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Dann waren sie weg, und Nirgal hatte das Becken für sich.

Er ging lange Tage herum, ohne etwas anderes zu tun als zu schauen. Nur der allerkleinste Teil des Beckens würde seine Farm sein. Nur ein paar kleine Felder zwischen niedrigen Steinmauern und ein Treibhaus für Gemüse. Und eine Hüttenindustrie, er wußte nicht recht, welche. Er würde nicht ganz autark sein, aber es käme schon hin. Ein Projekt.

Und dann war da das Becken selbst. Ein kleiner Kanal lief schon durch die Öffnung nach Westen, als ob er eine Ablaufmöglichkeit andeuten würde. Die gekappte Felshand bot schon ein Mikroklima, zur Sonne geneigt und leicht windgeschützt. Er würde Okopoet sein.

Zuerst mußte er das Land kennenlernen. Mit diesem seinem Projekt war es erstaunlich, wie geschäftig jeder Tag wurde. Es gab eine endlose Menge von Dingen zu tun. Aber keine Struktur, kein Zeitplan, keine Eile, niemand zu konsultieren. Und jeden Tag ging er in den letzten Stunden des Sommerlichts um den Kamm des Hügels und inspizierte das Becken im schwindenden Sonnenschein. Es war schon mit Flechten und den anderen ersten Siedlern bewachsen. Moor füllte die Höhlungen, und es gab kleine Mosaike arktischen Bodenbewuchses an den freien, sonnigen Stellen. Weniger als ein Zentimeter dicke Buckel aus grünem Moos auf rotem Untergrund. Schneeschmelzwasser lief in etlichen kleinen Bächen, die sich vereinigten und über viele etwaige künftige Wiesenterrassen fielen, kleine Oasen von Kieselalgen. Dann’ gelangte das Wasser über das Becken schließlich in das Kieselwadi am Tor zu dem darunter liegenden Land, um hinter dem letzten Rand eine ebene spätere Wiese zu bilden. Höher im Becken gelegene Rippen waren natürliche Dämme; und nach einiger Überlegung schaffte Nirgal einige Windprodukte zu diesen niedrigen Querfalten und ordnete sie mit ihren Flächen so an, daß die Rippen um die Höhe eines oder zweier Steine "höher wurden. Schmelzwasser würde sich in Wiesenteichen sammeln, von Moos eingerahmt. Die Moore gleich westlich von Sabishii ähnelten bereits dem, was er anstrebte; und er wandte sich an Ökopoeten, die auf jenen Mooren lebten, und erkundigte sich nach Artenverträglichkeit, Wachstumsraten, Bodenverbesserung und dergleichen. In seinem Geist entwickelte sich eine Vision des Beckens. Dann kam im zweiten März der Herbst, als das Jahr sich der Sonnenferne näherte, und er konnte allmählich sehen, wieviel die Gestaltung des Landes durch Wind und Winter leiden würde. Er würde abwarten müssen und schauen.

Er streute Samen und Sporen von Hand aus. Er trug sie in am Gürtel befestigten Beuteln und Düngerschalen bei sich. Dabei fühlte er sich wie eine Gestalt von Van Gogh oder aus dem Alten Testament. Es war eine besondere Empfindung, eine Mischung von Kraft und Hilflosigkeit, von Aktion und Schicksal. Er ließ Ladungen von Humus anfahren und auf ein paar kleine Felder abladen. Dann verteilte er sie in dünner Schicht von Hand. Er holte Würmer von der Universitätsfarm in Sabishii. Cojote hatte Stadtbewohner immer als Würmer in einer Flasche bezeichnet. Nirgal grauste es beim Anblick der wimmelnden Masse feuchter nackter Röhrchen. Er setzte die Würmer auf seinen neuen kleinen Feldern frei. Geh, kleiner Wurm, und laß das Land gedeihen!

Er selbst war, wenn er an sonnigen Sommermorgen nach einer Dusche umherging, auch nicht mehr als feuchte, verschlungene, nackte kleine Röhren.

