Es gab zwischen diesen neuen Stadtstaaten einige Allianzen und oft auch Verbindungen zu Gründerorganisationen auf der Heimatwelt. Aber es gab keine Gesamtorganisation. Seitens der unabhängigen, besonders jener, die größtenteils von Exilanten des Mars besetzt waren, hatte es in den frühen Tagen einiges recht feindseliges Verhalten gegenüber Durchgangsreisenden gegeben, einschließlich der Versuche, auf Raumschiffe Passagezölle zu erheben, die so schreiend hoch waren, daß es an Piraterie grenzte. Aber neue Shuttles bewegten sich mit sehr hohen Geschwindigkeiten durch den Gürtel und hielten sich etwas oberhalb oder unterhalb der Ebene der Ekliptik, um Staub und Schmutz zu vermeiden, die mittlerweile in großen Mengen vor den Asteroiden dümpelten. Es war schwierig, von diesen Schiffen ohne ihre völlige Zerstörung Zoll zu erheben, was schwere Entschädigungen herausforderte. Darum hatte sich der Trend zum Zoll als kurzlebig erwiesen.
Jetzt, da sowohl die Erde als auch der Mars einen Bevölkerungsdruck erfuhren, der immer schärfer wurde, taten die Koops des Mars alles, was sie konnten, um die rasche Entwicklung neuer Asteroidenstädte anzuregen. Sie errichteten auch große neue Siedlungen unter Kuppeln auf den Monden von Jupiter und Saturn und neuestens auch Uranus. Neptun und vielleicht Pluto würden folgen. Die großen Satelliten der inneren Gasriesen waren gigantisch, praktisch kleine Planeten, und hatten jetzt alle Bewohner, die mit Terraformprojekten anfingen, die, je nach lokaler Gegebenheit, mehr oder weniger langfristig angelegt waren. Keiner von ihnen konnte rasch terraformt werden; aber bei allen schien es, zumindest in gewissem’Umfang, doch möglich. Ein paar boten gar die verlockende Gelegenheit einer ganzen neuen Welt. Zum Beispiel kam Titan allmählich aus seinem Stickstoffdunst heraus, da Siedler, die auf den kleineren Monden in der Nähe lebten, die Oberfläche des großen Mondes erwärmten und Sauerstoff in seine Atmosphäre pumpten. Titan hatte die richtigen flüchtigen Substanzen für Terraformung, und obwohl er wegen seiner großen Entfernung von der Sonne nur ein Prozent der Einstrahlung der Erde bekam, lieferte eine umfangreiche Serie von Spiegeln ständig mehr zusätzliches Licht; und die Einheimischen erwogen die Möglichkeit freier Deuteriumfusionslampen, die Titan umkreisen und noch stärker erhellen würden. Das wäre eine Alternative zu einer anderen Einrichtung, genannt Gaslaterne, die die Leute vom Saturn bisher nicht hatten einsetzen wollen. Diese Gaslaternen flogen durch die oberen Atmosphären von Jupiter und Uranus. Sie sammelten und verbrannten Helium, dessen Licht durch elektromagnetische Scheiben nach außen gespiegelt wurde. Aber am Saturn hatte man sie abgelehnt, weil man das Aussehen des Ringplaneten nicht stören wollte.
Also waren in all diesen äußeren Orbits die Kooperativen des Mars sehr geschäftig und halfen den Marsianern und Terranern, in eine der neuen kleinen Welten auszuwandern. Und als der Prozeß weiterging, und hundert und dann tausend Asteroiden und kleine Monde eine Bevölkerung und einen Namen erhielten, fing der Prozeß Feuer und wurde zu etwas, das manche die ›explosive Diaspora‹ nannten und andere einfach das ›A ccelerando ‹.
Die Leute fanden an der Idee Gefallen; und das Projekt gewann einen Schwung, der überall bemerkt wurde und ein zunehmendes Gefühl für die menschliche Schaffenskraft, ihre Vitalität und Vielfalt ausdrückte. Man verstand das Accelerando auch als Reaktion der Menschheit auf die extreme Krise durch den Bevölkerungsanstieg, die so hart gewesen war, daß sie die Überschwemmung der Erde von 2129 vergleichsweise nur wie eine etwas größere Sturmflut erscheinen ließ. Es war eine Krise, die eine endgültige Katastrophe hätte auslösen können, ein Absinken in Chaos und Barbarei. Statt dessen wurde ihr aber frontal mit dem größten Aufblühen von Zivilisation in der Geschichte begegnet. Einer neuen Renaissance.
