»Du willst immer wissen.«
»Richtig. Aber dies möchte ich mehr wissen als die meisten anderen Dinge. Mehr als alles, das ich mir ausdenken kann. Gewiß!«
»Ach, Sax! Ich verlange nach der Provence, du verlangst nach Ann.« Michel grinste. »Wir sind beide verrückt! «
Sie lachten. Photonen regneten auf ihre Haut. Das meiste Licht schoß durch sie hindurch. Hier waren sie, transparent für die Welt.
ZEHNTER TEIL
Wertewandel
Es war nach Mitternacht, und die Büros waren still. Der Chefberater ging zum Samowar und teilte Kaffee in kleinen Tassen aus. Drei seiner Kollegen standen um einen Tisch herum, der mit Handschirmen bedeckt war.
Vom Samowar her sagte der Chefberater. »Also werden Kugeln aus Deuterium und Helium eine nach der anderen von eurer Laserapparatur getroffen. Sie implodieren, und es kommt zur Fusion. Die Temperatur bei der Zündung beträgt siebenhundert Millionen Kelvin; aber das geht in Ordnung, denn es ist eine lokale Temperatur und sehr kurzlebig.«
»Eine Sache von Nanosekunden.«
»Gut. Ich finde das angenehm. Und dann, okay, wird die resultierende Energie nur in Form geladener Partikel abgegeben, so daß sie durch eure elektromagnetischen Felder ganz zusammengehalten werden kann. Es gibt keine Neutronen, die nach vorn fliegen und eure Passagiere rösten. Die Felder dienen als Schild und Stoßplatte und auch als Sammelsystem zur Versorgung der Laser. Alle geladenen Partikel werden nach hinten ausgestoßen, wobei sie euren gewinkelten Spiegelapparat passieren, welcher der Türbogen für die Laser ist. Und beim Durchgang werden die Fusionsprodukte parallel gerichtet.«
»Das ist richtig. Das ist der wichtigste Teil«, sagte der Ingenieur.
»Sehr nett. Wieviel Treibstoff verbraucht er?«
»Wenn man eine Beschleunigung entsprechend der Marsschwere haben will, das sind 3,73 Meter pro Sekunde im Quadrat, und ein Schiff von tausend Tonnen annimmt, 350 t für die Menschen und das Schiff sowie fünfundsechzig für Apparatur und Treibstoff, dann muß man 373 Gramm in der Sekunde verbrauchen.«
»Ka, das summiert sich recht schnell.«
»Es sind ungefähr 30 t täglich, ergibt aber auch eine sehr hohe Beschleunigung. Die Reisen dauern nicht lange.«
»Und wie groß sind diese Kugeln?«
»Radius 1 Zentimeter, Masse 29 Gramm«, erklärte der Physiker. »Also verbrauchen wir davon 1290 in der Sekunde. Das sollte den Passagieren im Schiff ein angenehmes Gefühl gleichmäßiger Schwerkraft geben.«
»Das möchte ich auch annehmen. Aber ist Helium3 nicht etwas rar?«
»Ein Galilei-Kollektiv hat es aus der oberen Atmosphäre des Jupiter besorgt«, sagte der Ingenieur. »Und sie könnten diese Oberflächensammlung auch auf Luna anwenden, obwohl das nicht besonders gut funktioniert hat. Aber der Jupiter hat alles, was wir benötigen.«
»Also wird das Schiff fünfhundert Passagiere befördern.«
»Das legen wir unseren Berechnungen zugrunde. Es könnte natürlich angepaßt werden.«
»Ihr beschleunigt auf der halben Strecke bis zum Ziel, wendet das Schiff und bremst während der zweiten Hälfte der Reise.«
Der Physiker schüttelte den Kopf. »Aufkurzen Reisen ja, auf längeren nein. Man braucht nur ein paar Tage zu beschleunigen, um recht schnell zu werden. Auf längeren Strecken könnte man antriebslos fahren, um Treibstoff zu sparen.«
Der Chefberater nickte und gab den anderen die vollen Tassen. Sie tranken.
