Выбрать главу

Selbst Michel mußte das zugeben. Im Versuch, das abzuweisen, sagte er: »Bevölkerungsdruck. Da unten gibt es zu viele Menschen, und es werden ständig noch mehr. Du hast bei unserem Besuch gesehen, wie das war. Solange die Erde sich in dieser Situation befindet, ist der Mars bedroht. Und deshalb kämpfen wir auch hier oben.«

Sax verstand das. Es war in gewisser Weise tröstlich. Das menschliche Verhalten nicht von Grund auf böse oder töricht zu sehen, sondern halb rational auf eine gegebene historische Situation, eine Gefahr, reagierend. Man nahm, was man ergattern konnte, mit dem Hintergedanken, daß es nicht für alle reichen könnte. Man tat alles mögliche, um die eigene Nachkommenschaft zu schützen. Aber genau dadurch wurde natürlich jede Nachkommenschaft gefährdet, wegen dieser geballten selbstsüchtigen Aktionen. Aber man konnte es zumindest einen Versuch zur Vernunft nennen, eine erste Näherung.

»Jedenfalls ist es nicht so schlimm, wie es einmal gewesen ist«, sagte Michel. »Selbst auf der Erde haben die Leute jetzt weniger Kinder. Und sie reorganisieren sich recht gut in Kollektiven in Anbetracht der Flut und all der Unruhe, die ihr vorausgegangen ist. Es gibt da unten eine Menge sozialer Bewegungen, von denen viele durch das inspiriert sind, was wir hier tun. Und was Nirgal tut. Sie beobachten ihn noch und hören ihm zu, auch wenn er nicht spricht. Was er während unseres Besuches sagte, hat immer noch große Wirkung.«

»Das glaube ich.«

»Na also! Es wird besser, das mußt du zugeben. Und wenn die Behandlungen für Langlebigkeit nicht mehr wirken, wird es zu einem Gleichgewicht der Geburten und Todesfälle kommen.«

»Diese Zeit werden wir bald erreichen«, erklärte Sax düster.

»Warum sagst du das?«

»Anzeichen dafür erscheinen schon. Die Menschen sterben aus der einen oder anderen Ursache. Das Greisenalter ist nicht unproblematisch. Und so weiter zu leben wie wir, wenn das Greisentum längst hätte eintreten sollen... Es ist ein Wunder, daß wir so viel geschafft haben. Vermutlich hat das Altwerden seinen Sinn. Vielleicht die Vermeidung der Übervölkerung. Oder Platz zu schaffen für neues genetisches Material.«

»Das verheißt uns nicht Gutes.«

»Wir sind schon mehr als zweihundert Prozent über die alte mittlere Lebenserwartung hinaus.«

»Zugegeben, aber dennoch. Deswegen will man nicht, daß es ein Ende hat.«

»Nein. Aber wir müssen uns auf den Augenblick konzentrieren. Übrigens — kommst du mit mir hinaus aufs Feld? Das wird so unterhaltsam sein, wie du dir nur wünschen kannst. Es ist sehr interessant.«

»Ich werde versuchen, mich gelegentlich frei zu machen. Aber ich habe eine Menge Klienten.«

»Du hast viel freie Zeit. Du wirst sehen.«

In diesem Moment stand die Sonne hoch. Runde weiße Wolken türmten sich über ihren Köpfen und fanden sich in riesigen Anordnungen, die fast wie sich zu den Unterseiten hin abdunkelnder Marmor aussah. Cumulonimbus. Sax stand wieder auf der westlichen Klippe von Da Vinci und blickte über den Shalbatana- Fjord zu der Klippe, die die östliche Seite von Lunae Planum begrenzte. Hinter ihm erhob sich ein Berg mit flacher Kuppe, der den Rand des Kraters Da Vinci bildete. Heimatbasis. Er lebte nun schon sehr lange dort. In diesen Tagen ließ ihre Koop in Zusammenarbeit mit Spencers Labor in Odessa und anderswo viele Satelliten in den Orbit aufsteigen. Ebenso wie die Booster, eine Kooperative im Stil von Mondragon, die den Ring von Labors und Wohnsitzen im Rand betrieb, und auch die Felder und den See, der den Boden des Kraters füllte. Einige von ihnen ärgerten sich über Einschränkungen, die die Umweltgerichtshöfe den geplanten Projekten auferlegt hatten. Dazu gehörten auch neue Kraftwerke, die zuviel Wärme abgeben würden. In den letzten paar Jahren hatte der Globale Exekutivrat sogenannte K-Rationen ausgegeben, welche den Kommunen das Recht gaben, den festgesetzten Bruchteil eines Kelvin zur globalen Erwärmung beizutragen. Manche Roten Kommunen taten ihr Bestes, um K-Rationen zugewiesen zu bekommen, und benutzten sie dann nicht. Diese Maßnahme verhinderte neben laufenden Sabotageakten, daß die globale Temperatur besonders rasch anstieg, gleichgültig, was andere Kommunen taten. So etwa argumentierten die anderen Kommunen. Aber die Gerichtshöfe waren mit K-Rationen immer noch knauserig. Aufgetretene Fälle wurden von einem Gerichtshof der Provinz abgeurteilt; dann wurde das Urteil von der Globalen Instanz gebilligt, und das war es .darin. Keine Berufungen, sofern man keine beibringen konnte, die nicht von fünfzig anderen Kommunen mitunterzeichnet war, und selbst dann fiel die Berufung nur in den Morast der globalen Legislatur, wo ihr Schicksal von der undisziplinierten Meute in der Duma abhing.

