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Nirgal ging wie immer mit aufgesetzter Maske hinaus und grub verzweifelt mit einer Schaufel und dann mit bloßen Händen. Sax kam heraus und stolperte durch die weichen Ablagerungen, um Nirgal eine Hand auf die Schulter zu legen. »Ich glaube nicht, daß man da etwas tun kann.« Die Staubschicht war einen Meter tief oder mehr.

Im Laufe der Zeit würden die Winde einiges von diesem Staub fortblasen. Auf den Rest würde Schnee fallen, der resultierende Schlamm würde weggespült, und ein neues Adersystem von Kanälen würde ein neues, dem alten sehr ähnliches fraktales Muster bilden. Wasser würde den Staub und Grus forttragen, das Massiv hinunter und in die Welt. Aber bis das geschehen war, wäre jede Pflanze und jedes Tier in dem Becken tot.

NEUNTER TEIL

Naturgeschichte

Danach ging Nirgal mit Sax nach Da Vinci hinauf und blieb bei dem alten Mann in seinem Apartment. Eines Nachts kam Cojote vorbei, nach dem Zeitrutsch, als kein anderer auf den Gedanken gekommen wäre, einen Besuch zu machen.

Nirgal erzählte ihm kurz, was mit dem hohen Becken passiert war.

»Oja, so?« sagte Cojote.

Nirgal schaute weg.

Cojote ging in die Küche und kramte in Saxens Kühlschrank. Mit vollem Mund rief er ins Wohnzimmer: »Was hast du auf einer windigen Bergseite wie der erwartet? Mann, diese Welt ist kein Garten. Manches wird jedes Jahr begraben, so ist das nun einmal. In einem oder zehn Jahren kommt ein anderer Wind und bläst diesen ganzen Staub von deinem Hügel herunter.«

»Bis dahin wird alles tot sein.«

»So ist das Leben. Jetzt ist es an der Zeit, etwas anderes zu tun. Was hast du gemacht, bevor du dich hier niedergelassen hast?«

»Nach Hiroko gesucht.«

»Mist!« Cojote erschien in der Tür und zeigte mit einem großen Küchenmesser auf Nirgal. »Nicht du auch.«

»Doch, ich auch.«

»Oh, mach schon! Wann wirst du endlich erwachsen? Hiroko ist tot. Daran solltest du dich schon gewöhnen.«

Sax kam aus seinem Büro und sagte heftig zwinkernd: »Hiroko lebt.«

Cojote schrie: »Nicht du auch noch! Ihr beide seid wie Kinder.«

»Ich habe sie in einem Sturm auf der Südflanke von Arsia Mons gesehen.«

»Willkommen im Club der Idioten!«

Sax funkelte ihn an: »Was soll das heißen?«

»Blödsinn!«

Cojote ging wieder in die Küche.

»Es hat noch andere Sichtungen gegeben«, sagte Nirgal zu Sax »Die Meldungen sind recht häufig.«

»Das weiß ich.«

»Es gibt täglich Meldungen!« rief Cojote aus der Küche und erschien kampflustig wieder im Wohnzimmer. »Die Leute sehen sie jeden Tag! Auf dem Handcomputer gibt es eine eigene Site zur Meldung von Sichtungen! Ich sehe, daß sie in der letzten Woche in einer Nacht an zwei verschiedenen Stellen erschienen ist, in Noachis und Olympus! An entgegengesetzten Seiten der Welt!«

»Ich sehe nicht, daß das etwas beweist«, erwiderte Sax hartnäckig. »Man erzählt über dich dasselbe, und ich sehe, daß du immer noch lebst.«

Cojote schüttelte heftig den Kopf. »Nein. Ich bin die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Bei jedem anderen bedeutet es, wenn er an zwei Stellen gleichzeitig gemeldet wird, daß er tot ist. Ein sicheres Zeichen.« Er machte einen Vorstoß, um der nächsten Bemerkung von Sax zuvorzukommen, und brüllte: »Sie ist tot! Damit mußt du dich abfinden! Sie ist bei dem Angriff auf Sabishii umgekommen. Diese UNTA-Sturmtruppleute haben sie, Iwao, Gene und Rya und den ganzen Rest von ihnen gefangen genommen, in irgendeinen Raum gebracht und die Luft herausgelassen oder den Abzug betätigt. So ist das! Meinst du, daß das nie passiert? Meinst du, daß die Geheimpolizisten nie Dissidenten umgebracht und dann ihre Leichen beseitigt haben, so daß niemals jemand es herausfindet? Sowas geschieht! Verdammt ja, sogar auf eurem kostbaren Mars. So sind die Menschen nun einmal. Sie tun alles mögliche; sie töten Leute und bilden sich dabei ein, daß sie bloß ihren Lebensunterhalt verdienen oder ihre Kinder ernähren oder die Welt sicher machen. Und genau so ist das gewesen. Sie haben Hiroko mit ihrer Gruppe zusammen getötet.«

Nirgal und Sax machten große Augen. Cojote bebte. Er sah aus, als wollte er die Wand durchbohren.

