Ann marschierte viel bequemer dahin als vorhin in Hippolyta, mit der unbewußten Grazie von jemand, der viel Zeit damit verbracht hat, über Felsen zu gehen. Ein Steinballett. Sie hielt in ihrem dicken Handschuh einen langen, gebogenen Hammer, und ihre Hosentaschen waren von Proben gebeult. Sie reagierte nicht auf die Rufe von Zo oder der Wächtergruppe. Sie ignorierte sie. Wie ein Schauspieler, der die Rolle von Ann Clayborne spielte. Zo lachte. Wie konnte man so ein Klischee werden!
»Wenn man dieses Relikt und den Abgrund der Zeit überdachen würde, ergäbe das einen wunderschönen Platz zum Leben«, sagte sie. »Für die Kuppel würde man viel Land benötigen, nicht wahr? Aber so eine Aussicht! Es wäre wie ein Wunder.«
Natürlich erhielt sie keine Antwort auf eine derart deutliche Provokation. Aber es würde sie zum Nachdenken veranlassen. Zo folgte der Gartengruppe wie ein Albatros. Sie stieg eine zerbrochene natürliche Steintreppe, die am Rand eines schmalen Vorsprungs verlief, hinunter, der sich von der Wand des Chasmas weit hinaus erstreckte wie der Faltenwurf einer Marmorstatue. Er endete in einem flachen Wirbel mehrere Kilometer von der Wand entfernt und ein oder zwei Kilometer unterhalb des Randes. Danach fiel der Vorsprung abrupt mehr als zwanzigtausend Meter tief zum Boden des Chasmas ab. Zwanzig Kilometer!... Selbst der große Mars konnte sich keiner solchen Wand rühmen.
An der Wand gab es eine Anzahl von Vorsprüngen und anderen Deformationen wie die, auf der sie kletterten: Riefen und Draperien wie in einer Kalksteinhöhle, aber hier waren sie alle auf einmal entstanden. Die Wand war geschmolzen, geschmolzenes Gestein war in den Abgrund getropft, bis die Kälte des Raums es für immer hatte gefrieren lassen. Von jedem Punkt ihres Abstiegs aus war die ganze Wand zu überblicken. In die Kante des Vorsprungs war ein Geländer eingefügt worden; und sie alle waren mit Seilen daran festgehakt, die mit einem Geschirr an ihren Raumanzügen verbunden waren. Das war gut, denn der Rand des Vorsprungs war schmal, und der kleinste Ausrutscher konnte sie in den Abgrund hinausschleudern. Das spinnenähnliche kleine Raumschiff, das sie abgesetzt hatte, flog hinunter und würde sie unten an der Treppe, bei der flachen Stelle am Ende des Vorsprungs, wieder aufnehmen. So konnten sie hinuntersteigen, ohne sich wegen der Rückkehr Sorgen zu machen. Und es ging abwärts, Minute um Minute, in einem Schweigen, das keineswegs gesellig war. Zo mußte grinsen. Man konnte fast hören, wie sich schwarze Gedanken auf sie richteten. Man konnte das Knirschen geradezu spüren. Mit Ausnahme von Ann, die alle paar Meter stehenblieb, um die Risse in der rohen Treppe zu inspizieren.
Auf privater Frequenz sagte Zo zu ihr: »Diese Besessenheit von Stein ist so traurig. So alt zu sein und doch so klein. Sich auf die Welt träger Materie zu beschränken, eine Welt, die einen nie überraschen wird, nie auch nur irgend etwas tun wird. Man nie verletzt wird. Areologie ist eine Art von Feigheit. Wirklich traurig.«
Ein Geräusch im Interkom: Luft, die zwischen Zähnen ausgestoßen wurde. Empörung.
Zo lachte.
»Du bist ein impertinentes Mädchen«, knurrte Ann.
»Ja, das bin ich.«
»Und auch dumm.«
»Das bin ich nicht!« Zo war über ihre eigene Heftigkeit überrascht. Und dann sah sie, daß Anns Gesicht hinter der Visierscheibe verzerrt war, und ihre Stimme zischte im Interkom zwischen scharfen, schweren Atemzügen.
»Verdirb nicht den Spaziergang!« platzte Ann heraus.
»Ich habe es satt, ignoriert zu werden.«
»So, wer ist jetzt verärgert?«
»Verärgert über die Langeweile.«
Wieder ein wütendes Zischen. »Du bist sehr schlecht erzogen worden.«
»Wessen Fehler ist das?«
»Nun deiner. Aber wir müssen die Folgen ertragen.«
»Ertrage sie ruhig weiter! Bedenke, daß ich es bin, die dich hierher gebracht hat.«
»Sax ist es, der mich hierher gebracht hat. Gepriesen sei sein kleines Herz!«
»Für dich ist alles klein.«
»Im Vergleich mit...« Der Winkel, in dem ihr Helm geneigt war, zeigte, daß sie in die Spalte hinunter blickte.
