Aber auf dem Mars war endlich dem kapitalistischen Zeitalter das demokratische Zeitalter entsprungen. Und auch dieses Zeitalter war gemäß der Logik von Charlottes Paradigma zwangsweise ein Aufeinandertreffen von Altem und Neuem, von den strittigen konkurrierenden Resten des kapitalistischen Systems und einigen sich abzeichnenden Aspekten einer Ordnung jenseits von Demokratie, die man noch nicht voll beschreiben konnte, da es sie bisher nie gegeben hatte, die aber Charlotte ›Harmonie‹ oder Allgemeinen Guten Willem zu nennen wagte. Diesen spekulativen Sprung machte sie teils durch genaue Untersuchung der Unterschiede zwischen kooperativer Ökonomie und Kapitalismus und teils durch Annahme einer noch weiteren metahistorischen Perspektive und Identifikation. Sie legte eine breitere allgemeine Entwicklung in der Geschichte, die Kommentatoren ihre ›Große SchaukeUnannten, eine Bewegung von den tiefen Hierarchien unserer urtümlichen Vorfahren auf der Savanne zu der sehr langsamen, unsicheren, schwierigen und nicht determinierten freien Erscheinung einer reinen Harmonie und Gleichheit zugrunde, die dann die allerrichtigste Demokratie kennzeichnen würde. Diese beiden langfristigen zusammenstoßenden Elemente hatte es immer gegeben, wie Charlotte behauptete, und diese hätten die große Schaukel erzeugt, wobei die Balance sich bisher in der ganzen menschlichen Geschichte zwischen ihnen langsam und unregelmäßig verlagerte. Dominante Hierarchien hatten jedem jemals realisierten System zugrunde gelegen; aber zur gleichen Zeit waren demokratische Werte immer eine Hoffnung und ein Ziel gewesen, das im Selbstbewußtsein jedes Primaten zum Ausdruck kam und damit in der Ablehnung von Hierarchien, die ja immer gewaltsam aufgezwungen werden mußten. Und so, wie die Schaukel dieser Metageschichte im Laufe der Jahrhunderte die Balance verlagerte, so hatten die bemerkenswert unvollkommenen Versuche der Errichtung einer Demokratie langsam an Kraft gewonnen. Einst hatte ein sehr kleiner Prozentsatz von Menschen in sklavenhalterischen Gesellschaften wie dem antiken Griechenland oder dem revolutionären Amerika als Gleiche unter Gleichen gegolten; und hatte sich in den späteren kapitalistischen DemokratienA nur wenig erweitert. Jedesmal wenn aber ein System zum nächsten überging, war der Kreis gleicher Bürger mehr oder weniger weiter aufgeblüht, bis jetzt nicht nur alle Menschen (theoretisch beinahe) gleich waren, sondern auch Tiere in Betracht gezogen wurden und sogar Pflanzen, Ökosysteme und die Elemente selbst. Diese Erweiterungen der ›Bürgerschaft‹ betrachtete sie als einen der Vorläufer des sich abzeichnenden Systems, das nach der Demokratie an sich kommen könnte — Charlottes postulierte Periode utopischer ›Harmonie‹. Diese dunklen Ahnungen waren schwach und Charlottes fernes erhofftes System eine vage Hypyothese. Als Sax Russell die späteren Bände ihres Werkes las und eifrig über den endlosen Beispielen und Argumenten (denn dieser Bericht ist eine strenge Verkürzung ihrer Arbeit, nur eine Zusammenfassung) brütete und aufgeregt ein allgemeines Paradigma zu finden suchte, das ihm die Geschichte endlich verdeutlichen würde, fragte er sich, ob dieses vermeintliche Zeitalter universeller Harmonie und guten Willens jemals ausbrechen würde. Er hielt es für möglich oder sogar wahrscheinlich, daß es eine Art von asymptotischer Kurve in der menschlichen Geschichte geben könnte — vielleicht wie der Ballast eines Körpers —, der vom Zeitalter der Demokratie noch festgehalten, stets aufwärts kämpfend, nie zurückfallend, aber auch nie weit vorankommend, sich weiterbewegte. Aber er war auch der Meinung, daß dieser Zustand an sich schon gut genug wäre, um als eine erfolgreiche Zivilisation zu gelten. Genug war schließlich eine Wohltat.
