Выбрать главу

Er seufzte und trank von seinem Kava. Da unten fingen sie an. Hector sang ein Rezitativ auf spanisch. Seine Stimme war so musikalisch und ausdrucksvoll, daß es fast war, als ob Sax ihn nur durch seine Stimme allein verstehen könnte.

Ann, Ann, Ann. Dieses quälende Interesse an den Gedanken eines anderen war so lästig. Viel leichter war es, sich auf den Planeten zu konzentrieren, auf Steine und Luft, auf die Biologie. Das war eine Beschäftigung, die Ann selbst verstehen würde. Und die Ökopoesis hatte etwas fundamental Fesselndes an sich. Die Geburt einer Welt. Außerhalb ihrer Kontrolle. Dennoch fragte er sich, was sie daraus machte. Vielleicht würde er ihr wieder zufällig begegnen.

Inzwischen — die Welt. Er ging wieder zu ihr hinaus. Zerknittertes Land unter der blauen Kuppel des Himmels. Der gewöhnliche Himmel änderte im Frühling am Äquator seine Farbe von Tag zu Tag. Man brauchte eine Farbskala, um die Farbtöne auch nur näherungsweise zu bestimmen. An manchen Tagen war es tief violettblau, clematisblau, hyazinthenblau oder lapislazuli oder leicht purpurnes Indigo. Oder preußischblau, ein Pigment, das aus Cyaneisenverbindungen gemacht wurde — interessant, weil es da oben sicher viel eisenhaltiges Material gab. Eisenblau. Ein wenig mehr purpurn als der Himmel des Himalaya, wie man ihn auf Fotografien sieht oder auch der Himmel der Erde in so großen Höhen. Und in Verbindung mit dem felsigen Gelände sah es aus wie eine Landschaft in großer Höhe. Alles. Die Himmelsfarbe, der zerknitterte Fels, die kalte dünne Luft, die so rein und ruhig war. Alles war so hoch. Sax ging gegen den Wind, quer zum Wind oder mit dem Wind im Rücken und fühlte sich jedesmal anders. In seinen Nasenlöchern war der Wind leicht berauschend und überflutete ihm das Hirn. Er trat von Stein zu Stein auf von Flechten überkrustete Blöcke, als ob er auf einem privaten Fußweg wandelte, der magisch aus dem zerklüfteten Land auftauchte, auf und ab, jeder Schritt bloß ein Schritt, achtsam in Wahrnehmung des Augenblicks wandernd. Vom einem Moment zum nächsten und dann zum folgenden, jeder einzeln für sich, wie Baos Schleifen in der Raumzeit, wie die aufeinanderfolgenden Haltungen des Kopfs eines Finken und der kleinen Vögel, die von einer gequantelten Pose zur nächsten hüpften. Bei genauem Hinsehen schien es, als ob die Momente nicht regelmäßige Einheiten wären, sondern in ihrer Dauer verschieden, je nachdem, was in ihnen geschah. Der Wind ließ nach, keine Vögel in Sicht. Alles plötzlich still, bis auf das Summen der Insekten. Solche Augenblicke konnten manchmal mehrere Sekunden dauern. Wenn dagegen Sperlinge mit eine Krähe zankten, waren die Momente fast instantan. Man mußte genau hinsehen. Manchmal war es ein Fluß, manchmal das Platschen individueller Ruhepausen.

Erkenntnis. Es gab unterschiedliche Wege zur Erkenntnis. Aber keiner von ihnen war, wie Sax entschied, so befriedigend wie die direkte Sinneswahrnehmung. Hier draußen im strahlenden Frühlingslicht und dem kalten Wind kam er an den Rand einer Klippe und schaute hinab auf die ultramarine Fläche des Simud-Fjords, versilbert durch Myriaden Lichtsplitter, die vom Wasser blitzten. Die Klippen auf der anderen Seite waren Bänder aus Bodenschichten durchzogen, von denen einige zu grünen Leisten im Basalt geworden waren. Möwen, Papageientaucher, Seeschwalben, Lummen, Fischadler — alle wirbelten in den Luftstrudeln unter ihm auf und ab.

Während er die verschiedenen Fjorde erkundete, entdeckte er seinen Favoriten. Florentine, ein hübsches Oval aus Wasser direkt südöstlich von Da Vinci.

Ein Spaziergang auf den darüber liegenden niedrigen Küstenfelsen war immer malerisch. Auf Steinen wuchs dickes mattenartiges Gras. Es sah so aus, wie Sax sich die irische Küste vorstellte. Die Ecken des Landes wurden weich, als Humus und pflanzliches Leben die Spalten auszufüllen begann und sich an Hänge klammerte, die dem Schüttungswinkel trotzten, so daß man über Polster schritt, die zwischen den scharfen Zähnen noch kahler Felsen hochquollen.

