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Die Luft über Echus war an diesem Morgen fast leer. Nachdem sie sich im Aufwind hatten hochtragen lassen, schwenkten die meisten Flieger nach Norden. Sie stiegen auf oder schössen in eine der Schluchten in der Wand hinunter, wo der Auftrieb nachließ, und es möglich war, mit hoher Geschwindigkeit auf und ab zu sausen. Auch Zo, nachdem sie ungefähr die Höhe von fünftausend Metern über Overlook erreicht hatte und den reinen Sauerstoff des geschlossenen Luftsystems ihres Helms atmete, wandte den Kopf nach rechts, kippte über den rechten Flügel und kurvte fröhlich gegen den Wind, den sie in raschen Griffen über ihren Körper streichen fühlte. Kein Laut außer dem harten Brausen in ihren Schwingen. Der physische Druck auf ihren Körper war eine zarte empfindsame Massage. Sie hatte durch den dichten Anzug hindurch ein Gefühl, als wäre er gar nicht da, als wäre sie nackt und spürte den Wind direkt auf ihrer Haut, so wie sie es sich wünschte, daß es wäre. Ein guter Anzug verstärkte natürlich diesen Eindruck; und sie hatte diesen drei m-Jahre lang benutzt, ehe sie zum Merkur abgereist war. Er paßte wie ein Handschuh. Es was großartig, wieder in ihm zu stecken.

Sie zog nach oben wie ein Falke und stürzte sich dann vorwärts in dem Manöver, das man den fallenden Jesus‹ nannte. Tausend Meter in die Tiefe. Sie zog die Flügel ein und beschleunigte mit Delphinstößen ihren Sturzflug, bis der Wind laut über sie brauste. Sie passierte den Rand der großen Wand mit deutlich mehr als der Endgeschwindigkeit. Der Vorbeiflug an der Klippe war das Zeichen zum Hochziehen; denn so hoch die Klippe auch war, raste doch der Boden des Chasmas auf sie zu wie ein Schlag ins Gesicht, und es erforderte doch einige Zeit hochzuziehen, selbst bei ihrer Kraft, Geschicklichkeit und Nervenstärke und der Verstärkung durch den Anzug. Also krümmte sie den Rücken und spreizte die Flügel. Sie fühlte die Anstrengung in Brust und Bizeps, einen ungeheuren Druck, obwohl ihr der Anzug mit logarithmisch zunehmendem Prozentanteil der Belastung half. Schwanzfedern nach unten, los! Vier harte Flügelschläge. Und dann parierte sie den Sturz so knapp über dem Sandboden des Chasmas, daß sie eine Maus davon hätte aufgreifen können.

Sie wendete, kam in den Aufwind und schwenkte wieder zurück in sich neu entwickelnde hohe Wolken. Der Wind war an diesem Tage unberechenbar. Und es war ein alle Aufmerksamkeit forderndes Vergnügen, sich darin zu tummeln und zu spielen. Das war der Sinn des Lebens, der Zweck des Universums: reine Freude, das Gefühl der Selbstvergessenheit, wobei der Geist nicht mehr als ein Spiegel des Windes wurde. Überschwenglichkeit. Man sagte, sie fliege wie ein Engel. Manchmal flog man wie eine Drohne, manchmal wie ein Vogel; und in seltenen Fällen flog man wie ein Engel. Das war schon lange her gewesen.

Sie kam wieder zu sich und schwebte an der Wand hinunter auf Overlook zu. Sie fühlte Erschöpfung in den Armen. Dann sichtete sie einen Falken. Wie viele Flieger verfolgte sie einen Vogel, wenn sie ihn erblickte. Sie beobachtete ihn näher, als es jemals zuvor ein Vogelfreund getan hatte, ahmte jeden Übergang und jede Flügelbewegung nach, die Genialität seines Fluges zu erkennen. Manchmal kreisten die Falken harmlos über dieser Klippe auf der Suche nach Futter, und ein ganzes Geschwader von Fliegern folgte ihren Bewegungen oder versuchte es wenigstens. Es machte Spaß.

Jetzt beschattete sie den Falken, kurvte, wenn er es tat, und ahmte die Stellung von Flügeln und Schwanz nach. Seine Beherrschung der Luft war ein Talent, nach dem sie sich sehnte, das sie aber nie besitzen würde. Aber sie konnte es immerhin versuchen. Helle Sonne in eilenden Wolken, indigofarbener Himmel, der Wind gegen ihren Körper, kleine Verzückungen im Leib bei geringem Gewicht, wenn sie zum Sturz überging... ewige Momente ohne Bewußtsein. Die beste und sauberste Verwendung menschlicher Zeit.

Aber die Sonne senkte sich im Westen, und Zo wurde durstig. Darum überließ sie den Falken seinem Tun, drehte ab und schwebte in weiten, lässigen S-Kurven zu Overlook hinunter, wo sie ihre Landung mit einem Flügelschlag stehend ausführte, genau auf dem grünen Kokopelli, als ob sie nie fort gewesen wäre.

