Der junge Mann war schockiert. »Das könntet ihr nicht ohne unsere Erlaubnis tun!«
»Wirklich?«
»Auf dem Merkur kann es keine Stadt geben, wenn wir das nicht wünschen.«
»Wieso, was wollt ihr machen?«
Der junge Mann schwieg.
»Jeder kann tun, was er will, oder?« sagte Zo. »Das gilt für jeden.«
Der junge Mann überlegte. »Es gibt nicht genug Wasser.«
»Nein.« Der gesamte Wasservorrat des Merkur bestand aus ein paar kleinen Eisablagerungen innerhalb von Kratern an den beiden Polen, aber viel mehr gab es nicht. »Immerhin würden ein paar direkt zu den Polen gelenkte Kometen helfen.«
»Und ihr Aufprall das Wasser an den Polen wegsprengt! Nein, das würde nicht funktionieren. Das in diesen polaren Kratern ist nur ein winziger Teil des Wassers aus Jahrmillionen von Kometen, die mit dem Planeten kollidiert sind. Das meiste Wasser ging beim Aufschlag in den Weltraum verloren oder ist weggebrannt. Das selbe würde geschehen, wenn jetzt Kometen hier aufschlügen. Es wäre für euch ein Nettoverlust.«
»Die Computermodelle schlagen Möglichkeiten aller Art vor. Wir könnten es immerhin versuchen und abwarten.«
Der junge Mann trat gekränkt zurück. Und richtig so. Man konnte eine Drohung nicht viel deutlicher ausdrücken, als es gerade geschehen war. Aber bei Sklavenmoral waren das Gute und das Dumme oft dasselbe. Darum mußte man deutlicher werden. Zo änderte ihre Miene nicht, obwohl die Empörung des jungen Mannes fast eine Qualität von Commedia dell’arte angenommen hatte, die recht komisch war. Sie trat näher an ihn heran und betonte damit den Größenunterschied zwischen ihnen. Sie überragte ihn um einen halben Meter.
Er sagte zwischen den Zähnen: »Ich werde dem Löwen Ihre Mitteilung überbringen.«
»Vielen Dank!« sagte Zo und beugte sich hinunter, um ihn auf die Wange zu küssen.
Diese Sklaven hatten für sich eine herrschende Kaste von Physiker-Priestern geschaffen, die für Außenstehende ein Buch mit sieben Siegeln waren, aber wie alle guten Oligarchien vorhersehbar und stark in ihrem äußeren Handeln. Es würde eine Allianz geben. So verließ Zo ihr Büro und ging vergnügt die Stufen der Dämmerungswand hinunter. Ihre Arbeit war getan, und so würde die Gesandtschaft höchstwahrscheinlich bald zum Mars zurückkehren.
Sie betrat das Konsulat des Mars auf halbem Weg durch die Wand und schickte einen Anruf an Jackie, um ihr mitzuteilen, daß der nächste Zug getan war. Danach ging sie auf den Balkon, um zu rauchen.
Ihr Farbsehvermögen steigerte sich unter dem Einfluß der chromotropischen Substanzen, die ihrer Zigarette beigemischt waren; und die kleine Stadt unter ihr wurde ganz phänomenal, wie die Phantasie eines Fauvisten. Vor der Dämmerungswand erhoben sich die Terrassen in immer schmaleren Steifen, bis die höchsten Gebäude (natürlich die Amtsräume der Stadtherrscher) nur noch eine Linie von Fenstern unter den Großen Toren und der klaren Kuppel darüber waren. Die Dächer und Balkone drängten sich unter den grünen Baumwipfeln unter ihr. Die Balkone hatten alle Mosaikfußböden und -wände. Unten auf der ovalen Fläche, die den größeren Teil der Stadt einnahm, waren die Dächer größer und dichter beisammen; das Grünzeug war in bebauten Feldern zusammengefaßt, die unter dem Licht schimmerten, das von gefilterten Spiegeln in der Kuppel herunterkam. Alles zusammen sah wie ein Faberge-Ei aus, fein ausgeführt, bunt und hübsch in der Art, wie alle Städte es waren. Aber in einer davon gefangen zu sein... Nun, man konnte nichts weiter damit anfangen, als die Stunden möglichst unterhaltsam zu verbringen, bis es hieß heimzukehren. Ein Teil der Vornehmheit war ja schließlich aufopfernde Pflichterfüllung.
So schlenderte sie die Treppenstraße der Wand hinunter zu Le Dome, um sich gesellig mit Miguel, Arlene und Xerxes zu treffen und der Schar von Komponisten, Musikern, Autoren und anderen Künstlern und Ästheten, die sich in dem Cafe herumtrieben.
