Aber noch schlimmer — es war auch zu klein, um es experimentell zu untersuchen. Das war für Sax die Crux an diesem Problem. Physiker hatten in Beschleunigern Experimente bei Energieniveaus von der Größenordnung 100 GeV durchgeführt. Das ist hundertmal die Energie einer Protonenmasse. Von da aus hatten sie mit großer Mühe im Lauf vieler Jahre das sogenannte revidierte Standardmodell der Teilchenphysik aufgestellt. Dieses erklärte eine Menge, war wirklich eine erstaunliche Leistung und machte Vorhersagen, die durch Laborexperimente oder kosmologische Beobachtungen bewiesen oder widerlegt werden konnten, Vorhersagen, die so mannigfaltig waren und so gut bestätigt wurden, daß die Physiker zuversichtlich über vieles sprechen konnten, das sich in der Geschichte des Universums seit dem Urknall abgespielt hatte, bis zurück zum ersten Millionstel einer Sekunde der Zeit.
Aber die Stringtheorie wollte einen phantastischen Sprung über das revidierte Standardmodell hinaus zur Planckschen Länge tun, die den geringsten möglichen Bereich darstellte, der nicht verkleinert werden konnte, ohne in Widerspruch zu dem Verbotsprinzip von Pauli zu geraten. Es war irgendwie sinnvoll, über diese minimale Größe von Dingen nachzudenken. Aber um Ereignisse in diesem Maßstab wirklich zu sehen, wären Experimente mit einer Energie von mindestens 1019 GeV erforderlich, die man nicht darstellen konnte. Kein Beschleuniger würde jemals auch nur näherungsweise herankommen. Das Herz einer Supernova konnte man eher mit dem vergleichen. Nein. Ein großer Unterschied, weit wie eine Schlucht oder eine Wüste, trennte sie vom Planckschen Bereich. Es war eine Stufe der Realität, die für sie in jedem experimental-physikalischen Sinn unbekannt bleiben müßte.
So etwa war die gängige Meinung unter Skeptikern. Aber die an der Theorie Interessierten hatten sich nie davon abbringen lassen, das Phänomen zu studieren. Sie suchten nach einer indirekten Bestätigung der Theorie auf subatomarem Niveau, das aus dieser Perspektive gigantisch wirkte, und seitens der Kosmologie. Anomalien bei Phänomenen, die die revidierte Standardtheorie nicht erklären konnte, ließen sich vielleicht durch Vorhersagen deuten, die die Stringtheorie über den Planckchen Bereich machte. Es hatte allerdings nur wenige solche Vorhersagen gegeben, und die erwarteten Phänomene waren schwer nachzuweisen. Aber im Laufe der Jahrzehnte waren einige String-Enthusiasten immer tiefer in die mathematischen Strukturen eingetaucht, die weitere Verästelungen der Theorie offenbaren und mehr nachweisbare indirekte Resultate hervorbringen könnten. Das war alles, was sie tun konnten; und Sax hatte den Eindruck, daß es ein aussichtsreicher Weg für die Physik sein könnte. Er glaubte von ganzem Herzen an die experimentelle Physik. Wenn es sich nicht testen ließ, wenn es nur Mathematik blieb, war seine Schönheit bedeutungslos. Es gab Mengen schöner exotischer Felder der Mathematik. Aber wenn sie nicht die Welt der Phänomene modellierten, war Sax nicht interessiert.
Aber jetzt, nach all den Jahrzehnten der Arbeit, machten sie endlich Fortschritte auf den Wegen, die Sax interessant fand. Bei der neuen Super-Stoßapparatur im Rand des Rutherford-Kraters hatten sie das zweite Z-Teilchen gefunden, dessen Existenz die Stringtheorie lange vorhergesagt hatte. Und ein magnetischer Monopol-Detektor, der die Sonne außerhalb der Ebene der Ekliptik umkreiste, hatte eine Spur von etwas entdeckt, das wie ein fraktionell geladenes, unbegrenztes Partikel mit einer Masse von der Größe eines Bakteriums aussah — ein sehr seltener Blick auf ein ›schwach wechselwirkendes Massenpartikel‹ oder SWMP. Die Stringtheorie hatte dessen Existenz vorausgesagt, während die revidierte Standardtheorie sie nicht verlangte. Das rief nach Überlegungen; denn die Formen der Galaxien zeigten, daß ihre gravitierenden Massen zehnmal so groß waren, wie ihr visuelles Licht anzeigte. Falls die Dunkelmaterie durch schwach wechselwirkende Masseteilchen befriedigend erklärt werden konnte, dachte Sax, dann müßte man die dafür verantwortliche Theorie wirklich als sehr interessant ansehen.
