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»Ich möchte, daß du zum Uranus-System gehst«, sagte Jackie. »Die sind da draußen gerade dabei, sich niederzulassen, und ich möchte sie frühzeitig bekommen. Du kannst auch denen auf den galileischen Jupitermonden ein Wort sagen. Die tanzen aus der Reihe.«

»Ich sollte eine Koop-Arbeit übernehmen, sonst wird allzu deutlich, daß es nur ein Aushängeschild ist«, erwiderte Zo.

Nach vielen Jahren der Tätigkeit mit einer verwilderten Kooperative in Lunae war Zo einer der Koops beigetreten, die zum Teil als Tarnung für den Freien Mars fungierten und es Zo und anderen Mitarbeitern ermöglichten, Parteiarbeit zu leisten, ohne daß deutlich wurde, daß das ihre Hauptaktivität war. Die Koop, zu der Zo gegangen war, baute und installierte Kraterschirme; aber sie hatte seit mehr als einem Jahr keine echte Arbeit mehr übernommen.

Jackie nickte. »Verbring einige Zeit dort und dann nimm wieder Urlaub! In einem Monat oder so.«

»Okay.«

Zo war daran interessiert, die äußeren Satelliten zu sehen, darum fiel es ihr leicht zuzustimmen. Aber Jackie nickte nur und ließ nicht erkennen, ob es ihr lieber gewesen wäre, wenn Zo nicht zugestimmt hätte. Ihre Mutter war keine sehr einfallsreiche Person, wenn alles gesagt und getan war. Ohne Zweifel war Zos Vater die Quelle dieser Eigenschaft bei Zo, Ka möge ihn segnen! Zo wollte seine Identität nicht erfahren, die für sie jetzt nur eine Einschränkung ihrer Freiheit gewesen wäre. Aber sie fühlte einen Anflug von Dankbarkeit für seine Gene und ihre Rettung davor, genau wie Jackie zu werden.

Zo stand auf, zu müde, ihre Mutter noch länger zu ertragen. »Du siehst müde aus«, sagte sie, »und ich bin erschöpft.« Sie küßte Jackie auf die Wange, als sie das Zimmer verließ. »Ich liebe dich. Vielleicht solltest du daran denken, wieder die Behandlung zu nehmen.«

Ihre Kooperative befand sich im Krater Moreux in den Protonilus Mensae, zwischen Mangala und Bradbury Point. Das war ein großer Krater auf dem langen Abhang der Großen Böschung, in Richtung von Boones Halbinsel. Die Koop entwickelte ständig neue Variationen von molekularem Netzwerk als Ersatz für ältere Netze und die alten Kuppelstoffe. Das von ihnen über Moreux gespannte Gewebe war die jüngste Errungenschaft. Der Kunststoff seiner Fasern aus Polyhydroxybutyrat wurde aus Sojabohnen gewonnen, die genetisch manipuliert waren, um in ihren Chloroplasten das PHB zu erzeugen. Das Gewebe hielt das Äquivalent einer täglichen Inversionsschicht zurück, wodurch die Luft im Innern des Kraters dicker und beträchtlich wärmer wurde als die Außenluft. Derartige Netze erleichterten es, Biome durch den zähen Übergang vom Zelt zur freien Luft zu bekommen; und wenn sie permanent installiert waren, erzeugten sie in größeren Höhen oder Breiten angenehme Mesoklimata. Moreux reichte bis 43° Nord, und die Winter außerhalb des Kraters waren für gewöhnlich recht streng. Mit Hilfe des Netzes konnten sie einen warmen Wald für große Höhen anlegen, der mit einer exotischen Vielfalt an Pflanzen prahlte, die geneologisch gesehen von den ostafrikanischen Vulkanen, Neuguinea und dem Himalaya stammten. Unten auf dem Kraterboden waren die Sommertage sehr heiß, und die seltsamen dornigen Bäume dufteten wie würziges Parfüm.

Die Bewohner des Kraters lebten in geräumigen Appartements, die in den nördlichen Bogen des Kraterrandes eingelassen waren, in vier zurückgesetzten Ebenen von Balkons und breiten Fensterwänden, aus denen man einen Blick auf das grüne Laub des Waldes am Kilimandscharo-Abhang darunter hatte. Im Winter würden die Balkons von der Sonne gebraten und lagen im Sommer unter von Reben bedeckten Jalousien, wenn die Tagestemperaturen bis 305 K anstiegen. Es war im Gespräch, ein gröberes Geflecht zu verwenden, damit mehr heiße Luft entweichen könnte, oder sogar ein System zu entwickeln, bei dem man die Abdeckung während des Sommers einfach aufrollen könnte.

