»Das werde ich.«
Nirgal fühlte sein Fleisch unter dem verklebten Riß kribbeln, der plötzlich sehr groß wirkte. Wenn man an ein sich bewegendes Kabel gefesselt war und durch Beton oder Metall gezerrt wurde — welche Agonie — ein tödlicher Schlag... Wie lange würde er danach bei Bewußtsein bleiben — eine Minute oder zwei? Im Dunkeln im Todeskampf herumgewirbelt...
Er riß sich von dem Gedanken an Erics Ende los, fühlte sich aber weiterhin erschüttert. Man befestigte ein Atemgerät an seinem Oberarm und der Gesichtsmaske. Sofort atmete er kühle Luft, reinen Sauerstoff, wie sie sagten. Bly fragte noch einmal, ob er wirklich hinuntergehen wollte, da Nirgal leicht zitterte. »Nein, nein. Mit Kälte komme ich gut zurecht«, erklärte Nirgal, »das Wasser ist gar nicht so kalt. Außerdem habe ich den Anzug jetzt schon durchgeschwitzt.«
Die anderen Taucher nickten. Sie schwitzten selber. Es war harte Arbeit, alles fertig zu machen. Das eigentliche Schwimmen war leichter. Eine Leiter hinunter und — o ja — von dem Druck der Ge frei zu sein, ein bißchen wie die Schwere auf dem Mars, oder sogar noch weniger. So eine Erleichterung! Nirgal atmete fröhlich den kühlen Sauerstoff aus der Flasche ein und weinte fast über die plötzliche Freiheit seines Körpers, als er durch eine angenehme Dämmerung schwebte. O ja, diese Welt auf der Erde lag unter Wasser.
Weiter unten waren die Dinge ebenso dunkel und amorph, wie sie auf dem Schirm ausgesehen hatten. Bis auf die schmalen Lichtkegel der offenbar sehr starken Kopflampen der anderen beiden Männer. Nirgal folgte über und hinter ihnen und hatte so die beste Sicht. Das Wasser in der Themsemündung war kühl, Nirgal schätzte etwa 285 K, aber nur sehr wenig davon sickerte durch Manschetten und Kapuze. Außerdem war das im Anzug eingeschlossene Wasser durch seine Anstrengungen bald so heiß, daß seine kühlen Hände und Gesicht (und die linken Rippen) ihn immerhin vor Überhitzung bewahrten.
Die beiden Lichtkegel schössen hierhin und dahin, wenn sich die beiden Taucher umschauten. Sie schwammen längs einer schmalen Straße. Den Anblick der Häuser und Bordsteine, der Bürgersteige und Straßen ließ das trübe Wasser so unheimlich erscheinen wie den Nebel an der Oberfläche.
Dann schwebten sie vor einem dreistöckigen Backsteinhaus, das den engen dreieckigen Platz füllte, der an eine spitzwinklige Straßenkreuzung grenzte. Kev machte Nirgal ein Zeichen, draußen zu bleiben, was dieser gerne tat. Der andere Taucher hatte ein Kabel gehalten, das so dünn war, daß man es kaum sehen konnte. Nun schwamm er in einen Torweg und zog es hinter sich her. Dann machte er sich daran, einen kleinen Flaschenzug an dem Torweg anzubringen und das Kabel hindurchzufädeln. Die Zeit verging. Nirgal schwamm langsam um das keilförmige Gebäude und schaute in Büros, leere Zimmer und Wohnungen. Einige Möbel schwammen an der Decke. Eine Bewegung in einem dieser Räume ließ ihn zurückschrecken. Er fürchtete das Kabel; aber das war auf der anderen Seite des Hauses. Etwas Wasser drang in sein Mundstück, und er schluckte, um es zu beseitigen. Es schmeckte nach Salz, Schlamm und Pflanzen und noch etwas Unangenehmem. Er schwamm weiter.
Hinten am Torweg bemühten sich Kev und der andere Mann, einen kleinen metallenen Safe durch die Tür zu zerren. Als er frei war, ruderten sie in eine aufrechte Position und warteten dort, bis das Kabel fast direkt über ihren Köpfen senkrecht nach oben führte. Danach schwammen sie wie in einem ungeschickten Ballett um den Zwischenraum; und der Safe schwebte an die Oberfläche und verschwand. Kev schwamm wieder nach drinnen zurück und kam mit heftigen Stößen zurück, in den Händen etwas wie kleine Säcke. Nirgal stieß sich hinüber und nahm ihm einen davon ab. Dann bewegte er sich mit ausholenden Schlägen zum Boot. Er kam ins helle Licht des Nebels an der Oberfläche. Er wäre gern wieder hinuntergegangen, aber Bly wollte nicht, daß sie noch länger blieben. Darum warf Nirgal seine Flossen ins Boot und kletterte über die Leiter an der Seite hinein. Als er auf der Bank saß, schwitzte er, und es war eine Erleichterung, die Kapuze vom Kopf zu ziehen, obwohl sein Haar dadurch kräftig nach hinten gezerrt wurde. Die feuchtkühle Luft war ein angenehmes Gefühl auf der Haut, als man ihm half, den Anzug abzustreifen.
