Выбрать главу

Sie schwamm mühsam in eine stehende Position, und die Zeit kehrte zu ihr zurück. Frank hatte ihr zugerufen und war weggelaufen, ohne Sinn und Verstand wie immer. Sie hatte sich angezogen, war ihm gefolgt und hatte dann hier über einen Kaffee gebeugt gesessen. Ja. Sie hatte ihm Vorhaltungen gemacht, und sie hatte sich genau hier mit ihm gestritten. Sie hatte ihn gescholten, weil er nicht nach Sheffield eilte. Sie hatte eine Kaffeetasse heruntergeworfen, und der Griff war abgebrochen und über den Boden gerollt. Frank war aufgestanden, und sie waren heftig diskutierend fortgegangen und wieder nach Sheffield zurückgekehrt. Aber nein, so war es nicht gewesen. Sie hatten gestritten, gewiß, aber dann den Streit beigelegt. Frank hatte über den Tisch gelangt und ihre Hand ergriffen; und ihr war ein großes Gewicht vom Herzen gefallen und ein kurzer Moment der Gnade war ihr geschenkt worden, weil sie verliebt war und geliebt wurde.

Das eine oder das andere. Aber was davon war es gewesen?

Sie konnte sich nicht erinnern. Konnte nicht sicher sein. So viel Streit mit Frank. So viele Versöhnungen. Es hätte beides geschehen sein können. Es war unmöglich, dem nachzuspürem, sich zu erinnern, was wann geschehen war. In ihrem Geist ging alles durcheinander, verwischte sich zu vagen Eindrücken und unzusammenhängenden Momenten. Die Vergangenheit entwand sich ihrem Griff. Leichte Geräusche, wie ein Tier, das Schmerzen litt — ah, das war ihre Kehle. Wimmernd, stöhnend. Benommen und dennoch stöhnend. Das war absurd. Was auch immer danach geschehen war, sie wollte es wiederhaben. »Fuh.« Sie war außerstande seinen Namen zu sagen. Es schmerzte, als ob jemand ihr eine Nadel ins Herz gestochen hätte. Ah — das war wirklich ein Gefühl! Es ließ sich nicht abstreiten. Sie keuchte, es tat so weh. Man konnte es nicht leugnen.

Sie pumpte langsam mit den Flossen, schwebte vom Sand hoch, weg von den Dächern, an denen sich Seetang festgesetzt hatte. Als sie damals elend an jenem Cafetisch saß, was hätte sie gedacht, wenn sie gewußt hätte, daß sie hundertzwanzig Jahre später darüberschwimmen würde — und Frank schon lange tot war?

Ende eines Traums. Desorientierung oder das Wechseln von einer Realität in eine andere. Das Schweben in dem dunklen Wasser brachte etwas von der Taubheit zurück. Aber da war er wieder, dieser nadelstichartige Schmerz tief drinnen.

Und so hatte sich wieder einmal .gezeigt, daß Michel, der alte Alchemist, recht gehabt hatte. Sie schaute sich nach ihm um. Er war zu seinen eigenen Reisen davongeschwommen. Es war schon ziemlich viel Zeit vergangen. Die anderen hatten sich im Lichtkegel vor der Boje eingefunden und wirkten wie tropische Fische an einem dunklen kühlen Tag, die in der Hoffnung auf Wärme vom Licht angezogen werden. Traumhafte, langsame Schwerelosigkeit. Sie dachte an John, wie er nackt vor schwarzem Raum und kristallenen Sternen schwebte. Ah — es gab noch zu viel zu fühlen. Man konnte nur eine einzige Scherbe der Vergangenheit auf einmal ertragen. Diese ertrunkene Stadt; aber sie hatte sich hier auch mit John geliebt, irgendwo in einer Unterkunft in den ersten Jahren; mit John, mit Frank, mit jenem Ingenieur, an dessen Namen sie sich selten erinnern konnte, ohne Zweifel daneben auch noch mit anderen — alle vergessen oder beinahe. Eingekapselt sie alle. Kostbare Schmerzen, die das Gefühl hinterließ, waren stets in ihr geblieben, bis der Tod sie trennte. Hinauf, immer weiter nach oben zwischen den bunten tropischen’ Fischen mit ihren Armen und Beinen hindurch zurück ins Tageslicht, blauen Sonnenschein, o Gott, ja — mit knallenden Ohren und einem Schwindelgefühl, vielleicht durch Stickstoffnarkose, Tiefenrausch. Oder der Rausch menschlicher Tiefe, der Weise, wie sie damals immer weiter gelebt hatten, wie Riesen die Jahre durchpflügt hatten, ja, und an was sie sich klammerten.

