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Aber vielleicht kannten sie die Stelle; denn mit dem reinen Fluß animalischer Grazie trabten sie halb, halb sprangen sie längs des Klippenrandes zu einer kleinen Einbuchtung. Diese erwies sich als höchste Stelle einer steilen Schlucht, aus der Geröll auf den Boden des Caynons hinunterkollerte. Als die Antilopen in diese Schlucht abstiegen, eilten alle Jäger an die Kante und sahen zu, wie die drei Tiere in einer erstaunlichen Entfaltung von Kraft und Gleichgewichtsgefühl mit enormen Sprüngen hinunterliefen. Ein Jäger heulte: »Ohhhhh«; und bei diesem Schrei rannten alle Jäger kreischend und grunzend hinüber zum Kopf der Schlucht. Nirgal gesellte sich zu den anderen, ließ sich über den Rand fallen; und dann verfielen alle in einen verrückten Abstieg mit Gepolter und Sprüngen. Und obwohl Nirgals Beine weich waren, kamen ihm jetzt seine endlosen Tage von Lung-gom zustatten; denn er überholte die meisten anderen, wenn er von Felsblöcken sprang und kleine Strecken auf rutschender Erde hinunterschlitterte. Er machte große verzweifelte Sprünge und hielt Balance, wie jeder andere auf den Moment konzentriert, um ohne bösen Sturz rasch nach unten zu gelangen.

Erst als er glücklich auf dem Boden des Canyons angelangt war, schaute Nirgal wieder hoch und sah, daß der Canyon von dem Wald gefüllt war, den er von oben kaum bemerkt hatte. Bäume standen hoch über einem von Nadeln bedeckten Boden aus Altschnee. Große Föhren und Fichten, und weiter aufwärts im Süden massive Stämme von Riesensequoien, großen Bäumen, die so gigantisch waren, daß der Canyon plötzlich nicht mehr tief wirkte, obwohl der Abstieg einige Zeit gedauert hatte. Es waren die Baumwipfel, die über den Canyonrand geragt hatten. Gigantische Sequoien, gentechnisch behandelt, die zweihundert Meter hoch waren und wie große, stille Heilige ihre Arme in einem weiten Kreis über Tochterbäume ausbreiteten, über die Föhren und Fichten, die dünnen Schneeflecken und die braunen Nadelbetten.

Die Antilopen waren in diesem urtümlichen Wald im Canyon in südlicher Richtung nach oben gelaufen; und mit fröhlichem Gebrüll folgten ihnen die Jäger, indem sie von einem Baumstamm zum anderen rannten. Die mächtigen Zylinder rissiger roter Borke ließen alles andere zwergenhaft erscheinen. Sie sahen alle aus wie kleine Tiere, wie Mäuse, die in dem schwindenden Licht über einen beschneiten Waldboden sprangen. Nirgal kribbelte die Haut am Rücken und den Flanken. Er stand von dem Abstieg in die Schlucht immer noch unter Adrenalin. Er keuchte, und ihm war schwindelig. Es war klar, daß sie die Antilopen nicht fangen würden. Er wußte nicht, was sie vorhatten. Dennoch rannte er zwischen den riesigen Bäumen dahin und folgte den führenden Jägern. Die Jagd an sich war alles, was er begehrte.

Dann wurden die Sequoia-Türme spärlicher, wie am Ende eines Wolkenkratzerviertels, bis nur noch ein paar übrig waren. Und als er zwischen den Stämmen der letzten Ungetüme hinsah, machte Nirgal wieder kurz halt. Auf der anderen Seite der schmalen Lichtung war der Canyon durch eine Mauer aus Wasser versperrt. Eine wahre Wand aus Wasser füllte den Canyon bis zum Rand und hing über ihnen als eine glatte, transparente Masse.

Ein Staudamm. Man hatte kürzlich angefangen, sie aus durchsichtigen Folien aus Diamantengittern zu bauen, die in ein Betonfundament eingelassen waren. Nirgal sah, wie dies hier an beiden Canyonwänden nach unten verlief und quer über den Boden des Canyons als eine dicke weiße Linie.

Die Wassermasse stand über ihnen wie die Seite eines großen Aquariums, trübe in Nähe des Bodens, wo Wasserpflanzen im dunklen Schlamm schwebten. Darüber huschte ein silberner Fisch, groß wie eine Antilope, zu der klaren Wand und zog sich dann in kristallische Tiefen zurück.

