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»Komm mit raus, und mach ein paar Feldstudien mit mir!« drängte er Michel.

»Bald.«

»Konzentriere dich auf den Augenblick!« schlug Sax vor. »Jeder Moment hat seine eigene Realität. Sein besonderes Sosein. Du kannst keine Voraussagen treffen, aber du kannst erklären. Oder es versuchen. Wenn du aufpaßt und Glück hast, kannst du sagen, dies ist der Grund, weshalb das geschieht! Das ist sehr interessant.«

»Sax, wann bist du denn zum Dichter geworden?«

Sax wußte darauf nicht zu antworten. Michel war immer noch von seiner immensen Nostalgie gebläht. Schließlich sagte Sax: »Nimm dir Zeit, mit nach draußen zu gehen!«

In den milden Wintern, wenn die Winde sanft waren, machte Sax Schiffsausflüge um das Südende des Chryse-Golfs. Des goldenen Golfs. Den Rest des Jahres blieb er auf der Halbinsel und machte vom Da-Vinci-Krater aus Spaziergänge zu Fuß oder Touren mit einem kleinen Wagen, bei denen er über Nacht blieb. Meistens betrieb er Meteorologie, obwohl er sich natürlich um alles kümmerte. Auf dem Wasser konnte er dasitzen und den Wind im Segel spüren, wenn er von einer Krümmung der Küste zur anderen steuerte. War er auf dem Landweg unterwegs, fuhr er morgens los und freute sich an der Aussicht, bis er eine gute Stelle fand. Dann pflegte er den Wagen anzuhalten und nach draußen zu gehen.

Hosen, Hemd, Windjacke, Bergstiefel, sein alter Hut waren alles, was er an diesem Tag des m-Jahres 65 brauchte. Ein Umstand, der ihn noch immer erstaunte. Gewöhnlich war das um die Zeit von 280s. Die globalen Mittelwerte stiegen um die Mitte von 270s stark an. Ein guter Durchschnitt empfand er — über dem Gefrierpunkt — und schickte einen thermischen Stoß in die seit Ewigkeiten gefrorene Wildnis. Dieser Stoß würde in rund zehntausend Jahren den Permafrost schmelzen. Aber natürlich blieb es nicht allein dabei.

Er wanderte über Tundramoos und Meerfenchel, Kedge und Gras. Leben auf dem Mars. Das war schon eine seltsame Sache. Tatsächlich überall Leben. Es war keineswegs klar, warum es erscheinen sollte. Sax dachte immer häufiger darüber nach. Warum nahm die Ordnung in irgendeinem Teil des Kosmos zu, wenn sonst überall nur Entropie zu erwarten war? Das verwirrte ihn sehr. Er war fasziniert, als Spencer eines Abends beim Bier an der Corniche von Odessa eine Stegreiferklärung gegeben hatte. Der hatte gesagt, in einem expandierenden Universum wäre Ordnung eigentlich nicht Ordnung, sondern bloß die Differenz zwischen aktuell dargebotener Entropie und der maximal möglichen Entropie. Diese Differenz sei das, was die Menschen als Ordnung wahrnähmen. Sax war überrascht, von Spencer eine so interessante kosmologische Theorie zu hören. Aber Spencer war ein Mann der Überraschungen. Dem tat auch sein überhöhter Alkoholkonsum keinen Abbruch.

