Aber gerade diese Leute waren am wenigsten daran interessiert, etwas über Jackies Pläne für eine systemweite Allianz zu hören. Immerhin hatte es schon lokale Meinungsverschiedenheiten gegeben, die stark genug waren, um Unruhe zu stiften. Unter den um den Tisch sitzenden Leuten gab es einige ernsthafte Feinde, wie Zo bemerkte. Sie beobachtete genau ihre Gesichter, als Marie, die Leiterin ihrer Delegation, den Vorschlag des Mars in ganz allgemeiner Form darlegte: Eine Allianz mit dem Ziel, mit der massiven historisch-ökonomischen und zahlenmäßigen Überlegenheit der Erde zurechtzukommen, die gewaltig, strotzend, überquellend und in ihrer Vergangenheit wie ein Schwein versumpft in seinem Stall steckte und dennoch die dominierende Kraft in der Diaspora war. Es lag im vitalen Interesse aller Siedlungen im Sonnensystem, sich mit dem Mars zu verbünden und eine geeinte Front zu bilden, die ihre Einwanderung, ihren Handel, ihr Wachstum und ihr weiteres Schicksal kontrollierte.
Von allen Uraniern sah jedoch niemand, aller Streitigkeiten untereinander zum Trotz, überzeugt aus. Eine ältere Frau, die Bürgermeisterin von Hippolyta, ergriff das Wort, und sogar die ›Roten‹ von Miranda nickten. Sie würden selbst und unabhängig mit der Erde verhandeln. Erde und Mars seien für die Freiheit der Uranier gleichermaßen gefährlich. Hier draußen planten sie, mit allen potentiellen Allianzen oder Kontrahenten frei zu agieren, in zeitweiliger Zusammenarbeit oder Opposition mit gleichen Partnern, je nach den Umständen. Es bestand einfach keine Notwendigkeit für formalere Vereinbarungen. Die Frau schloß: »All dieses Allianz-Zeug riecht nach Kontrolle von oben. Auf dem Mars ruf ihr das ja auch nicht; warum es hier ausprobieren?«
»Wir tun es sehr wohl auf dem Mars«, versicherte Marie. »Das Maß der Kontrolle hängt von dem Komplex kleinerer Systeme darunter ab und ist nützlich für die Behandlung von Problemen auf holistischer Ebene. Und jetzt auf der interplanetaren Ebene. Ihr verwechselt Totalisation mit Totalitarismus. Das ist ein gravierender Fehler.«
Sie waren keineswegs überzeugt. Vernunft mußte von Hebelkraft unterstützt werden. Und deshalb war Zo mitgekommen. Und die Anwendung von Druckmitteln würde leichter fallen, wenn die Überlegung vorher so dargelegt wurde.
Ann blieb während des ganzen Essens schweigsam, bis die allgemeine Diskussion endete und die Mirandagruppe ihre Fragen stellte. Da wurde sie munter, wie eingeschaltet, und fragte sie ihrerseits nach der laufenden lokalen Planetologie, der Klassifikation verschiedener Gebiete von Miranda als Teile der zwei kollidierten Planetesimale, nach der neueren Theorie, wonach die kleinen Monde Ophelia, Desdemona, Bianca und Puck bei der Miranda-Kollision ausgeschleuderte Teile seien und so weiter. Ihre Fragen waren detailliert und verständig. Die Wächter waren aufgeregt und begeistert. Ihre Augen waren so groß wie die von Lemuren. Auch die übrigen Uranianer waren erfreut, Anns Interesse festzustellen. Sie war Die Rote. Jetzt verstand Zo, was das wirklich bedeutete. Sie war eine der berühmtesten Personen der Geschichte. Und es schien möglich, daß alle Uranier etwas Rot in sich hatten. Anders als die Siedler der Systeme von Jupiter und Saturn hatten sie keine Pläne für langfristiges Terraformen; sie wollten für den Rest ihres Lebens in Kuppeln wohnen und auf den urtümlichen Fels hinausgehen. Und sie fühlten, zumindest ihre Wächtergruppe, daß Mfranda so ungewöhnlich war, daß man sie völlig in Ruhe lassen müßte. Das war natürlich eine Rote Idee. Nichts, was die Menschen hier taten, sagte ein uranischer Roter, würde etwas anderes bewirken, als das zu vermindern, was am wertvollsten wäre. Sie hatte einen Wert an sich, der sogar ihren Wert als planetologisches Exemplar überstieg. Miranda hatte ihre eigene Würde.