»Sieh doch seine Brust an! Der ist ja wie ein Windhund«, juxten die Seeleute.
»Der sein ganzes Leben Dampf abgibt.«
Der Nebel hatte sich fast verzogen und ließ einen weißen Himmel erkennen, auf dem die Sonne einen etwas helleren weißen Fleck bildete. Auf Nirgal lastete wieder das Gewicht der Erde. Er atmete ein paarmal tief, um seinen Körper wieder in den Arbeitsrhythmus zu bringen. Sein Magen war kodderig, und seine Lungen schmerzten ein wenig, wenn er voll eingeatmet hatte. Die Dinge schaukelten etwas mehr, als das Schwappen des Ozeans es verursachte. Der Himmel wurde zinkfarben, und der Sonnenquadrant ein scharfer blendender Glanz. Nirgal blieb sitzen und atmete schnell und flach.
»Hat es Ihnen gefallen?«
»Ja!« sagte er. »Ich wünschte, ich hätte überall so ein gutes Gefühl.«
Sie lachten über diesen Gedanken. »Hier, nehmen Sie einen Becher!«
Vielleicht war es ein Fehler gewesen, unter Wasser zu gehen. Danach fühlte sich das Ge nie wieder richtig an. Das Atmen fiel ihm schwer. Die Luft unten im Lagerhaus war so feucht, daß er den Eindruck hatte, er könnte die Faust ballen und Wasser aus der Hand trinken. Kehle und Lungen taten weh. Er trank eine Tasse Tee nach der andern, konnte aber seinem Durst nichts anhaben. Die glänzenden Wände tropften, und nichts von dem, was die Leute sagten, war zu verstehen. Es war alles ay und eh und lor und da — nichts, was dem Marsenglisch auch nur ähnlich war. Eine andere Sprache. Jetzt redeten sie alle verschiedene Sprachen. Die Stücke Shakespeares hatten ihn darauf nicht vorbereitet.
Er schlief wieder in dem kleinen Bett aus Blys Boot. Am nächsten Tag gab die Eskorte ihre Zustimmung, und sie fuhren positiv gestimmt von Sheerness nach Norden, über die Themsemündung, in einem rötlichen Nebel, der noch dicker war als am Tag zuvor.
Draußen im Mündungsgebiet war nichts zu sehen außer Nebel und Meer. Nirgal war schon früher auf Wolkenniveau gewesen, besonders auf dem Westhang von Tharsis, wo die Wetterfronten aufstiegen; aber natürlich nie auf dem Wasser. Außerdem trieben die Wolken auf Tharsis jedesmal, ehe die Temperaturen deutlich unter den Gefrierpunkt sanken, eine Art fliegenden Schnee, sehr weiß, trocken und fein, über das Land und bedeckten es mit weißem Staub. Ganz anders als diese flüssige Welt, wo kaum ein Unterschied bestand zwischen dem kabbligen Wasser und dem darüber flatternden Nebel, dem flüssigen und dem gasförmigen Zustand, die ständig wechselten. Das Boot schaukelte in einem heftigen, unregelmäßigen Rhythmus. Dunkle Objekte erschienen an den Rändern des Nebels, aber Bly beachtete sie nicht, sondern hielt ein scharfes Auge nach vorn gerichtet, durch ein Fenster, das fast bis zur Undurchsichtigkeit mit Wassertropfen bedeckt war. Außerdem beobachtete er eine Reihe von Bildschirmen unter dem Fenster.
Plötzlich stellte Bly den Motor ab, und das Schaukeln des Bootes wurde zu einem üblen Rollen von einer Seite zur anderen. Nirgal blickte von der Seite der Kabine durch das nasse Fenster und versuchte zu sehen, was Bly zum Halten veranlaßt hatte. Bly fuhr ganz langsam weiter und bemerkte: »Da ist ein großes Schiff nach Southend unterwegs.«
»Wo denn?«
»Backbordseite.« Er zeigte auf einen Schirm und dann nach links. Nirgal sah nichts.
Bly brachte sie zu einem großen langen Pier, an dem beiderseits viele Boote festgemacht waren. Der Pier verlief nach Norden durch den Nebel auf die Stadt Southend-on-Sea zu, die auftauchte und in dem Nebel verschwand, der einen hausbedeckten Abhang mit Schleiern belegte.