Auf jeden Fall wollte sie nicht gehen. Endlich, nachdem ein paar Wochen vergangen waren, gab Michel achselzuckend auf und beschloß, allein in die Provence zu fahren.
Am Tag seiner Abreise begleitete Nirgal ihn zum Bahnhof am Ende der Hauptstraße und stand winkend an dem langsam beschleunigenden Zug, der die Station verließ. Im letzten Moment steckte Michel den Kopf aus einem Fenster und winkte mit mächtigem Grinsen zurück. Nirgal war über diese noch nie dagewesene Äußerung schockiert, die so rasch an die Stelle der Enttäuschung über Mayas Fehlen getreten war. Dann freute er sich für seinen Freund und wurde sogar etwas neidisch. Es gab keinen Ort, den aufzusuchen ihn so glücklich machen würde, nirgends auf den zwei Welten.
Nachdem der Zug verschwunden war, ging Nirgal auf der Kramgasse inmitten der üblichen Traube von Begleitern und Augen der Medien zurück. Er zerrte seinen zweieinhalbfachen Körper, das Monster, hinauf und schaute nach Süden zum Berner Oberland. Er verbrachte dort eine Menge Zeit. Manchmal verzichtete er auf die Meetings am frühen Nachmittag und ließ Sax und Maya sich darum kümmern. Die Schweizer betrieben die Angelegenheiten in ihrer gewohnten geschäftsmäßigen Art. Die Meetings hatten Tagesordnungen und begannen pünktlich; und wenn sie mit der Tagesordnung nicht fertig wurden, so lag das nicht an den Schweizern im Raum. Sie waren genau wie die Schweizer auf dem Mars, wie Jürgen, Max, Priska und Sibilla mit ihrem Ordnungssinn, mit gut ausgeführter angemessener Handlungsweise und mit unsentimentaler Liebe für Komfort bei vorhersehbarer Schicklichkeit. Das war eine Haltung, über die Cojote lachte, oder die er als lebensbedrohend ablehnte. Aber Nirgal, der die Ergebnisse in der eleganten steinernen Stadt unter sich sah, die von Blumen überströmte und von Menschen, denen es ebenso gut ging wie den Blumen, dachte, es spräche doch manches dafür. Er war so lange heimatlos gewesen. Michel hatte seine Provence, bei der er Zuflucht suchen konnte. Aber für Nirgal gab es keinen beständigen Ort. Seine Heimatstadt lag zerschmettert unter einer Polkappe, seine Mutter war spurlos verschwunden, und jeder Ort danach war eben bloß ein Ort gewesen, während anderswo alles sich immer änderte. Veränderlichkeit war seine Heimat. Und das war beim Blick über die Schweiz schwer vorstellbar. Er wollte eine Heimstätte, die so etwas hatte wie diese Ziegeldächer, diese Steinmauern hier, solide in den letzten tausend Jahren.
Er versuchte, sich auf die Versammlungen im Weltgerichtshof und im Schweizer Bundeshaus zu konzentrieren. Praxis war immer noch führend bei der Reaktion auf die Flut, sie war gut darin, ohne Pläne zu arbeiten; und sie hatte schon eine Kooperative gehabt für die Produktion von Grundgütern und Diensten, einschließlich der lebensverlängernden Behandlung. Darum brauchte sie nur diesen Prozeß zu beschleunigen, um die Führung zu übernehmen und zu zeigen, was bei der Notlage getan werden konnte. Die vier Reisenden hatten die Resultate in Trinidad gesehen. Lokale Bewegungen taten das meiste davon; aber Praxis half bei solchen Projekten in der ganzen Welt. Man sagte, William Fort habe Bedenken gehabt, die flüssige Antwort des Kollektiven Transnats‹ anzuführen, wie er Praxis nannte. Und seine mutierte Metanationale war nur eine von Hunderten von Dienstleistungsagenturen, die ans Ruder gekommen waren. In der ganzen Welt beschäftigten sie sich mit dem Problem, die Küstenbevölkerung wieder seßhaft zu machen und eine neue Infrastruktur auf höherem Boden zu erbauen oder hierhin umzulegen.
Dieses lose Netz von Wiederaufbaubemühungen traf indessen auf einigen Widerstand seitens der Metanats, die sich beklagten, daß ein guter Teil ihrer Infrastruktur, ihres Kapitals und ihrer Arbeitskräfte nationalisiert, lokalisiert, angeglichen, verwertet oder geradezu gestohlen würden. Es kam nicht selten zu Kämpfen, besonders dort, wo schon bewaffnete Auseinandersetzungen im Gange waren. Die Flut war schließlich mitten in einem der größten Paroxysmen von Zusammenbruch und Neuordnung aufgetreten; und obwohl sie alles verändert hatte, wurde an vielen Stellen immer noch gekämpft, nicht selten unter dem Deckmantel von Hilfsbemühungen.
