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»Ja«, sagte Zo.

»Würdest du mir den Kraterboden zeigen?« fragte er.

»Gewöhnlich fliege ich darüber«, erwiderte Zo überrascht.

»Ich hatte gehofft zu gehen«, sagte er und zwinkerte ihr zu.

Sein Erscheinen war so enorm, daß sie zusagte, ihm Gesellschaft zu leisten.

Sie gingen in der Kühle des Morgens los und folgten dem Schlagschatten unter dem Ostrand. Balsa- und Saalbäume wechselten sich über ihnen ab und bildeten einen hohen Baldachin, durch den Lemuren heulten und hüpften. Der alte Mann ging langsam dahin, schaute sich die sorglosen Geschöpfe im Wald an und redete nur selten, meistens um zu fragen, ob Zo die Namen der verschiedenen Farne und Bäume kannte. Alles, was sie identifizieren konnte, waren die Vögel. Sie gab fröhlich zu: »Die Namen von Pflanzen gehen durchs eine Ohr rein und durchs andere raus.«

Seine Stirn furchte sich dabei.

»Ich denke, das hilft mir, sie besser zu erkennen«, fügte sie hinzu.

»Tatsächlich.« Er schaute sich wieder um, als ob er es ausprobieren wollte. »Bedeutet das, du erkennst die Vögel nicht so gut wie die Pflanzen?«

»Sie sind anders. Sie sind meine Brüder und Schwestern und müssen Namen haben. Das gehört zu ihnen. Aber dieses Zeug« — sie zeigte auf das Laub um sie herum, riesige Farne unter dornigen blühenden Bäumen — »ist wirklich namenlos. Wir erfinden Namen; aber sie haben die nicht wirklich.«

Er dachte darüber nach.

»Wohin fliegst du?« fragte er nach einem Kilometer abwärts auf dem zugewachsenen Weg.

»Überall hin.«

»Hast du Lieblingsplätze?«

»Ich mag Echus Overlook.«

»Gute Aufwinde?«

»Sehr gute. Ich war dort, bis Jackie mich überfiel und an die Arbeit schickte.«

»Ist das nicht deine Arbeit?«

»O doch, gewiß. Aber meine Koop ist gut, um die Zeit herumzubringen.«

»Aha! Dann wirst du hier eine Weile bleiben?«

»Nur bis das galileische Shuttle startet.«

»Du willst also auswandern?«

»Keineswegs. Eine Reise, für Jackie. Diplomatische Mission.«

»Ah! Wirst du den Uranus aufsuchen?«

»Ja.«

»Ich würde gern Miranda sehen.«

»Ich auch. Das ist einer der Gründe für meine Reise.«

»Aha!«

Sie querten einen seichten Bach, indem sie auf freie flache Steine traten. Vögel sangen, Insekten schwirrten. Sonnenschein füllte jetzt die ganze Kraterschüssel, aber unter dem Baldachin des Waldes war es noch kühl. Die Luft war von parallelen Streifen schrägen gelben Lichts durchsetzt. Russell bückte sich, um in den Bach zu schauen, den sie überquert hatten.

»Wie war meine Mutter als Kind?« fragte Zo.

»Jackie?« Er dachte darüber nach. Es verging eine lange Zeit. Gerade, als Zo enttäuscht zu dem Schluß kam, daß er die Frage vergessen hätte, sagte er: »Sie war eine schnelle Läuferin. Sie stellte viele Fragen. Warum, warum, warum? Das gefiel mir. Ich denke, sie war die Älteste in dieser Generation von Exogenen. Auf jeden Fall die Anführerin.«

»War sie in Nirgal verliebt?«

»Ich weiß nicht. Wieso, ist dir Nirgal begegnet?«

»Ich glaube, ja. Einmal mit den Wilden. Was ist mit Peter Clayborne, war sie in ihn verliebt?«

»Verliebt? Vielleicht. Als wir älter waren. In Zygote — ich weiß nicht.«

»Du bist keine große Hilfe.«

»Allerdings.«

»Alles vergessen?«

»Nicht alles. Aber an was ich mich erinnere, ist schwer zu beschreiben. Ich entsinne mich, daß Jackie eines Tages nach John fragte, genau so, wie du dich nach ihr erkundigst. Mehr als einmal. Sie freute sich, seine Enkelin zu sein. War stolz auf ihn.«

»Das ist sie noch. Und ich bin stolz auf sie.«

»Und ich erinnere mich, daß sie einmal geweint hat.«

»Warum? Und sag nicht, ich weiß es nicht!«

Das machte ihn stutzig. Endlich schaute er zu ihr auf, mit einem fast menschlichen Lächeln. »Sie war traurig.«

