Die UN-Beamten und Berater der Metanat runzelten dabei die Stirn, aber sie hörten zu. Und die ganze Welt paßte auf. Darum war nach Nirgals Ansicht gar nicht so wichtig, was ein Kader von Führern in einer europäischen Stadt dachte, sondern vielmehr das Volk in seinen Dörfern, das im Fernsehen den Mann vom Mars betrachtete. Und da Praxis und die Schweiz und deren Verbündete weltweit alle ihre Ressourcen in Hilfe für Flüchtlinge und in die Langlebigkeitsbehandlung gesteckt hatten, schlössen sich überall Menschen zusammen. Wenn man den Lebensunterhalt gewinnen konnte, indem man die Welt rettete, wenn das die beste Chance für Stabilität, langes Leben und die Aussichten der Kinder bedeutete — warum dann nicht? Warum nicht? Was hätten die meisten Leute zu verlieren? Die vergangene metanationale Periode hatte einigen genützt, aber Milliarden waren zu kurz gekommen und jetzt in einer Lage, die sich ständig verschlimmerte.
So verloren die Metanats massenhaft ihre Arbeiter. Sie konnten sie nicht einsperren. Es war schwer, sie in Panik zu versetzen. Die einzige Möglichkeit, sie zu behalten, war die Einführung der gleichen Art von Programmen, mit denen Praxis angefangen hatte. Und das taten sie, oder behaupteten das wenigstens. Maya war sicher, daß man durch oberflächliche Veränderungen Praxis nur nachahmte, um die Arbeiter und auch die Profite zu behalten. Es war aber möglich, daß Sax recht hatte und daß sie nicht in der Lage sein würden, die Situation unter Kontrolle zu behalten, und daß sie wider Willen eine neue Ordnung einführen würden.
Nirgal entschloß sich genau das während einer Pressekonferenz in einem großen Nebenraum voller Reporter und Abgeordneter zu sagen — so unähnlich dem improvisierten Tisch im Lagerhaus von Pavonis und dem aus dem Dschungel gehauenen Komplex in Trinidad und der Bühne in dem Volksmeer während jener wilden Nacht in Burroughs. Nirgal erkannte plötzlich, daß seine Rolle darin bestand, der junge Marsianer zu sein, die Stimme der neuen Welt. Vernünftig zu sein, und den alliierten Gesichtspunkt darzulegen, konnte er getrost Maya und Sax überlassen.
»Es wird alles in Ordnung gehen«, verkündigte er und blickte so viele von ihnen an, wie er konnte. »Jeder Augenblick in der Geschichte enthält eine Mischung archaischer Elemente, von Dingen aus der ganzen Vergangenheit, bis hin zur Vorgeschichte. Die Gegenwart ist immer eine Mischung dieser mannigfaltigen archaischen Elemente. Es gibt immer noch Ritter, die auf Pferderücken ausziehen, um den Bauern die Ernte zu rauben. Es gibt auch immer noch Gilden und Stämme. Jetzt sehen wir, daß so viele Menschen ihre Jobs aufgeben, um bei der Fluthilfe mitzuarbeiten. Das ist etwas Neues. Aber es ist auch gleichzeitig eine Pilgerschaft. Sie wollen Pilger sein, die ein geistiges Ziel haben, sie wollen echte, sinnvolle Arbeit leisten. Sie wollen von niemandem mehr bestohlen werden. Diejenigen von euch hier, die die Aristokratie vertreten, sehen besorgt aus. Vielleicht werdet ihr für euch selbst arbeiten müssen und davon leben. Auf dem gleichen Niveau leben wie jeder andere. Und es ist wahr, das wird geschehen. Aber es wird alles in Ordnung gehen, sogar für euch. Genug ist so gut wie ein Festmahl. Und nur wenn alle gleich sind, werden eure Kinder sicher sein. Die universelle Ausgabe der Langlebigkeitsbehandlung, die wir jetzt sehen, ist der letzte Sinn der demokratischen Bewegung. Es ist die physische Manifestation der Demokratie, zumindest hier. Gesundheit für alle. Und wenn das geschieht, wird die Explosion positiver menschlicher Energie die Erde schon in einigen Jahren umwandeln.«
