Darum hatten diese Welten etwas zu verkaufen. Alle drei Monde hatten große Mengen an Gestein, das über ihre eisigen Oberflächen verstreut war; größtenteils Reste von Meteortreffern — aus chondritischem Schutt, einem sehr nützlichen Baumaterial. Die Siedler auf den drei Monden hatten bei ihrer Ankunft vor dreißig m-Jahren die Chondrite ausgeschmolzen und Kuppelgerüste aus karbonischen Nano-Rohren hergestellt, ähnlich den im Raumaufzug des Mars verwendeten, und damit Flächen von zwanzig oder fünfzig Kilometern Durchmesser mit vielschichtigen Folien überdacht. Unter ihren Kuppeln hatten sie zerstampftes Gestein verteilt, um eine dünne Bodenschicht zu schaffen. Den Permafrost hatten sie aufgeschmolzen, wodurch von Eis umgebene Seen entstanden waren.
Auf Callisto wurde die auf diese Weise geschaffene Kuppelstadt Genfer See genannt. Dort sollte die Delegation vom Mars mit den verschiedenen Leitern und politischen Gruppen der Jupiterliga zusammenkommen. Wie gewöhnlich begleitete Zo die Delegation als untergeordnete Funktionärin und Beobachterin und sah sich nach Gelegenheiten um, die Botschaften Jackies Leuten zu überbringen, die in aller Diskretion etwas damit anfangen könnten.
Dieses Treffen war Teil einer zweimal jährlich stattfindenden Versammlung, in der die Terraformung der galileischen Monde erörtert wurde, und war daher eine gute Gelegenheit, um Jackies Ideen unter die Leute zu bringen. Zo saß hinten im Raum dicht bei Ann, die sich entschlossen hatte, an dem Treffen teilzunehmen. Die technischen Probleme des Terraformens dieser Monde waren groß im Maßstab, aber einfach in der Konzeption. Callisto, Ganymed und Europa wurden, wenigstens zu Anfang, in der gleichen Weise behandelt: Mobile Fusionsreaktoren krochen über ihre Oberflächen, erwärmten das Eis und pumpten Gase in die entstehenden Atmosphären aus Wasserstoff und Sauerstoff. Man hoffte, schließlich Äquatorgürtel zu schaffen, wo gesammeltes Gestein zermalmt wurde, um über dem Eis Boden zu gewinnen. Die atmosphärischen Temperaturen würden dann in Nähe des Gefrierpunkts gehalten, so daß Tundra-Ökologien eingerichtet werden könnten. Rund um den Äquator sollten Streifen von Seen entstehen, sowie atembare Atmosphären aus Sauerstoff und Wasserstoff.
Io, der innerste galileische Mond, war schwieriger, aber verlockend. Sogenannte Railguns, Beschleuniger nach dem Prinzip der Magnetschwebebahn, schleuderten von den großen Monden Ladungen von Eis und Chaldaten auf ihn hinunter. Wegen seiner Nähe zu Jupiter hatte er nur sehr wenig Wasser. Seine Oberfläche bestand aus vermischten Schichten von Basalt und Schwefel. Der Schwefel wurde in eindrucksvollen vulkanischen Wolkengebilden aus der Oberfläche gepreßt, angetrieben durch die Gezeitenwirkungen von Jupiter und den anderen Galileern. Der Plan für das Terraformen von Io war längerfristig als die meisten anderen und sollte zum Teil durch Einspritzung Schwefel fressender Bakterien in die heißen Schwefelquellen bei den Vulkanen angetrieben werden.
All diese vier Projekte wurden durch den Mangel an Licht verzögert; und enorm große Raumspiegel waren an den Lagrangepunkten Jupiters im Bau, wo die Komplikationen durch die Schwerefelder des Jupiters reduziert waren. Sonnenlicht würde von diesen Spiegeln auf die Äquatorzonen der vier Galileer gerichtet werden. Alle vier Monde waren in Gezeitenkopplung mit Jupiter, so daß ihre Sonnentage von der Länge ihrer Umlaufperioden um den Jupiter abhingen, die von 42 Stunden für Io bis zu 15 Tagen für Callisto reichten. Und ohne Rücksicht auf die Länge ihrer Tage erhielten sie nur vier Prozent von dem Sonnenlicht, das der Erde zur Verfügung stand. Aber in Wahrheit war der auf die Erde treffende Betrag des Sonnenlichts erstaunlich üppig, so daß vier Prozent noch eine Menge Licht bedeuteten, wenn es auf die Beleuchtungsstärke ankam: tausendmal so viel wie der Vollmond für die Erde — aber eben nicht viel Wärme, wenn man terraformen wollte. Darum schnorrten sie Licht auf jede nur mögliche Weise. Der Genfer See und alle Siedlungen auf den anderen Monden waren so plaziert, daß sie dem Jupiter zugewandt waren, um von dem Sonnenlicht zu profitieren, das von dem riesigen Globus am Himmel reflektiert wurde. Und fliegende ›Gaslaternen‹ waren in die obere Atmosphäre des Jupiters hinabgelassen worden, die bündelweise etwas vom Heliurri3 des Planeten in Lichtpunkten verbrannten, die so hell waren, daß man sie nicht länger als eine Sekunde anschauen konnte. Die Fusionsbrenner waren vor elektromagnetisch reflektierenden Schüsseln aufgehängt, die alles Licht in die Ebene der Ekliptik des Planeten abstrahlten. Damit war die monströse Kugel mit ihren Bändern jetzt durch die schmerzhaft hellen Diamantpunkte von mehr als zwanzig Gaslaternen, die über sein Gesicht wanderten, ein noch schmerzhafterer Anblick geworden.
