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Einige Männer begrüßten Bly: »Ein hübscher Tag, he?«, »prächtig« und begannen, Kisten auszuladen.

Bly erkundigte sich nach der Asiatin aus Vlissingen, aber die Männer schüttelten den Kopf. »Die Jap? Sie ist nicht hier, Kumpel.«

»In Sheerness sagen sie, daß sie und ihre Gruppe nach Southend gegangen seien.«

»Warum sollten sie das sagen?«

»Weil sie glauben, daß das so ist.«

»Das bekommst du von den Leuten zu hören, die unter Wasser wohnen.«

»Die Paki-Großmutter?« sagten sie an der Dieselpumpe auf der anderen Seite des Piers. »Die ist vor einiger Zeit nach Shoeburyness gegangen.«

Bly sah Nirgal an. »Das ist nur ein paar Meilen östlich. Wenn sie dort wäre, würden die Männer das wissen.«

»Laßt es uns versuchen«, schlug Nirgal vor.

Also verließen sie, nachdem sie aufgetankt hatten, den Anlegeplatz und tuckerten durch den Nebel nach Osten. Ab und zu kam links die mit Gebäuden besetzte Bergflanke in Sicht. Sie kurvten um einen Punkt und wandten sich nach Norden. Bly brachte sie zu einem anderen Schwimmdock, an dem viel weniger Boote als am Pier von Southend festgemacht hatten.

»Die chinesische Bande?« rief ein zahnloser alter Mann. »Die sind nach Pig’s Bay gegangen. Haben uns ein Treibhaus gebracht. Ist so ne Art Kirche für uns.«

»Pig’s Bay ist gerade der nächste Pier«, sagte Bly und steuerte sie nachdenklich vom Dock weg.

Also fuhren sie nach Norden. Die Küste war hier völlig mit überschwemmten Gebäuden besetzt, die jetzt ein korallenartiges Riff bildeten. So nahe hatten sie am Meer gebaut! Offenbar hatte es hier keinen Grund gegeben, eine Niveauänderung des Meeresspiegels zu befürchten. Und dann war es doch geschehen, und jetzt gab es diese eigenartige amphibische Zone, eine Zivilisation zwischen den Gezeiten, feucht und im Nebel schaukelnd.

Vor den Fenstern erschien eine Häusergruppe. Die Gebäude waren mit dem klaren Blasenmaterial gefüllt, ausgepumpt und belegt worden. Die oberen Stockwerke lagen eben oberhalb der gischtigen Wellen und die unteren gerade darunter. Bly steuerte das Boot in eine Gruppe miteinander verbundener Schwimmdocks und begrüßte eine Schar Frauen in Kitteln und gelben Regenmänteln, die ein großes schwarzes Netz flickten. Er stellte den Motor ab und fragte: »Ist die Lady aus Asien bei euch zu Besuch gewesen?«

»O ja. Sie ist da drin. In dem Gebäude am anderen Ende.«

Nirgal fühlte seinen Puls rasen. Er verlor das Gleichgewicht und mußte sich am Geländer festhalten. Über die Seite und auf das Dock. Hin zum letzten Gebäude, das jetzt ziemlich brüchig war und durch alle Risse schimmerte. Innen war Luft. Gefüllt von einer Blase. Grüne Pflanzen, die undeutlich durch schwappendes graues Wasser zu sehen waren. Nirgal hatte eine Hand auf Blys Schulter. Der kleine rote Mann brachte ihn zu einer Tür und dann eine enge Treppe hinunter in einen Raum, dessen eine ganze Wand zur See hin gerichtet war, wie ein schmutziges Aquarium.

Eine sehr kleine Frau in einem rostfarbenen Pullover kam durch die gegenüber liegende Tür. Weißhaarig, schwarzäugig, flink und präzise; wie ein Vogel. Nicht Hiroko. Sie starrte die Männer an.

Bly fragte nach einem Blick zu Nirgaclass="underline" »Sind Sie es, die aus Vlissingen gekommen ist? Die diese Unterseedinger gebaut hat?«

»Ja«, sagte die Frau. »Kann ich Ihnen helfen?« Sie hatte eine hohe Stimme mit britischem Akzent und sah Nirgal ausdruckslos an. Es waren weitere Leute im Raum, und noch mehr kamen hinzu. Sie sah aus wie das Gesicht, das er in Medusa Vallis an der Klippe erblickt hatte. Vielleicht gab es eine andere Hiroko, die über die zwei Planeten zog und Bauten errichtete...

Nirgal schüttelte den Kopf. Die Luft war wie in einem verdorbenen Treibhaus. Das Licht so schwach. Er kam kaum die Treppe herauf. Bly hatte sich für sie verabschiedet. Zurück in den hellen Nebel. Zurück auf das Boot. Irrwische jagen. Eine Hinterlist, um ihn aus Bern zu verscheuchen. Oder ein echter Irrtum. Vielleicht auch nur ein Metzgergang.

In der Kabine des Bootes sagte Bly zu ihm, er solle sich hinsetzen. »Ah, gut.« Sie rollten und stampften durch den Nebel, der zur Wasseroberfläche hin immer dichter wurde. Ein trüber Tag auf dem Wasser. Sie platschten durch den Phasenwechsel, wo Wasser und Nebel ineinander übergingen, und waren dazwischen eingeschlossen. Nirgal wurde etwas schläfrig. Ohne Zweifel war Hiroko wieder auf dem Mars. Arbeitete dort in ihrer gewohnten Heimlichkeit. Es war absurd gewesen, etwas anderes zu denken. Wenn er zurückkehrte, würde er sie finden. Ja, das war ein Ziel, eine Aufgabe, die er sich stellte. Er würde sie finden und veranlassen, daß sie wieder an die Öffentlichkeit trat. Sich vergewissern, daß sie noch lebte. Das war der einzige Weg sicher zu sein und die schreckliche Last von seinem Herzen zu nehmen. Ja, er würde sie finden.