»Diese stumme Unbeweglichkeit, in der du dich so sicher fühlst.«
»Dies ist das Wrack einer Kollision, die anderen Zusammenstößen von Planetesimalen im frühen Sonnensystem sehr ähnlich ist. Es ist ein Fenster in jene Zeit. Verstehst du?«
»Ich verstehe, aber es kümmert mich nicht.«
»Du glaubst nicht, daß das wichtig ist?«
»Nichts ist wichtig in dem Sinne, den du meinst. All das hat keinen Sinn. Es ist bloß ein Ereignis im Urknall.«
»O bitte! Nihilismus ist so lächerlich«, entgegnete Ann.
»Paß auf, was du sagst! Du bist selber eine Nihilistin! Keine Bedeutung, kein Wert für das Leben oder deine Sinne — das ist ein schwacher Nihilismus, ein Nihilismus für Feiglinge, wenn du dir so etwas vorstellen kannst.«
»Meine tapfere kleine Nihilistin.«
»Ja, dem stelle ich mich. Und genieße dann, worüber man sich freuen kann.«
»Und das wäre?«
»Vergnügen. Die Sinne und was sie hereinbringen. Ich bin wirklich sensualistisch. Ich denke, das erfordert einigen Mut. Dem Schmerz ins Auge schauen, den Tod riskieren, damit die Sinne wirklich losbrüllen...«
»Denkst du, daß du dem Schmerz getrotzt hast?«
Zo erinnerte sich an eine überzogene Landung in Overlook, an den Schmerz gebrochener Beine und Rippen. »Ja, das habe ich.«
Stille im Äther. Nur die Statik des Magnetfelds vom Uranus. Vielleicht gestattete Ann ihr die Erfahrung von Schmerz, was in Anbetracht von dessen Allgegenwart nicht besonders großzügig war. Zo machte das richtig wütend. »Denkst du tatsächlich, daß es Jahrhunderte erfordert, menschlich zu werden; daß niemand menschlich gewesen ist, ehe die Geriatrie aufkam? Keats starb mit fünfundzwanzig. Hast du Hyperion gelesen? Denkst du, dieses Loch in einem Felsen ist ebenso erhaben wie ein Satz von Hyperion? Ihr Issei seid wirklich schrecklich. Und du besonders. Wenn du mich beurteilen willst, warum hast du dich nicht verändert von dem Augenblick an, als du den Mars berührtest...?«
»Das ist doch eine Leistung, nicht wahr?«
»Eine Leistung darin, sich tot zu stellen. Ann Clayborn, die größte tote Person, die jemals gelebt hat.«
»Und ein ungezogenes Mädchen. Schau dir die Struktur dieser Steine an.«
»Scheiß auf die Steine!«
»Das werde ich den Sensualisten überlassen. Nein, schau! Dieser Fels hat sich in 3,5 Milliarden Jahren nicht verändert. Und wenn er es getan hat — mein Gott, was für eine Veränderung!«
Zo betrachtete den Jade-Stein unter ihren Stiefeln. Er wirkte so ähnlich wie Glas, aber war sonst höchst schwer zu beschreiben. Sie sagte: »Du bist besessen.«
»Ja. Aber ich liebe meine Obsessionen.«
Danach kletterten sie schweigend den Grat des Vorsprungs hinunter. Im Laufe des Tages machten sie sich daran, zum Landeplatz auf dem Boden abzusteigen. Sie waren einen Kilometer unterhalb des Chasmarandes, und der Himmel über ihnen war ein Band von Sternen, Uranus in deren Mitte und die Sonne ein strahlendes Juwel dicht daneben. Unter diesem großartigen Bild wirkte die Tiefe der Spalte ungeheuer und erstaunlich. Zo hatte wieder die Empfindung des Fliegens. Sie sagte auf der allgemeinen Frequenz zu ihnen allen: »Ihr habt einen wahren Wert an der falschen Stelle geortet. Es ist wie ein Regenbogen. Ohne einen Beobachter, der sich in einem Winkel von 23° zu dem Licht befindet, das von einer Wolke sphärischer Tröpfchen reflektiert wird, gibt es keinen Regenbogen. Das ganze Universum funktioniert so. Unsere Geister stehen in einem Winkel von 23° zum Universum. Da wird etwas Neues geschafften beim Kontakt von Photon und Netzhaut, eine Art Raum entsteht zwischen Fels und Geist. Ohne Geist gibt es keinen wahren Wert.«