Ann begleitete Zo und die anderen bei einem dieser Spaziergänge, und Zo ließ sie einige dieser Unterredungen mitanhören, gespannt zu sehen, was sie daraus würde machen können. Sie folgte ihnen zur Wasserpromenade hinunter, die sich auf dem tiefen Rande des Meteoritenkraters befand, den sie mit dem See gefüllt hatten. Die Geröllkrater hier übertrafen jeden ähnlichen auf dem Mars bei weitem. Der vereiste Rand hier war nur wenige Meter höher als die durchschnittliche Oberfläche des Mondes und bildete einen runden Damm, von dem aus man über das Wasser des Sees, zurück auf die grasbewachsenen Straßen der Stadt, oder über die Straßen hinaus auf die mit Schotter bedeckte Eisfläche blicken konnte, die sich deutlich dem nahen Horizont entgegen krümmte. Die extrem flache Landschaft außerhalb der Kuppel gab einen Hinweis auf ihre Natur: ein Gletscher, der eine ganze Welt bedeckte, tausend Kilometer tiefes Eis, das jeden Meteoritenaufprall und Gezeitenbruch verdaut hatte und rasch wieder zur Ebene zerflossen war.
Auf der Oberfläche des Sees bildeten kleine schwarze Wellen Interferenzmuster. Die Wasserfläche war weiß wie der Boden des Sees und gelblich getönt durch den großen Ball des Jupiter, der bucklig über ihren Köpfen hing. Alle seine Ringe in milchigem Gelb und Orange wirbelten sichtlich an ihren Rändern und um die nadelstichgroßen Laternen herum.
Die kleine Gruppe kam an einer Reihe hölzerner Gebäude vorbei, deren Holz von den bewaldeten Inseln, die wie Flöße auf der anderen Seite des Sees schwammen, stammte. Straßengras schimmerte grünlich, und Gärten wuchsen in übergroßen Pflanzkästen hinter den Gebäuden unter langen hellen Leuchtstoffröhren. Zo zeigte ihren Begleitern auf dem Spaziergang, verwirrten Funktionären von Ganymed, etwas von dem Stock mit der Rübe. Sie erinnerte sie an die militärische Macht des Mars und erwähnte wieder, daß Io einen Abfall von ihrer Liga in Erwägung ziehe.
Die Ganymedleute gingen mit mißmutigen Gesichtern zum Essen fort. »Ganz schön raffiniert«, bemerkte Ann, als sie außer Hörweite waren.
»Jetzt sind wir sarkastisch«, erwiderte Zo.
»Du bist ein Schurke. Hör auf damit!«
»Ich werde mich in die Rote Schule für diplomatische Feinheiten einschreiben. Vielleicht arrangieren, daß Assistenten mit mir kommen und etwas von deren Besitz in die Luft jagen.«
Ann zischte etwas zwischen den Zähnen. Sie ging weiter auf der Promenade, und Zo hielt mit ihr Schritt.
»Seltsam, daß der Große Rote Fleck verschwunden ist«, bemerkte Zo, als sie auf einer Brücke einen Kanal mit weißem Boden überquerten. »Wie ein Omen. Ich warte ständig, daß er wieder auftaucht.«
Die Luft war kühl und feucht. Die Leute, an denen sie vorbeikamen, waren meistens terranischer Herkunft, ein Teil der Diaspora. Einige Flieger zogen lässige Spiralen oben unterm Gestänge der Kuppel. Zo beobachtete, wie sie über das Antlitz des großen Planeten schwebten. Ann blieb oft stehen, um abgehauene Steinflächen zu untersuchen. Sie ignorierte die Stadt auf dem Eis und ihre vielen Menschen mit ihrer zehenspitzigen Grazie und der Regenbogenkleidung, wie eine Schar junger Eingeborener, windhundartig. Zo sagte, halb bewundernd, halb gereizt: »Du interessierst dich wirklich mehr für Steine als für Menschen.«
Ann schaute sie mit dem Blick eines Basilisken an. Aber Zo zuckte nur die Achseln, nahm sie beim Arm und zog sie mit sich. »Die jungen Eingeborenen hier sind weniger als fünfzehn m-Jahre alt, sie haben ihr ganzes Leben bei einem Zehntel Ge verbracht und kümmern sich nicht um die Erde oder den Mars. Sie glauben an die Jupitermonde, an das Wasser, ans Schwimmen und ans Fliegen. Die meisten haben ihre Augen dem schwachen Licht anpassen lassen. Manche von ihnen lassen sich Kiemen wachsen. Sie planen, diese Monde so zu terraformen, daß es ihnen fünftausend Jahre bringt. Sie sind der nächste Schritt in der Evolution, um Ka’s willen; und du stehst hier und starrst auf Steine, die genau die selben Steine sind wie überall anderswo in dieser Galaxis. Du bist wirklich so verrückt, wie man sich erzählt.«
Das prallte von Ann ab wie ein hingeworfener Kieselstein. »Du sagst dasselbe wie ich, als ich versuchte, Nadia von Underhill weg zu bekommen«, erwiderte sie.