Jemand in der Menge stand auf und fragte ihn nach der Möglichkeit einer Bevölkerungsexplosion, und er nickte. »Ja, natürlich. Das ist ein echtes Problem. Man braucht keinen Demographen, um zu sehen, daß, wenn ständig neue Menschen geboren werden, während die älteren nicht sterben, die Bevölkerung rasch unglaublich ansteigen wird. Sie wird untragbar hoch, bis es eine Katastrophe gibt. Dieser Konfrontation müssen wir uns schon jetzt stellen. Die Geburtenrate muß, mindestens für einige Zeit, einfach beschnitten werden. Diese Situation wird aber nicht ewig so bleiben. Die Langlebigkeitsbehandlungen sind keine Behandlungen für Unsterblichkeit. Schließlich werden die ersten behandelten Generationen sterben. Und darin liegt die Lösung des Problems. Angenommen, die derzeitige Bevölkerung beider Welten liegt bei fünfzehn Milliarden. Das heißt, wir fangen an einer schlechten Stelle an. Angesichts der Ernsthaftigkeit des Problems gibt es keinen Grund zur Klage, solange man noch Elternschaft erreicht. Aber die eigene Langlebigkeit verursacht das Problem; und Elternschaft ist Elternschaft — ob ein Kind oder zehn. Wenn jede Person einen Partner hat und diese beiden nur ein einziges Kind haben, gibt es nur ein Kind für zwei Leute in der vorausgehenden Generation. Das wären siebeneinhalb Milliarden Kinder von dieser gegenwärtigen Generation. Und die bekommen natürlich alle die Langlebigkeitsbehandlung und werden verhätschelt, bis sie ohne Zweifel die unerträgliche Herrschaft der Welt besitzen. Diese neuen Souveräne werden vier Milliarden Kinder haben und die nächste Generation dann zwei — und so weiter. Diese alle leben gleichzeitig, und die Bevölkerung wächst die ganze Zeit, aber allmählich in geringerem Tempo. Und dann wird zu irgendeinem Zeitpunkt, sei es in hundert, sei es in tausend Jahren, die erste Generation sterben. Das kann über einen ziemlich kurzen Zeitraum erfolgen; aber schnell oder langsam, wenn der Prozeß erfolgt ist, wird die Gesamtbevölkerung fast halbiert sein. An dieser Stelle können die Menschen die Situation betrachten, die Infrastruktur, die jeweilige Umwelt der zwei Planeten, die Kapazität des ganzen Sonnensystems — wie die dann auch sein mag. Nachdem die größten Generationen verschwunden sind, können die Leute anfangen, vielleicht jeweils zwei Kinder zu haben, so daß Ersatz geschaffen wird und ein stationärer Zustand eintritt. Oder was auch immer. Wenn diese Wahlmöglichkeit besteht, wird die Bevölkerungskrise vorbei sein. Das könnte tausend Jahre dauern.«
Nirgal hielt inne, um nach draußen zu schauen und die Zuhörer anzusehen. Die Leute blickten ihn gebannt und schweigend an. Er machte eine Handbewegung, um alle zu sammeln. »In der Zwischenzeit müssen wir einander helfen. Wir müssen unsere Verhältnisse ordnen und uns um das Land kümmern. Und hier, an dieser Stelle des Projekts, kann der Mars der Erde helfen. Zunächst sind wir ein Experiment hinsichtlich der Fürsorge für das Land. Daraus kann jeder etwas lernen, und einige Lektionen können hier Anwendung finden. Dann, noch wichtiger — obwohl der größte Teil der