»Die Biome werden schließlich ins Gleichgewicht kommen«, schlug Nirgal vor.
»Ich bin nicht sicher, ob es so etwas gibt.«
»Wie, Gleichgewicht?«
»Ja. Vielleicht ist es eine Sache von...« Er schwenkte die Hände wie Möwen. »Ein unterbrochenes Gleichgewicht ohne Gleichgewicht.«
»Unterbrochene Veränderung?«
»Ständige Veränderung. Geflochtene Veränderung, aufsteigende Veränderung... «
»Wie eine springende Rekombination?«
»Vielleicht.«
»Ich habe gehört, daß es eine Mathematik gibt, die nur ein Dutzend Leute wirklich verstehen.«
Sax machte ein überraschtes Gesicht. »Das stimmt nie. Oder es gilt für jede Mathematik. Es kommt darauf an, was du mit Verstehen meinst. Aber ich kenne etwas von der, die du meinst. Du kannst sie benutzen, um etwas von diesem Zeug zu modellieren. Aber nicht vorhersagen. Und ich weiß nicht, wie ich sie benutzen kann, um irgendwelche Reaktionen unsererseits vorzuschlagen. Ich bin nicht sicher, ob sie so benutzt werden kann.«
Er redete eine Weile über Vlads Begriff von Holonen, die organische Einheiten waren, die Untereinheiten hatten und auch selbst Untereinheiten größerer Holonen waren, wobei sich auf jeder Ebene Kombinationen bilden, die in aufsteigender Reihe die höheren bilden, den ganzen Weg nach oben und unten in der großen Kette des Seins. Vlad hatte mathematische Beschreibungen aller Formen dieses Zutagetretens entwickelt, die bei mehr als einer Art auftraten, mit verschiedensten Klassen von Eigenschaften für jede Art. Wenn man daher genügend Information über das Verhalten einer Ebene von Holonen und der nächsthöheren Ebene bekommen konnte, könnte man versuchen, sie in diese mathematischen Formeln einzupassen, und sehen, welche Erscheinungsform sie hatten, und vielleicht Wege finden, sie zu bekämpfen. »Das ist der beste Annäherungsversuch, den wir für Dinge, die so klein sind, haben.«
Am nächsten Tag riefen sie Gewächshäuser in Xanthe an, um nach neu angekommenen Sendungen zu fragen, nach Sendungen von neuen Grasarten auf Himalayabasis. Bis sie im Laufe der Zeit eintrafen, hatte Nirgal alles Riedgras im Becken ausgerissen und viel von dem Moos. Die Arbeit machte ihn krank, er konnte nichts dagegen tun. Einmal, als er sah, wie ein betroffener Murmeltierpatriarch ihn empört anschnatterte, setzte er sich hin und brach in Tränen aus. Sax hatte sich in sein gewohntes Schweigen zurückgezogen, was die Dinge nur noch schlimmer machte, weil es Nirgal immer an Simon erinnerte und an den Tod im allgemeinen. Er brauchte Maya oder sonst einen mutigen, redegewandten Sprecher über das innere Leben, von Angst und Tapferkeit. Aber er hatte nur Sax, verloren in Gedanken, die in einer Art fremder Sprache stattfanden, in einem privaten Idiom. Das er nicht gewillt war zu übersetzen.
Sie machten sich daran, neue Arten von Himalayagräsern im ganzen Becken zu pflanzen, wobei sie sich auf die Ufer der Gewässer und deren Geäder unter Rinnsalen und Eis konzentrierten. Ein starker Frost half, da er die infizierten Pflanzen schneller tötete als die gesunden. Sie verbrannten die kranken Pflanzen in einem Schachtofen am Fuße des Massivs. Aus den umliegenden Becken kamen Leute zu Hilfe und brachten Pflanzen zum späteren Setzen.
Es vergingen zwei Monate, und die Invasion wurde schwächer. Die verbliebenen Pflanzen schienen widerstandsfähiger zu sein. Neu gepflanzte Gewächse wurden nicht angesteckt und starben nicht. Das Becken sah herbstlich aus, obwohl es Mittsommer war. Aber das Sterben hatte aufgehört. Die Murmeltiere sahen mager aus und bekümmerter denn je. Sie waren eine Rasse, die sich Sorgen machen konnte. Und Nirgal konnte die Tiere verstehen. Das Becken sah wüst aus. Aber es schien, daß das Biom überleben würde. Das Viroid verschwand allmählich. Schließlich konnten sie es kaum noch finden, ganz gleich, wie scharf und lange sie Proben zentrifugierten. Es schien das Becken verlassen zu haben. Sein Verschwinden war ebenso mysteriös wie seine Ankunft.
