Jetzt, mit aufgesetzter Gesichtsmaske und einem anderen Zug um die Augen, wirkte es fast wie ein fremdes Gesicht. Sie beobachtete ihn scharf, aber die Haut um ihre Augen war nicht mehr so verkrampft. Runzlig wohl, sie und er hatten beide sehr viele Runzeln; aber diese Runzeln ließen auf ein entspanntes Gewebe schließen. Es schien möglich, daß die Maske sogar ein leichtes Lächeln verbarg. Es wußte nicht, was er davon halten sollte.
»Ihr habt mir die gerontologische Behandlung gegeben«, sagte sie.
»Ja.«
Sollte er sagen, daß es ihm leid täte, wenn das nicht so wäre? Er starrte sie mit gelähmter Zunge und verkrampftem Kiefer an wie ein von einer Schlange gebannter Vogel und hoffte auf irgendein Zeichen, daß sie in Ordnung war, daß er das Richtige getan hatte.
Sie zeigte plötzlich auf die Umgebung. »Was willst du jetzt machen?«
Er bemühte sich, den Sinn ihrer Äußerung zu verstehen, die ihm so rätselhaft vorkam wie ein Koan. Er sagte: »Ich bin draußen, um zu schauen.« Ihm fiel nichts ein, was er sonst hätte sagen sollen. Sprache, all diese schönen köstlichen Worte, waren plötzlich davongeflattert wie eine Schar aufgescheuchter Vögel. Alle außer Reichweite. Der Sinn verschwunden.
Nur noch zwei Tiere, die da in der Sonne standen. Schau, schau, schau!
Sie lächelte nicht mehr, falls sie es zuvor überhaupt getan hatte. Sie schleuderte ihm auch keine Dolche in ihren Blicken entgegen. Eine eher abschätzende Miene, ganz so als wäre er ein Stein. Bei Ann bedeutete das Fortschritt.
Aber dann machte sie kehrt und ging fort, die Klippe hinunter zu dem kleinen Hafen von Zed.
Sax kehrte etwas verblüfft zum Da-Vinci-Krater zurück. Dort hielten sie ihre alljährliche Partie Russisches Roulette ab, in der sie auf ein Jahr die Repräsentanten für die globale Legislatur und auch die verschiedenen Koop-Posten auswählten. Nach dem Ritual der aus einem Hut gezogenen Namen dankte man den Leuten, die im vorigen Jahr diesen Job getan hatten und tröstete die, auf welche dieses Jahr das Los gefallen war. Und die meisten von ihnen feierten wieder einmal, daß sie davongekommen waren.
Man hatte die Methode der Auslosung für administrative Jobs in Da Vinci gewählt, weil das der einzige Weg war, die Leute dazu zu bringen, sie zu übernehmen. Ironischerweise hatten sich die Techniker von Da Vinci nach allen ihren Bemühungen, jedem Bürger das Höchstmaß an Selbstmanagement zuteil werden zu lassen, als allergisch gegen die damit verbundene Arbeit erwiesen. Sie wollten nur ihre Forschung betreiben. »Wir sollten die Verwaltung ganz den Computern überlassen«, sagte Kouta Arai jedes Jahr zwischen den Schlucken aus einem Steinkrug mit schäumendem Bier. Aonia, die Dumarepräsentantin des vorigen Jahres, sagte zur diesjährigen Wahclass="underline" »Du gehst nach Mangala und sitzt herum und diskutierst; und der Stab tut die anfallende Arbeit. Das meiste davon ist an den Rat oder die Gerichtshöfe oder die Parteien abgegeben worden. Es sind die Apparatschiki des Freien Mars, die diesen Planeten wirklich betreiben. Aber es ist eine recht hübsche Stadt, in der Bucht kann man schön Bootfahren und im Winter Eissegeln.«
Sax ging weg. Jemand beklagte sich über die vielen neuen Hafenstädte, die am Südgolf entstanden, zu dicht, um noch behaglich zu sein. Politik in ihrer verbreitetsten Form: Klagen. Niemand will etwas tun, aber ein jeder genießt es, sich zu beklagen. Diese Art von Gerede würde etwa eine halbe Stunde lang weitergehen, um dann wieder auf die Arbeit zurückzukommen. Es gab eine Gruppe, die Sax schon am Ton ihrer Stimmen erkennen konnte. Er ging hinüber und bemerkte, daß sie über Fusion sprachen. Sax blieb stehen. Es schien, daß sie über neue Entwicklungen in ihren Labors bei der Konstruktion eines gepulsten Kernfusionsmotors erregt waren. Kontinuierliche Fusion war schon vor Jahrzehnten erzielt worden; aber dafür waren extrem massive Tokamaks erforderlich, Aggregate, die zu groß, zu schwer und zu kostspielig waren, um in den meisten Anwendungsbereichen benutzt werden zu können. Aber dieses Labor versuchte, viele kleine Treibstoffkügelchen in rascher Folge hinein implodieren zu lassen und die Resultate der Fusion als Energiequelle zu nutzen.
»Hat Bao zu euch darüber gesprochen?« fragte Sax.
