»Wie ist jetzt der Gezeitenstand?«
»Fast voll. In einer halben Stunde kehrt sie um.«
»Es ist schwer zu glauben, daß der Mond den Ozean so viel herumzerren kann.«
»Was, glauben Sie etwa nicht an Schwerkraft?«
»O doch. Sie erdrückt mich ja beinahe. Es ist nur schwer zu glauben, daß etwas, das so weit entfernt ist, so stark ziehen kann.«
»Hmm«, machte der Kapitän und blickte in eine Nebelbank, die die Sicht nach vorn blockierte. »Ich sagen Ihnen, was schwer zu glauben ist, nämlich daß ein paar Eisberge so viel Wasser verdrängen können, daß alle Weltmeere dermaßen angestiegen sind.«
»Das ist wirklich schwer zu glauben.«
»Es ist erstaunlich. Aber auf dem Beweis dafür schwimmen wir hier gerade. Ah, der Nebel kommt.«
»Haben Sie schlechteres Wetter als früher?«
Der Kapitän lachte. »Ich würde sagen, das hieße, Absolutes zu vergleichen.«
Der Nebel zog in langen Schleiern an ihnen vorbei, und die bockigen Wellen dampften und zischten. Plötzlich fühlte Nirgal sich glücklich, trotz des Unbehagens in seinem Magen während der negativen Beschleunigung in jedem Wellental. Er war auf einer Wasserwelt zu Schiff, und die Helligkeit war endlich erträglich. Das erste Mal, seit er auf der Erde angekommen war, konnte er aufhören zu blinzeln.
Der Kapitän drehte wieder sein großes Rad, und sie fuhren mit den Wellen direkt hinter ihnen Richtung Nordwesten in die Mündung der Themse. Zur Linken tauchte eine braun-grünliche Leiste, mit Häusern an ihrem Abhang, feucht aus dem grünlichbraunen Wasser auf. »Das ist Minster, oder was davon übrig geblieben ist. Das war das einzige höhere Landstück auf der Insel. Sheerness liegt da drüben. Man kann erkennen, wo sich das Wasser ganz darüber ergossen hat.«
Unter der niedrigen Decke strömenden Nebels sah Nirgal etwas, das wie ein Riff schäumenden Brandungswassers aussah, das in jede Richtung gleichzeitig spritzte, schwarz unter der weißen Gischt. »Ist das Sheerness?«
»O ja.«
»Sind alle nach Minster umgezogen?«
»Oder woanders hin. Die meisten. In Sheerness gibt es sehr sture Leute.«
Dann war der Kapitän voll damit beschäftigt, das Boot durch die überschwemmte Küstenfront von Minster zu bringen. Wo die Linie der Dachfirste aus den Wellen auftauchte, war ein großes Gebäude, von dem das Dach und die zum Meer gewandte Mauer entfernt worden waren. Es fungierte jetzt als kleiner Hafen. Die drei verbliebenen Wände bargen ein Wasserbecken, und die oberen Stockwerke dahinter dienten als Dock. Drei weitere Fischerboote hatten dort festgemacht; und als sie hineintrieben, schauten einige Männer darauf hoch und winkten.
»Wer ist das?« fragte einer von ihnen, als Bly sein Boot ins Dock lenkte.
»Ein Marsianer. Wir suchen die asiatische Lady, die in Sheerness vorige Woche geholfen hat. Habt ihr sie gesehen?«
»In letzter Zeit nicht. Das ist schon einige Monate her. Ich hörte, daß sie nach Southend hinübergekreuzt ist. Unten in dem Sub wird man es wissen.«
Bly nickte und sagte zu Nirgaclass="underline" »Wollen Sie sich Minster ansehen?«
Nirgal runzelte die Stirn. »Ich möchte lieber Leute finden, die möglicherweise wissen, wo sie ist.«
»Na ja.«
Bly lenkte das Boot rückwärts aus der Bucht und wendete. Nirgal schaute auf die mit Brettern vernagelten Fenster, schmutziges Wasser, die Schränke an einer Bürowand und einige an einen Balken geheftete Notizen. Als sie über den ertrunkenen Teil von Minster tuckerten, ergriff Bly ein Radiomikrophon an einer Spiralschnur und drückte auf Knöpfe. Er führte einige kurze Gespräche, denen Nirgal kaum folgen konnte: »Ah, Jack!« und dergleichen. Die Antworten kamen alle aus explosiver Statik.