Sax räusperte sich. »Desmond, was macht dich so sicher?«

»Weil ich hingeschaut habe. Ich habe hingeschaut, wie kein anderer das tun konnte. Sie ist an keinem ihrer Plätze. Sie ist nirgendwo. Sie ist nicht fortgegangen. Niemand hat sie seit Sabishii wirklich gesehen. Darum habt ihr nie von ihr gehört. Sie ist nicht so unmenschlich, uns die ganze Zeit herumirren zu lassen, ohne uns je eine Nachricht zukommen zu lassen.«

Sax beharrte: »Ich habe sie aber gesehen.«

»In einem Sturm, hast du gesagt. Ich nehme an, in einiger Bedrängnis. Hast sie kurze Zeit gesehen, eben lange genug, um dir aus der Klemme zu helfen. Dann endgültig fort.«

Sax blinzelte.

Cojote lachte rauh. »Das habe ich mir gedacht. Nein, das ist fein. Träume von ihr alles, was du magst. Bring das nur nicht mit der Realität durcheinander! Hiroko ist tot.«

Nirgal schaute zwischen den beiden schweigenden Männern hin und her und sagte: »Auch ich habe mich nach ihr umgesehen.« Und dann, als er die finstere Miene von Sax sah: »Möglich ist alles.«

Cojote schüttelte den Kopf. Er ging wieder in die Küche und brabbelte vor sich hin. Sax starrte Nirgal an und direkt durch ihn hindurch.

»Vielleicht werde ich wieder nach ihr suchen«, sagte Nirgal zu ihm.

Sax nickte.

Cojote rief von der Küche her: »Besser als Landwirtschaft zu betreiben.«

Kürzlich hatte Harry Whitebook eine Methode gefunden, die Toleranz von Tieren gegenüber Kohlendioxid zu erhöhen, indem er Säugetieren ein Gen applizierte, das für bestimmte Merkmale von Krokodil-Hämoglobin codiert war. Krokodile konnten den Atem unter Wasser sehr lange anhalten; und das CO2, das sich in ihrem Blut ansammelte, wurde dort in BorkarbonatIonen gelöst, die im Hämoglobin in einem Komplex an Aminosäuren gebunden wurden, der bewirkte, daß das Hämoglobin Sauerstoffmoleküle freisetzte. Hohe Kohlendioxidtoleranz war so mit erhöhter Wirksamkeit von Sauerstoffbildung kombiniert — eine sehr elegante Anpassung. Und es erwies sich als recht leicht (nachdem Whitebook den Weg gezeigt hatte), sie bei Säugetieren durch Anwendung der neuesten Transkriptionstechnik für Merkmale einzuführen: Es wurden konstruierte Stränge des DNA-Reparaturenzyms Photolyase zusammengebaut; und diese fügten die Deskriptionen für das Merkmal in das Genom während der gerontologischen Behandlungen und unter leichter Veränderung der Hämoglobineigenschaften des Probanden ein.

Sax war einer der ersten Menschen gewesen, die sich dieses Merkmal hatten verpassen lassen. Der Gedanke gefiel ihm, weil dadurch die Notwendigkeit einer Gesichtsmaske im Freien entfiel, und er verbrachte einen großen Teil seiner Zeit draußen. Der Kohlendioxidpegel in der Atmosphäre lag noch bei 40 Millibar von 500 insgesamt auf Meeresniveau. Der Rest bestand aus 260 Millibar Stickstoff, 170 Millibar Sauerstoff und 30 Millibar an verschiedenen Edelgasen. Damit gab es immer noch zu viel Kohlendioxid, als ohne Filtermaske zu ertragen war. Aber nach der Transkription der Merkmale konnte Sax ohne Behinderung hinaus gehen und die große Vielfalt der Tiere beobachten, die bereits draußen waren. Das waren allesamt Monster, die sich in ihren ökologischen Nischen ansiedelten, in einem sehr verwirrenden Strom von Aufstieg und Fall, Invasionen und Rückzügen, Vermehrung und Absterben — alle vergebens ein Gleichgewicht suchend, das es in Anbetracht des wechselnden Klimas nicht geben konnte. Mit anderen Worten: nicht anders, als das Leben auf der Erde immer gewesen war. Aber hier geschah alles in viel höherem Tempo, angetrieben durch die von Menschen bewirkten Veränderungen, Modifikationen, Einführungen, Transkriptionen und Translationen. Die Interventionen, die funktionierten; die Interventionen, die scheiterten; die unbeabsichtigten, unvorhergesehenen und unbemerkten Effekte bis zu dem Punkt, an dem bedenklich viele Forscher darauf verzichteten so zu tun, als ob sie noch die Kontrolle hätten.