In den Labors auf der Erde und dem Mars und im Asteroidengürtel wurden bei sehr delikaten Experimenten im Gefolge ihrer Arbeit ungewöhnliche Schwerewellen beobachtet. Besondere geometrische Muster wurden bei den feinen Fluktuationen in der kosmischen Hintergrundstrahlung enthüllt. Man sonderte WIMPs von Dunkelmaterie und WISPs von Schattenmaterie aus. Die verschiedenen Familien von Leptonen, Fermionen und Leptoquarks wurden erklärt. Die Galaktische Zusammenballung bei der ersten kosmischen Inflation wurde zumindest provisorisch gelöst und theoretisch untermauert. Es gab viele Beispiele. Es schien, als ob die Physik endlich an der Schwelle zur Endgültigen Theorie stünde. Oder wenigstens inmitten des nächsten Großen Schrittes.
In Anbetracht der Bedeutung dessen, was Bao tat, hatte Sax Scheu, mit ihr zu sprechen. Er wollte ihre Zeit nicht mit Trivialitäten vergeuden. Aber eines Nachmittags bei einer Kavaparty auf einem der Balkons über dem Kratersee von Da Vinci trat sie an ihn heran; noch scheuer und unsicherer als er selbst, so daß er in die ungewöhnliche Lage geriet, einer anderen Person zu helfen, für sie Sätze zu beenden und dergleichen. Er tat das, so gut er konnte; und sie stolperten so dahin, sprachen über seine alten RussellDiagramme für Gravitinos, die er jetzt für nutzlos hielt, aber sie sagte, daß die ihr immer noch behilflich wären, gravitative Aktionen zu erkennen. Und als er dann eine Frage über das Seminar dieses Tages stellte, war sie schnell entspannter. Gewiß, das war der Weg, es ihr behaglich zu machen. Er hätte gleich daran denken sollen. Es gefiel ihm selbst.
Danach sprachen sie ab und zu miteinander. Er hatte immer Mühe, sie aus sich herauszulocken, aber es war eine interessante Arbeit. Und als die trockene Jahreszeit kam im Äquinoktium des Herbstes und er sich anschickte, wieder aus dem kleinen Hafen Alpha hinauszusegeln, fragte er sie zögernd, ob sie gern mal mitkommen würde. Und sie stotterten eine Weile herum, mit dem Ergebnis, daß sie mit ihm am nächsten schönen Tag in einem der vielen kleinen Katamarane des Labors zum Segeln fuhr.
Bei Tagestouren blieb Sax in der kleinen Bucht, genannt die Florentine, südöstlich der Halbinsel, wo sich der Ravi-Fjord erweiterte, ehe er zur Hydroates- Bucht wurde. Dort hatte Sax Segeln gelernt, und dort war er immer noch am besten mit den Winden und Strömungen vertraut. Auf längeren Fahrten hatte er das Delta von Fjorden und Buchten am unteren Ende des Marineris-Systems erkundet, und drei- oder viermal war er die Ostseite des Chryse-Golfs hinaufgesegelt bis hin zum Mawrth-Fjord und entlang der Sinai-Halbinsel.
Aber an diesem speziellen Tag beschränkte er sich auf Florentine. Der Wind kam von Süden, und Sax kreuzte ihm entgegen und beanspruchte Baos Hilfe bei jedem Kurswechsel. Keiner von beiden sprach sonderlich viel. Um die Sache in Gang zu bringen, war Sax schließlich gezwungen, Fragen zur Physik zu stellen. Sie sprachen über die Wege, in denen Strings das eigentliche Gewebe der Raumzeit darstellten, statt nur Ersatz für Punkte in einem absoluten abstrakten Gitter zu sein.