»Wir werden es dann mit Sheerness versuchen. Die Flut ist günstig.«
Und so fuhren sie direkt in das Weißwasser und die über der versunkenen Stadt schäumende Gischt, wobei sie sich sehr vorsichtig nach den Straßen richteten. Inmitten der Brandung war das Wasser dort ruhiger. Kamine und Telefonmasten ragten aus der grauen Flüssigkeit; und Nirgal erwischte gelegentlich Blicke auf die Häuser und Gebäude darunter. Aber das Wasser war oben so von Schaum bedeckt und in der Tiefe so trübe, daß nur sehr wenig zu sehen war. Ein schräges Dach, ein kurzer Blick in eine Straße und das blinde Fenster eines Hauses.
Auf der anderen Seite der Stadt war ein Schwimmdock an einem aus der Brandung herausragenden Betonpfeiler verankert. »Dies ist das alte Dock für die Fähren. Man hat eine Sektion abgeschnitten und geflutet; und jetzt haben sie die Fährbüros unten ausgepumpt und wieder besetzt.«
»Wieder besetzt?«
»Sie werden schon sehen.«
Bly sprang von dem schwankenden Schanzdeck auf das Dock und hielt eine Hand hin, um Nirgal herüber zu helfen. Trotzdem stieß Nirgal sich das Knie, als er festen Boden suchte.
»Los, Spinnenmann! Wir gehen nach unten.«
Der Betonpfeiler, an dem das Dock verankert war, reichte bis auf Brusthöhe. Er war hohl, und eine metallene Leiter war innen angenietet. Elektrische Glühbirnen hingen in Fassungen an einem mit Gummi isolierten Draht, der um einen Pfosten der Leiter gewickelt war. Der Betonzylinder endete ungefähr drei Meter weiter unten, aber die Leiter führte weiter in eine große Kammer, warm, feucht und fischig, die vom Geräusch mehrerer Generatoren in einem anderen Raum oder Gebäude summte. Wände, Fußboden, Decken und Fenster des Gebäudes waren alle mit etwas bedeckt, das wie eine Folie aus klarem Kunststoff aussah. Sie befanden sich im Innern einer Blase aus irgendeinen durchsichtigem Material. Außerhalb der Blase war schmutzigbraunes Wasser, das wie Spülwasser in einem Ausguß blubberte.
Nirgals Gesicht zeigte ohne Zweifel seine Überraschung. Bly, der bei dem Anblick kurz lächelte, sagte: »Das war ein gutes, festes Gebäude. Das, was man Folienfels nennen könnte, ist so etwas wie die Stoffe, aus denen die Kuppeln bestehen, die Sie auf dem Mars benutzen, nur härtet es aus. Die Leute haben eine ganze Anzahl von Gebäuden wie diesem wieder besetzt, wenn sie die richtige Größe und Tiefe haben. Man nimmt ein Rohr — und puff! Das ist wie Glasblasen. So ziehen viele Leute aus Sherness wieder nach hier zurück und fahren mit den Schiffen vom Dock oder ihrem Hausdach los. Wir nennen sie Gezeitenvolk. Sie halten das für besser, als in England um Almosen zu betteln, he?«
»Was arbeiten sie?«
»Fischen, wie sie es immer getan haben. Und bergen. He, Karna! Hier ist mein Marsianer. Begrüße ihn! Da, wo er herkommt, ist er klein. Ich nenn ihn Spinnenmann!«
»Aber das ist doch Nirgal, nicht wahr? Mich laust der Affe, wenn ich Nirgal Spinnenmann nenne, wo ich ihn doch bei mir zu Hause als Besuch gehabt habe!« Und der Mann, schwarzhaarig und mit dunkler Haut, ein ›Asiate‹ dem Aussehen nach, wenn auch nicht nach seinem Akzent, schüttelte Nirgal sanft die rechte Hand.
Der Raum war durch ein Paar riesiger Spotlights, die zur Decke gerichtet waren, hell erleuchtet. Der blanke Fußboden war volclass="underline" Schiffsmotoren, Pumpen, Generatoren, Haspeln und Dinge, die Nirgal nicht erkannte. Die laufenden Generatoren standen am Ende einer Halle, was sie auch nicht ruhiger wirken ließ. Nirgal trat an eine Wand, um das Blasenmaterial genauer zu untersuchen. Es war nur ein paar Moleküle dick und konnte doch Tausende von Kilo Druck aushalten. Nirgal stellte sich vor, daß jedes Kilo ein Faustschlag wäre, gleich Tausende auf einmal. »Diese Blasen werden noch da sein, wenn der Beton bereits abgetragen ist.«
Nirgal fragte nach Hiroko. Karna zuckte die Achseln. »Ich habe nie ihren Namen erfahren. Ich hielt sie für eine Tamilin aus Südindien. Wie ich höre, ist sie nach Southend gegangen.«
»Hat sie Ihnen geholfen, das hier einzurichten?«