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Das kann ich mir schwer vorstellen.

Ich mir auch. Vielleicht ist es nur der depressive Teil des Stimmungszyklus, der jetzt vorherrscht. Aber es gibt Tage, wo sie jede Gemütsbewegung verliert.

Nennt ihr so etwas jamais vu?

Nein, nicht genau. Sie hat allerdings auch solche Zustände. Wie ein gewisses Syndrom vor einem Schlaganfall.

Aber ich weiß wirklich nicht, was das ist. Sie hat jamais-vu-Eindrücke, bei denen sie sich fast an der Schwelle einer Erleuchtung fühlt, die nie kommt. Das geschieht oft bei Menschen in vorepileptischen Zuständen.

Ich habe selbst solche Empfindungen.

Ja, ich glaube, die haben wir alle. Manchmal scheint es, als würden sich die Dinge klären, und dann verschwindet dieses Gefühl. Ja. Aber für Maya sind diese sehr intensiv, wie alles.

Kontingenz. Freier Wille.

Vielleicht. Aber der Nettoeffekt aller dieser Symptome treibt sie in einen apathischen Zustand. Fast Katatonie. Versuche, alles derartige dadurch zu vermeiden, daß sie nicht zuviel empfindet. Überhaupt nichts empfindet.

Man sagt, eine der verbreitetsten Krankheiten der Issei ist es, in Angst zu verfallen.

Ja, ich habe davon gelesen. Verlust der Affektfunktion, Anomie, Apathie. Man behandelt das wie Katatonie oder Schizophrenie und gibt ihnen eine Kombination von Serotonin und Dopamin, limbische Stimulantien... ein explosiver Cocktail, kannst du dir vorstellen. Gehirnchemie... Ich habe ihr alles mögliche verordnet, das man sich vorstellen kannst, das muß ich zugeben. Ich habe Zeitschriften abgerufen, Tests durchgeführt, manchmal mit ihrem Wissen, manchmal ohne. Ich habe getan, was ich konnte, das schwöre ich.

Dessen bin ich mir sicher.

Aber es wirkt nicht. Sie verliert es. O Sax...

Er hielt inne und hielt sich an der Schulter seines Freundes fest.

Ich kann es nicht ertragen, wenn sie geht. Sie hatte immer einen so wachen Verstand. Wir sind Erde und Wasser, Feuer und Luft. Und Maya war immer beschwingt. Ein so ätherischer Geist, der auf kräftigen Schwingen über uns schwebte. Ich kann es nicht ertragen, sie sofallen zu sehen1.

Na ja.

Sie gingen weiter.

Es ist schön, Phobos wiederzusehen.

Ja. Das war eine gute Idee von dir.

Eigentlich war es deine Idee. Du hast es mir vorgeschlagen.

Wirklich? Ich erinnere mich nicht daran.

Unter ihnen klatschte das Meer leise gegen die Felsen.

Diese vier Elemente. Erde, Wasser, Feuer und Luft. Eines deiner semantischen Rechtecke?

Es geht auf die Alten Griechen zurück.

Wie die vier Temperamente?

]a. Thaies hat diese Hypothese aufgestellt. Der erste Wissenschaftler.

Aber du hast mir gesagt, es hätte immer Wissenschaftler gegeben. Schon in der Savanne, in ferner Vergangenheit.

Ja, das ist wahr.

Und die Griechen — alle Ehre ihnen, denn sie waren gewiß große Geister — waren nur Teil eines Kontinuums von Gelehrten, weißt du. Seither ist einige Arbeit geleistet worden.

Ja, das weiß ich.

Ja. Und einiges von dieser nachfolgenden Arbeit könnte dir für deine konzeptuellen Schemata nützlich sein. Wenn du für uns die ganze Welt kartierst. So, daß dir neue Wege geschenkt werden, die Dinge zu sehen. Die könnten dir helfen, sogar bei den Problemen, die du mit Maya hast. Denn es gibt mehr als diese vier Elemente. Etwa hundertzwanzig, mehr oder weniger. Vielleicht gibt es auch mehr als unsere vier Elemente, he? Und die Natur dieser Elemente... gut, die Dinge haben sich seit den Griechen stark verändert. Du weißt, daß subatomare Partikel einen sogenannten Spin besitzen, der nur in Vielfachen von einem Halben vorkommt? Und du weißt, daß es sich wie ein Objekt unserer sichtbaren Welt um dreihundertsechzig Grad dreht und dann wieder in seiner Ausgangsposition ist? Nun, ein Partikel mit einem als halb bezeichneten Spin, wie ein Proton oder ein Neutron, muß sich um siebenhundertundzwanzig Grad drehen, um wieder zu seiner ursprünglichen Konfiguration . zu kommen.

