»Oder für immer danach«, sagte Sax. »Ja. Du hast recht.«
Michel lachte. »Nun, vielleicht werde ich dann gehen. Wenn es so wird.« Er schüttelte den Kopf. »Eines Tages werden wir alles tun können, was wir wollen, he?«
Die Sonne stach auf sie herunter. Der Wind raschelte über die Grashalme. Jeder Halm hatte einen grünen Lichtstreifen. Michel redete einige Zeit über Maya, erst jammerte er, dann übte er Rücksicht und dann zählte er ihre guten Eigenschaften auf, die sie unentbehrlich und zur Quelle aller Erregung im Leben machten. Sax nickte brav bei jeder Äußerung, ganz gleich, wie sehr sie der zuvor gekommenen widersprach. Es kam ihm vor, als ob er einem Rauschgiftsüchtigen lauschte. Aber so waren die Menschen nun einmal, und er war selbst nicht weit von solchen Widersprüchen entfernt.
Nachdem sich das Schweigen hingezogen hatte, sagte Sax: »Was glaubst du, wie Ann jetzt diese Art Landschaft sieht?«
Michel zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht. Ich habe sie seit Jahren nicht gesehen.«
»Hat sie nicht die Behandlung für Gehirnplastizität bekommen?«
»Nein. Sie ist stur, nicht wahr? Sie will sie selbst bleiben. Aber ich fürchte, in dieser Welt... «
Sax nickte. Wenn man alle Lebenszeichen in der Landschaft als Verunreinigungen ansah, als einen schrecklichen Schimmel, der die reine Schönheit der mineralischen Welt überzog, dann wäre auch das Sauerstoffblau des Himmels betroffen. Es würde einen verrückt machen. Selbst Michel dachte so: »Ich fürchte, sie wird nie geistig gesund sein, nicht wirklich.«
»Ich weiß.«
Andererseits — wer waren sie, daß sie so redeten? War Michel verrückt, weil er von einer Gegend auf einem anderen Planeten fasziniert war oder verliebt in eine sehr schwierige Person? War Sax verrückt, weil er nicht mehr gut sprechen konnte und Schwierigkeiten mit allerhand geistigen Operationen hatte, als Ergebnis eines Schlags und experimentellen Heilungsversuchs? Er glaubte nein, in beiden Fällen. Aber er glaubte fest, daß er durch Hiroko aus einem Sturm gerettet wurde, ganz gleich, was Desmond sagte. Man könnte das als ein Zeichen von — na ja — rein mentalen Ereignissen interpretieren, die eine äußere Realität zu haben schienen. Das wurde oft als ein Symptom von Verrücktheit zitiert, wie sich Sax erinnerte. »Wie jene Leute, die glauben, Hiroko gesehen zu haben«, murmelte er vage, um zu sehen, was Michel sagen würde.
»Ach ja«, sagte Michel. »Magisches Denken ist eine sehr hartnäckige Form des Denkens. Laß dich nie durch deinen Rationalismus blind machen gegenüber der Tatsache, daß unser meistes Denken magischen Charakter hat. Und daß es so oft archetypischen Mustern folgt, wie in Hirokos Fall, der wie die Geschichte von Persephone oder Christus ist. Ich nehme an, wenn jemand auf diese Art stirbt, dann ist der Schock des Verlustes fast unerträglich; und dann erfordert es nur einen trauernden Freund oder Jünger, um vom Verlust der Gegenwart einer Person zu träumen und dann aufzuwachen mit dem Schrei, sie gesehen zu haben. Und binnen einer Woche ist dann jeder überzeugt davon, daß der Prophet wieder da und überhaupt niemals gestorben ist. Und so ist es mit Hiroko, die regelmäßig gesichtet wird.«
Ich habe sie aber wirklich gesehen, wollte Sax sagen. Sie hat meine Hand gepackt.
Aber dennoch war er tief verwirrt. Michels Erklärung ergab Sinn. Und sie paßte sehr gut zu der von Desmond. Diese Männer vermißten Hiroko beide sehr, wie Sax annahm, und waren trotzdem mit der Tatsache ihres Verschwindens und deren wahrscheinlichster Erklärung konfrontiert. Und ungewöhnliche mentale Ereignisse konnten in überaus verständlicher Weise im Streß einer physischen Krise auftreten. Vielleicht hatte er halluziniert. Aber nein — das stimmte nicht. Er konnte sich genau erinnern, wie es geschah, lebendig in jedem Detail!
Aber er stellte fest, daß es ein Fragment war, so wie man sich im Wachen an das Fragment eines Traums erinnert, während sich alles andere mit einem fast greifbaren Strahl wie etwas Glitschiges und schwer Faßbares dem Zugriff entzieht. Zum Beispiel konnte er sich nicht richtig erinnern, was unmittelbar vor Hirokos Erscheinung geschehen war oder danach. Keine Details.
