Der Rest der Erde entsprach allerdings Kalkutta. Nun, das war eigentlich nicht fair. Aber Kalkutta selbst war entschieden Kalkutta. Stinkende Menschheit in ihrer kompaktesten Form. Immer wenn Zo ihr Zimmer verließ, hatte sie mindestens fünfhundert Menschen vor Augen und oft ein paar tausend. Der Anblick all dieses-Lebens in den Straßen war auf schreckliche Weise erheiternd. Eine Welt von Zwergen und Knirpsen und allerhand anderen kleinen Leuten, die sie alle erblickten und sich zusammendrängten wie Nestlinge an ihre Eltern, um sich füttern zu lassen. Obwohl Zo einräumen mußte, daß das Gedränge etwas freundlicher war als jenes, mehr durch Neugier veranlaßt als durch Hunger. Man schien sich tatsächlich mehr für ihr Exoskelett zu interessieren als für sie selbst. Und sie schienen recht fröhlich zu sein, mager, aber nicht abgezehrt, selbst wenn sie offenbar auf den Straßen wohnten. Die Straßen selbst waren jetzt in Kooperativen aufgeteilt. Die Menschen hatten Besitzanspruch, fegten sie und regelten die Unzahl kleiner Märkte, zogen auf jedem Platz Getreide und schliefen auch dazwischen. So war das Leben auf der Erde im Ausgang des Holozäns gewesen. Nach Ariadne war es ständig bergab gegangen.
Zo ging hinauf zu Prahapore, einer Enklave in den Bergen nördlich der Stadt. Hier wohnte eine von Jackies weiblichen terranischen Spionen in einem Wohnheim, das gedrängt voll war mit geplagtem Verwaltungspersonal. Die Leute wohnten neben ihren Bildschirmen und schliefen unter ihren Pulten. Jackies Kontaktperson war eine Progammiererin von Übersetzungsgeräten, eine Frau, die Mandarin, Urdu, Drawidisch und Vietnamesisch ebenso beherrschte wie Hindi und Englisch. Sie spielte eine wichtige Rolle in einem ausgedehnten Lauschnetz und konnte Jackie über manch indisch-chinesische Konversation, die den Mars betraf, auf dem laufenden halten.
Als sie sich draußen in dem kleinen Kräutergarten des Grundstücks befanden, sagte die beleibte Frau zu Zo: »Natürlich werden sie beide mehr Menschen auf den Mars schicken. Das ist sicher. Aber es sieht so aus, als glaubten beide Regierungen, für ihre Bevölkerung eine langfristige Lösung zu haben. Man erwartet von niemandem mehr, daß er mehr als ein Kind hat. Das ist nicht nur das Gesetz, es ist die Tradition.«
»Das Gesetz der Gebärmutter«, sagte Zo.
Die Frau zuckte die Achseln. »Möglicherweise. Auf jeden Fall eine sehr strenge Tradition. Die Leute sehen sich um und erkennen das Problem. Sie erwarten, die Langlebigkeitsbehandlung zu bekommen und dabei auch das Sterilitätsimplantat. Und in Indien freuen sie sich, wenn sie die Genehmigung erhalten, das Implantat zu entfernen. Wenn sie dann ein Kind haben, erwarten sie die endgültige Sterilisation. Sogar die Hindufundamentalisten sind dazu übergegangen. Der soziale Druck auf sie war zu groß. Und die Chinesen praktizieren das seit Jahrhunderten. Die Langlebigkeitsbehandlung hat nur das verstärkt, was sich ohnehin schon eingebürgert hatte.«
»Also hat der Mars von ihnen weniger zu befürchten, als Jackie denkt.«
»Nun, sie wollen immer noch Emigranten schicken. Das ist ein Teil der allgemeinen Strategie. Und der Widerstand gegen das Einkindgesetz war in einigen katholischen und muslimischen Ländern stärker. Einige dieser Nationen möchten den Mars kolonisieren, als wäre er leer. Die Bedrohung verlagert sich jetzt von Indien und China zu den Philippinen, nach Brasilien und Pakistan.«
»Hmm«, machte Zo. Gespräche über Immigration bedrückten sie immer. Bedrohung durch Lemminge. »Was ist mit den Exmetas?«
»Die alte Elfergruppe kommt wieder auf Unterstützung der stärksten unter den alten Metanats zurück. Sie werden sich nach Plätzen zur Entwicklung umsehen. Sie sind viel schwächer als vor der Flut, haben aber immer noch starken Einfluß in Amerika, Rußland, Europa und Südamerika. Sag Jackie, sie soll aufpassen, was Japan in den nächsten Monaten tut. Sie wird verstehen, was ich damit meine.« Sie verbanden die Armbandgeräte, damit die Frau eine sichere Übertragung detaillierter Information für Jackie machen konnte.
