Oben standen ein paar Sequoias isoliert auf der Kante des Canyons. Als sie den Rand erreichten und wieder in das letzte Licht des Sonnenuntergangs kamen, sah er, daß diese Bäume einen Kreis bildeten, neun Bäume in einem rohen hölzernen Stonehenge mit einer großen Feuergrube im Zentrum.
Die Schar betrat den Kreis und schickte sich an, ein Feuer zu machen. Sie zogen den Antilopen das Fell ab und schnitten große Fleischstücke aus den Schenkeln. Nirgal schaute zu. Seine Beine zitterten wie auf einer Nähmaschine, und sein Mund wässerte wie ein Springbrunnen. Er schluckte immer wieder, als er den Saft des bratenden Fleisches roch, während Rauch zu den frühen Sternen aufstieg. Das Licht des Feuers wölbte sich wie eine Blase in die düstere Dämmerung und verwandelte den Baumkreis in ein flackerndes Zimmer ohne Dach. Das vor den Nadeln flimmernde Licht war, als sähe man die Kapillaren eines durchbluteten Raumes. Einige Bäume hatten um ihre Stämme hölzerne Wendeltreppen bis hinauf in die Äste. Hoch über ihnen wurden Lampen angezündet, und Stimmen wie von Lerchen erklangen zwischen den Sternen.
Drei von vieren der Jäger sammelten sich um ihn und boten Fladenbrot an, das nach Gerste schmeckte, und einen scharfen Schnaps aus Tonkrügen. Sie erzählten ihm, daß sie den Sequoienkreis vor ein paar Jahren gefunden hätten.
Nirgal schaute sich um und fragte: »Was ist mit der... Anführerin der Jagd geschehen?«
»Oh, die Diana kann heute nacht nicht mit uns schlafen.«
»Wenn sie nicht scharf ist, hat sie keine Lust.«
»O doch! Du kennst doch Zo. Die hat immer einen Grund.«
Sie lachten und rückten näher an das Feuer. Eine Frau stocherte nach einem angekohlten Stück Fleisch und schwenkte es am Stock, damit es abkühlte. »Ich esse alles von dir, kleine Schwester.« Dann biß sie hinein.
Nirgal aß mit ihnen, dem feuchtheißen Geschmack des Fleisches hingegeben. Er kaute kräftig und verschlang die Nahrung. Sein Körper brummte immer noch vor bebendem, benommenem Hunger. Essen! Essen!
Sein zweites Stück aß er langsamer und beobachtete die anderen. Sein Magen füllte sich rasch. Er dachte an den Abstieg die Schlucht hinunter zurück. Es war erstaunlich, wozu der Körper, wenn man ihn forderte, imstande war. Das war eine Erfahrung außerhalb des Körpers gewesen oder vielmehr soweit im Innern des Körpers, daß es ähnlich der Bewußtlosigkeit gewesen war, die vermutlich tief in das Kleinhirn eindrang, in jenes uralte Unterbewußtsein, das genau wußte, wie man zu handeln hatte. Ein Zustand der Gnade.
Ein harziger Ast spie Flammen aus der Glut. Nirgals Sehvermögen hatte sich noch nicht wieder beruhigt. Die Dinge hüpften und verschwammen mit Nachbildern. Der Speerwerfer und ein anderer Mann traten zu ihm. »Hier, trink das!« und hielten ihm einen ledernen Behälter an die Lippen. Sie lachten, als er etwas bittere Milch in den Mund bekam.- »Nimm etwas von dem weißen Bruder, Bruder!« Ein paar von den Leuten ergriffen Steine und schlugen sie rhythmisch gegeneinander. Einige tanzten um den Scheiterhaufen, heulten, rezitierten und sangen. Von Baß bis Diskant alles durcheinander: »Auqakuh, Quahira, Harmakhis, Kasei, Auqakuh, Mangala, Ma’adim, Bahram.« Nirgal tanzte mit ihnen. Seine Erschöpfung war gebannt. Es war eine kalte Nacht, und man konnte sich auf das Feuer zu oder von ihm fort bewegen, seine Strahlung auf kühler nackter Haut fühlen und sich wieder in die Kälte zurückziehen. Als alle heiß und verschwitzt waren, gingen sie in die Nacht hinaus und stolperten wieder auf den Canyon zu, nach Süden dem Rand entlang. Eine Hand packte Nirgals Arm; und es sah so aus, als wäre diese Diana wieder neben ihm, hell im Dunkel. Aber es war zu dunkel, um etwas zu erkennen. Und dann planschten sie in das Wasser des Reservoirs. Schrecklich kalt, untertauchen, hüftentief Schlamm und Sand, herzlähmend kalt. Dann aufstehen, hinauswaten, alle Sinne wild pulsierend, nach Luft schnappen, lachen. Eine Hand an seinem Fußgelenk und wieder hinunter, mit dem Gesicht voran in das seichte Wasser. Lachen. Durch das dunkle Naß, frierend, mit den Zehen klappernd, »Au! Au!« und wieder in den Baumkreis, in die Wärme. Durchnäßt tanzten sie wieder, mit ausgestreckten Händen an die Hitze des Feuers gedrängt, umarmten sie seinen Glanz. Alle Körper im Feuerschein gerötet, die Sequoia-Nadeln blitzten auf vor den Nadelspitzen der Sterne und die Tänzer hüpften im Rhythmus der Steintrommeln.
