Aber nein. Das Tier verschwand mit seiner Beute und hinterließ nur einen schwankenden Farn.
Nirgal lief weiter. Der Tag war dunkler, als der Wolkenschatten erklären konnte, eine bösartige Düsterkeit. Er mußte auf den Weg achten. Licht flimmerte durch die Schatten. Weiß stach durch Grün. Jäger und Gejagter. Von Eis gesäumte Teiche im Dunkel. Moos auf Rinde, Farngestalten im Augenwinkel. Hier ein Haufen borstiger Tannenzapfen, dort eine Grube mit Flugsand. Der Tag war kühl, die Nacht würde kalt werden.
Er lief den ganzen Tag. Sein Rucksack stieß gegen seinen Rücken, er barg fast nichts mehr zu essen. Er war froh, sich seinem nächsten Versteck zu nähern. Manchmal nahm er beim Laufen nur eine Handvoll Müsliriegel mit und lebte aus der Natur, so gut er konnte, sammelte Pinienkerne und fischte. Aber auf solchen Ausflügen war er gezwungen den halben Tag mit der Suche nach Nahrung verbringen; und viel war nicht zu finden. Wenn die Fische anbissen, war ein See ein unglaubliches Füllhorn. Seevölker. Aber bei diesem Lauf ging er mit aller Gewalt von Versteck zu Versteck, aß sieben- oder achttausend Kalorien am Tag und war dennoch abends heißhungrig. Als er zu dem kleinen Trockental kam, das sein nächstes Depot barg, und entdeckte, daß dessen Seitenwand bei einem Erdrutsch zusammengebrochen war, brüllte er vor Enttäuschung und Wut. Er grub sogar etwas in dem Haufen aus losen Steinen. Es war kein großer Bergrutsch gewesen. Aber einige Tonnen würde man entfernen müssen. Keine Chance. Er würde einen scharfen Lauf durch Ophir zum nächsten Depot durchstehen müssen und würde Hunger haben. Er brach in dem Moment auf, da er das erkannte, in der Hoffnung, Zeit zu gewinnen.
Er sah sich beim Laufen nach eßbaren Dingen um — Pinienzapfen, Wiesenzwiebel, irgend etwas. Er aß sehr langsam die in seinem Pack übrig gebliebene Nahrung und kaute sie, so lange er konnte. Er versuchte, sich einzubilden, dadurch ihren Nährwert zu erhöhen. Er genoß jeden Bissen. Der Hunger hielt ihn einen Teil jeder Nacht wach, obwohl er in den Stunden vor der Dämmerung fest durchschlief.
Am dritten Tag dieses unerwarteten Hungerlaufs kam er südlich von Juventa Chasma aus dem Wald heraus, in ein Land, das von dem vorzeitlichen Ausbruch des Juventa-Wasserreservoirs zerklüftet war. Es war eine schwere Arbeit, sich durch dieses Land in einer klaren Linie einen Weg zu bahnen; und er war hungriger, als er sich erinnern konnte, jemals gewesen zu sein. Und sein nächstes Depot war noch zwei Tage entfernt. Sein Körper hatte alle seine Fettreserven aufgezehrt, oder es kam ihm so vor, und nährte sich jetzt von den Muskeln selbst. Dieser Autokannibalismus gab jedem Objekt eine scharfe Kante, getönt von etwas Gloriosem. Das Weiße schimmerte aus Dingen heraus, als ob die Realität selbst durchscheinend würde. Bald nach diesem Stadium würde, wie er aus ähnlichen früheren Erfahrungen wußte, der Zustand des lung-gom-pa zu neuen Halluzinationen führen. In den Augen hatte er schon verschiedene kriechende Würmer und schwarze Flecken und Kreise aus kleinen blauen Pilzen und dann grüne eidechsenartige Wesen, die im Sand dahintrippelten, direkt vor seinen verschwommen Füßen — stundenlang hintereinander.
Er brauchte alle Konzentration, die er aufbringen konnte, um sich in dem zerklüfteten Land zurecht zu finden. Er beobachtete das Gestein unter seinen Füßen und das Land voraus gleichermaßen, den Kopf rauf und runter und wieder rauf und runter, in einer zappelnden Bewegung, die mit seinen Gedanken wenig zu tun hatte, die in einem völlig anderen Rhythmus über nah und fern schweiften. Das Juventa-Chaos unten zu seiner Rechten war eine flache, wirre Senke, über die er auf einen fernen Horizont blicken konnte. Es war, als ob man in eine große, zertrümmerte Schüssel blickte. Das Land vor ihm war uneben, Gruben und Hügel bedeckt mit Steinblöcken und Treibsand, die Schatten zu dunkel und die von der Sonne beschienenen Stellen zu grell. Dunkel und doch blendend. Es war wieder kurz vor Sonnenuntergang, und seine Pupillen wurden vom Licht gequält. Er kam an eine alte Dünenflanke und rutschte über den Sand und das Geröll hinunter, ein traumhafter Abstieg — links, rechts, links. Jeder Schritt führte ihn ein paar Meter abwärts. Seine von Sand und Geröll gepolsterten Füße rutschten im Schüttungswinkel nach unten. Man konnte sich gar zu leicht daran gewöhnen. Wieder auf flachem Boden, war es anstrengend, wieder zum nicht gestützten Jogging überzugehen, und die nächste kleine Steigung war verheerend. Er hätte sich bald nach einem Lagerplatz umsehen sollen, vielleicht in der nächsten Senke oder auf dem nächsten sandigen und ebenen Fleck bei einer Steinbank. Er war am Verhungern, schwach durch den Nahrungsmangel und hatte nichts in seinem Rucksack außer einigen früher am Tag ausgerissenen Wiesenzwiebeln. Aber die starke Ermüdung würde helfen. Er würde in Schlaf sinken, ganz gleich, was geschah. Erschöpfung schlägt den Hunger immer.