Von der See her strömten Wolken gen Norden, und es regnete in gleichmäßig wiederkehrenden Sintfluten, die alles durchtränkten. Am Tag nach einem solchen Sturm dampfte die Luft, das Land gurgelte und tropfte, und bei jedem Schritt, der keinen festen Stein traf, quietschte Heide, Moor, Sumpf. Knorrige kleine Wälder in den tiefen Gräben. Aus dem Augenwinkel war ein schneller brauner Fuchs zu sehen, der hinter einen Wacholder flitzte. Vor ihm auf der Flucht, vor etwas anderem? Nicht festzustellen. Das war seine persönliche Angelegenheit. Wellen, die an die Meeresklippen stießen und zurückschlugen, bildeten mit den ankommenden Wellen Interferenzmuster, wie sie direkt aus einem physikalischen Wellentank kommen könnten. So schön — und so merkwürdig, daß die Welt mit der mathematischen Formulierung so übereinstimmte. Die irrationale Wirksamkeit der Mathematik steckte im Herzen des großen Unerklärbaren.

Jeder Sonnenuntergang war anders infolge der Schwebeteilchen in der oberen Atmosphäre. Sie stiegen so hoch auf, daß sie oft von der Sonne bestrahlt wurden, wenn bereits alles andere im großen Schatten der Dämmerung lag. Sax saß oft auf der westlichen Meeresklippe, hingerissen durch den Sonnenuntergang. Und dann blieb er während der Stunde der Dämmerung da und beobachtete, wie sich die Farben des Himmels änderten, wenn der Schatten des Planeten aufstieg, bis der ganze Himmel schwarz war. Danach erschienen bisweilen leuchtende Nachtwolken, dreißig Kilometer .über dem Planeten schwebende breite Streifen, die wie Perlmuttschalen schimmerten.

Der zinnfarbene Himmel eines dunstigen Tages. Der blumige Sonnenuntergang in voller Pracht. Die Wärme der Sonne auf der Haut, friedvoll an einem windstillen späten Nachmittag. Die Wellenmuster unten auf dem Meer. Das Gefühl des Windes und sein Anblick.

Aber einmal, inmitten einer Indigodämmerung unter der funkelnden Schar dicker unscharfer Sterne, wurde ihm unbehaglich. »Die schneeigen Pole des mondlosen Mars«, hatte Tennyson gerade ein paar Jahre vor deren Entdeckung geschrieben. Mondloser Mars. Es war in dieser Stunde gewesen, an der Phobos wie ein Leuchtfeuer über dem westlichen Horizont heraufgeschossen war. Ein Moment von Areophanie, wenn es je eine gegeben hatte. Furcht und Schrecken. Und er, Sax, hatte selbst die Entfernung der Satelliten vollendet. Sie hätten jede auf Deimos errichtete Militärbasis hochjagen können. Was hatte er gedacht? Er konnte sich nicht entsinnen. Ein gewisses Verlangen nach Symmetrie — runter, rauf. Aber Symmetrie war vielleicht eine Eigenschaft, die von Mathematikern mehr geschätzt wurde als von den übrigen Menschen. Hinauf. Irgendwo kreiste Deimos immer noch um die Sonne. »Hmm.« Er schaute auf sein Handgelenk. Eine Menge neuer Kolonien entstanden da draußen. Die Menschen höhlten Asteroiden aus und versetzten sie dann in Rotation, um in ihrem Innern eine Schwerewirkung zu erzielen und dann einzuziehen. Neue Welten.

Ein Wort fiel ihm ins Auge: Pseudophobos. Er schaute nach und las: Inoffizieller Name eines Asteroiden, der dem verlorenen Mond irgendwie nach Größe und Gestalt ähnelte. »Hmmm.« Sax tastete weiter und bekam ein Foto. Nun, die Ähnlichkeit war oberflächlich. Ein dreiachsiges Ellipsoid — aber waren das nicht alle? Die Form einer Kartoffel, die richtige Größe, an einem Ende hart verbeult, ein Krater wie Stickney. Es hatte darin eine hübsche kleine Siedlung dieses Namens gegeben. Was bedeutet ein Name? Man sagt, sie hätten das Pseudo fallen lassen. Einige Massenantriebe und Computer, ein Paar seitliche Düsen... der besondere Moment, da Phobos über den westlichen Horizont emporgeschossen war. »Hmmmmm«, brummte Sax.

Tage und Jahreszeiten vergingen. Sax betrieb Feldstudien und Meteorologie. Die Einwirkung atmosphärischen Drucks auf die Wolkenbildung. Das bedeutete Fahrten rund um die Halbinsel, dann ein Marsch, dann hinaus mit den Ballons und Drachen. Wetterballons waren elegante Gebilde. Instrumentenpackungen von weniger als zehn Gramm wurden von einer sechs Meter großen Hülle emporgehoben und waren so imstande, bis in die Exosphäre aufzusteigen.