»Okay«, sagte Zo. Sie war plötzlich müde, als wäre ein fetter Mann zu ihr ins Exoskelett gekrochen und zöge sie nach unten. Die Erde war eine Belastung. Manche Leute sagten, sie liebten das Gewicht, als ob sie diesen Druck brauchten, um von ihrer Realität überzeugt zu sein. Zo war nicht so. Die Erde war für sie der Inbegriff von Exotik. Das war fein, aber sie hatte plötzlich das Verlangen, daheim zu sein. Sie stöpselte ihr Armband von dem Übersetzer aus und stellte sich den perfekten Mittelweg vor, jenen perfekten Test von Willen und Fleisch — die exquisite Schwerkraft des Mars.
Dann ging es am Raumaufzug von Clarke hinunter — eine Reise, die länger dauerte als der Flug von der Erde; und sie war wieder zurück in der Welt, der einzig realen Welt, dem prächtigen Mars. »Es geht nichts über die Heimat«, sagte Zo zu der Menge am Bahnhof in Sheffield. Und dann setzte sie sich vergnügt in einen der Züge, die über die Pisten von Tharsis hinunter und darauf nach Norden zu Echus Overlook fuhren.
Die kleine Stadt war seit ihren frühen Tagen als Hauptquartier des Terraform-Projekts nicht besonders schnell gewachsen. Sie lag etwas abseits und war in die steile Ostwand von Echus Chasma gebaut, so daß man nicht viel von ihr wahrnahm — ein paar Häuser auf dem Plateau oben auf der Klippe, ein Paar am Boden, aber mit drei Kilometern zwischen den beiden, so daß diese sich gegenseitig nicht sehen konnten, mehr wie zwei getrennte Dörfer, die mit einer vertikalen U-Bahn verbunden waren. Wenn die Flieger nicht gewesen wären, Echus Overlook hätte in dieser Position allenfalls als verschlafenes historisches Monument überleben können wie Underhill oder Senzeni Na oder die eisigen Refugien im Süden. Die Ostwand von Echus Chasma aber stand direkt den vorherrschenden Westwinden im Weg, die vom Tharsis- Buckel herunterströmten und zu erstaunlich starken Luftströmungen nach oben führten. Das machte es zu einem Paradies des Vogelflugs.
Zo hätte sich bei Jackie und den für sie arbeitenden Apparatschiki des Freien Mars melden sollen; aber ehe sie in all dies verwickelt wurde, wollte sie fliegen. Also holte sie am Segelflughafen ihren alten Falkenanzug von Santorini aus dem Lager, ging zum Umkleideraum und schlüpfte hinein. Sie fühlte das glatte muskulöse Gewebe vom Exoskelett des Anzugs. Dann ging es hinaus auf den glatten Weg, die Schwanzfedern nachschleppend, und auf das Tauchbrett, einen natürlichen Überhang, der künstlich mit einer Betonplatte verlängert worden war. Sie ging bis zum Ende dieser Platte und erblickte weit unter sich, dreitausend Meter tief, die Sohle von Echus Chasma. Mit dem gewohnten Adrenalinstoß kippte sie nach vorn und fiel senkrecht von der Klippe nach unten. Mit dem Kopf voran immer weiter abwärts. Als sie die Endgeschwindigkeit erreichte, was sie an der Tonhöhe des Brausens erkannte, ergriff sie der Wind am Helm; sie breitete die Arme aus, ließ den Anzug sich versteifen und helfen, die schönen Flügel gespreizt zu halten. Dann kurvte sie mit einem laut dröhnenden Knirschen des Windes in die Sonne empor, wandte den Kopf, krümmte den Rücken, streckte die Zehen und stellte die Schwanzfedern ein — links, rechts, links. Der Wind zog sie immer weiter hoch. Sie legte Füße und Arme aneinander und machte eine enge Drehung und sah erst die Klippe und dann den Boden des Chasmas — immer wieder rund herum im Flug. Zo, der Falke, wild und frei! Sie lachte glücklich. Tränen strömten in ihrer Schutzbrille, wohin der Sog sie trug, und wurden schließlich von der Kraft der Beschleunigung fortgerissen.