Sax dachte darüber nach und sagte: »Machst du dir überhaupt keine Sorgen, daß die Arbeit an einem so weit jenseits des Bereichs der Experimentalphysik liegenden Thema sich als eine Art Kartenhaus erweisen könnte — umgeworfen durch eine simple Diskrepanz in der Mathematik oder eine spätere andere Theorie, die den Job besser erledigt oder leichter zu bestätigen ist?«
»Nein«, sagte Bao. »Etwas so Schönes wie dies hier muß wahr sein.«
»Hmm«, machte Sax. »Ich muß zugeben, daß es mir lieber wäre, wenn etwas Solides zutage treten würde. Etwas wie Einsteins Merkur — eine bekannte Diskrepanz in der vorhergegangenen Theorie, die die neue Theorie beseitigt.«
»Manche Leute würden sagen, daß die fehlende Schattenmaterie die Rechnung begleicht.«
»Möglicherweise.«
Sie lachte. »Ich sehe, du brauchst mehr. Vielleicht können wir doch etwas tun.«
»Nicht unbedingt«, erwiderte Sax. »Obwohl es natürlich hübsch wäre. Ich meine überzeugend. Wenn man etwas besser verstünde, so daß wir besser damit umgehen könnten. Wie das Plasma in den Fusionsreaktoren.« Das war ein Problem, das gerade in einem anderen Labor in Da Vinci bearbeitet wurde.
»Plasmen würden vielleicht besser verstanden, wenn man sie so modellierte, als hätten sie Muster, die von Spin-Netzen aufgeprägt wären.«
»Wirklich?«
»Das ist meine Meinung.«
Sie schloß die Augen, als ob sie alles auf der Innenseite ihrer Lider aufgeschrieben sehen könnte. Alles in der Welt. Sax empfand einen scharfen Stich von Neid oder — Verlust. Er hatte immer nach dieser Art von Einsicht verlangt. Und hier war sie, gleich neben ihm im Boot. Genie unmittelbar zu erleben war faszinierend.
»Glaubst du, daß diese Theorie das Ende der Physik sein wird?« fragte er.
»O nein. Obwohl wir die Grundzüge ausarbeiten könnten. Du weißt, die fundamentalen Gesetze. Das könnte möglich sein, sicher. Aber dann schafft jedes auftauchende Niveau seine eigenen Probleme. Die Arbeit von Taneev kratzt da nur an der Oberfläche. Das ist wie beim Schachspiel. Wir könnten alle Regeln lernen, aber dennoch nicht imstande sein, sehr gut zu spielen, eben wegen auftauchender Eigenschaften. So wie bekanntlich Figuren stärker sind, wenn sie sich außerhalb vom Zentrum des Spielfeldes befinden. Das steht nicht in den Regeln. Es ist ein Resultat aller Regeln zusammengenommen.«
»Wie das Wetter.«
»Ja. Wir verstehen Atome schon besser als das Wetter. Die Wechselwirkungen der Elemente sind zu komplex, als daß man ihnen folgen könnte.«
»Es gibt die Holonomie. Das Studium ganzer Systeme.«
»Aber das ist bisher reine Spekulation. Der Beginn einer Wissenschaft, wenn sich zeigt, daß es funktioniert.«
»Und was ist mit Plasmen?«
»Die sind sehr homogen. Es spielen nur ganz wenige Faktoren hinein, so daß man die Analysen der Spin-Netze anwenden könnte.«
»Du solltest der Fusionsgruppe davon erzählen.«
»Ja. Wirklich?« Sie machte ein überraschtes Gesicht.
»Ja.«
Dann kam ein scharfer Windstoß, und sie brauchten einige Minuten, bis das Boot reagierte. Der Mast zog die Segel knatternd an sich; bis sie wieder angeluvt hatten, und quer zu der auffrischenden Brise in die Sonne fuhren. Auf dem feinen schwarzen Haar, das in Baos Nacken zusammengerafft war, flimmerte Licht. Dahinter lagen die Meeresklippen von Da Vinci. Netzwerke, die bei der Berührung durch die Sonne zitterten — nein. Er konnte es nicht sehen, ob mit offenen oder geschlossenen Augen.
»Hast du dich jemals darüber gewundert«, fragte er vorsichtig, »daß du... eine der ersten großen weiblichen Mathematiker bist?«
Sie machte ein überraschtes Gesicht und wandte den Kopf ab. Er sah, daß sie darüber nachgedacht hatte. »Die Atome in einem Plasma bewegen sich nach Mustern, die große Fraktale der Muster von SpinNetzwerken sind«, erwiderte sie.
Sax nickte und stellte dazu weitere Fragen. Es erschien ihm möglich, daß sie imstande sein würde, der Fusionsgruppe von Da Vinci bei den Problemen zu helfen, die sie dabei hatten, einen Fusionsapparat von geringem Gewicht technisch zu realisieren.
»Hast du dich jemals im Ingenieurwesen betätigt? Oder Angewandte Physik?«