Der Raumspiegel und die Gaslaternen zusammen würden den Siedlungen immer noch weniger als halb so viel Sonnenlicht spenden, wie es der Mars bekam, aber es war das beste, was sie tun konnten. So war das Leben im äußeren Sonnensystem alles in allem ein recht düsteres Geschäft, fand Zo. Schon das Sammeln von so viel Licht erforderte eine komplexe Infrastruktur. Und hier trat nun die Delegation vom Mars auf den Plan. Jackie hatte ein großes Hilfsangebot arrangiert, das mehr Fusionsungeheuer, mehr Gaslaternen und auch die Erfahrung des Mars bei Raumspiegeln und Terraformtechnik allgemein beinhaltete. Mit von der Partie war eine Assoziation von Koops für Luft- und Raumfahrt, die daran interessiert waren, jetzt, da sich die Lage im Mars-Raum weithin stabilisiert hatte, neue Aufträge zu bekommen. Sie würden Kapital und Knowhow im Austausch für günstige Handelsabkommen, Lieferungen von Helium3 aus der Hochatmosphäre des Jupiters und der Möglichkeit von Expeditionen und Schürfungen beisteuern. Möglicherweise würden sich sogar gemeinsame Bemühungen um das Terraformen der Jupiter-Brut — insgesamt 18 kleinere Monde — ergeben.
Investiertes Kapital, Knowhow, Handel — das war die Rübe für den Esel, und zwar eine große. Gewiß würden die Fühler zu einer Assoziation mit dem Mars ausgestreckt sein, und Jackie könnte dann mit allerhand politischen Weiterungen folgen und die Jupiterleute in ihr Netz ziehen. Diese Eventualität war denen aber so klar wie jedem anderen, und sie taten, was sie konnten, um das zu bekommen, was sie wollten, ohne zuviel Gegenleistung erbringen zu müssen. Ohne Zweifel würden sie die Marsianer mit ähnlichen Gegenangeboten seitens der terranischen Exmetas und anderer Organisationen ausspielen.
Hier trat nun Zo auf den Plan. Sie war der Stock. Öffentliche Rübe an einem privaten Stock, das war Jackies Methode in allen Phasen des Lebens.
Zo enthüllte Jackies Drohungen in winzigen indirekten Andeutungen, um sie noch drohender zu machen. Kurze Begegnungen mit den Offiziellen von Io: der ökopoetische Plan greife, wie Zo beiläufig ihnen gegenüber bemerkte, viel zu langsam. Es würde Jahrtausende dauern, bis ihre Bakterien den Schwefel in nützliche Gase verdaut hätten; und inzwischen würde das Strahlungsfeld des Jupiter, das Io einhüllte und ihre Probleme noch verschärfte, die Bakterien bis zur Unkenntlichkeit verändern. Sie brauchten eine Ionosphäre, sie brauchten Wasser; es war möglich, daß sie sogar daran denken mußten, den Mond in eine höhere Umlaufbahn ihres großen Gasgottes zu liften. Mars, Heimat terraformenden Knowhows und der gesündesten, reichsten Zivilisation im Sonnensystem, konnte mit all dem helfen und spezielle Unterstützung gewähren. Oder sogar mit den Bewohnern der anderen galileischen Monde darüber verhandeln, das Projekt zu übernehmen, um es zu beschleunigen.
Danach gab es gelegentliche Besprechungen mit verschiedenen Autoritäten der Eis-Galileer. Bei Cocktailparties nach den Workshops, nach den Parties in Bars, bei gemeinsamen Spaziergängen längs der Seepromenade der Stadt, unter den an den Trägern der Kuppel hängenden Straßenlampen. Die Delegierten von Io, so erzählte sie diesen Leuten, hätten vor, einen besonderen Handel für sich abzuschließen. Sie hatten die stärkste Position inne, wenn alles gesagt und getan war. Festen Boden, auf dem man stehen kann, Wärme, Schwermetalle und ein großes Touristenpotential. Zo wagte die Behauptung, daß sie bereit zu sein schienen, diese Vorteile für sich auszunutzen und die Jupiterliga zu spalten.