Bevölkerung immer auf der Erde seßhaft bleiben wird —, kann ein Bruchteil von ihnen auf den Mars umsiedeln. Das wird helfen, die Situation zu erleichtern; und wir freuen uns, sie aufzunehmen. Es ist unsere Pflicht, so viele Menschen aufzunehmen, wie wir können; denn wir auf dem Mars sind immer noch Terraner und dabei alle betroffen, Erde und Mars. Doch es gibt im Sonnensystem noch weitere bewohnbare Welten, von denen keine so groß ist wie unsere zwei; aber es gibt sehr viele davon. Und wenn wir sie alle nutzen und kooperieren, können wir die bevölkerungsreichen Jahre überstehen. Und in ein goldenes Zeitalter eintreten.«
Der Vortrag dieses Tages machte einen tiefen Eindruck, soweit man das im Auge des Sturms der Medien erkennen konnte. Nirgal sprach danach jeden Tag stundenlang mit einer Gruppe nach der anderen und führte die Ideen weiter aus, die er das erste Mal in jener Sitzung vorgetragen hatte. Das war eine anstrengende Arbeit; und nach ein paar Wochen ohne Pause schaute er an einem wolkenfreien Morgen aus dem Fenster seines Schlafzimmers und sprach zu seinem Begleiter darüber, eine Expedition zu unternehmen. Und der Begleiter war einverstanden, den Leuten in Bern mitzuteilen, daß es eine private Reise wäre. Dann nahmen sie einen Zug in die Alpen.
Der Zug fuhr von Bern nach Süden, vorbei an einem langen blauen See, der Thunersee hieß und an dessen Ufern steile grasbewachsene Almen lagen und Klippen und Felsnadeln aus grauem Granit. Die Städte am See hatten Dächer aus Schieferplatten. Er sah viele alte Bäume und gelegentlich ein Schloß — alles gepflegt und in bestem Zustand. Die ausgedehnten grünen Weideflächen zwischen den Städten waren durchsetzt mit großen hölzernen Bauernhäusern; rote Gartennelken in Blumenkästen auf jedem Fensterbrett und Balkon. Dieser Stil hatte sich in fünfhundert Jahren nicht geändert, wie ihm seine Begleiter sagten. Er paßte in das Land, als ob das ganz natürlich wäre. Die grünen Almen waren von Bäumen und Steinen gesäubert. Ursprünglich waren es Wälder gewesen. Also waren sie terrageformte Räume, große hügelige Grasflächen, die geschaffen worden waren, um Futter für das Vieh zu liefern. Ein solcher Ackerbau wäre ökonomisch nicht in dem Sinne sinnvoll gewesen, wie der Kapitalismus es definierte. Aber die Schweizer hatten die hoch gelegenen Höfe immer unterstützt, weil sie das für wichtig oder schön oder beides zugleich hielten. Das war die Schweiz. »Es gibt höhere Werte als wirtschaftliche«, hatte Vlad damals bei dem Kongreß auf dem Mars nachdrücklich gesagt; und Nirgal sah jetzt, daß es auf der Erde Menschen gab, die das — zumindest teilweise — immer geglaubt hatten. Unten in Bern nannte man das Wertwandel, Änderung von Werten. Aber es konnte ebenso gut die Entwicklung von Werten sein, Wiederkehr von Werten, allmählicher Wechsel anstelle punktuellen Gleichgewichts. Wohlwollende restliche Archaismen, die immer weiter andauerten, bis die hohen isolierten Berge langsam die Welt gelehrt hatten, wie man leben sollte. Ihre großen Bauernhäuser, die auf grünen Wellen schwammen. Ein gelber Sonnenstrahl spaltete die Wolken und traf auf die Hügel hinter einer solchen Farm; und die Alm erglühte wie ein Smaragd so intensiv, daß Nirgal die Orientierung verlor und richtig betäubt wurde. Es war schwer, das Auge auf ein so strahlendes Grün zu konzentrieren!