Auf jeden Fall war Charlottes Metageschichte sehr einflußreich und lieferte der sich explosiv beschleunigenden Diaspora eine Art Lehrbeispiel, an dem man sich orientieren konnte. Damit wurde sie in die kleine Liste von Historikern aufgenommen, die den Lauf ihrer eigenen Zeit beeinflußt hatten, und in der sich Denker wie Piaton, Plutarch, Bacon, Gibbon, Chamfort, Carlyle, Emerson, Marx und Spengler befanden — und auf dem Mars vor Charlotte Michel Duval. Die Leute begriffen jetzt in der Regel, daß der Kapitalismus die Kollision von Feudalismus und Demokratie gewesen war, und daß die Gegenwart das demokratische Zeitalter war, wo Kapitalismus und Harmonie aufeinander prallten. Und sie verstanden auch, daß ihre Ära auch immer noch etwas anderes werden konnte. Charlotte beharrte darauf, daß es so etwas wie historischen Determinismus nicht gäbe, sondern nur die wiederholten Anstrengungen der Menschen, ihre Hoffnungen zu verwirklichen. Daraus schufen die Analytiker durch retroaktive Erkenntnis solcher Hoffnungen eine Illusion von Determinismus. Es hätte aber alles Mögliche geschehen können. Die Menschen hätten in allgemeine Anarchie verfallen können. Es hätte sich ein universeller Polizeistaat herausbilden können, um die fahre der Krise zu ›kontrollieren‹. Aber da sich die großen Metanationalen auf der Erde in Wirklichkeit alle zu Kooperativen im Besitz der Arbeiter gewandelt hatten, und das Volk seine eigene Arbeit kontrollierte, war es für den Moment eine Demokratie. Das hatte diese Hoffnung letztendlich bewirkt.
Und jetzt war ihre demokratische Zivilisation dabei, etwas auszuführen, wozu das vorige System niemals imstande gewesen wäre, das bloß ein Überbleibsel der hypermalthusianischen Periode war. Jetzt konnten sie allmählich den fundamentalen Wechsel in den Systemen erkennen, in diesem zweiundzwanzigsten Jahrhundert, das sie im Zuge waren zu verwirklichen. Sie hatten das Gleichgewicht verlagert, um auch in den neuen Verhältnissen zu überleben. In der kooperativen demokratischen Ökonomie sah jeder, daß viel auf dem Spiel stand. Und ein jeder profitierte von dem frenetischen Ausbruch koordinierter Konstruktion, der überall im Sonnensystem um sich griff.
Die blühende Zivilisation schloß nicht bloß das Sonnensystem jenseits des Mars ein, sondern auch die inneren Planeten. In dem üppigen Wachstum von Energie und Vertrauen arbeitete sich die Menschheit in Areale vor, die zuvor als unbewohnbar gegolten hatten. Plötzlich zog auch die Venus eine Schar neuer Terraformer an, der Geste von Sax Russellfolgend, die die großen Spiegel des Mars umgesetzt und eine grandiose Vision für die letztliche Besiedelung jenes Planeten ausgearbeitet hatte, der in so vieler Hinsicht die Schwester der Erde war.
Selbst der Merkur hatte seine Siedlung. Obwohl man zugeben mußte, daß er für die meisten Belange der Sonne zu nahe war. Sein Tag währte 59 Erdentage, sein Jahr 88 Erdentage, so daß drei seiner Tage gleich zwei Jahren waren. Das war kein Zufall, sondern ein Knoten auf dem Weg zur Gezeitenkopplung, die beim Mond um die Erde herrschte. Die Kombination dieser zwei Perioden ließ den Merkur sehr langsam durch seinen Sonnentag rollen, während dessen Hemisphäre der hellen Seite viel zu heiß wurde und auf der Nachtseite extrem abkühlte. Darum war die einzige derzeit auf dem Planeten befindliche Stadt eine Art enormer Eisenbahnzug, der auf Gleisen um den Planetenfuhr, die sich auf 45° nördlicher Breite befanden. Diese Schienen waren aus einer metallkeramischen Legierung hergestellt, die den ersten der vielen alchemistischen Tricks der Merkurphysiker darstellte und der Hitze von 800 K auf der hellen Mittagsseite widerstand. Die Stadt selbst hieß Terminator undfuhr über diese Schienen mit ungefähr drei Kilometern in der Stunde, wodurch sie innerhalb des Terminators blieb, der Zone des der Frühdämmerung vorausgehenden Schattens, der auf den meisten Stellen des Gelände etwa zwanzig Kilometer breit war. Eine leichte Ausdehnung der Gleise, wenn sie der Morgensonne ausgesetzt waren, führte die Stadt täglich nach Westen, da sie auf eng sitzenden Buchsen ruhte, die so gestaltet waren, daß sie die Stadt von der Ausdehnung fort bewegten. Diese Bewegung war so unerbittlich, daß Widerstand gegen sie an einer anderen Stelle der Buchsen große Mengen elektrischer Energie erzeugte, wie auch die von der Stadt hinterhergeschleppten Sonnenkollektoren, die ganz oben auf der hohen Dämmerungswand saßen und die ersten scharfen Strahlen des Sonnenlichts einfingen. Selbst in einer Zivilisation, in der Energie billig war, war Merkur erstaunlich gesegnet. Und so verband er sich mit den weiter draußen befindlichen Welten und wurde zu einer ihrer hellsten. Und hundert neue sich bewegende Welten wurden jedes Jahr eröffnet. Rollende Städte, kleine Stadtstaaten, jeder mit seiner eigenen Verfassung, einer bunten Mischung aus Siedlern, Landschaft und Lebensart.