Wie das?

Es muß eine doppelte Drehung ausführen, um wieder in seine Ausgangsposition zu gelangen.

Du machst Witze.

Nein, nein. Das weiß man schon seit Jahrhunderten. Die Geometrie des Raums istfür Partikel mit dem Spin einhalb einfach anders. Die leben in einer anderen Welt.

Und so...

Nun, ich weiß nicht. Aber ich finde es anregend. Ich meine, wenn du physikalische Modelle als Analoga für unsere mentalen Zustände benutzen willst und sie in der Weise miteinander verbindest, wie du es machst, dann solltest du vielleicht auch diese etwas neueren physikalischen Modelle berücksichtigen. Sich Maya etwa als ein Proton vorstellen, ein Partikel mit dem Spin einhalb, das in einer Welt lebt, die doppelt so groß ist wie die unsere.

Ah!

Und es wird noch verrückter. Michel, diese Welt hat zehn Dimensionen. Zehn!

Die drei des Makroraums, die wir wahrnehmen können, die eine der Zeit und sechs weitere Mikrodimensionen, die um die Fundamentalteilchen herum kompakt sind auf eine Weise, die wir zwar mathematisch beschreiben, aber nicht visualisieren können. Convolutionen und Topologien. Differentialgeometrien, unsichtbar, aber real, bis hinab zum untersten Niveau der Raumzeit. Denk darüber nach! Es könnte dich zu ganz neuen Gedankensystemen führen. Eine riesige Erweiterung deines Geistes.

Mich interessiert mein Geist nicht. Ich mache mir nur Sorgen um Maya.

Ja, ich weiß.

Sie standen am Ufer und blickten über das gestirnte Wasser. Über ihnen wölbte sich die Kuppel der Sterne, und die Stille der Luft atmete über ihnen. Unten murmelte die See. Die Welt erschien als ein großer Ort, wild und frei, dunkel und geheimnisvoll.

Nach einer Weile machten sie kehrt und schlenderten auf dem Pfad zurück.

Einmal nahm ich den Zug von Da Vinci nach Sheffield. Sie hatten kurzzeitig die Strecke gesperrt, und es gab einen Aufenthalt in Underhill. Ich stieg aus und machte einen Spaziergang durch den alten Kraterpark. Und plötzlich erinnerte ich mich an manches. Schaute mich einfach um. Ich versuchte es nicht eigentlich, aber die Erinnerungen kamen mir von allein.

Ein normales Phänomen.

]a, so verstand ich es. Aber ich frage mich, ob ich nicht Maya helfen könnte, indem ich so etwas arrangiere. Nicht gerade Underhill, aber an den Orten, an denen sie glücklich war. Wo ihr beide glücklich wart. Ihr lebt jetzt in Sabishii, aber warum zieht ihr nicht wieder an einen Ort wie Odessa zurück?

Sie will nicht.

Sie kann sich irren. Warum versucht ihr nicht in Odessa zu leben und von Zeit zu Zeit Underhill oder Sheffield zu besuchen. Cairo. Vielleicht sogar Nicosia. Die Städte am Südpol. Dorsa Brevia. Ein Sprung nach Burroughs hinein. Eine Bahnreise durch das Hellas-Becken. So eine Rückkehr an einen Ort der Vergangenheit könnte ihr helfen, ihr Ich wieder zusammenzuraffen und sich wieder bewußt zu werden, wo unsere Geschichte angefangen hat. Die Orte, die uns geformt haben, zum Guten oder Schlechten, im Morgen der Welt. Sie könnte das brauchen, ob sie es weiß oder nicht.