»Davon hast du keine Ahnung«, entgegnete Ann.
Zo zuckte die Achseln. »Die Vergangenheit ist für uns alle gleich. Ich weiß darüber so viel wie du.«
Es kam eine Gruppe von Jupiterleuten vorbei, blaß und mit großen Augen, völlig in ihr Gespräch vertieft. Zo zeigte hin: »Sieh sie dir an! Die sind so konzentriert. Ich bewundere sie wirklich. Sie stürzen sich so energisch auf ein Projekt, das erst lange nach ihrem Tod abgeschlossen sein wird. Es ist eine absurde Geste, eine Geste von Trotz und Freiheit, ein göttlicher Wahnsinn, als ob sie Sperma wären, das wild auf ein unbekanntes Ziel hin schwänzelt.«
»Das gilt für uns alle«, erwiderte Ann. »Das ist Evolution. Wann starten wir zu Miranda?«
Rund um den Uranus, viermal so weit von der Sonne entfernt wie der Jupiter, wurden die Objekte nur von einem Viertel Prozent des Lichts, das die Erde erreichte, getroffen. Das war ein Problem für die Energieversorgung größerer Terraformungsprojekte, obwohl Zo beim Eintritt in das Uranus-System festgestellt hatte, daß die Beleuchtung immer noch für gute Sichtverhältnisse ausreichte. Das Sonnenlicht war immerhin noch 1300mal heller als der Vollmond auf der Erde, und die Sonne immer noch ein blendender Splitter in dem schwarzen Sternenfeld. Obwohl die Dinge in der Landschaft etwas trübe und farblos wirkten, konnte man sie tadellos gut erkennen. Somit funktionierte die große Kraft des menschlichen Auges auch noch in großer Entfernung von daheim.
Aber es gab keine großen Monde um den Uranus, die für ein größeres Terraformungsprojekt attraktiv gewesen wären. Die Familie des Uranus bestand aus fünfzehn sehr kleinen Monden, keiner größer als Titania und Oberon, mit 600 Kilometern Durchmesser. Die meisten waren sogar beträchtlich kleiner — eigentlich eine Sammlung kleiner Asteroiden, die größtenteils nach Shakespeares Frauengestalten benannt waren und alle den sanftesten aller Gasriesen, den blaugrünen Uranus, umkreisten, der mit seinen Polen in der Ekliptik seine Runden zog, und dessen dünne, zauberhafte Schleifen seiner elf schmalen Graphitringe kaum sichtbar waren. Alles in allem, kein aussichtsreiches System für Besiedlung.
Nichtsdestoweniger waren Menschen angereist und hatten sich angesiedelt. Das war für Zo keine Überraschung. Es gab Leute, die forschten und zu bauen begannen, auf Triton, auf Pluto, auf Charon; und falls ein zehnter Planet entdeckt und eine Expedition zu ihm entsandt werden sollte, würde man ohne Zweifel eine Kuppelstadt dort finden, deren Bürger untereinander zerstritten sein und sich gegen jede Zumutung einer Einmischung in ihre Angelegenheiten von außen zur Wehr setzen würden. So war nun einmal das Leben in der Diaspora.
Die größte Kuppelstadt im Uranussystem war auf Oberon, dem größten und entferntesten der fünfzehn Monde. Zo und Ann und die übrigen Reisenden vom Mars parkten in einem planetaren Orbit knapp außerhalb von Oberon und nahmen eine Fähre, um der Hauptsiedlung einen kurzen Besuch abzustatten.
Diese Stadt, Hippolyta, überspannte eines der großen Grabentäler, die auf allen größeren Uranusmonden zu finden waren. Da die Schwere noch dürftiger war als das Licht, war die Stadt als ein dreidimensionaler Raum angelegt, mit Geländern und Gleitseilen, zur Klippe gewandten Balkons, Rutschen und Leitern, Sprungbrettern und Trampolins, hängenden Restaurants und Sockelpavillons, alle beleuchtet mit hellen, weißen, schwebenden Kugellampen.
Zo erkannte sofort, daß soviel Drum und Dran das Fliegen im Kuppelinnern unmöglich machte. Aber bei dieser Schwere war schon das alltägliche Leben eine Art Flugerlebnis. Als sie mit einer Fußbewegung in die Luft abhob, entschloß sie sich, mit den Bewohnern zusammenzukommen, die sich im täglichen Leben so benahmen; sie tanzte. Und wirklich versuchten nur sehr wenige Leute, auf terranische Art zu gehen. Hier fand die menschliche Fortbewegung von Natur aus in der Luft statt, wellenförmig, voller Voltien und Drehsprüngen und langen Tarzanschwüngen Die unterste Ebene der Stadt war mit einem Netz versehen.
