Nirgal stand am Ende eines Wagens und sah sich den mit Dynamit gesprengten Fels an, der an ihnen vorbeiraste. Als sie dann wieder ins Sonnenlicht trafen, ragte die Eiger-Nordwand steil vor ihm auf. Ein Passagier kam unterwegs zum nächsten Wagen an ihm vorbei, blieb stehen, sah ihm ins Gesicht und bemerkte: »Ich muß sagen, ich bin erstaunt, Sie hier zu sehen. Ich bin gerade vorige Woche Ihrer Mutter begegnet.«
»Meiner Mutter?« fragte Nirgal erstaunt »Ja, Hiroko Ai. Stimmt das nicht? Sie war in England und arbeitete mit Leuten an der Themsemündung. Ich habe sie auf dem Weg hierher getroffen. Das ist ein erstaunlicher Zufall, Ihnen beiden zu begegnen, das muß ich sagen. Ich könnte fast meinen, jetzt jede Sekunde kleine rote Männer zu sehen.«
Der Mann lachte bei diesem Gedanken und schickte sich an, in den nächsten Wagen weiterzugehen.
Nirgal rief: »He! Warten Sie!«
Aber der Mann sagte nur kurz über die Schulter: »Nein, nein. Ich wollte mich nicht aufdrängen. Das ist sowieso alles, was ich weiß. Vielleicht sollten Sie sich in Sheerness nach ihr umsehen.«
Und dann fuhr der Zug pfeifend in den Bahnhof Klein Scheidegg ein. Der Mann sprang im nächsten Waggon aus einer sich öffnenden Tür; und als Nirgal sich daran machte, ihm zu folgen, kamen andere Leute dazwischen, und seine Begleiter erklärten ihm, daß er direkt nach Grindelwald hinunterfahren müßte, wenn er an diesem Abend noch heimkommen wollte. Dagegen war nichts zu sagen, aber beim Blick aus dem Fenster, als sie aus der Station rollten, sah er den Briten, der ihn angesprochen hatte, munter auf einem Pfad in das unten liegende dunkle Tal marschieren.
Nirgal landete auf einem großen Flughafen in Südengland und wurde in nordöstlicher Richtung zu einer Stadt gefahren, die die Begleiter Faversham nannten und hinter der die Straßen und Brücken überschwemmt waren. Er hatte es so eingerichtet, daß er unangemeldet ankam; und seine Eskorte hier war ein Polizeiteam, das ihn mehr an Sicherheitseinheiten der UNTA zu Hause erinnerte als an sein Schweizer Gefolge. Es waren acht Männer und zwei Frauen, schweigend, umsichtig, selbstsicher. Als sie hörten, was er vorhatte, hatten sie nach Hiroko forschen wollen, indem sie Leute aufstöberten, um sie nach ihr zu fragen. Nirgal war sicher, daß sie dadurch in ein Versteck getrieben würde, und er bestand darauf, ohne großes Getös nach ihr zu suchen. Schließlich konnte er sie überreden.
Sie fuhren in einer grauen Morgendämmerung zu einer neuen Meeresküste hinunter, die unmittelbar zwischen die Häuser vorgedrungen war. An manchen Stellen waren Reihen aufgestapelter Sandsäcke zwischen durchnäßten Mauern zu sehen, anderswo waren die Straßen bloß so weit das Auge reichte feucht mit dunklem Wasser. Hie und da waren einige Planken über Schlamm und Pfützen gelegt.
Auf der anderen Seite einer Reihe von Sandsäcken konnte man braunes Wasser ohne Gebäude erkennen. Einige Ruderboote waren an einem Gitter befestigt, das ein halb von schmutziger Gischt überspültes Fenster schützte. Nirgal folgte einem seiner Begleiter in ein großes Ruderboot und begrüßte einen hageren Mann mit rotem Gesicht, der eine dreckige Mütze tief in die Stirn gezogen hatte. Offenbar eine Art Wasserpolizist. Der Mann drückte schlapp seine Hand, und dann waren sie fort, über trübes Wasser rudernd. Drei weitere Boote waren hinter ihnen, in denen der Rest von Nirgals besorgt aussehenden Wächtern saß. Nirgals Ruderer sagte etwas; und Nirgal mußte ihn bitten, es zu wiederholen. Es hatte sich angehört, als ob der Mann nur eine halbe Zunge besäße. »Ist das Cockney, Ihr Dialekt?«
»Cockney«, bestätigte der Mann lachend.
Auch Nirgal lachte und zuckte die Achseln. Das war ein Wort, an das er sich aus einem Buch erinnerte. Er wußte nicht, was es eigentlich bedeutete. Er hatte schon tausend verschiedene Arten von Englisch gehört; aber das hier war wohl ein echter Dialekt, und er konnte ihn kaum verstehen. Der Mann redete langsamer, was die Sache jedoch nicht besser machte. Er schilderte die Nachbarschaft, von der sie sich mit einzelnen Ruderschlägen langsam entfernten und zeigte, daß die Häuser fast bis zu den Dächern überschwemmt waren. Er sagte ein paarmal »Brents« und zeigte mit dem Ruder-Ende Richtung Land.