Zo verbrachte den größten Teil jeden Tages mit der Arbeit an der äußeren Moräne. Sie leistete so viel Arbeit zur Tarnung, wie sie konnte, ehe es Zeit war für die Fahrt zu den äußeren Satelliten. Die Arbeit war diesmal interessant. Dazu gehörten auch lange Fahrten durch die Bergwerksstollen, um mineralische Adern und Bodenschätze in der alten Kratermoräne aufzuspüren. Die Breccienbildung durch den Aufprall hatte alle Arten nützlicher metamorpher Mineralien gebildet, und Treibhausgas enthaltende Gesteine waren überdies allgemein vertreten. Darum arbeitete die Kooperative an neuen Verfahren des Bergbaus und daran, Rohmaterialien für die Zeltstangen zu extrahieren. Man hoffte, vermarktbare Verbesserungen der Schürfmethoden zu entdecken, bei denen die Oberfläche ungestört bliebe, während der Regolith darunter intensiv abbaubar wäre. Die meiste Arbeit unter Tage war natürlich robotisch; aber es gab immer noch verschiedene Aufgaben, bei denen der Mensch unersetzbar war, wie es beim Bergbau immer sein wird.

Zo fand es sehr befriedigend, in der düsteren Welt unter dem Mars Höhlenforschung zu betreiben und ihre Tage in den Eingeweiden des Planeten zwischen den großen Steinplatten der Höhlen, deren enge rauhe schwarze Wände im Licht der starken Lampen von Kristallen blitzten, zu verbringen, Proben zu untersuchen und neu angelegte Gänge in einem Wald aus leblosen Magnesiumstempeln, die von den Schürfrobotern eingerammt worden waren, zu erkunden. Sie arbeitete wie ein Troglodyt auf der Suche nach kostbaren Schätzen, und stieg dann aus dem Aufzugwaggon und blinzelte benommen in das Sonnenlicht des späten Nachmittags. Die Luft war bronze-, lachsoder bernsteinfarben, wenn die Sonne wie ein alter Freund durch die purpurne Linie des Horizonts strahlte und sie wärmte, während sie mühsam die Moräne hinauf zum oberen Tor marschierte, wo der runde Wald von Moreux unter ihr lag, eine verlorene Welt, in der Jaguare und Geier hausten. Dann im Innern des Geflechts befand sich eine Seilbahn, die auf Drahtschleifen zur Siedlung führte. Aber Zo ging gewöhnlich statt dessen zum Torhaus, holte ihren Vogelanzug aus dem Schließfach, schlüpfte hinein, zog den Reißverschluß zu, lief auf eine Plattform hinaus, breitete ihre Schwingen aus und flog in sanften Spiralen zu der Stadt am Nordrand, um auf einer der Speiseterrassen zu dinieren und Papageien, Sittiche und Loris zu beobachten, die auf der Suche nach einer Mahlzeit umherschossen. Das war ein Arbeitsalltag, den Zo nicht übel fand, und sie schlief gut.

Eines Tages kam eine Gruppe von Atmosphäreningenieuren, um zu sehen, wieviel Luft in der mittäglichen Hitze des Sommers durch das Geflecht entwich. Unter den Leuten waren viele der Alten, mit den verdorbenen Augen und dem zerstreuten Benehmen des langgedienten Areologen. Einer dieser Issei war Sax Russell selbst, ein kleiner, kahler Mann mit einer krummen Nase und einer Haut, die so runzlig war wie die der Schildkröten, die auf dem Kraterboden herumkrochen. Zo starrte den alten Mann immer und immer wieder an, der eine der berühmtesten Persönlichkeiten in der Geschichte des Mars war. Es war bizarr, wenn eine solche Figur aus den Büchern sie begrüßte, so als ob George Washington oder Archimedes demnächst herbeigewackelt kämen, und die tote Hand der Vergangenheit, verblüfft durch alle die jüngsten Entwicklungen, noch unter ihnen lebte.

Russell wirkte gewiß verblüfft. Er machte während der ganzen Einführungssitzung ein erstauntes Gesicht, überließ die Fragen zur Atmosphäre seinen Kollegen und verbrachte die Zeit damit, auf den Wald unter der Stadt zu starren. Als jemand ihm beim Dinner Zo vorstellte, blinzelte er sie an mit der matten Schlauheit einer Schildkröte. »Ich habe einmal deine Mutter unterrichtet.«