Dann verwandelte sich der flache Horizont vor ihnen in Nähe des Kraters Strawinski in ein Silbernitratbild seiner selbst. Zo starrte hingerissen auf die explosive und phosphoreszierende tanzende Linie. Die Sonnenkorona, wie ein Brand in einem silbernen Wald knapp über dem Horizont. Zos Geist wurde gleichermaßen entflammt. Wenn sie könnte, wäre sie wie Ikarus in die Sonne geflogen in einer Art von spirituellem sexuellem Hunger; und in der Tat stieß sie genau die gleichen orgiastischen Schreie aus. Solch ein Feuer, solch eine Schönheit! In der Stadt nannte man das den Sonnenrausch — ein guter Name. Auch Miguel empfand das so. Er sprang von einem Felsen nach Osten mit weit ausgebreiteten Armen, wie Ikarus, der zu starten versucht.
Dann kam er unbeholfen im Staub herunter; und Zo konnte seinen Schrei auch mit fast heruntergedrehter Lautstärke ihres Interkoms hören. Sie lief zu ihm und sah den unmöglichen Winkel seines linken Knies, stieß selbst einen Schrei aus und kniete sich neben ihn. Selbst durch den Anzug fühlte sich der Boden kalt an. Sie half ihm auf, indem sie sich seinen Arm über die Schulter legte. Dann drehte sie die Lautstärke ihres Interkoms hoch, obwohl er laut stöhnte. Sie sagte: »Halt den Mund! Nimm dich zusammen und paß auf!«
Sie fielen in einen Rhythmus und hüpften nach Westen hinter der zurückweichenden Dämmerungswand her, die am oberen Ende ihrer hohen Glockenkurve hell leuchtete. Sie wich vor ihnen zurück. Es gab keine Zeit zu verlieren. Aber sie stürzten immer wieder. Beim dritten Mal schrie Miguel, im Staub hingestreckt, während die Landschaft eine blendende Mischung von reinem Weiß und reinem Schwarz war, vor Schmerzen auf und stöhnte: »Geh weiter, Zo, geh und rette dich selbst! Es gibt keinen Grund, weshalb wir beide hier draußen sterben!«
»Halt’s Maul!« sagte Zo grob und raffte sich auf.
»Geh!«
»Das werde ich nicht! Sei jetzt still, und laß mich dich tragen!«
Er wog ungefähr ebenso viel, wie er auf dem Mars gewogen hätte. Siebzig Kilo mit dem Anzug, schätzte sie. Es war mehr eine Sache des Gleichgewichts als sonst etwas. Während er hysterisch plapperte: »Laß mich los, Zo! Wahrheit ist Schönheit und Schönheit ist Wahrheit. Das ist alles, was du weißt und wissen mußt«, beugte sie sich vor und legte ihre Arme unter seinen Rücken und seine Knie, was ihn wieder zum Schreien brachte. »Sei still!« schrie sie. »Genau das ist die Wahrheit und deshalb schön.« Und sie lachte, während sie, ihn auf den Armen, lostrabte.
Er versperrte ihr die Sicht auf den Boden direkt vor ihnen. Darum mußte sie sich mit Schweiß in den Augen in dem blendenden Weiß und Schwarz nach vorn orientieren. Aber sie stapfte mit befriedigender Geschwindigkeit auf die Stadt zu.
Dann fühlte sie Sonnenlicht im Rücken. Das war wie Nadelstiche, sogar durch ihren stark isolierten Anzug. Ein massiver Anstieg des Adrenalinspiegels. Vom Licht geblendet, stolperte sie durch eine Art von Tal, das tiefer hinein in die Dämmerung führte. Dann zurück in die scheckige Zone von Licht durchschossener Schatten, ein verrücktes Chiaroscuro. Danach langsam zurück in die eigentliche Schattenzone, wo alles düster war, außer der von oben herunterblitzenden feurigen Stadtmauer. Zo schnappte nach Luft und war jetzt eher von der Anstrengung erhitzt als vom Sonnenlicht. Und doch genügte der Anblick des leuchtenden Bogens am Gipfel des Stadt, um einen zum Mithras-Verehrer zu machen.