Die Nachbarschaft hinter dem Startkomplex hieß Topside und war eine Ansammlung billiger Herbergen und Restaurants, die fast nur von Fliegern und Touristen, die sich das Fliegen ansehen wollten, bewohnt waren. Sie alle aßen, tranken und streiften umher, redeten und tanzten und schauten sich nach jemanden um, mit dem man die Nacht verbringen konnte. Und dort waren auch, keineswegs überraschend, ihre Fliegerkameraden Rose und Imhotep und Ella und Estavan, alle in einer Gruppe im Adler-Bräuhaus. Sie waren schon beschwipst und entzückt, Zo wieder unter sich zu sehen. Sie tranken im Adler etwas zur Feier der Wiedervereinigung, gingen dann nach Overlook-Overlook und setzten sich auf die Brüstung, um den Klatsch nachzuholen. Sie ließen einen großen Humpen kreisen, dessen Inhalt mit Pandorph versetzt war, machten freche Bemerkungen über die unter dem Geländer vorbeiziehenden Leute und riefen Freunden zu, die sie in der Menge erspähten.

Schließlich verließen sie Overlook-Overlook und begaben sich in die Mengen von Topside hinunter. Langsam drehten sie ihre Runde durch die Kneipen zu den Badehäusern. Sie legten im Umkleideraum ihre Kleidung ab und wanderten nackt durch die dunklen warmen, mit Wasserbecken ausgestatteten Räume. Das Wasser war hüfttief, knöcheltief, brusttief; heiß, kalt und lauwarm. Sie verteilten sich und fanden später wieder zusammen, sie hatten in der Düsternis Sex mit kaum sichtbaren fremden Personen. Zo arbeitete sich langsam durch mehrere Partner zu ihrem Orgasmus durch und schnurrte behaglich, als ihr Körper sich in sich verkrampfte und ihr Bewußtsein schwand. Sex, Sex — nur Sex ähnelte dem Fliegen. Die Verzückung des Körpers, ein anderes Echo des Urknalls, der erste Orgasmus. Freude beim Anblick der Sterne im Oberlicht des Raums, beim Gefühl von warmem Wasser und einem Burschen, der in sie eindrang und drin blieb ohne ganz zu erschlaffen, sich drei Minuten später wieder versteifte und wieder anfing zu stoßen und über das Heraufkommen eines neuen Orgasmus lachte.

Danach schlenderte sie in die relative Helligkeit der Bar und fand dort die anderen. Estevan erklärte, daß der dritte Orgasmus eines Abends gewöhnlich der beste wäre, mit einer langen Annäherung an den Höhepunkt und doch noch einem Rest Sperma zum Ejakulieren. »Danach ist es immer noch fein, aber anstrengender. Man muß ganz wild werden, um es zu schaffen, und dann ist es doch nicht mehr so wie beim dritten Mal.« Zo und Rose und die übrigen Frauen waren sich einig, daß es in diesem wie in so vielen anderen Fällen überlegen wäre, weiblich zu sein. Sie hatten in einer Nacht in den Bädern routinemäßig etliche wundervolle Orgasmen; und selbst diese waren nichts im Vergleich mit dem Status orgasmus, einer Art von ständig andauerndem Orgasmus, der eine halbe Stunde dauern konnte, wenn man Glück und einen geschickten Partner hatte. Es gab dabei eine Geschicklichkeit, die sie eifrig studierten; aber alle waren sich einig, daß es mehr eine Kunst war als eine Wissenschaft. Man mußte high sein, aber nicht allzusehr, in einer Gruppe, aber keinem großen Haufen... Sie sagten Zo, daß sie in letzter Zeit dabei recht gut und sicher geworden wären; und Zo verlangte fröhlich den Beweis dafür. Estevan brüllte: »Kommt schon, ich will eine Tischnummer erleben!« Er führte sie und den Rest in einen Raum hinunter, in dem ein großer Tisch aus dem Wasser ragte. Imhotep, der für die Lektion Zos Matrazenpartner war, legte sich darauf auf den Rücken. Sie wurde von den anderen auch in Rückenlage hochgehoben, rutschte auf ihn hinunter; und dann war die ganze Gruppe mit ihr beschäftigt. Hände, Münder und Genitalien, im Mund und in jedem Ohr und in eine Zunge, Kontakt überall. Nach einiger Zeit war alles eine undifferenzierte Masse erotischer Sinnesreize. Rundum Sex total. Zo schnurrte laut. Als sie dann anfing zu kommen und sich mit krampfhafter Heftigkeit aufbäumte und Imhotep abschüttelte, machten sie alle weiter, jetzt sanfter. Sie reizten sie und ließen sie nicht zur Landung kommen. Und dann war sie gestartet und flog. Die Berührung eines kleinen Fingers hielt sie in Gang, bis sie schrie: »Nein, ich kann nicht!« Sie lachten und sagten: »Du kannst!« und hielten sie in Gang, bis sich die Muskeln ihres Magens verknoteten und sie gewaltsam von Imhotep herunterrollte und von Rose und Estavan aufgefangen wurde. Sie konnte nicht einmal mehr stehen. Jemand sagte, sie hätten sie zwanzig Minuten lang in Schwung gehalten. Es hatte sich angefühlt wie eine Ewigkeit. Alle ihre Bauchmuskeln schmerzten, ebenso ihre Schenkel und ihr Hinterteil. Sie verlangte nach einem kalten Bad und kroch zum kühlen Wasser in einem nahen Raum.