grat, nahe dem nordwestlichen Punkt des Hufeisens, befand sich ein Felsblock in Form einer Steinhütte. Er stand an vier Stellen auf dem Grat, ein Dolmen, der zur Glätte eines alten Zahnes abgewetzt war. Der Himmel darüber war lapislazuli.
Nirgal ging wieder nach Sabishii hinunter und erkundigte sich danach. Das Becken wurde laut den Karten und Aufzeichnungen der Behörde für Areographie und Ökopoetik des Tyrrhenamassivs nicht gewartet. Sie freuten sich, daß er interessiert war und sagten ihm: »Die hohen Becken sind hart. Da wächst nur sehr wenig. Es ist ein langes und aufwendiges Projekt.«
»Gut.«
»Man wird die meiste Nahrung in Treibhäusern ziehen müssen. Natürlich Kartoffeln, vorausgesetzt, es gibt genug Boden.«
Nirgal nickte.
Sie sagten ihm, er solle beim Dorf Dingoche vorbeischauen, das dem Becken am nächsten läge, und sich vergewissern, daß dort niemand andere Pläne dafür hätte.
So fuhr er wieder hinauf in einer kleinen Karawane mit Tariki, Rachel, Tiu und einigen anderen Freunden, die sich versammelt hatten, um zu helfen. Sie fuhren über eine niedrige Bodenwelle und fanden Dingoche, das in einem kleinen Wadi lag, das jetzt landwirtschaftlich betrieben wurde, zumeist mit schwer zu bearbeitenden Kartoffelfeldern. Es hatte einen Schneesturm gegeben, und alle Felder hatten sich in weiße Rechtecke verwandelt, unterteilt durch niedrige schwarze Mauern aus aufgetürmten Steinen. Eine Anzahl langer, niedriger Steinhäuser mit Dächern aus Steinplatten und dicken quadratischen Kaminen stand über die Felder verstreut, und einige weitere drängten sich am oberen Ende des Dorfes. Das längste Gebäude in dieser Gruppe war ein zweistöckiges Teehaus mit einem großen Zimmer voller Matratzen zur Unterbringung von Besuchern.
In Dingoche, wie in vielen Gebirgen des Südens, herrschte noch die Geschenkwirtschaft vor; und Nirgal mit seinen Gefährten mußten ein wahres Gelage mit wechselseitigen Gaben erdulden, wenn sie über Nacht blieben. Die Einheimischen waren sehr froh, als er sie nach dem hohen Becken befragte, das sie entweder das kleine Hufeisen oder die obere Hand nannten. »Man muß sich darum kümmern.« Sie boten ihm Starthilfe an.
So gingen sie in einer kleinen Karawane auf den hohen Zirkus und luden eine Menge Gerät auf der Bodenwelle nahe dem Hausfelsen ab. Sie blieben lange genug, um ein erstes kleines Feld von Steinen zu säubern und es mit dem abgeräumten Material einzuzäunen. Einige erfahrene Bauleute halfen Nirgal, die ersten Einschnitte in den Felsen der Falte zu machen. Während dieser geräuschvollen Bohrarbeiten meißelten einige Einwohner von Dingoche in Sanskrit die Buchstaben Om Mani Padme Hum ein, wie man sie auf unzähligen Manisteinen im Himalaya sieht und jetzt auch im ganzen südlichen Bergland. Sie schlugen auch den Stein zwischen den fetten Kursivlettern weg, so daß sie in Hochrelief vor einem roheren, helleren Hintergrund standen. Was den Hausfelsen selbst anging, so würde man zuletzt vier Räume daraus ausgehauen haben, mit dreischichtigen Fenstern, Sonnenpaneelen für Wärme und Energie, Wasser aus einer Schneeschmelze, das in einen Tank weiter oben gepumpt würde, sowie eine Kompostiertoilette und eine Abwassereinrichtung.