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»Möge geschehen, was mag«, pflegte Spencer zu sagen, wenn er betrunken war. Das kränkte Michels Sinn für Bedeutung; aber man konnte nichts dagegen tun, außer Michels diesbezügliche Meinung zu ändern. Kontingenz, der Strom des Lebens — mit einem Wort: Evolution. Nach dem Lateinischen mit der Bedeutung des Aufrollens eines Buches. Und auch nichtgerichtete Evolution, nicht auf lange Sicht. Vielleicht beeinflußte Evolution, sicher beschleunigte Evolution (jedenfalls in mancherlei Hinsicht). Aber nicht gemanagt, nicht gelenkt. Sie wußten nicht, was sie taten. Es dauerte etwas, sich daran zu gewöhnen.

Sax wanderte um die Halbinsel von Da Vinci, ein rechteckiges Stück Land, das den runden Randhügel des Kraters Da Vinci umgab und begrenzt wird von den Fjorden Simud, Shalbatana und Ravi, die alle in das südliche Ende des Chryse-Golfs einmünden. Zwei Inseln, Copernicus und Galileo, liegen im Westen in den Mündungen der Fjorde Ares und Tiu. Eine überaus üppige Verflechtung von Meer und Land, perfekt für das Hervorbringen von Leben. Die Ingenieure der Labors von Da Vinci hätten keine bessere Lage wählen können, obwohl Sax ziemlich sicher war, daß sie überhaupt keinen Sinn für ihre Umgebung gehabt hatten, als sie den Krater für die versteckten Areospace- Labors des Untergrundes gewählt hatten. Der Krater hatte einen dicken Rand und lag in guter Entfernung von Burroughs und Sabishii. Das war es auch schon. Ins Paradies gestolpert. In die Möglichkeit, mehr als die Beobachtungen einer Lebenszeit zu machen, ohne je das Haus zu verlassen.

Hydrologie, Invasive Biologie, Areologie, Ökologie, Materialforschung, Teilchenphysik, Kosmologie — alle diese Gebiete interessierten Sax ungeheuer, aber der größte Teil seiner täglichen Arbeit in diesen Jahren galt dem Wetter. Die Halbinsel von Da Vinci war gebeutelt von dramatischen Wettererscheinungen. Feuchte Stürme fegten durch den Golf nach Süden, trockene katabatische Winde fielen vom südlichen Hochland und aus den Fjordcanyons und bewirkten auf See große, gen Norden laufende Wellen. Wegen der Nähe des Äquators beeinflußte sie der Zyklus von Perihel und Aphel viel mehr als die gewöhnlichen Jahreszeiten infolge der Inklination. Das Aphel brachte mindestens zwanzig Grad nördlich des Äquators kaltes Wetter, während das Perihel den Äquator ebenso stark erwärmte wie den Süden. Im Januar und Februar stieg von der Sonne erwärmte südliche Luft in die Stratosphäre auf, wendete sich in der Tropopause nach Osten und vereinigte sich mit den Strahlströmen bei ihren Umrundungen des Planeten. Diese Strahlströme trennten sich um den Tharsis- Buckel. Der südliche Strom beförderte die Feuchtigkeit der Amazonisbucht und lud sie auf Daedalia und Icaria ab, manchmal sogar auf dem Westwall der Berge des Argyre-Beckens, wo sich dann Gletscher bildeten. Der nördliche Strahlstrom verlief über das Gebirge Tempe-Mareotis, blies dann über das Nordmeer und nahm bei jedem Sturm die Feuchtigkeit auf. Weiter im Norden, über der Polkappe, kühlte die Luft ab und sank auf den rotierenden Planeten. Dabei erzeugte sie Oberflächenwinde aus Nordost. Diese kalten trockenen Winde schoben sich zuweilen unter die wärmere Luft des Wetters der gemäßigten Monsune und erzeugten Fronten riesiger Gewitterköpfe, die über dem Nordmeer bis in Höhen von zwanzig Kilometern aufstiegen.

Die südliche Hemisphäre, in deren Bereich das Land gleichförmiger war als im Norden, hatte Winde, die deutlicher der Luftphysik über einer rotierenden Sphäre folgten. Südöstliche Monsune vom Äquator bis 30° Breite, überwiegend vom 30° bis 60° Breitengrad Westwinde und polare Ostwinde von dort bis zum Pol. Im Süden gab es große Wüsten, besonders zwischen dem 15° und dem 30° Breitengrad, wo die am Äquator aufgestiegene Luft wieder absank und hohen Luftdruck und warme Luft bewirkte, die eine Menge Wasserdampf enthielt, ohne jedoch zu kondensieren. Folglich regnete es in dieser Zone kaum. Dazu gehörten die außerordentlich trockenen Bereiche von Solis, Noachis und Hesperia. In diesen Regionen griff der Wind Staub von dem trockenen Boden auf; und die Staubstürme wurden dichter. Sax selbst hatte das zu seinem Leidwesen erfahren, als er mit Nirgal auf Tyrrhena war.