Nach den Würmern kämen Maulwürfe und Wühlmäuse. Dann Mäuse. Danach Schneekaninchen, Hermelin und Murmeltiere. Vielleicht würden auch einige Schneekatzen, die durch die Moore streiften, erscheinen. Füchse. Das Becken war hoch gelegen; aber der Druck, auf den sie in dieser Höhe hofften, betrug 500 Millibar, mit 40 Prozent Sauerstoff. Sie waren dem schon ziemlich nahe gekommen. Die Verhältnisse waren ungefähr wie im Himalaya. Vermutlich würde die gesamte Flora und Fauna großer Höhen auf der Erde hier leben können. Und bei so vielen Ökopoeten, die kleine Flecken des Hochlandes bewirtschafteten, würde das Problem zumeist nur eine Sache der Vorbereitung des Bodens sein. Man mußte nur das gewünschte Ökosystem einführen und dann unterstützen; und das alles unter Beachtung dessen, was mit dem Wind eintraf oder hereinflog. Diese Zugänge konnten natürlich problematisch sein; und es gab viel Gerede auf den Armbändern über Invasionsbiologie und integriertes Mikroklimamanagement. Ein großer Teil der laufenden Arbeit an der Ökopoesis war die Herausarbeitung von Verbindungen der lokalen Besiedlung mit der umliegenden Region.

Nirgal interessierte sich im nächsten Frühling für diese Frage der Ausbreitung noch wesentlich stärker, als im Ersten November die Schneeschmelze einsetzte und aus dem Matsch auf den flachen Terrassen an der Nordseite des Beckens Schößlinge der Schnee-Alaunwurzel herausschauten. Er hatte sie nicht gepflanzt und war sich nicht einmal in seiner Identifikation sicher, bis sein Nachbar Yoshi nach einer Woche vorbeikam und es bestätigte: Heuchera nivealis. Vom Wind hergeweht, sagte Yoshi. Im Escalante-Krater im Norden gab es eine Menge davon. Dazwischen war nicht viel. In diesem Fall war es Springverbreitung.

Ausbreitung durch Springen, Streuen und Fließen — alle drei Arten kamen auf dem Mars vor. Moose und Bakterien verbeiteten sich durch Streuung, hydrophile Pflanzen durch die Flüsse längs der Gletscher, Flechten und etliche andere Pflanzen erreichten ihre Ausbreitung, indem sie ihre Springsamen den starken Winden überließen. Menschliche Ausbreitung zeigte alle drei Muster, wie Yoshi bemerkte, als sie über das Becken gingen und über diesen Begriff sprachen. Sie verstreuten sich über Europa, Asien und Afrika, sie strömten durch die amerikanischen Kontinente und längs der australischen Küsten, sie sprangen hinaus zu den pazifischen Inseln (oder zum Mars). Man konnte beobachten, daß alle drei Methoden gewöhnlich von hoch anpassungsfähigen Spezies benutzt wurden. Das Tyrrhena-Massiv ragte in den Wind. Es fing die westlichen und auch die sommerlichen Monsune ab, so daß beide Seiten Niederschläge bekamen. Nirgends mehr als zwanzig Zentimeter im Jahr; aber in der südlichen Hemisphäre des Mars bedeutete das bereits eine regenreiche Insel. Auf diese Weise auch eine Falle für Dispersion und so sehr zugänglich für Invasionen.

Da lag es also — hohes, unfruchtbares, steiniges Land, mit Schnee bestäubt, wo immer Schatten vorherrschte, so daß die Schatten weiß zu sein pflegten. Kein Zeichen von Leben, mit Ausnahme in den Becken, wo die Ökopoeten ihren kleinen Kollektionen nachhalfen. Wolken erschienen im Winter von Westen und im Sommer von Osten. Die Südhemisphäre hatte wegen des Zyklus von Sonnennähe und Sonnenferne verstärkte Jahreszeiten, so daß sie wirklich eine Rolle spielten. Auf Tyrrhena waren die Winter hart.

Nirgal wanderte, nach dem die Stürme abgeflaut waren, durch das Becken und sah nach, was hereingeblasen worden war. Gewöhnlich war es eine Ladung eisigen Staubes; aber einmal fand er ein ungepflanztes Büschel Jakobsleitern (Polemonium caeruleum) in einer Felsspalte. Er sah in den Botanikdateien nach, wie die Pflanze mit den schon vorhandenen wechselwirken könnte. Zehn Prozent der eingeführten Arten überlebten, und zehn Prozent davon wurden dann Schädlinge. Das war laut Yoshi die erste Regel der Disziplin. »Zehn bedeutet natürlich fünf bis zwanzig.«