Die Pfeiftöne zwischen den Jägern wurden sehr laut und ausdrucksvoll. Etwa die Hälfte der Gruppe richtete sich über einem Steinfeld auf. Sie schauten einander an, als wäre ihnen plötzlich etwas eingefallen. Dann erhoben sie sich und gingen den Weg hinunter zur Stadt. Sie gaben den Karibu auf und ließen ihn äsen. Nach einer Weile hüpften und sprangen sie unter Gebrüll und Gelächter bergab. Die Träger mit der Trage und dem verletzten Jungen ließen sie hinter sich.
Weiter unten warteten sie aber, unter den hohen Hokkaido-Fichten am Rand der Stadt. Als die Träger sie einholten, gingen sie zusammen zwischen den Bäumen hinunter in die oberen Straßen der Stadt. Als eine laute Schar kamen sie an feinen Häusern mit Fensterfronten vorbei, die den dicht gefüllten Hafen überblickten, direkt zu einer medizinischen Klinik, als ob sie genau wüßten, wohin sie gingen. Sie lieferten den verletzten Jungen ab und besuchten dann die öffentlichen Bäder. Nach einem schnellen Bad gingen sie zu der gekrümmten Geschäftsstraße hinter den Docks und fielen in drei oder vier benachbarte Restaurants mit Tischen unter Sonnenschirmen und Reihen leuchtender Glühbirnen ein. Nirgal setzte sich mit den jungen Leuten an einen Tisch in einem Fischlokal. Nach einer Weile kam der verletzte Junge mit verbundenem Knie und Wade hinzu; und sie alle aßen gewaltige Mengen Krabben, Muscheln, Forellen, frisches Brot, Käse, Bauernsalat und tranken literweise Wasser, Wein und Ouzo — alles in solchem Übermaß, daß sie, als sie genug hatten, davonstolperten, betrunken und mit prall wie Trommeln gefüllten Mägen.
Einige gingen unmittelbar in ihre übliche Herberge, wie es die Metzgerfrau nannte, um sich hinzulegen oder sich zu übergeben. Der Rest hinkte am Gebäude vorbei zu einem nahe gelegenen Park, wo eine Aufführung von Tyndalls Oper Phyllis Boyle mit anschließendem Tanz stattfand.
Nirgal lag mit der Parkgruppe ausgestreckt im Gras hinter dem Publikum. Wie die anderen war er von der Leistung der Sänger und die schiere Üppigkeit des von Tyndall eingesetzten Orchesterklangs fasziniert. Als die Oper zu Ende war, hatten einige aus der Gruppe ihren Schmaus hinlänglich verdaut, um zu tanzen; und Nirgal machte mit. Nach einer Stunde Tanz ging er, wie viele andere aus dem Publikum, zur Band. Er trommelte so lange, bis sein ganzer Körper wie das Magnesium des Schlagzeugs dröhnte.
Aber er hatte zu viel gegessen; und als einige aus der Gruppe wieder in die Herberge zurückkehrten, beschloß er, mit ihnen zu gehen. Auf dem Heimweg sagten irgendwelche Passanten so etwas wie: »Schaut euch diese Wilden an!«, und der Speerwerfer heulte. Dann preßte er zusammen mit einigen der jungen Jäger die Passanten gegen eine Mauer und brüllte Beschimpfungen: »Hütet eure Zunge, oder wir werden euch das Fell gerben! Ihr Ratten im Käfig, ihr Drogensüchtigen, ihr Schlafwandler, ihr verdammten Erdenwürmer! Ihr denkt, ihr könnt Drogen nehmen und bekommen, was wir kriegen. Wir werden euch in den Arsch treten, dann werdet ihr richtig etwas fühlen. Ihr werdet sehen, was wir meinen.« Dann zog Nirgal ihn zurück und sagte: »Komm schon, mach keinen Ärger!« Und die Passanten stürzten sich mit Gebrüll auf sie, Männer mit harten Fäusten und Füßen, die nicht betrunken, aber ziemlich wütend waren. Die jungen Jäger mußten sich zurückziehen und sich dann von Nirgal wegführen lassen, als die Passanten sich damit zufrieden gaben, sie verscheucht zu haben. Die Leute schrien weiter Beschimpfungen, torkelten die Straße hinauf, hielten sich ihre Beulen, lachten und knurrten, zutiefst von sich selbst überzeugt. »Verdammte Schlafwandler, packt euch in eure Giftbüchsen ein, wir werden euch in den Arsch treten! Wir werden euch samt eurer Puppenhäuser ins Wasser schmeißen! Dämliche Schafe, die ihr seid!«
Nirgal drängte sie weiter und mußte dabei kichern. Die Radaubrüder waren sehr betrunken, und Nirgal war selbst nicht viel nüchterner. Als sie zu ihrer Herberge kamen, schaute er in die Kneipe gegenüber, sah die Metzgerfrau dort sitzen und ging mit dem Rest der wilden Kerls hinein. Er saß da und beobachtete die Burschen eine Weile, während er einen Cognac trank und ihn über die Zunge rollen ließ. Wilde hatten die Passanten sie genannt. Die Frau schaute ihn an und überlegte, was er wohl dachte. Viel später stand er mühsam auf und verließ die Kneipe mit den anderen, ging unsicher über die gepflasterte Straße und summte mit: »Swing Low, Sweet Chariot«, als sie kläfften. Auf dem Obsidianwasser des Kasei-Fjords schaukelten die Sterne auf und ab. Geist und Leib voller Empfindungen, süße Erschöpfung als Zustand der Gnade.