Michel schwamm ihr von unten herauf nach. Sie machte einen Stoß und wartete dann. Sie wartete, umarmte ihn und drückte ihn fest an sich. Oh, wie liebte sie die Festigkeit seines Körpers in ihren Armen, diesen Beweis der Realität. Sie drückte: Michel, ich danke dir, du Zauberer meiner Seele. Ich danke dir, Mars, für das, was in uns ausdauert, möge es auch ertrunken oder verkrustet sein. Hinauf in die glorreiche Sonne, in den Wind. Streife den Anzug mit kalten ungeschickten Fingern ab, zieh ihn aus und entsteige ihm wie eine Schmetterlingspuppe, nicht bewußt der Macht weiblicher Nacktheit über das männliche Auge. Wenn du plötzlich ihrer gewahr wirst, schenke ihm die aufregende Vision von Fleisch im Sonnenlicht, von Sex am Nachmittag. Atme tief in den Wind, voller Gänsehaut und dem Schock, am Leben zu sein.

»Ich bin immer noch Maya«, erklärte sie Michel mit klappernden Zähnen. Sie drückte ihre Brüste und trocknete sie ab. Ein herrliches Gefühl von trockenem Stoff auf feuchter Haut. Sie zog ihre Kleider an und keuchte vor der Kälte des Windes. Michels Gesicht war das Bild von Beglückung, Vergottung, jene Maske der Freude des alten Dionysos, der laut über das Gelingen seines Plans lachte, über die Verzückung seiner Freundin und Gefährtin. »Was hast du gesehen?«

»Das Cafe — den Park — den Kanal — und du?«

»Hunt Mesa, das Tanzstudio — Thoth Boulevard — Tafelberg.« In der Kabine hatte er eine Flasche Champagner auf Eis. Er ließ den Korken springen; und der schoß hinaus in den Wind und landete sanft auf dem Wasser und schwamm dann auf den blauen Wellen davon.

Aber sie weigerte sich, mehr darüber zu sagen. Sie wollte nicht die Geschichte ihres Tauchgangs erzählen. Die anderen taten das, und dann war sie irgendwie an der Reihe; und die Leute auf dem Schiff sahen sie an wie Geier, erpicht darauf, ihre Erlebnisse hineinzuschlichten. Sie trank ihren Champagner, saß still auf dem Oberdeck und betrachtete die langen Wellen. Wellen sahen auf dem Mars merkwürdig aus: groß und träge, eindrucksvoll. Sie gab Michel mit einem Blick zu versehen, daß es ihr gut ging und daß er recht getan hatte, sie nach unten zu schicken. Darüber hinaus Schweigen. Mögen sie ihre eigenen Erfahrungen haben, um sich daran zu laben, die Geier.

Das Schiff kehrte zum Hafen DuMartheray zurück, der eine kleine halbmondförmige Bucht unter der Moräne des DuMartheray-Kraters nutzte. Der Hang der Moräne war mit Häusern und Grünzeug bis hinauf zum Rand bedeckt.

Sie stiegen aus und gingen zur Stadt hinauf, speisten in einem Restaurant am oberen Ende und betrachteten den strahlenden Sonnenuntergang über dem Wasser der Isidis-Bucht. Der Abendwind fiel von der Böschung herunter und pfiff fern der Küste. Er rührte das Wasser auf und sprühte in weißen Fahnen Gischt über die Brandungskämme, die von kurzen Regenbogensegmenten durchzogen waren. Maya saß dicht bei Michel und hatte eine Hand auf seine Schulter gelegt. Jemand sagte: »Seltsam zu sehen, wie die Salzsäulen da unten immer noch schimmern. «

»Und die Fensterreihen in den Mesas! Hast du diese zerbrochene gesehen? Ich wollte hineingehen und mich umschauen, hatte aber Angst.«

Maya machte eine Grimasse und konzentrierte sich auf den Augenblick. Die Leute an der anderen Seite des Tisches redeten mit Michel über ein neues Institut, das die Ersten Hundert und andere frühe Kolonisten betraf, eine Art Museum, ein Archiv mündlich überlieferte Geschichten, Komitees zum Schutz der frühesten Gebäude etc. und auch ein, Programm zur Hilfe für superalte frühe Siedler... Natürlich waren diese ernsten jungen Männer (und Männer konnten so ernst sein) besonders an Michels Hilfe interessiert, wie sie sagten, besonders dabei, alle noch lebenden der Ersten Hundert zu finden und irgendwie zu registrieren. Sie sagten, es seien jetzt dreiundzwanzig. Michel war natürlich sehr entgegenkommend und schien auch wirklich an dem Projekt interessiert zu sein.

Maya hätte diese Idee nicht stärker hassen können. Ein Kopfsprung in die Trümmer der Vergangenheit als eine Art von Riechsalz, abstoßend aber kräftigend — fein. Das war akzeptabel und sogar gesund. Sich aber auf die Vergangenheit zu fixieren und zu konzentrieren, das war abscheulich. Sie hätte die ernsten jungen Männer mit Vergnügen über das Geländer gestoßen. Inzwischen sagte Michel zu, alle restlichen Ersten Hundert zu befragen, damit das Projekt in Gang kommen konnte. Maya stand auf, ging ans Geländer und stützte sich darauf. Unten auf dem dunkel werdenden Wasser spritzten immer noch helle Gischtflocken von jeder Wellenkrone.