»Oh, sehr gut!«

»Weil ihre Mutter fortgegangen war. Esther?«

»Richtig.«

»Kasei und Esther brachen auf; und Esther begab sich — wohin weiß ich nicht. Aber Kasei und Jackie blieben in Zygote. Und eines Tages ging sie an einem Tag, an dem ich unterrichtete, früh zur Schule. Sie fragte viel, warum. Und diesmal auch, aber wegen Kasei und Esther. Und dann weinte sie.«

»Was hast du zu ihr gesagt?«

»Ich weiß nicht... Ich glaube, nichts. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Hmm... Ich dachte, sie wäre vielleicht mit Esther mitgegangen. Die mütterliche Bindung ist ganz wesentlich.«

»Na, mach schon!«

»Stimmst du nicht zu? Ich dachte, ihr jungen Eingeborenen wäret alle Soziobiologen.«

»Was ist das?«

»Na — jemand, der glaubt, daß alle kulturellen Eigenschaften eine biologische Erklärung haben.«

»O nein. Natürlich nicht. Wir sind viel freier als so. Mutterschaft kann jede beliebige Sache sein. Manchmal sind Mütter nichts als Brutapparate.«

»Ich nehme an, daß... «

»Ich geb dir mein Wort darauf.«

»...Aber Jackie hat geweint.«

Sie stiegen schweigend weiter. Wie bei vielen großen Kratern stellte sich heraus, daß Moreux mehrere kleine Rinnsale besaß, die in einem zentralen Sumpf und Teich zusammenkamen. In diesem Falle war der Teich klein und nierenförmig. Er krümmte sich um die rohen niedrigen Buckel eines zentralen Seekomplexes. Zo und Russell kamen unter dem Dach des Waldes zu einem undeutlichen Pfad, der im tiefen Elefantengras verschwand. Sie hätten sich schnell verirrt ohne den Fluß, der in U-förmigen Schleifen durch eine Wiese und dann den morastigen Teich floß. Selbst die Wiese war von Elefantengras beherrscht, von dem ihnen große kreisförmige Klumpen bis über den Kopf reichten, so daß sie oft nichts als Gras und Himmel sehen konnten. Die langen Halme schimmerten unter dem violetten mittäglichen Zenit. Russell stapfte hinter Zo her. Die runden Brillengläser in seinem Gesicht spiegelten die Grasbüschel, während er sich alles ansah. Er schien von der Umgebung höchst fasziniert zu sein und sprach leise in ein altes Armbandgerät, das wie eine Fessel an seinem Handgelenk hing.

Eine letzte Kurve in den Teich hinein hatte einen schönen Strand mit Sand und Kies geschaffen. Und nachdem sie mit einem Stock an der Wasserlinie eine Treibsandprobe gemacht hatte, zog Zo ihren verschwitzten Einteiler aus und ging ins Wasser, das einige Meter vom Ufer entfernt angenehm und kühl war. Sie tauchte, schwamm eine Runde und fand mit dem Kopf den Grund. Über einer tieferen Stelle stand ein Felsblock. Sie kletterte hinauf und tauchte dreioder viermal, immer mit einem Salto vorwärts ins Wasser. Dieser Salto, der in der Luft schwierig und ungraziös war, erzeugte in ihrer Magengrube einen leichten Ruck gewichtslosen Vergnügens, ein Gefühl, das einem Orgasmus so nahe kam wie jeder Nichtorgasmus, den sie je erlebt hatte. Also tauchte sie mehrere Male, bis die Sensation abklang und ihr kalt wurde. Dann ging sie aus dem Teich heraus und legte sich auf den Sand mit der Empfindung, daß dessen Wärme und die Sonnenstrahlung sie von beiden Seiten kochten. Ein echter Orgasmus wäre perfekt gewesen; aber obwohl sie wie in einem Sex-Album vor ihm hingespreizt lag, saß Russell mit gekreuzten Beinen im seichten Wasser, offenbar vom Schlamm fasziniert, selbst nackt bis auf Sonnenbrille und Armbandgerät. Ein kleiner, kahlköpfiger und runzliger Primat, wie ihr Bild von Gandhi oder Homo habilis. Es war sogar ein bißchen sexy, anders wie er war, so alt und klein, wie das Männchen einer Schildkrötenart ohne Panzer. Sie zog das Knie zur Seite und hob ihr Hinterteil zu einer unmißverständlichen Präsentationspose. Die Sonne schien heiß auf ihre dargebotene Vulva.