Er schlug nervös die Zähne aufeinander. Es gab offensichtlich alle Arten von Wahnsinn. Ann wanderte für sich allein durch die alte Welt; die übrigen von ihnen stolperten in der neuen Welt herum wie Gespenster, bemüht, das eine oder andere Leben zu konstruieren. Vielleicht stimmte das, was Michel sagte, daß sie nämlich mit ihrer Langlebigkeit nicht zurecht kamen, und daß sie weder wußten, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollten noch, wie man ein Leben aufbaute.
Nun gut — ruhig. Hier waren sie und saßen auf den Meeresklippen von Da Vinci. Es war nicht nötig, sich mit diesen Dingen zu überarbeiten, nicht wirklich. Wie Nanao gesagt hätte: Was fehlt denn jetzt? Sie hatten gut gefrühstückt, waren satt, ihren Durst gelöscht, saßen draußen in Sonne und Wind und sahen zu, wie ein Drache hoch oben in das dunkle Samtblau aufstieg. Alte Freunde, die sich plaudernd auf dem Gras niedergelassen hatten. Was fehlte da jetzt? Seelenfrieden? Nanao hätte gelacht. Die Anwesenheit anderer alter Freunde? Nun, dafür würde es andere Tage geben. Jetzt, in diesem Moment, waren sie zwei alte Waffenbrüder, die auf einer Meeresklippe saßen. Nach all den Jahren des Kampfes konnten sie hier den ganzen Nachmittag sitzen, wenn sie wollten, einen Drachen steigen lassen und reden. Über ihre alten Freunde und das Wetter sprechen. Es hatte eine Menge Ärger gegeben, es würde wieder Ärger geben. Aber jetzt waren sie hier.
»Wie würde John das alles gefallen haben.« sagte Sax zögernd. Es war so schwer, von diesen Dingen zu sprechen. »Ich frage mich, ob er es geschafft hätte, daß Ann sich das ansieht. Nicht so, wie ich das sehe. Es ist einfach, es zu sehen, als wäre es etwas Gutes. Sehen, wie schön es auf seine eigene Art ist. An und für sich und die Art, wie es sich selbst organisiert. Wir versuchen jetzt, es in die eine oder andere Richtung zu drängen, aber die gesamte Biosphäre — organisiert sich selbst. Daran ist nichts unnatürlich.«
»Nun...«, wandte Michel ein.
»Das ist es nicht! Wir können herumfummeln, wie wir wollen. Wir sind aber nur wie der Zauberlehrling. Es hat alles ein eigenes Leben angenommen.«
»Aber das Leben, das es zuvor hatte. Das ist es, was Ann so verehrt. Das Leben der Felsen und des Eises.«
»Leben?« fragte Sax.
»Irgendeine Art träger mineralischer Existenz. Nenne es, wie du willst. Eine Areophanie in Stein. Übrigens, wer sagt, daß diese Steine nicht ihre eigene Art langsamen Bewußtseins haben?«
»Ich denke, Bewußtsein hat mit Gehirn zu tun«, erwiderte Sax steif.
»Vielleicht, aber wer kann das sagen? Und wenn nicht Bewußtsein so, wie wir es definieren, dann zumindest Existenz. Ein Wert an sich, einfach, weil etwas existiert.«
»Das ist ein Wert, den es noch hat.« Sax hob einen Stein von der Größe eines Baseballs auf. Breccienartiger Auswurf, dem Aussehen nach zu urteilen. Ein Schotterkegel. So alltäglich wie Dreck, sogar eigentlich noch häufiger als Dreck. Er betrachtete ihn genau. Hallo, Stein! Was denkst du? »Ich meine, das ist doch alles noch hier.«
»Aber es ist nicht dasselbe.«
»Nichts ist immer dasselbe. Von Moment zu Moment ändert sich alles. Was mineralisches Bewußtsein angeht, so ist das für mich zu mystisch. Nicht, daß ich grundsätzlich ein Gegner allen Mystizismus wäre, aber dennoch... «
Michel lachte. »Sax, du hast dich mächtig verändert, bist aber immer noch Sax.«
»Das möchte ich auch hoffen. Aber ich glaube, daß Ann auch keine Mystikerin ist.«
»Was dann?«
»Ich weiß nicht. Ich weiß nicht. Eine so... so reine Wissenschaftlerin, daß sie es nicht verträgt, wenn die Daten verunreinigt werden? Ich nehme an, das ist eine etwas komische Art, es zu formulieren. Eine Scheu vor den Phänomenen. Weißt du, was ich damit meine? Verehrung dessen, was ist. Damit leben und es verehren, aber nicht versuchen, es zu verändern und zu beschmutzen, zu zerstören. Ich weiß nicht. Aber ich möchte wissen.«