Das war ein wilder Haufen. Die Krater des Merkur waren vor Jahrhunderten alle nach den berühmtesten Künstlern in der Geschichte der Erde benannt worden. Und so rollte Terminator vorbei an Dürer und Mozart, Phidias und Purcell, Turgenjev und Van Dyke. Anderswo auf diesem Planeten waren Beethoven, Imhotep, Mahler, Matisse. Murasaki, Milton und Mark Twain. Homer und Holbein berührten sich mit den Rändern, Ovid schmückte den Rand des viel größeren Puschkin, Goya überlappte Sophokles. Van Gogh lag innerhalb von Cervantes, Chao Meng-Fu war voller Eis und so weiter in höchst kapriziöser Weise, als ob das Nominierungskomitee der Internationalen Astronomischen Union eines Abends betrunken gewesen wäre und fröhlich Wurfpfeile mit Namen auf eine Karte geschleudert hätte. Es gab sogar einen Hinweis zur Erinnerung an diese Party: eine große Böschung namens Pourquoi Pas.
Zo billigte dieses Verfahren durchaus. Aber die Auswirkungen auf die derzeit auf dem Merkur lebenden Künstler war äußerst katastrophal gewesen. Da sie ständig mit dem unbestreitbaren Kanon der Erde konfrontiert waren, hatte sie eine überwältigende Besorgnis um Beeinflussung verkrüppelt. Immerhin hatten ihre Parties eine entsprechende Großartigkeit gewonnen, die Zo durchaus genoß.
An diesem Abend zog die Schar nach einem ausgiebigen Trinkgelage in der Kuppel, während die Stadt gerade zwischen Strawinski und Vyasa durchrollte, durch die engen Gassen der Stadt auf der Suche nach Krawall. Einige Blocks entfernt platzten sie in eine Zeremonie von Mithraverehrern oder Zoroastriern — auf jeden Fall Sonnenanbetern — hinein, die in der lokalen Regierung Einfluß hatten und vielleicht sogar ihr Kern waren. Ihr schrilles Pfeifen löste rasch die Versammlung auf und führte zu einem Handgemenge. Sie mußten rasch verschwinden, um eine Arrestierung durch die lokalen Ordnungskräfte zu vermeiden, die die Menge in der Kuppel als Spaßpolizei bezeichnete.
Danach gingen sie zum Odeon, wurden aber wegen ungebührlichen Benehmens rausgeworfen. Dann kreuzten sie die Gassen des Vergnügungsviertels und tanzten vor einer Bar, wo lauter schlechter Kommerz gespielt wurde. Aber es fehlte einfach etwas. Zo fand ihre erzwungene Heiterkeit zu traurig, als sie ihre verschwitzten Gesichter ansah. Sie schlug vor: »Laßt uns hinaus auf die Oberfläche gehen und an den Toren der Dämmerung Dudelsack spielen!«
Niemand außer Miguel zeigte Interesse. Sie waren Würmer in einer Büchse. Sie hatten vergessen, daß es einen Boden gab. Aber Miguel hatte versprochen, sie oft nach draußen zu führen. Und jetzt, da ihre Zeit auf Merkur nur noch kurz war, war er schließlich fast gezwungen, sie zu begleiten.
Die Gleise von Teminator waren zahlreich. Jeder glatte graue Zylinder erfaßte etliche Meter über dem Boden eine endlose Reihe dicker Pfeiler und bewegte sich daran entlang. Während die Stadt majestätisch nach Westen glitt, passierte sie kleine Plattformen, die zu unterirdischen Transferbunkern führten, gehärteten Rollbahnen für Raumschiffe ä la Ballard und Schutzräumen in Kraterrändern. Das Verlassen der Stadt wurde streng überwacht, was nicht überraschend war. Aber Miguel hatte einen Paß, und so aktivierten die beiden damit das südliche Stadttor, traten in die Schleuse und in eine U-Bahnstation namens Hammersmith. Dort zogen sie sperrige, aber geräumige Schutzanzüge an und gingen durch eine Schleuse in einen Tunnel und hinauf auf den versengten Staub des Merkur.
Nichts hätte sauberer und karger sein können als diese schwarzgraue Wüste. In diesem Zusammenhang war Zo das betrunkene Kichern von Miguel noch lästiger als sonst; und sie drehte das Interkom ihres Helm so weit herunter, bis es nur noch ein Flüstern war.
Es war gefährlich, von der Stadt nach Osten zu gehen. Selbst stillzustehen war gefährlich. Aber sie hatten vor, den Rand der Sonne zu sehen. Zo trat gegen die Steine, während sie nach Südwesten wanderten, um einen Blick auf die Seite der Stadt zu werfen. Sie wünschte, sie könnte über diese schwarze Welt fliegen. Vermutlich würde irgendein Raketenrucksack das ermöglichen; aber soweit sie wußte, hatte sich hier niemand bemüßigt gesehen, einen zu bauen. Also trotteten sie statt dessen dahin und hielten nach Osten Ausschau. Bald würde die Sonne über diesem Horizont aufgehen. Jetzt wurde über ihnen in der ultradünnen Atmosphäre aus Neon und Argon feiner, durch Elektronenbeschuß aufgewirbelter Staub in dem Bombardement durch die Sonne zu einem schwachen weißen Nebel. Hinter ihnen war das Oberteil der Dämmerungswand ein blendendes reines Weiß, das man selbst durch die schweren Differentialfilter ihrer Helmmasken nicht anschauen konnte.