Er stolperte durch eine flache Senke, über einen Buckel, zwischen zwei hausgroße Felsblöcke. Dann plötzlich stand in einem Blitz von Weiß eine nackte Frau vor ihm und schwenkte einen grünen Schal. Er blieb abrupt stehen, taumelte, durch ihren Anblick verwirrt, und kam dann zu dem Schluß, daß die Halluzinationen so weit außer Kontrolle geraten waren. Aber da stand sie, so lebhaft wie eine Flamme. Blutige Striemen besudelten ihre Brüste und Beine, und sie schwenkte schweigend den Schal. Dann rannten andere menschliche Gestalten hinter ihr her und über den nächsten kleinen Buckel. Sie gingen, wie es schien, in die Richtung, in die sie deutete. Sie schaute Nirgal an und wies nach Süden, als ob sie ihm auch die Richtung wiese, und dann lief sie weiter.
Ihr schlanker weißer Körper schwebte dahin wie etwas, das man in mehr als drei Dimensionen erblickt, starker Rücken, lange Beine, rundes Gesäß, schon weit entfernt, und der grüne Schal flog in diese und jene Richtung, wenn sie ihn zum Zeigen benutzte.
Plötzlich erblickte er vor sich drei Antilopen, die sich über einen kleinen Hügel nach Westen bewegten und durch die tiefstehende Sonne als Silhouetten erschienen. Ah — Jäger. Die Antilopen wurden von den Menschen nach Westen getrieben, die sich in einem Bogen hinter ihnen angeordnet hatten und von Felsblöcken aus Schärpen schwenkten. Alles schweigend, als ob jeder Laut aus der Welt verschwunden wäre. Kein Wind, keine Rufe. Für einen Moment, als die Antilopen auf dem Hügel standen, hörten alle auf, sich zu bewegen. Alle waren wachsam und still. Jäger und das Gejagte waren, zugleich eingefroren in einem Bild, das Nirgal erstarren ließ. Er scheute sich zu blinzeln aus Angst, daß die ganze Szene verschwinden könnte.
Der Antilopenbock bewegte sich und zerstörte das Bild. Er wackelte vorsichtig Schritt für Schritt nach vorn. Die Frau mit dem grünen Schal ging aufrecht und offen hinter ihm her. Die anderen Jäger kamen ruckartig in Sicht und tauchten wieder weg. Sie bewegten sich wie Finken von einer erstarrten Position zur nächsten. Sie waren barfuß und trugen Lendentücher oder Trikothemden. Einige hatten Gesichter und Rücken rot, braun oder ockerfarben bemalt.
Nirgal folgte ihnen. Sie schwenkten, und er fand . sich an ihrem linken Flügel, als sie sich nach Westen bewegten. Das erwies sich als glücklich, da der Antilopenbock nach seiner Seite auszubrechen suchte und Nirgal in der Position war, ihm mit wildem Händerudern in den Weg zu springen. Dann machten die drei Antilopen gleichzeitig kehrt und preschten wieder nach Westen. Der Jägertrupp folgte. Sie liefen schneller als Nirgal bei höchster Geschwindigkeit und behielten die Bogenformation bei. Nirgal hatte Mühe, wenigstens in Sichtweite zu bleiben. Sie waren sehr schnell, barfüßig oder nicht. Man konnte sie bei den langen Schatten kaum sehen, und sie rannten lautlos. Auf dem anderen Flügel des Bogens stieß jemand einen Schrei aus, und das war der einzige Ton, den sie von sich gaben, mit Ausnahme des Quietschens und Rumpeins von Sand und Geröll und dem scharfen Atmen ihrer Kehlen. Sie liefen dahin, mal sichtbar und mal nicht. Die Antilopen hielten ihre Distanz in kurzen gleichmäßigen Sprüngen bei. Kein Mensch würde sie je erreichen. Nirgal rannte schwer keuchend hinter der Jagd her. Voraus sichtete er wieder die Beute. Ah, die Antilopen waren stehengeblieben. Sie waren an den Rand einer Klippe gekommen. Er sah die Lücke und die gegenüberliegende Kante. Ein flacher Graben, aus dem die Wipfel von Kiefern herausragten. Hatten die Antilopen gewußt, daß das da war? Waren sie mit dieser Gegend vertraut? Der Canyon war aus ein paar hundert Metern nicht zu sehen gewesen.