Als sie sich wieder aufgewärmt hatten und das Feuer herunterbrannte, führten sie ihn zu einer der Sequoiatreppen. Auf den mächtigen Zweigen des Baums waren kleine niedrige Schlafplattformen angebracht. Mit niedrigen Wänden und zum Himmel hin offen. Die Fußböden schwankten leicht in einer kalten Brise, die die tiefen, zarten Choralstimmen des Baumes geweckt hatte. Nirgal wurde auf der höchsten Plattform alleingelassen. Er packte sein Bettzeug aus und legte sich hin. Beim Chor des Windes in den Sequioia-Nadeln fiel er rasch in Schlaf.
In der Morgendämmerung erwachte er plötzlich. Er setzte sich an der Wand seiner Plattform auf, überrascht, daß der ganze Abend sich nicht als Traum erwiesen hatte. Er schaute über die Kante: Der Boden war sehr weit unten. Er saß wie im Krähennest eines riesigen Schiffs und rief eine blasse Erinnerung an sein hohes Bambuszimmer in Zygote wach; aber hier war alles sehr viel größer — die Sternenkuppel des Himmels, die entfernte, gezackte schwarze Linie des Horizonts. Das ganze Land war eine zerknitterte dunkle Decke, in die das Wasser des Reservoirs wie ein silberner Schnörkel eingefügt lag.
Er machte sich auf den Weg die Treppe hinunter. Es waren vierhundert Stufen. Der Baum war vielleicht 150 Meter hoch und stand über dem Abfall der 150 Meter hohen Canyonklippe. In der Zeit vor Sonnenaufgang sah er auf den Wall hinab, über den sie die Antilopen zu treiben versucht hatten, betrachtete den Steilhang, den sie hinunter geprescht waren und den klaren Damm dahinter.
Er ging zurück zur Baumgruppe. Einige Jäger waren jetzt auf. Sie bemühten sich, das Feuer wieder anzumachen und erschauerten in der Dämmerkälte. Nirgal fragte sie, ob sie an diesem Tag weiterziehen würden. Das war der Fall. Nach Norden durch das Juventa-Chaos und dann weiter zum südwestlichen Ufer des Chryse-Golfs. Danach wußten sie noch nicht.
Nirgal fragte, ob er eine Weile bei ihnen bleiben könne. Sie sahen überrascht aus, musterten ihn und sprachen untereinander in einer Sprache, die er nicht erkannte. Ja, er wollte die Diana wiedersehen. Aber es war noch mehr als das. Nichts in seinem Lung-gom-pa war so gewesen wie jene letzte halbe Stunde der Jagd.
Natürlich hatte sein Lauf die Bühne für das Erlebnis bereitet, genau wie der Hunger und die Erschöpfung. Aber dann war etwas Neues geschehen. Beschneiter Waldboden, die Verfolgung zwischen den urtümlichen Bäumen, das Rennen in die Schlucht hinunter, die Szene unten am Damm.
Die Frühaufsteher nickten ihm zu. Er konnte mitkommen.
Diesen ganzen Tag marschierten sie auf einem komplizierten Pfad durch das Juventa-Chaos nach Norden. Am Abend kamen sie zu einer kleinen Mesa, deren ganze Kappe von einem Obstgarten mit Apfelbäumen eingenommen wurde. Eine Rampe führte dort hinauf. Die Bäume waren in die Form von Cocktailgläsern gestutzt worden, und jetzt trieben aus den knorrigen alten Zweigen neue Triebe in die Höhe. Während des Nachmittags zogen sie mit Leitern von Baum zu Baum, schnitten die dünnen Triebe ab und ernteten einige harte, saure und unreife kleine Äpfel.
In der Mitte des Obstgartens war ein Bau mit offenen Wänden und rundem Dach. Sie nannten ihn ein Scheibenhaus. Nirgal ging hindurch und bewunderte die Konstruktion. Das Fundament war eine runde Betonplatte, die wie Marmor poliert war. Auch das Dach war rund und wurde von einem einfachen T aus inneren Wänden getragen — ein Durchmesser und ein Radius. In dem offenen Halbkreis waren Küche und Wohnraum, auf der anderen Seite Schlafzimmer und Bad. Die jetzt für Luft offene Umfassung konnte bei unfreundlichem Wetter durch transparente Wände aus Kuppelmaterial geschlossen werden, das wie Vorhänge rund herum gespannt wurde.