»Nun ja, ehe sie abreiste, kam sie herüber, um mit uns über Plasmamuster zu reden. Das war nicht unmittelbar hilfreich. Dies hier ist wirklich makro im Vergleich mit dem, was sie macht; aber sie ist so verdammt schlau; und nachher sagte sie Yananda etwas, wie wir die Implosion versiegeln und trotzdem einen Platz für spätere Emission lassen können.«
Sie benutzten ihre Laser, um die Kügelchen von allen Seiten zugleich treffen zu können. Aber es mußte auch einen Auslaß für geladene Partikel geben. Bao hatte sich offenbar für das Problem interessiert; und jetzt kehrten sie wieder zu einer lebhaften Diskussion darüber zurück, was sie endlich erreicht zu haben glaubten. Und wenn jemand in den Kreis hereinschneite und die Lotterieergebnisse des Tages erwähnte, wiesen sie ihn an. »Ka, bitte keine Politik!«
Als Sax weiterging und halb den Gesprächen lauschte, die er im Vorbeigehen erhaschte, war er von neuem betroffen von dem unpolitischen Charakter der meisten Wissenschaftler und Techniker. Gegen Politik schienen sie allergisch zu sein. Das fühlte auch er. Das mußte er zugeben. Politik war unabweisbar subjektiv und kompromißlerisch, ein Prozeß, der völlig gegen den Kern der wissenschaftlichen Methode ging. Was war richtig? Diese Gefühle und Vorurteile waren an sich subjektiv. Man konnte versuchen, Politik als eine Art Wissenschaft zu sehen, etwa als eine lange Reihe von Experimenten über kommunales Leben, wobei alle Daten durchweg verunreinigt waren. So stellten Leute ein hypothetisches Regierungssystem auf, die Leute lebten es und prüften, wie sie sich damit fühlten. Dann änderten sie das System und starteten einen neuen Versuch. Im Laufe der Jahrhunderte schienen gewisse Konstanten oder Prinzipien aufgetaucht zu sein, während sie ihre Experimente und Paradigmen verfolgten und sukzessive nähere Approximationen von Systemen suchten, die Qualitäten wie physisches Wohlergehen, individuelle Freiheit, Gleichheit, Fürsorge für das Land, gelenkte Märkte, gesetzliche Regeln und allgemeines Mitgefühl förderten. Nach wiederholten Experimenten war klar geworden — zumindest auf dem Mars —, daß alle diese bisweilen widersprüchlichen Ziele am besten in einer Polyarchie realisiert werden konnten, einem komplexen System, in dem die Macht auf eine Anzahl von Institutionen verteilt war. Theoretisch schuf dieses System der geteilten Macht, teils zentralisiert und teils dezentralisiert, ein Höchstmaß an individueller Freiheit und kollektivem Wohlergehen durch Maximierung der Kontrolle, die das Individuum über das eigene Leben hatte.
Das hatte es auf sich mit der politischen Wissenschaft. In der Theorie eine feine Sache. Aber daraus folgte, daß die Menschen, wenn sie an die Theorie glaubten, eine angemessene Zeit der Ausübung ihrer Macht widmen mußten. Das war Selbstregierung. Eine Tautologie: Das Selbst regierte. Und das erforderte Zeit. »Jene, die die Freiheit schätzen, müssen die erforderliche Anstrengung unternehmen, sie zu verteidigen«, wie Tom Paine gesagt hatte — ein Faktum, das Sax kannte, weil Bela die schlechte Gewohnheit angenommen hatte, in den Hallen Plakate aufzustellen, auf denen so anregende Sprüchlein standen. »Wissenschaft ist Politik mit anderen Mitteln«, hatte eine andere, etwas mysteriöse Äußerung gelautet.
In Da Vinci aber wollten die meisten Leute ihre Zeit nicht auf diese Weise verbringen. »Der Sozialismus wird nie siegen«, hatte Oscar Wilde bemerkt (handschriftlich auf einem anderen Plakat zu finden), »er nimmt zu viele Abende in Anspruch.« So war es auch; und die Lösung bestand darin, daß man seine Freunde veranlaßte, ihre Abende für einen in Anspruch zu nehmen. Daher die Lotteriemethode bei der Wahl, ein kalkuliertes Risiko, weil man eines Tages den Job selbst aufgehalst bekommen könnte. Aber gewöhnlich lohnte sich das Risiko. Das zeigte die Fröhlichkeit bei der diesjährigen Party. Die Gäste strömten durch die Glastüren des Gemeindehauses ein und aus zu den freien Terrassen mit Blick auf den Kratersee und führten lebhafte Unterhaltungen. Auch die Einberufenen wurden allmählich, nachdem sie sich mit Kavajava und Alkohol getröstet hatten, wieder fröhlicher. Und vielleicht war dabei auch der Hintergedanke, daß Macht schließlich Macht bedeutet. Gut, es war eine auferlegte Pflicht, aber die diesmal an der Reihe waren, konnten immerhin die eine oder andere Kleinigkeit ausrichten, die ihnen sicher gerade jetzt einfiel — Rivalen Steine in den Weg legen, Leuten, die sie beeindrucken wollten, Gefälligkeiten erweisen etc. Somit hatte das System wieder einmal funktioniert. Es gab frische Persönlichkeiten, die den ganzen polyarchischen Apparat füllten, die Ausschüsse für Nachbarschaft, für Wasser, für Bauaufsicht, für Projektbeurteilung und für ökonomische Koordination, für die Koordination all dieser kleineren Körperschaften, und für die Beratung der globalen Delegierten — das ganze Netz kleiner Managementgruppen, die progressive Theoretiker der Politik in der einen oder anderen Variante seit Jahrhunderten immer wieder vorgeschlagen hatten. Darin waren einbezogen der fast vergessene Gewerkschaftssozialismus von Großbritannien, die Arbeiterfürsorge im einstigen Jugoslawien, Landbesitz in Kerala und so weiter. Und bisher schien es in dem Sinne zu funktionieren, daß die Ingenieure von Da Vinci wohl etwa ebenso selbstbewußt und zufrieden schienen, wie sie es während der ad hoc im Untergrund verbrachten Jahre gewesen waren, als alles (scheinbar) nach Instinkt oder, um genauer zu sein, nach dem allgemeinen Konsens der (damals viel kleineren) Bevölkerung von Da Vinci geschah.