Sax schüttelte den Kopf. »Wenn die Viroide, die auch Tiere befallen, jemals robuster werden...« Er seufzte. »Ich wünsche, ich könnte mit Hiroko darüber reden.«
»Ich habe sagen hören, sie wäre am Nordpol«, sagte Nirgal säuerlich.
»Ja.«
»Aber?«
»Ich glaube nicht, daß sie dort ist. Und ich glaube auch nicht, daß sie mit mir reden will. Aber ich... warte immer noch.«
»Daß sie anruft?« fragte Nirgal sarkastisch.
Sax nickte.
Sie starrten trübe in die Flamme von Nirgals Lampe. Hiroko — Mutter, Geliebte — hatte sie beide verlassen.
Aber das Becken würde leben. Als Sax zu seinem Rover ging, um aufzubrechen, nahm Nirgal ihn wie einen Bären in die Arme, hob ihn hoch und wirbelte ihn herum. »Danke!«
»Es war meinerseits ein Vergnügen«, sagte Sax. »Sehr interessant.«
»Was wirst du jetzt machen?«
»Ich denke, ich werde mit Ann sprechen. Versuchen, mit ihr zu reden.«
»Ah! Viel Glück!«
Sax nickte, als wollte er sagen, das hätte er nötig. Dann fuhr er ab und winkte noch einmal, ehe er die Hände ans Lenkrad legte. Eine Minute später war er über der Rippe verschwunden.
Nun machte Nirgal sich an die harte Arbeit, das Becken wieder herzurichten, und tat, was er konnte, um ihm mehr pathogene Widerstandskraft zu verleihen. Mehr Vielfalt, mehr einheimische Parasitenfracht. Von den chasmoendolithischen Felsbewohnern bis hin zu den Insekten und mikrobischen Fliegern in der Luft. Ein volleres, zäheres Biom. Er kam selten nach Sabishii hinunter. Er ersetzte den ganzen Boden im Tomatenfeld und pflanzte eine andere Kartoffelart an.
Sax und Spencer waren wiedergekommen, um ihn zu besuchen, als ein großer Staubstürm in der Gegend von Ciaritas nahe Senzeni Na auf ihrer Breite begann, und dann um die ganze Welt lief. Sie hörten in den Nachrichten davon und verfolgten ihn während der nächsten paar Tage auf den Satellitenwetterfotos. Er kam wie immer von Osten. Es sah aus, als ob er südlich an ihnen vorbeiziehen würde. Aber in letzter Minute schwenkte er nach Norden.
Sie saßen im Wohnzimmer seines Felsenhauses und blickten nach Süden. Und da kam er, eine dunkle Masse, die den Himmel verfinsterte. Furcht erfüllte Nirgal wie die statische Elektrizität, die Spencer zum Schreien brachte, wenn er etwas anfaßte. Die Furcht war sinnlos. Sie hatten schon ein Dutzend Staubstürme mitgemacht. Es war nur der kleine Rest Angst, der die Viroidenseuche überlebt hatte. Und selbst die hatten sie durchgestanden.
Aber diesmal wurde das Licht des Himmels braun und trübe, bis es ebenso gut hätte Nacht sein können. Eine Schokoladennacht, die über den Fels heulte und an den Fenstern rüttelte. »Die Winde sind so stark geworden«, bemerkte Sax nachdenklich.
Dann ließ das Geheul nach, während es draußen dunkel wurde. Nirgal fühlte sich immer schlechter, je weniger der Wind heulte, bis die Luft ruhig war. Und selbst dann noch war ihm so übel, daß er kaum am Fenster stehen konnte. Globale Staubstürme waren manchmal so: Sie endeten abrupt, wenn der Wind auf einen Gegenwind traf oder eine besondere Landform. Und dann ließ der Sturm seine Fracht an Staub und Grus fallen. Tatsächlich regnete es jetzt auch Staub. Die Fenster zeigten ein schmutziges Grau. Als ob sich Asche über die Welt senken würde. In alten Tagen, brummte Sax unwillig, würden selbst die stärksten Stürme am Ende ihres Laufes nur ein paar Millimeter Grus fallen gelassen haben. Aber bei einer so viel dichteren Atmosphäre und so viel stärkeren Winden wurden große Mengen an Staub und Sand aufgewirbelt; und wenn die dann alle auf einmal herunterkamen, wie es manchmal geschah, konnte die Drift viel tiefer sein als ein paar Millimeter.
Obwohl einige Partikel fast im Schwebezustand waren, hatten sich binnen einer Stunde alle bis auf die feinsten aus der Luft auf sie niedergesenkt. Danach war es nur noch ein dunstiger Nachmittag, die Luft erfüllt von etwas wie einem dünnen Rauch, so daß sie das ganze Becken sehen konnten, das von einer schweren Staubschicht bedeckt war.