»Das würde heißen, es gäbe keinen wahren Wert. Es läuft bloß auf Utilitarismus hinaus«, erwiderte einer der Wächter. »Diese Orte existieren ohne uns und gab es vor uns. Das ist ihr wahrer Wert. Wenn wir hinzutreten, sollten wir diese Priorität ehren, wenn wir eine richtige Haltung gegenüber dem Universum einnehmen und es wirklich sehen wollen.«
»Aber ich sehe es ja. Oder beinahe«, erklärte Zo fröhlich. »Ihr müßt eure Augen mit einer Ergänzung eurer genetischen Behandlungen dafür aufnahmefähig machen. Inzwischen ist es wirklich großartig. Aber diese Größe liegt in eurem Geist.«
Sie antworteten nicht. Nach einer Weile fuhr Zo fort:
»All diese Themen sind schon früher auf dem Mars abgehandelt worden. Die ganze Materie der Umweltethik ist durch die Erfahrung auf dem Mars auf eine höhere Ebene gerückt worden, ins Herz unserer Aktionen. Ihr wollt jetzt diesen Ort hier als Wildnis schützen, und ich kann verstehen, warum. Viele von euch sind Marsianer, oder eure Eltern waren es. Ihr geht von einer ethischen Position aus, und Wildnis ist letztlich eine ethische Position. Terraner würden euch nicht so gut verstehen wie ich. Sie würden herauskommen und auf diesem Vorsprung ein großes Casino errichten. Sie würden diesen Spalt von einem Rand zum andern überdachen und zu terraformen versuchen, wie sie es anderswo überall gemacht haben. Die Chinesen sind noch wie Sardinen in ihr Land gepfercht und geben nicht einen Pfifferling für den wahren Wert von China an sich, geschweige denn für ein unfruchtbares Möndchen am Rande des Sonnensystems. Sie brauchen Platz und sehen ihn hier draußen; und sie werden kommen und bauen und euch verständnislos ansehen, wenn ihr dagegen seid. Und was werdet ihr tun? Ihr könnt es mit Sabotage versuchen, wie die Roten auf dem Mars. Aber sie können euch von den Monden hier ebenso leicht wegpusten wie ihr sie. Und sie haben für jeden Kolonisten, den sie verlieren, millionenfach Ersatz. Das ist es, wovon wir sprechen, wenn wir über die Erde reden. Wir sind wie die Liliputaner mit Gulliver. Wir müssen zusammenarbeiten und den Kerl mit so vielen Seilen festbinden, wie wir nur finden können.«
Keine Antwort von den anderen.
Zo seufzte und sagte: »Gut, vielleicht ist es zum besten. Wenn sich hier draußen Menschen verbreiten, würde das den Druck auf den Mars vermindern. Es könnte möglich sein, Vereinbarungen zu treffen, nach denen die Chinesen frei sind, hier so viele Menschen anzusiedeln, wie sie nur wollen, und wir auf dem Mars frei sind, die Immigration auf fast Null herunterzudrücken. Das könnte recht gut funktionieren.«
Wieder keine Reaktion von den anderen.
»Halt den Mund!« sagte Ann. »Wir sollten uns lieber auf das Land hier konzentrieren.«
»Oh, natürlich.«
Als sie sich dann ganz dem Ende des Vorsprungs näherten, wo er unbeschreiblich in die freie Luft ragte, unter der mit Juwelen besetzten Jadescheibe und dem hellen Diamantsplitter daneben, wodurch das ganze Sonnensystem plötzlich durch diese Himmelskörper trianguliert und die wahre Größe der Dinge offenbart wurde, da sahen sie über sich Sterne hinziehen. Die Raketendüsen ihres Raumschiffs.
»Siehst du?« sagte Zo. »Das sind die Chinesen. Sie kommen schon, um sich umzuschauen.«
Plötzlich geriet einer der Wächter in Wut und schlug ihr mit der Faust auf die Helmscheibe. Zo lachte. Aber sie hatte die ultrageringe Schwerkraft Mirandas vergessen und war überrascht, daß ein lächerlicher Faustschlag sie glatt von den Füßen riß. Sie stieß mit den Kniekehlen ans Geländer, machte einen Salto, machte eine Drehung, um sich abzufangen und bekam einen harten Schlag auf den Kopf; aber der Helm schützte sie, und sie blieb bei Bewußtsein. Sie taumelte das Gefälle hinunter zur Kante des Vorsprungs, hinter der die Leere gähnte. Furcht durchschoß sie wie ein elektrischer Schlag, sie kämpfte ums Gleichgewicht, schwankte hilflos und fühlte einen Ruck — o ja, das Ende ihres Geschirrs! Danach das widerliche Gefühl, weiter nach unten zu rutschen. Der Karabiner des Geschirrs mußte nachgegeben haben. Ein zweiter Adrenalinstoß der Angst. Sie drehte sich einwärts, griff nach dem vorbeigleitenden Felsen. Menschliche Kraft bei 0,005 Ge. Dieselbe geringe Schwere, die es möglich gemacht hatte, daß sie den Halt verlor, erlaubte ihr jetzt, sich mit einer einzigen Fingerspitze festzuklammern und das ganze Gewicht ihres fallenden Körpers wie durch ein Wunder abzuhalten.