Interessant auf andere Weise war der Umstand, daß eine führende Theoretikerin in diesem neuen Stadium der Entwicklung genau hier in Da Vinci arbeitete, und zwar als Teil der eindrucksvollen Gruppe, bei der Sax mitmachte. Sie war in Dorsa Brevia geboren und aufgezogen worden. Ihre Vorfahren waren japanisch und polynesisch. Für eine der jungen Eingeborenen war sie klein, obwohl noch immer um einen halben Meter größer als Sax. Schwarzes Haar, dunkle Haut, pazifische Gesichtszüge, sehr regelmäßig und etwas schlicht. Sie war gegenüber Sax scheu, ja gegenüber jedermann. Manchmal stotterte sie, was Sax höchst rührend fand. Aber wenn sie im Seminar aufstand, um einen Vortrag zu halten, wurde sie ganz sicher mit der Hand und sogar mit der Stimme, wenn sie ihre Gleichungen und Bemerkungen sehr rasch auf den Schirm schrieb, was wie eine kalligraphische Schnellschrift wirkte. In diesen Momenten beobachteten sie alle sehr genau, praktisch hypnotisiert. Sie arbeitete jetzt seit einem Jahr in Da Vinci; und jeder, der schlau genug war, so etwas zu bemerken, wußte, daß er ein Mitglied des Pantheons bei der Arbeit sah, das direkt hier vor ihren Augen die Realität entdeckte.
Die anderen jungen Türken unterbrachen natürlich ihre Fragen. In dieser Gruppe waren viele kluge Köpfe, und wenn sie Glück hatten, hielten sie alle beim Modellieren von Gravitonen und Gravitinos, Dunkelmaterie und Schattenmaterie zusammen — ganz ohne an Persönliches und tatsächlich alle Personen zu denken. Sehr produktive und erregende Sitzungen. Bao war hier deutlich die treibende Kraft, auf die man sich verließ und mit der man rechnen mußte.
Das war etwas beunruhigend. Sax waren schon früher Frauen in mathematischen und physikalischen Fakultäten begegnet; aber dies war der einzig weibliche mathematische Genius, von dem er in der ganzen langen Geschichte des mathematischen Fortschritts gehört hatte, der, wenn er jetzt daran dachte, eine eigenartig männliche Sache gewesen war. Gab es etwas so Männliches, wie es die Mathematik gewesen war? Und warum war das so?
Auf andere Weise enttäuschend war die Tatsache, daß Teile von Baos Arbeit auf den unpublizierten Aufsätzen eines Thai-Mathematikers namens Samui aus dem vorigen Jahrhundert beruhten, der in Bangkoks Bordellen gelebt und im Alter von 23 Jahren Selbstmord begangen hatte unter Hinterlassung von einigen ›letzten Problemen‹ nach Art von Fermat. Er hatte bis zum Ende behauptet, daß seine ganze Mathematik ihm von telepathischen Aliens diktiert worden sei. Bao hatte all das ignoriert und einige von Samuis obskuren Neuerungen erklärt und dann benutzt, um eine Gruppe von Formeln zu entwickeln, die fortgeschrittene Rovelli-Smolin-Operatoren genannt wurden, die es ihr ermöglichten, ein System von Spin-Netzen aufzustellen, die sehr schön mit den Superstrings verflochten waren. Dies war praktisch endlich die vollständige Vereinigung von Quantenmechanik und Gravitation. Wenn es stimmte, war das große Problem gelöst. Aber ob zutreffend oder nicht, es war stark genug gewesen, es Bao zu gestatten, einige spezifische Vorhersagen auf den größeren Gebieten von Atom und Kosmos zu machen, von denen manche inzwischen bestätigt worden waren.
Somit war sie jetzt wirklich die Königin der Physik; und die Experimentalisten in den Labors unterhielten ständige Datenverbindung mit Da Vinci, auf weitere Vorschläge von ihr erpicht. Die Nachmittagssitzungen im Seminarraum waren spürbar spannend und aufregend geworden. Max Schnell eröffnete die Versammlung und rief an manchen Stellen Bao auf. Sie stand dann auf und ging zu dem Schirm vorne im Raum, schlicht, graziös, zurückhaltend, und ließ den Stift über den Schirm fliegen, wenn sie ihnen eine Methode zeigte, genau die Neutrinomasse zu berechnen, oder sehr spezifisch darlegte, wie Strings vibrierten, um die verschiedenen Quarks zu bilden oder den Raum so quantifizierte, daß Gravitinos in drei Familien geteilt wurden und so weiter. Ihre Kollegen und Freunde, vielleicht zwanzig Männer und eine weitere Frau, unterbrachen sie, um Fragen zu stellen oder Gleichungen hinzuzufügen, die Nebenfragen klärten, oder den übrigen von den letzten Ergebnissen aus Genf oder Palo Alto oder Rutherford zu berichten. Während dieser Stunde merkten alle, daß sie sich im Mittelpunkt der Welt befanden.