»Das klingt übertrieben.«
»Nein, das ist ein realer Fachausdruck für Tiere, die in außergewöhnlich harten Wintern Nahrung von ihren Jungen stehlen.«
»Sehr passend.«
»Wir sollten wohl euch alle töten, wenn ihr hundert Jahre alt werdet.«
»Oder sobald wir Kinder kriegen.«
Sie grinste. Er war so unerschütterlich! »Was auch immer zuerst kommt.«
Er nickte, als wäre das ein vernünftiger Vorschlag. Sie lachte, obwohl es auch ärgerlich war. »Natürlich wird das nie geschehen.«
»Nein. Aber es wird auch nicht notwendig sein.«
»Nicht? Wollt ihr es wie die Lemminge machen und von den Klippen springen?«
»Nein. Es kommen Krankheiten auf, gegen die es keine Behandlung gibt. Ältere Leute sterben. So muß es sein.«
»Wirklich?«
»Ich denke, ja.«
»Meinst du nicht, daß man neue Wege finden wird, um diese neuen Krankheiten zu besiegen und die Dinge weiter ihren Gang gehen zu lassen?«
»In einigen Fällen. Aber Greisentum ist komplex; und früher oder später...« Er zuckte die Achseln.
»Das ist ein schlimmer Gedanke«, erwiderte Zo.
Sie stand auf und zog sich den getrockneten Stoff ihres Einteilers über die Beine. Auch er stand auf und zog sich an.
»Bist du jemals Bao Shuyo begegnet?« fragte er.
»Nein. Wer ist sie?«
»Eine Mathematikerin. Sie wohnt in Da Vinci.«
»Nein. Warum fragst du?«
»Bloß aus Neugier.«
Sie stiegen durch den Wald auf und blieben ab und zu stehen, um einem rasch davonhuschenden Tier nachzuschauen. Ein großes Jungtier, das wie eine einsame Hyäne aussah, blickte aus einer Mulde auf sie herunter... Zo stellte fest, daß sie vergnügt war. Dieser Issei war nicht zu verärgern und durch nichts zu erschüttern, und seine Ansichten waren unvorhersehbar, was bei den Alten ein ungewöhnlicher Zug war — bei ihnen allen. Die meisten alten Leute, die Zo kennengelernt hatte, schienen fest in der engen Raumzeit ihrer Werte gefangen zu sein. Und da das Maß, in dem die Menschen nach ihren Werten lebten, im umgekehrten Verhältnis zu dem standen, wie sie darin gebunden waren, waren die alten Männer als Tartüffs geendet, als Heuchler, denen gegenüber sie keine Geduld aufbrachte. Sie verachtete die Alten und ihre kostbaren Werte. Aber dieser hier schien keine zu besitzen. Darum hätte sie gerne länger mit ihm geplaudert.
Als sie ins Dorf zurückkamen, tätschelte sie ihm den Kopf. »Das war ein Vergnügen. Ich werde mit deiner Freundin reden.«
»Danke!«
Ein paar Tage später rief sie Ann Clayborne an. Das auf dem Schirm erscheinende Gesicht war so abschreckend wie ein Schädel.
»Hallo, ich bin Zoya Boone.«
»Ja?«
»Das ist mein Name. So pflege ich mich Fremden vorzustellen«, sagte Zo.
»Boone?«
»Jackies Tochter.«
»Ah.«
Es war deutlich, daß sie Jackie nicht mochte. Eine äußerst gewöhnliche Reaktion. Jackie war so wunderbar, daß eine Menge Leute sie haßten.
»Ich bin auch mit Sax Russell befreundet.«
»Ah.«
Unmöglich zu verstehen, was sie damit meinte.
»Ich habe ihm gesagt, daß ich eine Reise zum Uranus-System vorhabe; und er sagte, du könntest daran interessiert sein, mitzukommen.«
»Hat er das gesagt?«
»Allerdings. Darum rufe ich an. Ich gehe zum Jupiter und dann zum Uranus, mit zwei Wochen auf Miranda.«
»Miranda! Wer bist du gleich wieder?« sagte sie.
»Ich bin Zo Boone! Was ist mit dir los? Bist du senil?«
»Miranda, sagtest du?«
»Ja. Zwei Wochen. Vielleicht mehr, wenn es mir gefällt.«
»Wenn es dir gefällt?«
»Ja. Ich bleibe nicht an Orten, die ich nicht mag.«
Clayborne nickte, als ob das nur zu verständlich wäre. Darum fuhr Zo wie zu einem Kind fort: »Dort gibt es eine Menge Steine.«
»Ja,ja.«
Eine lange Pause. Zo studierte das Gesicht auf dem Schirm. Hager und runzlig wie das Russells, nur verliefen bei ihr fast alle Falten vertikal. Ein Gesicht, wie aus Holz geschnitzt. Endlich sagte sie: »Ich werde darüber nachdenken.«
»Man erwartet, daß du neue Dinge versuchst«, erinnerte Zo sie.