Am nächsten Morgen schliefen sie lang und erwachten spät, benommen und verkatert. Sie lagen eine Weile in ihrem Schlafsaal und schlürften Kavajava. Dann gingen sie die Treppe hinunter und aßen, obwohl sie behaupteten, noch vollgestopft zu sein, ein mächtiges Herbergenfrühstück. Während des Essens beschlossen sie, zum Fliegen zu gehen. Die vom Kasei-Fjord herunterkommenden Winde waren so stark wie je auf diesem Planeten; und Windsurfer und Flieger aller Arten waren nach Nilokeras gekommen, um das auszunutzen. Natürlich konnten jederzeit Howler die Situation ›außer Rand und Band‹ bringen und den Spaß für alle, außer den großen Windreitern, beenden. Aber die durchschnittliche steife Brise des Tages war fantastisch.
Die Operationsbasis der Flieger war eine Kraterinsel fern der Küste namens Santorini. Nach dem Frühstück ging die Gruppe zusammen hinunter zu den Docks und bestieg eine Fähre. Eine halbe Stunde später schifften sie sich auf der kleinen bogenförmigen Insel ein und wanderten mit den anderen Passagieren zum Segelflugplatz.
Nirgal war seit Jahren nicht mehr geflogen, und es war ein großes Vergnügen, sich in der Gondel eines Luftschiffgleiters anzuschnallen, den Mast aufzustellen, dann loszumachen und bei den kräftigen Aufwinden, die über den steilen inneren Rand von Santorini bliesen, hochzusteigen. Als Nirgal aufstieg, sah er, daß die meisten Flieger Vogelanzüge der einen oder anderen Art trugen. Es sah aus, als flöge er in einem Schwärm breitflügliger Kreaturen, die nicht wie Vögel aussahen, sondern eher wie fliegende Füchse oder mythische Mischwesen wie der Greif oder Pegasus.
Vogelmenschen. Die Vogelanzüge waren verschiedenartig und ahmten in gewisser Hinsicht die Gestalten unterschiedlicher Arten nach: Albatros, Adler, Lämmergeier ...
Jeder Anzug umschloß seinen Träger in etwas, das im Endeffekt ein sich ständig veränderndes Exoskelett war, das auf den Körperdruck des Fliegers reagierte, um Positionen einzunehmen und zu halten oder bestimmte Bewegungen auszuführen, die entsprechend der innen ausgeübten Kraft verstärkt wurden, so daß die Muskeln des Menschen mit den großen Flügeln schlagen oder sie gegen die große Drehkraft der Windstöße in Stellung halten konnten, und gleichzeitig die stromlinienförmigen Helme und Schwanzfedern in den richtigen Positionen hielten. Computer in den Anzügen halfen den Fliegern, die das nötig hatten, und konnten sogar als automatische Piloten fungieren. Aber die meisten Flieger zogen es vor, selbst zu denken und kontrollierten den Anzug als einen Waldo, der die Kraft der eigenen Muskeln vielfach verstärkte.
Nirgal saß in seinem Luftgleiter und beobachtete mit Vergnügen und Besorgnis zugleich, wie die Vogelmenschen in schrecklichen Stürzen an ihm vorbei auf das Meer zuschössen, dann ihre Flügel ausbreiteten, wegkurvten und wieder mit dem Aufwind der inneren Kraterwand aufstiegen. Es sah für Nirgal so aus, als erforderten die Vogelanzüge ein hohes fliegerisches Geschick. Sie waren das Gegenstück zu den Luftgleitern, von denen einige mit Nirgal über die Insel schwirrten und in viel sanfteren Stößen auf- und abstiegen und die Aussicht genossen wie wendige Ballonfahrer.