Langsamer Fortschritt. Auch gerecht. Sax war zufrieden, wenn die globalen mittleren Temperaturen über dem Gefrierpunkt lagen. Ohne die Beschränkungen seitens des Globalen Exekutivrates konnte es leicht zu warm werden. Nein, er hatte es nicht mehr eilig. Er war ein Befürworter der Stabilisierung geworden.

Jetzt, an einem Periheltag draußen in der Sonne, herrschten erfrischende 281 K. Er ging am Klippenrand von Da Vinci entlang und hielt Ausschau nach alpinen Blüten in den Spalten des Gerölls. Als er danach auf den hellen Glanz der besonnten Fläche des Fjords schaute, kam ihm vom Klippenrand herunter eine große Frau entgegen, die eine Gesichtsmaske und einen Pullover trug, sowie große Kletterstiefeclass="underline" Ann. Er erkannte sie sofort. Diese Gangart ließ keinen Zweifel. Es war leibhaftig Ann Clayborne.

Diese Überraschung versetzte seiner Erinnerung einen doppelten Stoß — an Hiroko, wie sie aus dem Schnee auftauchte, um ihn zu seinem Rover zu führen; und an Ann in Antarctica, wie sie über den Fels marschierte, um ihn zu treffen — aber warum?

Verwirrt versuchte er, dem Gedanken nachzuspüren. Ein Doppelbild, ein flüchtiges Einzelbild...

Dann stand Ann vor ihm, und die Erinnerungen waren verschwunden, vergessen wie ein Traum.

Er hatte sie seit ihrer gerontologischen Behandlung in Tempe nicht mehr gesehen und fühlte sich sehr unbehaglich. Vielleicht war das eine Furchtreakion. Natürlich war es unwahrscheinlich, daß sie ihn physisch angreifen würde, obwohl sie das schon einmal getan hatte. Aber es waren nicht solche Angriffe, die ihm Sorgen machten. Damals in Antarctica — er tastete nach der flüchtigen Erinnerung und verlor sie wieder. Erinnerungen am Rande des Bewußtseins gingen bestimmt verloren, wenn man sich entschlossen bemühte, sie wieder zu erlangen. Warum, das war ein Geheimnis. Er wußte nicht, was er sagen sollte.

Sie fragte durch ihre Gesichtsmaske: »Bist du jetzt gegen Kohlendioxid immun?«

Er sprach von der neuen Hämoglobinbehandlung und kämpfte um jedes Wort, wie er es nach dem Schlag getan hatte. Mitten in seiner Erklärung lachte sie laut heraus. »Krokodilblut, was?«

»Ja«, sagte er, da er ihren Gedanken erriet. »Krokodilblut und Rattengehirn.«

»Hundert Ratten.«

»Ja. Besondere Ratten«, sagte er und bemühte sich um Korrektheit. Mythen haben schließlich ihre eigene starre Logik, wie Levi-Strauss gezeigt hatte. Er wollte sagen, es wären geniale Ratten gewesen, hundert Stück, und jede einzelne ein Genie. Selbst seine miserablen graduierten Studenten mußten das zugeben.

»Veränderte Geister«, sagte sie und folgte seinem Gedankengang.

»Ja.«

»Also nach deinem Gehirnschaden zweimal verändert«, bemerkte sie.

»Das ist richtig.« Es war deprimierend, es sich so vorzustellen. Diese Ratten waren fern ihrer Heimat. »Plastische Verstärkung. Hast du...?«

»Nein. Habe ich nicht.«

Es war also immer noch dieselbe alte Ann. Er hatte gehofft, sie würde die Drogen bei ihrer Wiedererkennung benutzen. Das Licht sehen. Aber nein. Obwohl die Frau vor ihm nicht wie dieselbe Ann aussah, nicht genau. Der Ausdruck in ihren Augen. Er hatte sich an ihren Blick gewöhnt, der ein sicheres Zeichen von Haß zu sein schien. Seit ihrem Streit auf der Hades und schon davor. Er hatte genug Zeit gehabt, sich daran zu gewöhnen. Oder zumindest, es zu lernen.