Das waren die Hauptkennzeichen des Wetters auf dem Mars: Heftig ums Aphel, milde während der Sonnen-Äquinoktien. In der südlichen Hemisphäre extrem, die nördliche gemäßigt. Das ungefähr schlugen einige Modelle vor. Sax liebte es, die Simulationen zu generieren, die solche Modelle erzeugten. Er war sich aber bewußt, daß ihre Übereinstimmung mit der Realität bestenfalls angenähert war. Jedes aufgezeichnete Jahr bot irgendeine Ausnahme, wobei sich die Bedingungen bei jeder Stufe des Terraformens änderten. Die Zukunft ihres Klimas ließ sich unmöglich vorhersagen, selbst wenn man die Variabein einfror und so tat, als ob sich das Terraformen stabilisiert hätte, was gewiß nicht der Fall war. Immer und immer wieder beobachtete Sax tausend Wetterjahre, veränderte Variable in dem Modell; und jedesmal raste ein völlig anderes Jahrtausend vorbei. Faszinierend. Die geringe Schwerkraft und die daraus resultierende Skalenhöhe der Atmosphäre, die Präsenz des Nordmeeres, das zufrieren konnte oder nicht, die zunehmende Luftdichte, der Zyklus von Perihel und Aphel, deren Exzentrizität langsamer Präzession durch die Jahreszeiten der Inklination unterlag — all dies hatte vielleicht vorhersagbare Effekte; aber in Kombination machten sie das Wetter des Mars sehr schwer zu verstehen. Und je mehr Versuche Sax machte, desto klarer wurde ihm, wie wenig sie wußten. Aber es war faszinierend; und er wurde nicht müde, den ganzen Tag das Spiel der Iterationen verfolgen.

Oder aber er saß einfach auf Simshai Point und sah zu, wie die Wolken über einen hyazinthfarbenen Himmel flogen. Kasei Fjord im Nordwesten war ein Windkanal für die stärksten katabatischen Winde des Planeten. Sie ergossen sich aus ihm auf den Chryse-Golf mit Geschwindigkeiten, die gelegentlich 500 Kilometer in der Stunde erreichten. Bevor diese Howler zuschlugen, konnte Sax über dem nördlichen Horizont die zimtfarbenen Wolken erkennen, die Vorboten. Zehn oder zwölf Stunden später wälzten sich vom Norden große Wogen heran und schlugen gegen die Meeresklippen, fünfzig Meter hohe Keile aus Wasser, das gegen den Fels sprühte, bis die ganze Luft über der Halbinsel ein dicker weißer Nebel war. Es war gefährlich, während eines Howlers auf See zu sein. Einmal, als er die Küstengewässer des südlichen Golfs in einem kleinen Katamaran erforschte, hatte er das zweifelhafte Vergnügen, mitten in einen hineinzugeraten.

Weit schöner war es, die Stürme von den Meeresklippen aus zu beobachten. Heute kein Howler, nur ein gleichmäßiger steifer Wind, und in der Ferne auf dem Wasser nördlich von Copernicus der schwarze Besen eines Gewitters, gepaart mit der Wärme der Sonne auf der Haut. Die globale Durchschnittstemperatur änderte sich jedes Jahr, rauf und runter, meistens rauf. Mit der Zeit als horizontaler Achse ergab das eine aufsteigende Gebirgskette. Das denkwürdige Jahr ohne Sommer war inzwischen Geschichte. Tatsächlich hatte es drei Jahre gedauert, aber die Leute wollten deswegen nicht den Namen ändern. Drei ungewöhnlich kalte Jahre — nein! Möglicherweise handelte es sich um eine Art Kompression der bei den Leuten unerwünschten Wahrheit. Symbolisches Denken. Die Menschen mußten Dinge miteinander verbinden. Sax wußte das, weil er viel Zeit in Sabishii mit Besuchen bei Michel und Maya verbracht hatte. Diese beiden liebten das Drama. Maya vielleicht mehr als die meisten, aber es lohnte sich, hinzuschauen. Ein Grenzfall von Demonstration der Norm. Sax machte sich Sorgen über Mayas Wirkung auf Michel. Michel schien nicht besonders fröhlich zu sein. Nostalgie — aus dem griechischen nostos, Heimkehr und algos, Schmerz. Also: Heimweh. Ein sehr treffender Ausdruck. Trotz ihrer Fehler konnten Worte manchmal sehr exakt sein. Das erschien als ein Paradoxon, bis man sich in die Funktion des Gehirns vertiefte. Dann wurde es weniger überraschend. Ein Modell der Wechselwirkung des Gehirns mit der physischen Realität, an den Rändern verschwommen. Selbst die Wissenschaft war gezwungen, das zugeben. Was nicht heißen sollte, den Versuch aufzugeben, Dinge zu erklären!