Natürlich gab es, selbst wenn die Stadt direkt über ihnen war, keinen direkten Weg, wieder in sie hineinzugelangen. Sie mußte an ihr vorbeilaufen zur nächsten Untergrundstation. Minute um Minute völlig aufs Laufen konzentriert. Schmerz machte sich bemerkbar, eine Folge der Milchsäure in ihren Muskeln. Und da war sie endlich, voraus am Horizont: eine Tür im Hügel neben den Schienen. Weiter und weiter über den glatten Regolith stapfend. Sie hämmerte heftig an die Tür, und sie wurden in die Schleuse und dann ins Innere gelassen, wo man sie verhaftete. Aber Zo lachte die Spaßpolizei nur an und setzte ihren und Miguels Helm ab. Dann küßte sie den stöhnenden Miguel mehrere Male für seine Ungeschicklichkeit. In seinem Schmerz merkte er das nicht. Er war an sie geklammert wie ein Ertrinkender an einen Lebensretter. Sie schaffte es nur, sich aus seiner Umklammerung zu befreien, indem sie ihn leicht an sein verletztes Knie stieß. Bei seinem Geheul lachte sie laut auf und fühlte, wie ein Ruck durch sie ging. Soviel Adrenalin, so wundervoll, noch weit seltener als jeder sexuelle Orgasmus und deshalb noch kostbarer.
Also küßte sie Miguel immer und immer wieder — Küsse, die er nicht bemerkte. Und dann drängte sie sich durch die Spaßpolizei. Sie beanspruchte diplomatischen Status und dringende Hilfe. Sie sagte: »Schaut nicht so dumm. Gebt ihm ein paar Medikamente! Heute abend geht ein Shuttle zum Mars. Ich muß abreisen.«
»Vielen Dank, Zo!« rief Miguel. »Ich danke dir, du hast mir das Leben gerettet!«
»Ich habe meine Heimreise gerettet«, sagte sie lachend. Sie kehrte um und küßte ihn noch einmal. »Ich bin es, der dir danken sollte! So eine Gelegenheit! Vielen, vielen Dank!«
»Nein, ich danke dir!«
»Nein, ich danke dir!«
Und er lachte selbst in seinem Schmerz. »Zo, ich liebe dich.«
»Und ich liebe dich.«
Aber wenn sie sich nicht beeilte, würde sie ihr Shuttle verpassen.
Das Shuttle war eine gepulste Fusionsrakete, und sie würden die Erde innerhalb von zwei Tagen erreichen. Und die ganze Zeit bei anständiger Schwere, außer natürlich während des Saltos.
Wegen dieser plötzlichen Schrumpfung des Sonnensystems änderte sich allerhand. Eines der kleineren Ergebnisse war, daß die Venus nicht mehr als Gravitationshebel für den Raketenflug gebraucht wurde. Darum war es nur ein Zufall, daß Zos Shuttle, die Nike von Samothrake, ziemlich nahe an dem beschatteten Planeten vorbeiflog. Zo kam mit den übrigen Passagieren in dem großen Ballsaal mit Oberlicht zusammen, um die Passage zu beobachten. Die Wolken der überhitzten Atmosphäre des Planeten waren dunkel. Der Planet erschien vor dem Schwarz des Weltraums als grauer Kreis. Das Terraformen auf der Venus ging rasch voran. Der ganze Planet lag im Schatten, der alten Soletta des Mars, die als Sonnenschirm fungierte. Ihre Spiegel waren so geschwenkt worden, daß sie das genaue Gegenteil von dem bewirkten, was für den Mars vorgesehen gewesen war. Statt Licht auf den Planeten umzulenken, reflektierten sie alles fort. Die Venus rollte in Dunkelheit dahin.
Das war der erste Schritt eines Terraformprojekts, das viele Leute für verrückt hielten. Die Venus hatte kein Wasser, aber eine erstaunlich dicke Atmosphäre aus Kohlendioxid; ihr Tag währte länger als ein Jahr, und ihre Oberflächentemperatur brachte Blei und Zink zum Schmelzen. Keine aussichtsreiche Kombination von Anfangsbedingungen, das stimmte, aber die Leute versuchten es dennoch. Der Zugriff der Menschheit wurde immer mächtiger, wurde allmählich göttergleich. Zo fand das wunderbar. Die Leute, die das Projekt auf den Weg gebracht hatten, behaupteten sogar, daß es schneller gehen würde als das Terraformen des Mars. Die völlige Beseitigung des Sonnenlichts hatte tiefe Auswirkungen. Die Temperatur in der dichten (95 Bar an der Oberfläche) Kohlendioxidatmosphäre war im letzten halben Jahrhundert jährlich um 5 K gesunken. Bald würde der ›Große Regen‹ einsetzen, und in nur ein paar hundert Jahren würde sich das ganze Kohlendioxid auf dem Planeten befinden und in Gletschern aus Trockeneis die niedrig gelegenen Teile der Oberfläche bedecken. Der Plan war, das Trockeneis dann durch eine isolierende Schicht aus Diamantfolie oder aufgeschäumtem Fels zu bedecken; und wenn es erst einmal versiegelt wäre, könnten Ozeane angelegt werden. Das Wasser müßte von anderswo her kommen, da der natürliche Bestand der Venus sie höchstens bis zu einer Tiefe von einem Zentimeter bedecken würde.