Als sie dann über das unruhige Wasser fuhren, lichtete sich der Nebel. Tiefe graue Wolken zogen rasch über ihre Köpfe und ließen Regenwirbel in die Wellen fallen. Es trat jetzt Ebbe ein; und als sie die große Mündung überquerten, wurde die Strömung der Themse voll losgelassen. Die graubraune Oberfläche des Wassers war aufgewühlt wie Brei, die Wellen kamen aus allen Richtungen zugleich, eine wilde schäumende Fläche aus dunklem, strudelndem Wasser, das rasch nach Osten getrieben wurde, hinaus in die Nordsee. Und dann schlug der Wind um und strömte über die Gezeiten; und alle Wellen brausten plötzlich auf See hinaus. Zwischen den langen Schaumfladen schwammen alle möglichen Gegenstände: Kisten, Möbel, Dächer, ganze Häuser, umgekippte Boote, Holzstücke. Späteres Treib- und Strandgut. Blys Mannschaft stand auf Deck. Die Männer lehnten sich mit Enterhaken und Feldstechern über die Reling und riefen nach hinten, damit er Dingen ausweichen oder versuchen sollte, sich ihnen zu nähern. Sie waren in die Arbeit vertieft. Nirgal fragte Bly: »Was ist das für Zeug?«

»Das ist London«, erklärte Bly. »Es ist das verdammte London, das ins Meer gespült wird.«

Die Unterseiten der Wolken rasten über ihre Köpfe gen Osten. Als er sich umschaute, sah Nirgal viele andere kleine Boote auf dem wilden Wasser der großen Flußmündung, die Treibgut bargen oder auch bloß fischten. Bly winkte einigen im Vorbeifahren zu und begrüßte andere mit der Sirene. Die Signaltöne wurden vom Wind über die grau gefleckte Mündung getragen, offenbar um Botschaften zu übermitteln, wie Blys Leute jedesmal bemerkten.

»He, was ist das jetzt?« rief Kev und zeigte stromaufwärts.

Aus einer die Themsemündung bedeckenden Nebelbank war ein Dreimaster in voller Takelage aufgetaucht, dessen viele Segel in der altertümlichen Art angeordnet waren, die Nirgal innig vertraut war, obwohl er sie noch nie gesehen hatte. Ein Chor von Hörnern begrüßte diese Erscheinung, wildes Getute, langgezogenes Schmettern — alles auf einmal und immer länger, wie eine Hundemeute, die bei Nacht aufgescheucht worden war und kläffte, was das Zeug hielt. Über ihnen explodierte der scharfe durchdringende Ton von Blys Sirene und stimmte in den Chor ein. Nirgal hatte noch nie einen so durchdringenden Ton vernommen. Er zerriß ihm die Ohren! Dickere Luft, dichterer Schall. Bly grinste. Seine Faust drückte auf den Knopf der Sirene. Die Männer der Crew standen dabei alle an der Reling, Nirgals Eskorte auch, und schrien lautlos gegen die plötzliche Vision an.

Endlich ließ Bly nach. »Was ist das?« brüllte Nirgal.

»Das ist die Cutty Sark!« sagte Bly, warf den Kopf zurück und lachte. »Die war in Greenwich angepflockt. In einem Park! Einige verrückte Kerle müssen sie frei gemacht haben. War eine brillante Idee. Sie müssen das Schiff um die Flutsperre geschleppt haben. Sehen Sie sich ihre Segel an!«

Der alte Klipper hatte vier oder fünf Segel, die an jedem der drei Masten aufgespannt waren, und auch noch ein paar dreieckige zwischen den Masten und bis zum Bugspriet. Das Schiff segelte mitten im Ebbestrom und hatte starken Rückenwind, so daß es durch Schaum und Treibgut schnitt und Wasser von seinem scharfen Bug wegspritzte in einer raschen Folge weißer Wellen. In den Wanten standen Männer, wie Nirgal sah. Die meisten von ihnen lehnten sich über die Rahen und winkten mit einem Arm der verwilderten Flottille von Motorbooten zu, als sie hindurchfuhren. Von den Mastspitzen flatterten Wimpel; Nirgal sah eine große blaue Flagge mit roten Kreuzen, als sie Seite an Seite mit Blys Boot waren. Bly drückte immer wieder auf den Knopf der Sirene, und die Männer grölten. Ein Matrose am Ende des Hauptsegels der Cutty Sark lehnte sich mit der Brust gegen den großen Zylinder aus poliertem Holz und winkte ihnen mit beiden Händen zu. Dann verlor er das Gleichgewicht. Sie alle sahen es wie in Zeitlupe geschehen. Der Matrose fiel, den Mund zu einem runden kleinen O geformt, rückwärts in das Weißwasser, das von der Schiffsflanke wegschäumte. Die Männer auf Blys Boot schrien alle zugleich: »NEIN!« Bly fluchte laut und drosselte den Motor, der nach dem Verstummen der Sirene plötzlich laut zu hören war. Das Heck des Bootes tauchte tief ins Wasser, und dann bewegten sie sich brummend auf den über Bord gegangenen Mann zu, der nur noch ein schwarzer Punkt unter anderem Treibgut war und krampfhaft mit einem erhobenen Arm winkte.