Viele Historiker, Soziologen und andere Beobachter des gesellschaftlichen Lebens versuchten, die lebensprühende Natur dieses höchst selbstbewußten Zeitalters zu deuten. Eine Schule von Historikern, genannt die Sintflutgruppe, blickte auf die große Überschwemmung der Erde zurück und erklärte, daß sie die Ursache der neuen Renaissance gewesen sei. Ein erzwungener Sprung auf eine höhere Ebene. Eine andere Schule von Denkern zog die sogenannte Technische Deutung vor. Die Menschheit hatte wieder einen Übergang zu neuer technischer Kompetenz durchgemacht, der, wie sie behaupteten, etwa jedes halbe Jahrhundert seit der ersten industriellen Revolution stattfände. Die Sintflutgruppe neigte dazu, den Ausdruck Diaspora zu verwenden, die Techniker bevorzugten Accelerando.
Dann schrieb und veröffentlichte die Marshistorikerin Charlotte Dorsa Brevia eine gewichtige vielbändige Metageschichte, wie sie sie nannte, die behauptete, daß die große Flut tatsächlich der Auslösepunkt gewesen sei, der zu technischen Fortschritten geführt und den Mechanismus zu neuen Möglichkeiten in Gang gesetzt hätte; aber der spezifische Charakter der neuen Renaissance sei durch etwas viel Elementareres verursacht werden, nämlich den Übergang von einem globalen sozio-ökonomischen System zum nächsten. Sie beschrieb, was sie einen ›residual-emergenten Komplex überlappender Paradigmem nannte, wonach jede große sozio-ökonomische Ära zu etwa gleichen Teilen aus benachbarten Systemen ihrer unmittelbaren Vergangenheit und Zukunft zusammengesetzt wäre. Die Perioden direkt davor und danach waren indessen nicht als einzige beteiligt. Sie bildeten den Großteil eines Systems und enthielten dessen widersprüchlichste Komponenten; aber zusätzliche wichtige Merkmale kamen von besonders ausdauernden Aspekten archaischer Systeme sowie auch schwachen zögernden Vorahnungen von Entwicklungen, die erst viel später aufblühen würden.
Darum bestand, um ein Beispiel anzuführen, Feudalismus für Charlotte aus den Resten des überkommenen Systems absoluter religiöser Monarchie und dem aufkommenden System des Kapitalismus — mit wichtigen Nachklängen noch archaischeren Kastenwesens und leichten Andeutungen eines späteren individualistischen Humanismus. Der Zusammenstoß dieser Kräfte verlagerte sich im Laufe der Zeit, bis die Renaissance des sechzehnten Jahrhunderts das Zeitalter des Kapitalismus einleitete. Danach bestand der Kapitalismus aus widersprüchlichen Elementen eines absterbenden Feudalismus und einer emporkommenden künftigen Ordnung, die nur in ihrer eigenen Zeit definiert werden konnte, die Charlotte Demokratie nannte. Und jetzt, so behauptete Charlotte, befand man sich — zumindest auf dem Mars — im demokratischen Zeitalter selbst. Darum war Kapitalismus wie alle anderen Epochen die Kombination zweier scharf gegensätzlicher Systeme gewesen. Die Unverträglichkeit seiner wesentlichen Bestandteile wurde durch die unglückliche Erfahrung mit dem kritischen Schatten des Kapitalismus, dem Sozialismus, unterstrichen, der über wahre Demokratie theoretisiert und nach ihr gerufen hatte. Aber im Versuch ihrer Realisierung hatte er die in jener Zeit verfügbaren Methoden benutzt, nämlich die gleichen feudalen Methoden, wie sie im Kapitalismus vorherrschten. Darum hatten sich beide Versionen der Mischung am Ende als ebenso destruktiv und ungerecht erwiesen wie ihr gemeinsamer Vorfahr. Die feudalen Hierarchien im Kapitalismus hatten sich in den lebendigen sozialistischen Experimenten gespiegelt. Und so war die ganze Ära ein scharfer chaotischer Kampf geblieben, der etliche unterschiedliche Versionen des dynamischen Kampfes zwischen Feudalismus und Demokratie zum Ausdruck brachte.