»Reisezeiten werden sich radikal ändern. Drei Wochen vom Mars zum Uranus«, sagte die Mathematikerin. »Zehn Tage vom Mars zum Jupiter. Vom Mars zur Erde drei Tage. Drei Tage!« Sie schaute die anderen mißbilligend an. »Dadurch wird das Sonnensystem zu etwas Ahnlichem gemacht wie Europa im neunzehnten Jahrhundert. Eisenbahnreisen, Ozeanriesen.«
Die anderen nickten. »Jetzt sind wir Nachbarn der Bewohner auf Merkur, Uranus oder Pluto«, sagte der Ingenieur.
Der Chefberater zuckte die Achseln. »Oder auch gleich Alpha Centauri. Lassen wir uns deswegen keine grauen Haare wachsen! Kontakt ist etwas Gutes. Immer nur Fühlung nehmen, sagt der Dichter. Bloß Fühlung nehmen. Nun werden wir die Vergeltung zu fühlen bekommen.« Er hob seine Tasse. »Prosit!«
Nirgal verfiel in einen Rhythmus und behielt ihn alle Tage bei. Lung-gom-pa. Die Religion des Gehens als Meditation oder Gebet. Zazen, ka zen. Ein Teil der Areophanie. Wie die Schwere auf dem Mars ein integrierender Teil davon war. Was der menschliche Körper in zwei Fünfteln des Andrucks, in dem er sich entwickelt hatte, zu leisten vermochte, war eine Euphorie der Anstrengung. Man bewegte sich als Pilger, halb Verehrer und halb Gott.
Eine Religion, die in diesen Tagen wenige Anhänger hatte, die einsam vor sich hingingen. Manchmal gab es organisierte Rennen und Läufe. Sich durch das Labyrinth schlängeln, Chaoskriechen, Transmarineris, die Weltumrunder. Und dazwischen die tägliche Disziplin. Eine Aktivität ohne Zweck. Kunst um der Kunst willen. Für Nirgal war es die Verehrung des Augenblicks oder Meditation oder Vergessen. Sein Geist wanderte, konzentrierte sich im Körper oder auf die Strecke oder wurde leer. In diesem Moment lief er nach Musik: Bach, dann Bruckner und dann Bonnie Tyndall, ein Neoklassizist von Elysium, dessen Musik dahinströmte wie der Tag selbst. Großartige Akkorde verlagerten sich in gleichmäßiger interner Modulation, irgendwie Bach oder Bruckner ähnlich, aber langsamer und ruhiger, unerbittlicher und großartiger. Eine gute Musik, um dazu zu gehen, auch wenn er sie über Stunden nicht bewußt hörte. Er setzte bloß einen Fuß vor den anderen.
Es kam die Zeit für die Weltumrunder, die bei jedem zweiten Perihel begann. Die Wettbewerbsteilnehmer liefen von Sheffield aus nach Osten oder Westen um die Welt ohne Handy oder andere Navigationshilfen, nur auf ihre Sinne angewiesen und mit kleinen Beuteln voll Nahrung, Getränken und Kleidung ausgerüstet. Sie durften jede Route wählen, die innerhalb von zwanzig Grad vom Äquator verlief (man verfolgte sie per Satellit und disqualifizierte sie, wenn sie die Äquatorzone verließen). Alle Brücken waren erlaubt, einschließlich der großen Gangesbrücke, die Routen sowohl westlich als auch südlich von Marineris gestattete und fast ebenso viele gangbare Routen erzeugte, wie es Teilnehmer gab. Nirgal hatte den Wettbewerb in fünf der neun bisherigen Rennen gewonnen und das eher wegen seines Geschicks, Routen zu finden als wegen seiner Schnelligkeit. Der ›Nirgalweg‹ wurde von vielen Geländeläufern als eine Art mystischer Leistung angesehen, voll Extravaganz, die der Intuition zuwiderlief. Bei den letzten Rennen hatte er Verfolger auf seinen Spuren gehabt, die ihn am Ende zu überholen gedachten. Aber er wählte jedes Jahr eine andere Route und traf oft eine Wahl, die so katastrophal aussah, daß einige seiner Verfolger aufgaben und sich in mehr Erfolg versprechende Richtungen wandten. Andere konnten während der zweihundert Tage der Umrundung, die über 21000 Kilometer führte, das Tempo nicht halten. Das erforderte echte Langstreckenkondition. Man mußte sie zu einer Lebensweise erheben und jeden Tag laufen.