Legte man sich ins Gras und betrachtete die Tundrablumen, konnte man nicht umhin, über das Leben nachzudenken. Im Licht der Sonne standen die kleinen Blüten auf ihren Stielen und leuchteten farbenprächtig. Ideogramme der Ordnung. Sie sahen nicht bloß nach einer Differenz im entropischen Niveau aus. Ein Blütenblatt hatte eine so feine Textur; von Licht getränkt schien fast jedes Molekül sichtbar zu sein: hier ein weißes, dort ein lavendelfarbenes und da ein clematisblaues. Diese pointillistischen Flecken waren natürlich keine Moleküle, die ja deutlich unter dem menschlichen visuellen Auflösungsvermögen lagen. Und selbst wenn Moleküle erkennbar gewesen wären, so waren die letzten Bausteine des Blütenblatts doch noch soviel kleiner, daß man sich das kaum vorstellen konnte. Sozusagen noch kleiner, als selbst die Einbildungskraft reichte. Obwohl unlängst die Arbeitsgruppe für Theorien in Da Vinci sich um Entwicklungen in der Superstringtheorie und Quantengravitation bemühte, waren sie bis zum Punkt nachprüfbarer Vorhersagen gekommen, der sich historisch als die große Schwäche der Stringtheorie erwiesen hatte. Verlockt durch diese Verbindung mit dem Experiment hatte Sax in letzter Zeit zu verstehen versucht, was sie da machten. Das bedeutete Verzicht auf Küstenspaziergänge zugunsten von Seminarräumen. Aber das hatte er in den regnerischen Jahreszeiten hinter sich gebracht, an den Nachmittagssitzungen teilgenommen, sich die Vorträge und anschließenden Diskussionen angehört, die hingekritzelte Mathematik auf den Bildschirmen studiert und die Morgenstunden mit Arbeiten über Riemannsche Flächen, Liesche Algebra, Eulersche Zahlen, die Topologie kompakter dreidimensionaler Räume, Differentialgeometrie, Graßmannsche Variable, Vlads Notoperatoren und alle übrige Mathematik, die erforderlich war, um dem zu folgen, worüber die jetzige Generation sprach, verbracht.

Mit einigen Punkten der Mathematik über Superstrings hatte er sich schon früher beschäftigt. Die Theorie gab es jetzt seit fast zwei Jahrhunderten; sie war aber spekulativ schon viel früher ins Gespräch gebracht worden, als es weder die Mathematik noch die experimentelle Möglichkeit gab, sie richtig zu erforschen. Diese Theorie beschrieb die kleinsten Partikel der Raumzeit nicht als geometrische Punkte, sondern als ultramikroskopische Schleifen, die in zehn Dimensionen schwingen, von denen sechs um die Schleifen kompakt sind und diese zu etwas exotischen mathematischen Gebilden machen. Der Raum, in dem sie schwingen, war von Theoretikern des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu Schleifenmustern, genannt Spin-Netze, quantifiziert worden, in denen Kraftlinien im feinsten Korn des Gravitationsfeldes irgendwie ähnlich wirkten wie die magnetischen Kraftlinien um einen Magneten, so daß die Strings nur in bestimmten Harmonien schwingen konnten. Diese supersymmetrischen Strings, die harmonisch in zehndimensionalen Spinnetzen schwingen, erklärten sehr elegant und plausibel die mannigfachen Kräfte und Partikel, die im subatomaren Niveau zu erkennen sind, wie auch alle Bosonen und Fermionen und deren gravitative Effekte. Darum erhob die voll ausgearbeitete Theorie den Anspruch, erfolgreich die Quantenmechanik mit der Gravitation zu verbinden, was seit mehr als zwei Jahrhunderten das Problem der Theoretischen Physik gewesen war.

Alles gut und schön und wirklich aufregend. Aber das Problem kam für Sax und viele andere Skeptiker mit der Schwierigkeit, irgend etwas von dieser schönen Mathematik experimentell zu bestätigen — eine Schwierigkeit, die in den äußerst geringen Größen der Schleifen und Räume der Theorie begründet lag. Sie lagen alle im Bereich von 10~33 Zentimetern, der sogenannten Planck-Länge. Und die war so viel kleiner als subatomare Partikel, daß man sich das schwer vorstellen konnte. Der typische Atomkern hatte einen Durchmesser von etwa lCh13 Zentimetern. Sax hatte zuerst einige Zeit lang versucht, sich diese Distanz vorzustellen. Das war hoffnungslos; aber man mußte versuchen, diese hoffnungslos winzige Größe für einen Moment im Geist festzuhalten. Und sich dann daran erinnern, daß man in der Stringtheorie über noch um zwanzig Größenordnungen kleinere Objekte sprach. Sax überlegte krampfhaft. Ein String verhielt sich also zur Größe eines Atoms wie diese zur Größe... des Sonnensystems. Ein Verhältnis, das rational kaum zu erfassen war.