Die drei Antilopen sprangen vor dieser Barriere nervös vor und zurück. Ricke und Kitz folgten den raschen Wendungen des Bocks. Als die Jäger ihnen nahe kamen, stob der Bock plötzlich davon und krachte mit einem starken Schwung seines ganzen Körpers gegen die Wand. Sein Geweih war messerscharf. Bums — Nirgal erstarrte in Angst. Alle hielten bei dieser wilden Geste, die geradezu menschlich hätte sein können, inne. Aber der Bock prallte zurück und torkelte. Dann wandte er sich um und griff sie an. Bolakugeln wirbelten durch die Luft, die Leine wickelte sich dicht über dem Fesselgelenk um seine Beine, und er stürzte nach vorn zu Boden. Einige Jäger drängten sich um ihn; andere erlegten Ricke und Kitz mit einem Hagel aus Steinen und Speeren. Ein schriller Schrei brach jäh ab. Nirgal sah, wie die Kehle der Ricke durch ein Messer mit Obsidianklinge durchschnitten wurde. Das Blut strömte dicht beim Fundament des Damms in den Sand. Der große Fisch schwamm oben vorbei und schaute auf sie herunter.

Die Frau mit dem grünen Schal war nirgends zu sehen. Ein anderer Jäger, der nur mit Halsschmuck bekleidet war, legte den Kopf zurück und stieß ein Geheul aus, wodurch er die seltsame Stille, in der die Tat geschehen war, zerstörte. Er tanzte im Kreis, lief dann an die klare Wand des Damms und schleuderte seinen Speer dagegen. Der Speer prallte ab. Der jubelnde Jäger lief hin und schlug mit der Faust gegen die durchsichtige, harte Membran.

Eine Jägerin mit blutigen Händen wandte den Kopf und warf dem Mann einen verächtlichen Blick zu. Sie sagte: »Hör auf, hier den Narren zu spielen!«

Der Speerwerfer lachte. »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Diese Dämme sind hundertmal stärker, als sie sein müßten.«

Die Frau schüttelte mißmutig den Kopf. »Es ist dämlich, das Schicksal herauszufordern.«

»Es ist erstaunlich, wieviel Aberglaube noch in ängstlichen Gemütern überlebt.«

»Du bist ein Tor«, erwiderte die Frau. »Glück ist ebenso real wie alles andere.«

»Glück! Schicksal! Ka.« Der Speerwerfer hob seinen Speer auf und schleuderte ihn wieder gegen den Damm. Er prallte zurück und verletzte ihn fast. Er lachte wild und sagte: »Was für ein Glück. Das Schicksal begünstigt den Mutigen, nicht?«

»Mistkerl! Zeig etwas Respekt!«

Der Mann lachte heiser. »Alle Ehre diesem Bock, der so gegen die Wand gekracht ist!«

Die anderen ignorierten die beiden und waren damit beschäftigt, die Tiere zu zerlegen. »Vielen Dank, Bruder! Vielen Dank, Schwester!« Nirgals Hand zitterte beim Zusehen. Er roch das Blut und sein Speichel floß sofort. Haufen von Eingeweiden dampften in der kühlen Luft. Magnesiumstangen wurden aus den Gürteltaschen geholt und ausgezogen. Die enthaupteten Antilopen wurden mit den Beinen daran gebunden. Jäger an den Enden der Stangen hoben die toten Körper auf die Schulter.

Die Frau mit den blutigen Händen schrie den Speerwerfer an: »Du solltest lieber beim Tragen helfen, wenn du etwas davon essen willst.«

»Halts Maul!« Aber er half, das Vorderende des Bocks zu tragen.

»Komm mit!« sagte die Frau zu Nirgal; und dann eilten sie über den Canyonboden nach Westen, zwischen der großen Wassermauer und der letzten der mächtigen Sequoien hindurch. Nirgal folgte mit knurrendem Magen.

Die Westwand des Canyons war mit Petroglyphen versehen: Tiere, Lingams, Yonis, Handabdrücke, Kometen und Raumschiffe, geometrische Figuren, der bucklige Flötenspieler Kokopeli — alle im Halbdunkel und kaum sichtbar. In die Klippe war eine Treppe eingelegt, die einem fast vollkommenen Z aus Leisten folgte. Wieder Übergang in den Bergauf-Rhythmus. Der Magen zehrte von innen an ihm, und der Kopf schwindelte. Eine schwarze Antilope reckte sich neben ihm über dem Felsen.