Sie kamen zu einem Schwimmdock, das an etwas festgebunden war, das wie ein Verkehrszeichen aussah, und dessen Aufschrift ›OARE‹ lautete. An dem Dock waren mehrere größere Boote angebunden oder schaukelten in der Nähe an Ankertauen. Der Wasserpolizist ruderte zu einem dieser Boote und zeigte auf die an seiner Seite angeschweißte rostige Leiter. »Da geht’s rauf!«
Nirgal kletterte die Seite des Bootes hoch. Auf Deck stand ein Mann, der so klein war, daß er hochlangen mußte, um Nirgal die Hand zu schütteln, was er mit einem zermalmenden Griff tat. Er sagte: »Sie sind also ein Marsianer«, mit einer Stimme, die wie die des Ruderers tönte, aber viel leichter zu verstehen war. »Willkommen an Bord unseres kleinen Forschungsschiffs!
Wie ich höre, sind Sie gekommen, um nach der alten asiatischen Lady zu suchen?«
»Ja«, erwiderte Nirgal mit beschleunigtem Pulsschlag. »Sie ist Japanerin.«
»Hmm.« Der Mann runzelte die Stirn. »Ich habe sie nur einmal gesehen, hätte aber schwören können, daß sie asiatisch ist. Vielleicht Bangladeshi. Die gibt es seit der Flut überall. Aber wer weiß?«
Vier von Nirgals Begleitern stiegen an Bord, und der Bootseigentümer drückte auf den Knopf, der den Motor startete. Dann drehte er im Ruderhaus das Steuerrad und sah zu, wie das Heck des Bootes ins Wasser drückte. Das Boot vibrierte, und sie entfernten sich von der überschwemmten Gebäudereihe. Der Himmel war mit tiefhängenden bauchigen Wolken bedeckt. Himmel und Meer zeigten sich in einem bräunlichen Grau.
»Wir werden über den Kai fahren«, sagte der kleine Kapitän.
Nirgal nickte. »Wie lautet Ihr Name?«
»Bly. B-L-Y.«
»Ich bin Nirgal.«
Der Mann nickte einmal.
»Hier waren also die Docks?« fragte Nirgal »Das hier war Faversham. Da draußen waren die Marschen: Harn, Mägden. Größtenteils Marschland bis hin zur Insel Sheppey. War auch The Swale. Mehr Sumpf als Fluß, versteh’n Sie? Wenn man jetzt an einem windigen Tag hier rausfährt, is’ es wie die Nordsee selbst. Und Sheppey ist nur noch dieser kleine Hügel, den Sie da draußen sehen; ’ne richtige Insel.«
»Und dort haben Sie...?« Er wußte nicht, wie er sie nennen sollte.
»Ihre asiatische Oma ist mit der Fähre von Vlissingen nach Sheerness gekommen, auf der anderen Seite der Insel. Sheerness und Minster haben heutzutage die Themse als Straße, und bei Flut haben sie sie auch als Dach. Wir sind jetzt über Mägden Marsh. Wir werden Shell Ness umfahren. Swale ist zu klumpig.«
Das schlammfarbene Wasser um sie herum schwappte hierhin und dahin. Es war von langen, gebogenen Streifen gelblichen Schaums gesäumt. Am Horizont wurde das Wasser grau. Bly drehte das Steuerrad, und sie planschten über kurze steile Wellen. Das Boot schaukelte und bewegte sich im ganzen auf und ab, auf und ab. Nirgal hatte nie in einem gesessen. Über ihnen hing das Grau. Zwischen den Bäuchen der Wolken und dem bockigen Wasser war nur ein schmaler Keil von Luft. Das Boot hüpfte wie ein Korken hin und her. Eine flüssige Welt.
»Es ist jetzt ein gutes Stück kürzer als früher«, sagte Kapitän Bly vom Ruder her. »Wenn das Wasser klarer wäre, könnte man Sayes Court unter uns sehen.«
»Wie tief ist es?« fragte Nirgal.
»Hängt von den Gezeiten ab. Die ganze Insel war vor der Flut ungefähr ein Zoll über Meeresniveau. Darum ist es jetzt genauso tief, wieviel sich der Meeresspiegel gehoben hat. Was sagen sie jetzt? Fünfundzwanzig Fuß? Jedenfalls mehr, als dies alte Mädchen braucht. Es hat nur geringen Tiefgang.«
Er drehte das Rad nach links, und die Wellen trafen das Boot von der Seite, so daß es in raschen, ungleichmäßigen Stößen rollte. Er zeigte auf einen Pegel. »Da, fünf Meter. Typisch Marsch. Sehen Sie den Kartoffelfleck, das rauhe Wasser dort? Das wird bei hoher Tide raufkommen und sieht aus wie ein im Schlamm ertrunkener Riese.«