Zo zuckte die Achseln und sagte: »Komm schon, ich habe noch ein Treffen.«
»Die Arbeit der Mafia hört nie auf. So ist das.« Aber sie kam mit und schaute sich um wie ein runzliger Hoffnarr, zwergenhaft und komisch gekleidet in ihrem altmodischen Jumper.
Einige Mitglieder des Rates von Genfer See begrüßten sie, etwas nervös, bei den Docks. Sie bestiegen eine kleine Fähre, die sich den Weg durch eine Flotte kleinerer Segelboote bahnte. Draußen auf dem See war es windig. Sie knatterten zu einer der Waldinseln. Große Exemplare von Balsa und Teak standen über der sumpfigen Matte auf dem geheizten Boden der Insel, an deren Ufer Holzarbeiter an einer kleinen Sägemaschine beschäftigt waren. Die Maschine war schallgedämpft, aber ein Winseln der Sägeblätter begleitete die Unterhaltung trotzdem. Wenn man auf dem See eines Jupitermondes schwamm, wurden alle Farben durch das Grau der weit entfernten Sonne beeinträchtigt. Zo fühlte mit der Begeisterung des Fliegers und sagte zu den Einheimischen: »Das ist so schön. Ich kann verstehen, warum es in Europa Leute gibt, die davon sprechen, ihre ganze Welt zu einer Wasserwelt zu machen, in der man rings herum segeln kann. Sie würden sogar Wasser zur Venus schaffen, um an festes Land für Inseln heranzukommen. Ich weiß nicht, ob sie das euch gegenüber erwähnt haben. Vielleicht ist es bloß ein Gerede wie die Idee, von der ich gehört habe, daß man ein kleines Schwarzes Loch erzeugen und in die obere Atmosphäre Jupiters absenken will. Den Jupiter zum Stern machen! Dann hättet ihr alles Licht, das ihr benötigt.«
»Würde Jupiter dabei nicht aufgezehrt werden?« fragte ein Einheimischer.
»Nun, das würde sehr lange dauern. Man sprach von Jahrmillionen.«
»Und dann gäbe es eine Nova«, erklärte Ann.
»O ja. Alles außer Pluto würde vernichtet werden. Aber dann werden wir alle längst weg sein — auf die eine oder andere Art. Und falls nicht, wird uns schon etwas einfallen.«
Ann lachte rauh. Die Einheimischen dachten intensiv nach und schienen das nicht zu bemerken.
Zurück am Ufer des Sees gingen Ann und Zo über die Promenade. »Du bist so grob«, sagte Ann.
»Im Gegenteil. Das ist eine sehr delikate Angelegenheit. Die wissen nicht, ob ich für mich oder für Jackie oder für den Mars spreche. Es könnte bloß Gerede sein. Aber es erinnert sie an den größeren Zusammenhang. Es wäre für sie nur allzu einfach, sich hier beim Jupiter abzukapseln und den ganzen Rest zu vergessen. Das ganze Sonnensystem als ein einziger politischer Körper. Daran müssen die Leute denken. Es fällt ihnen schwer, sich das vorzustellen.«
»Du brauchst selber Hilfe. Du weißt, es ist nicht die italienische Renaissance.«
»Macchiavelli wird immer recht haben, wenn es das ist, was du meinst. Und sie müssen hier daran erinnert werden.«
»Du erinnerst mich an Frank.«
»Frank?«
»Frank Chalmers.«
»Der war ein Issei, den ich bewundere«, erklärte Zo. »Jedenfalls nach dem, was ich über ihn gelesen habe. Er war der einzige von euch, der kein Heuchler gewesen ist. Und er war derjenige, der am meisten geleistet hat.«