»Was?«
»Du hast mich gehört.«
»Hat Sax dir das gesagt?«
»Nein. Ich habe Jackie nach dir gefragt.«
»Ich werde darüber nachdenken«, sagte sie noch einmal und trennte die Verbindung.
Nadja, dachte Zo. Was soll’s. Immerhin hatte sie es versucht und fühlte sich deshalb anständig. Eine unangenehme Situation. Diese Issei hatten eine Art, jemanden in ihre Realitäten zu zerren, als wären sie alle verrückt.
Und auch unberechenbar. Am nächsten Tag rief Clayborne zurück und sagte, sie käme mit.
Clayborne erwies sich in persona wirklich als ebenso verwittert und von der Sonne ausgedörrt wie Russell, aber noch schweigsamer und seltsamer — reizbar, lakonisch und zu kurzen Ausbrüchen schlechter Stimmung neigend. Sie erschien in letzter Minute mit einem einzigen Rucksack und einem glatten schwarzen Handgelenkgerät, einem der neuesten Modelle.
Ihre Haut war nußbraun und von Grützbeuteln, Warzen und Narben gezeichnet, wo man Hautfehler entfernt hatte. Ein langes, im Freien verbrachtes Leben, und noch dazu in den frühen Jahren, wo das UV-Bombardement heftig gewesen war. Kurzum — sie war geröstet. Ein Bratkopf, wie man in Echus sagte. Ihre Augen waren grau, der Mund ein Eidechsenschlitz und die Falten vom Mund zu den Nasenlöchern wie tief gehackte Spalten. Nichts konnte strenger sein als dieses Gesicht.
Während der Woche der Fahrt zum Jupiter verbrachte sie die meiste Zeit in dem kleinen Park des Schiffs und wandelte zwischen den Bäumen. Zo bevorzugte den Speisesaal oder die große Aussichtsblase, wo sich während der Abendwache eine kleine Gruppe zusammenfand, um Pandorphtabletten zu schlucken oder Go zu spielen oder Opium zu rauchen und die Sterne zu betrachten. Darum sah sie bei der Ausreise Ann nur selten.
Sie schössen über den Asteroidengürtel, etwas außerhalb der Ebene der Ekliptik und sicher über einige der ausgehöhlten kleinen Welten hinweg, obwohl das schwer zu sagen war. Innerhalb der Steinkartoffeln, die die Schirme des Schiffs zeigten, könnten sich rohe Schalen wie ausgeraubte Minen befinden, oder Städte in schönen Landschaften; anarchistische oder gefährliche Gesellschaften, oder Ansiedlungen religiöser Gruppen oder nur mühsam zu befriedender utopischer Kollektive. Die Existenz einer solchen Vielfalt von Systemen, die in semi-anarchischem Zustand lebten, ließ Zo daran zweifeln, ob die Organisierung der äußeren Satelliten unter einem Schirm des Mars jemals gelingen würde. Sie hatte den Eindruck, daß der Asteroidengürtel als ein Modell für das dienen würde, was aus der politischen Organisation des ganzen Sonnensystems werden könnte.
Aber Jackie war anderer Ansicht. Sie sagte, der Asteroidengürtel würde das bleiben, was er war, wegen seiner besonderen Natur verstreut in einem breiten Band rings um die Sonne. Die äußeren Satelliten hingegen waren in Gruppen um ihre Gasriesen geballt und würden deshalb sicher Ligen bilden. Und sie waren große Welten im Vergleich mit den Asteroiden, so daß es schließlich einen Unterschied machen würde, mit wem im inneren System sie sich verbündeten.
Zo war davon nicht überzeugt. Aber die Abbremsung führte sie in das Jupitersystem, wo sie eine Chance bekommen sollte, Jackies Theorien zu überprüfen. Das Schiff fuhr in einer sich verengenden Kurve zwischen den galileischen Monden hindurch, um noch langsamer zu werden, wobei sie die vier großen Monde aus der Nähe betrachten konnten. Für alle vier gab es ehrgeizige Pläne für ein Terraformen, dessen Realisierung bereits begonnen hatte. Die äußeren drei — Callisto, Ganymed und Europa — hatten ähnliche Ausgangsbedingungen, ein Umstand, dem man Rechnung tragen mußte. Sie waren alle mit Schichten aus Wasser-Eis bedeckt; Callisto und Ganymed bis in tausend Kilometer Tiefe, Europa hundert Kilometer tief. Wasser war im äußeren Sonnensystem nicht selten, aber auch keineswegs überall vorhanden.