Ann paßte genau auf, als man das sagte; und Zo sah in ihren Augen, daß sie nicht zustimmte oder auch nur ganz verstand. Für sie war es eine Sache der Wissenschaft, für diese Leute jedoch eine Sache des Geistes. Zo sympathisierte eigentlich mehr mit der Ansicht der Lokalen als der von Ann mit ihrem verkrampften Beharren auf dem Objekt. Aber das Resultat war dasselbe. Beide enthielten die Rote Ethik in reiner Form: Natürlich kein Terraformen auf Miranda, auch keine Kuppeln, Zelte oder Spiegel. Nur eine einzige Station für Besucher und einige wenige Start- und Landeplätze für Raketen (obwohl selbst das innerhalb der Gruppe der Wächter umstritten war); alles verboten außer sanftem Fußverkehr und Raketensprüngen, die hoch genug über die Oberfläche führten, daß die Staubschicht nicht verletzt würde. Die Gruppe der Wächter verstand Miranda als Wildnis, durch die man wandern, auf der man aber niemals leben konnte, und die nie verändert werden dürfte. Eine Welt für Bergsteiger oder, noch besser, für Flieger. Die man sich ansah und nichts weiter. Ein natürliches Kunstwerk.
Ann nickte bei all diesem. Und da war es nun in ihr, etwas mehr als die quälende Angst, eine Leidenschaft für Fels, für eine Welt aus Stein. Fetischismus konnte sich auf alles fixieren. Und alle diese Leute teilten den gleichen Fetisch. Zo fand es drollig, unter ihnen zu sein. Drollig und verlockend, ihr Hebelpunkt wurde jetzt deutlich. Die Wächterguppe hatte eine Fähre nach Miranda besorgt, um Ann diesen Mond zu zeigen. Niemand sonst würde dort sein. Ein privater Ausflug zu dem seltsamsten aller Monde für die seltsamste aller Roten. Zo lachte und sagte ernsthaft: »Ich würde gern mitkommen.«
Und das große Nein sagte Ja. Das war Ann auf Miranda.
Miranda war der kleinste der fünf großen Monde des Uranus, nur 470 Kilometer Durchmesser. In seiner Jugend vor etwa 3,5 Milliarden Jahren war sein kleinerer Vorläufer mit einem anderen Mond von ungefähr gleicher Größe kollidiert. Die beiden waren zertrümmert worden, hatten sich dann zusammengeballt und waren in der Hitze der Kollision zu einer einzigen Kugel verschmolzen. Aber der neue Mond war abgekühlt, ehe die Verschmelzung ganz abgeschlossen war.
Das Ergebnis war eine Landschaft, die einem Traum hätte entsprungen sein können, äußerst wild und ungeordnet. Manche Gebiete waren glatt wie eine neue Haut, andere roh und zerfressen; manche waren metamorphe Flächen aus zwei Proto-Monden, andere bestanden aus den freigelegtem Innereien des Planeten. Und dann gab es da die tief eingekerbten Risse, wo die Fragmente unvollkommen zusammenstießen. Hier bogen ausgedehnte parallele Bruchsysteme in spitzen Winkeln mit dramatischen Zickzackformationen ab, ein deutliches Zeichen für die enormen Scherkräfte, die bei der Kollision aufgetreten waren. Die großen Spalten waren so breit, daß man sie auch aus dem Raum als Hackspuren erkennen konnte, Dutzende von Kilometern tiefe Einschnitte in der Seite der grauen Sphäre.
Sie landeten auf einem Plateau dicht bei der größten dieser Hackspalten, genannt Prosperos Rift. Sie schlüpften in ihre Anzüge, verließen das Raumschiff und gingen zur Kante der Schlucht hinaus. Ein düsterer Abgrund, und so tief, daß der Boden zu einer anderen Welt zu gehören schien. Zusammen mit der leichten Mikrogravitation vermittelte der Anblick Zo ein deutliches Gefühl vom Fliegen. Allerdings einer Art zu Fliegen, wie sie sie manchmal in ihren Träumen erlebte, wo alle Marsverhältnisse zugunsten eines geistigen Himmels aufgehoben waren. Über den Köpfen der Besucher schwebte Uranus voll und grün und gab ganz Miranda einen Anflug von Jade. Zo tanzte den Rand der Kante entlang, stieß sich mit den Zehen ab, schwebte und kam in kleinen Plies, das Herz voller Schönheit, herunter. So seltsam erschienen die diamantenen Funken der Gaslaternen, die auf der Atmosphäre von Uranus dahinglitten, die geisterhafte Jade. Winzige helle Lichter, aufgehängt um einen düsteren grünen Lampion. Die Tiefen des Abgrunds waren nur angedeutet. Alles erglühte in seinem eigenen inneren Grün, Viriditas brach aus jedem Ding hervor und war doch still und bewegungslos für immer, außer für sie, die Eindringlinge, die Beobachter. Zo tanzte.