Sie befand sich an der Kante eines langen Absturzes. In ihren Augen funkelten Lichter, Übelkeit, dahinter Dunkelheit... Sie konnte den Boden der Schlucht nicht erkennen, es war ein Abgrund ohne Boden, ein Traumbild, Sturz in die Dunkelheit... »Beweg dich nicht!« sagte Anns Stimme ihr ins Ohr. »Halt dich fest, und rühr dich nicht!« Über ihr ein Fuß und dann Beine. Ganz langsam hob Zo den Kopf, um zu schauen. Eine Hand packte fest ihr rechtes Handgelenk. »Okay. Einen halben Meter über dir ist ein Halt für deine linke Hand. Höher! Da! Okay, klettere! Ihr da oben, zieht uns hoch!«
Sie wurden hochgezogen wie Fische an der Angelschnur.
Zo setzte sich auf den Boden. Die kleine Raumfähre landete lautlos auf einem Platz an der anderen Seite der flachen Stelle. Kurzes Aufflammen ihrer Raketen. Die besorgten Blicke der Wächter über ihr.
»Kein sehr lustiger Spaß«, meinte Ann.
»Nein«, sagte Zo und dachte darüber nach, wie sie den Vorfall verwerten könnte. »Danke, daß du mir geholfen hast!« Es war beachtlich, wie rasch Ann ihr zu Hilfe geeilt war; nicht, daß sie sich dazu entschlossen hätte, das erforderte der Ehrenkodex. Man hatte Verpflichtungen gegenüber seinen Gleichrangigen, und Feinde waren ebenso wichtig wie Freunde. Feinde waren ebenbürtig und notwendig. Sie waren das, was es möglich machte, ein guter Freund zu sein. Aber rein als physisches Manöver war es eindrucksvoll gewesen. »Du warst sehr flink.«
Auf dem Rückflug nach Oberon waren sie alle sehr still, bis sich einer von der Crew an Ann wandte und sagte, daß Hiroko kürzlich hier im Uranussystem gesehen worden sei, auf Puck.
»Was für ein Mist!« sagte Ami.
»Wieso?« fragte Zo. »Vielleicht hat sie beschlossen, so weit wie möglich von Erde und Mars wegzukommen, wie nur irgend möglich. Ich kann es ihr nicht verübeln.«
»Dies ist nicht gerade die Art von Gegend, die sie bevorzugt.«
»Vielleicht weiß sie das nicht. Vielleicht hat man ihr nicht gesagt, daß dies ein privater Steingarten ist.«
Ann winkte ab.
Wieder zum Mars, dem Roten Planeten, der schönsten Welt im Sonnensystem. Der einzig realen Welt.
Ihr Shuttle beschleunigte, machte seine Drehung, schwebte ein paar Tage antriebslos und bremste ab. Nach zwei Wochen waren sie für Clarke ausgerichtet und dann im Aufzug, immer weiter nach unten. So langsam war dieser letzte Abstieg! Zo schaute hinaus auf Echus, dort im Nordosten, zwischen der roten Tharsis und dem blauen Nordmeer. So gut, es wieder zu sehen! Zo nahm mehrere Tabletten Pandorph, als der Waggon des Aufzugs sich nach Sheffield hineinsenkte. Und als sie in den Sockel ausstieg und dann zwischen den glänzenden Steingebäuden durch die Straßen ging und zu der großen Bahnstation auf dem Rand, war sie in der Verzückung der Areophanie. Sie liebte jedes Gesicht, das sie sah, liebte alle ihre großen Brüder und Schwestern mit ihrer überwältigenden Schönheit und phänomenalen Grazie. Sie liebte sogar die Terraner, die ihr über dem Weg liefen. Der Zug nach Echus fuhr erst in einigen Stunden; darum ging sie einige Zeit rastlos im Stadtpark spazieren und blickte in die große Caldera von Pavonis Mons hinunter, die so sehenswert war wie irgendwas auf Miranda, auch wenn sie nicht so tief war wie Prosperos Rift. Ein unendliches Band des Horizonts, alle Schattierungen von Rot, Braun, Scharlach, Rost, Umbra, Kastanienbraun, Kupfer, Ziegelrot. Sienna, Paprika, Stierblut, Zimt, Zinnober — alles unter dem dunklen, mit Sternen übersäten Nachmittagshimmel. Ihre Welt. Obwohl Sheffield unter seiner Kuppel lag, und es immer so sein würde. Sie wollte wieder zurück in den Wind.