Die Leute, die hier draußen lebten, kamen von überall her im Sonnensystem, obwohl sie natürlich meistens Marsianer oder Terraner waren. Es gab derzeit noch keine eingeborenen Uranier, mit Ausnahme einer Krippe Kleinkinder, die von Müttern geboren worden waren, die an der Errichtung der Siedlung gearbeitet hatten. Sechs Monde waren inzwischen besetzt, und kürzlich hatten sie einige Gaslaternen in die obere Atmosphäre von Uranus geschickt, die um seinen Äquator kreisten. Sie brannten jetzt im Blaugrün des Planeten wie Nadelstiche aus Sonnenlicht und bildeten einen Diamantengürtel um den Riesen. Diese Laternen hatten das Licht in dem System so weit verstärkt, daß jeder, den sie auf Oberon trafen, ihnen versicherte, wieviel farbiger die Dinge jetzt doch geworden waren. Aber Zo war nicht beeindruckt. Sie sagte zu einem Enthusiasten: »Ich bedaure, das nicht vorher gesehen zu haben. Es ist eine monochrome Welt.« Tatsächlich waren alle Gebäude in der Stadt hell mit breiten bunten Streifen bemalt; aber welche Farbe das gerade war, konnte Zo manchmal nicht sagen. Sie hätte einen Pupillen-Erweiterer gebraucht.
Aber den Einheimischen schien es zu gefallen. Natürlich sprachen einige von ihnen von einem Umzug nach Triton, sobald die Uranus-Städte fertig wären, als dem ›nächsten großen Probleme oder Pluto oder Charon. Sie waren Bauleute. Aber andere ließen sich hier auf Dauer nieder und nahmen Drogen oder genetische Transkriptoren ein, um sich der geringen Schwerkraft anzupassen, die Empfindlichkeit ihrer Augen zu steigern usw.
Sie sprachen davon, Kometen aus der Oortschen Wolke zu holen, um für Wasser zu sorgen, und vielleicht zwei oder drei der kleineren unbewohnten Monde zusammenstoßen zu lassen, um größere und wärmere Körper zu erzeugen, mit denen man arbeiten könnte — ›künstliche Mirandas‹ nannte sie jemand.
Ann kam von der Konferenz oder zog sich vielmehr an einem Geländer entlang, unfähig, mit der MiniGravitation fertigzuwerden. Nach einer Weile folgte Zo ihr auf Straßen, die von üppigem grünem Gras bedeckt waren. Sie blickte nach oben: Ein Riese aus Aquamarin mit schmalen matten Ringen. Ein kalter, weltentrückter Anblick, nach jeder menschlichen Vorstellung reizlos und auf die Dauer vielleicht unhaltbar wegen der niedrigen Gravitation der kleinen Monde. Aber in der Konferenz eben hatten die Uranier die subtilen Schönheiten ihres Planeten gepriesen und eine Ästhetik entwickelt, die es ihnen möglich machte, ihre Liebe auf einen wissenschaftlichen Grund zu stellen, selbst wenn sie planten, alles zu verändern — wozu sie imstande wären. Sie betonten die zarten Abstufungen der Farben, die angenehm kühle Luft in der Kuppel, die einem Flug ähnliche Art der Fortbewegung, wie ein Tanz im Traum... Einige von ihnen waren sogar schon solche Patrioten geworden, daß sie gegen eine radikale Umgestaltung plädierten. Sie waren mehr auf Erhaltung versessen, als dieser ungastliche Ort vernünftigerweise vertragen konnte.
Und jetzt entdeckten einige dieser Konservationisten Ann. Sie kamen in einer Gruppe zu ihr, standen im Kreis um sie herum, schüttelten ihr die Hand, drückten sie an sich, küßten sie oben auf den Kopf, und eine kniete sich hin, um ihr die Füße zu küssen. Zo sah Anns Miene und mußte lachen. »Na na!« sagte sie zu der Gruppe, die offenbar als eine Art Leibwache für den Mond Miranda bestimmt war. Die lokale Version der Roten, die hier entstanden war, wo das gar keinen Sinn ergab, und lange nachdem das Rotsein, selbst auf dem Mars, kein wichtiges Thema mehr war. Sie formierten sich um einen Tisch herum, der bei einer schlanken Säule mitten in der Kuppel aufgestellt war, und verzehrten eine Mahlzeit, während die Diskussion das ganze System umspannte. Der Tisch war eine Oase in der trüben Luft der Kuppel, wobei das Diamantcollier in seiner runden Fassung aus Jade auf sie herunterschien. Er schien das Zentrum der Stadt zu bilden; aber Zo sah in der Luft noch weitere solche Oasen hängen, die aus der entsprechenden Position sicher auch wie das Zentrum wirkten. Hippolyta war eine kleine Stadt, aber Oberon konnte Dutzende ihresgleichen aufnehmen, und ebenso Titania, Ariel und Miranda, so klein sie auch waren. Alle diese Satelliten hatten Oberflächen von Hunderten von Quadratkilometern. Das was das Verlockende an diesen von der Sonne vergessenen Monden: freies Land, offener Raum, eine neue Welt, eine Grenze mit ihrer immer neuen Chance eines weiteren Neuanfangs und der Gründung einer neuen Gesellschaft ganz von vorn. Für die Uranier war diese Freiheit mehr wert als Licht oder Schwerkraft. Und so hatten sie die Programme und die Roboter für den Anfang zusammengebracht und waren mit Plänen für eine Kuppel und eine Verfassung zu der fernen Grenze aufgebrochen, um ihre eigenen Ersten Hundert zu werden.