Sax Russell war sich über diese Zusammenhänge besonders im klaren, überzeugt wie er war, daß die globalen Kriege von 2061 nie die grundlegenden Ungleichheiten des ökonomischen Systems der Erde beseitigt hatten. Auf seine eigene Weise beharrte er in den Versammlungen auf diesem Punkt; und im Lauf der Zeit schien es Nirgal, daß er es schaffte, die skeptischen Zuhörer der UN und der Metanats zu überzeugen, daß sie alle etwas wie die Praxismethode verfolgen müßten, wenn sie selbst und die Zivilisation überleben wollten. Es spielte keine große Rolle, um welches von beiden sie sich mehr Sorgen machten, sagte er privat zu Nirgal, um sich selbst oder die Zivilisation. Es würde nichts ausmachen, wenn sie nur eine Art Machiavellistisches Simulacrum des Programms der Praxis einführten. Der Effekt wäre auf kurze Sicht der gleiche, und jeder brauchte diese Gnadenfrist friedlicher Zusammenarbeit.
So war Sax bei jedem Meeting peinlich konzentriert, sowie recht verständig und beflissen. Das fiel besonders im Vergleich mit seiner tiefen Zerstreutheit während der Reise zur Erde auf. Und schließlich war Sax Russell der Terraformer des Mars, die derzeit lebende Verkörperung des Großen Gelehrten mit einer mächtigen Stellung in der Kultur der Erde, dachte Nirgal — etwas wie der Dalai Lama der Wissenschaft, eine ständige Reinkarnation des Geistes der Wissenschaft, geschaffen für eine Kultur, die nur fähig zu sein schien, mit einem einzigen Gelehrten zur gleichen Zeit auszukommen. Auch war für die Metanats Sax der prinzipielle Schöpfer des größten neuen Marktes in der Geschichte. Das war kein unwesentlicher Teil seiner Aura. Und wie Maya erklärt hatte, war er einer jener Gruppe, die von den Toten wiedergekehrt war, einer der Führer der Ersten Hundert.
So wie all diese Dinge, half sein merkwürdig verhaltener Stil auch bei der Schaffung des Bildes, das die Terraner von ihm bekamen. Seine Sprachschwierigkeiten machten ihn zu einer Art Orakel. Die Menschen schienen zu glauben, daß er auf einer so erhabenen Ebene dachte, daß er nur in Rätseln sprechen konnte. Das war es, was sie vielleicht wollten. Und vielleicht war es das, was Wissenschaft für sie letztlich bedeutete. Die gängige Theoretische Physik sprach von letzter Realität als ultramikroskopischen Stringschleifen, die sich supersymmetrisch in zehn Dimensionen bewegten. Das hatte die Leute daran gewöhnt, Physiker für seltsam zu halten. Und die zunehmende Verwendung von Übersetzungscomputern gewöhnte alle an merkwürdige Ausdrucksweisen jeder Art. Fast jeder, den Nirgal traf, sprach Englisch; aber es gab leider sehr verschiedene Arten von Englisch, so daß die Erde auf Nirgal wie eine Explosion von Idiomen wirkte, wobei keine zwei Personen die gleiche Sprache benutzten.
In diesem Zusammenhang lauschte man Sax höchst ernsthaft. »Die Flut markiert eine Bruchstelle in der Geschichte«, sagte er eines Morgens auf einer großen allgemeinen Versammlung in der Kammer des Nationalrates im Bundeshaus. »Es war eine natürliche Revolution. Das Wetter auf der Erde hat sich geändert, genau wie das Land und die Meeresströmungen. Die Verteilung der menschlichen und tierischen Bevölkerung. In dieser Situation besteht kein Grund, die vorsintflutliche Welt um jeden Preis wiederherstellen zu wollen. Das ist nicht möglich. Und es gibt viele Gründe für die Einrichtung einer verbesserten sozialen Ordnung. Die alte ist brüchig geworden. Es kam zu Blutvergießen, Hunger, Sklaverei und Krieg. Leiden. Unnötiger Tod. Es wird immer Tod geben. Aber er sollte für jeden Menschen so spät wie möglich kommen. Am Ende eines guten Lebens. Das ist das Ziel jeder rationalen sozialen Ordnung. Darum sehen wir die Flut als eine Gelegenheit — hier wie auf dem Mars —, um eine neue Form zu gestalten.«