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Sax saß an seiner Seite und hielt seine Hand. »Ich glaube, er braucht die Schwerkraft des Mars«, sagte er zu jemandem, der nicht im Raum zu sein schien. »Es könnte eine Form von Höhenkrankheit sein. Oder eine ansteckende Krankheit. Oder Allergien. Eine Reaktion des Organismus. Irgendein Ödem. Wir wollen ihn sofort in ein Flugzeug vom Boden zum Weltraum und da oben in einen G-Ring mit der Schwerkraft des Mars bringen. Wenn ich mich nicht irre, wird das helfen, und falls nicht, schlimmer kann es wohl nicht werden.«

Nirgal versuchte zu sprechen, bekam aber keine Luft. Diese Welt hatte ihn angesteckt, erdrückt, in Dampf und Bakterien gesotten. Ein Schlag in die Rippen. Er war gegen die Erde allergisch. Er drückte Sax die Hand und holte tief Luft, als ob ihm ein Dolch ins Herz dränge. »Ja«, keuchte er und sah Sax blinzeln. »Ja, nach Hause.«

FÜNFTER TEIL

Endlich daheim

Ein alter Mann sitzt am Krankenbett. Die Krankenhauszimmer sind alle gleich. Sauber, weiß, kühl, summend und fluoreszierend. Auf dem Bett liegt ein Mann — groß, dunkelhäutig und mit dicken schwarzen Augenbrauen. Er schläft fest. Am Kopf hat er einen Buckel. Ein Finger berührt den Schädel hinter dem Ohr. Während des Atmens murmelt der Alte. »Wenn es eine allergische Reaktion ist, dann muß sein Immunsystem überzeugt werden, daß das Allergen kein eigentliches Problem bedeutet. Sie haben kein Allergen identifiziert. Ein Lungen-Ödem ist normalerweise durch die Höhenkrankheit bedingt, könnte aber auch durch ein Gasgemisch verursacht worden sein, oder es kam zu einer Krankheit durch zu geringe Höhe. Du mußtest das Wasser aus deinen Lungen entfernen. Sie sind damit recht gut fertig geworden. Für das Fieber und die Kälteschauer könnte auch das Biofeedback verantwortlich sein. Wirklich hohes Fieber ist gefährlich, das mußt du bedenken. Ich erinnere mich an die Zeit, als du in die Bäder kamst, nachdem du in den See gefallen warst. Du warst blau angelaufen. Jackie sprang gleich hinein — nein, vielleicht blieb sie stehen, um zuzusehen. Du hieltest mich und Hiroko an den Armen; und wir alle sahen, wie du wärmer wurdest. Wärmeerzeugung ohne Zittern; mit Zittern macht das jeder Mensch, aber du hast es willentlich gemacht, und noch dazu sehr kräftig. Ich hatte noch nie etwas Derartiges gesehen. Ich weiß immer noch nicht, wie du das gemacht hast. Du warst ein prächtiger Junge. Es gibt Menschen, die erschauern können, wenn sie wollen. Vielleicht ist das so ähnlich, nur innerlich. Das macht wirklich nichts aus. Du brauchst nicht einmal zu wissen, wie, sondern mußt es nur tun. Ob du es auch in der anderen Richtung machen kannst? Deine Temperatur senken? Mach einen Versuch! Du warst so ein prächtiger Junge.«

Der alte Mann langt hin und packt den jungen Mann am Handgelenk. Er hält es fest und drückt.

»Du pflegtest Fragen zu stellen. Du warst sehr wißbegierig und sehr nett. Du hast nicht aufgehört zu fragen: Warum, Sax, warum? Es hat Spaß gemacht, dir jedesmal zu antworten. Die Welt ist wie ein Baum. Von jedem Blatt kann man bis zu den Wurzeln zurückgehen. Ich bin sicher, daß Hiroko so empfunden hat. Sie hat mir das wahrscheinlich als erste erzählt. Höre, es war nicht schlecht, auf die Suche nach Hiroko zu gehen. Auch ich habe das getan. Und werde es wieder tun. Ich habe sie nämlich einmal gesehen, auf Daedalia. Sie half mir, als ich in einem Sturm fast verreckt bin. Sie hielt mein Handgelenk. Genau so wie ich es jetzt bei dir tue. Nirgal, sie lebt. Hiroko ist am Leben und irgendwo hier draußen. Du wirst sie eines Tages finden. Laß deinen inneren Thermostaten arbeiten, senke die Temperatur; und eines Tages wirst du sie finden...«

Der alte Mann läßt das Handgelenk los. Er kippt nach vorn, im Halbschlaf noch murmelnd. »Du hast immer gefragt: Warum, Sax warum?«

Wenn der Mistral nicht geweht hätte, hätte er weinen können; denn absolut nichts sah noch wie früher aus. Er kam von Marseille in einen Bahnhof, der bei seiner Abreise nicht existiert hatte, nahe einer kleinen Stadt, die es damals nicht gegeben hatte, und die komplett in einer Gaudischen Zwiebelarchitektur gebaut war, die auch gewisse Rundungen nach Bogdanov zeigte. Darum wurde Michel an Christianopolis oder Hiranyagarbha nach deren Verschmelzung erinnert. Nein, nichts sah auch nur im geringsten vertraut aus. Das Land war eigenartig plattgewalzt, grün und seines Gesteins und jenes je ne sais quoi entblößt, das es zur Provence gemacht hatte. Er war seit 102 Jahren nicht mehr hier gewesen.

Über diese ganze ungewohnte Landschaft blies der Mistral vom Zentralmassiv herunter — kühl, trocken, aromatisch und elektrisch, durchsetzt von negativen Ionen, oder was es sonst auch war, das ihm seine charakteristische katabatische Frische verlieh. Der Mistral! Ganz gleich, wie es hier aussah, es mußte die Provence sein.

Einheimische von Praxis sprachen französisch mit ihm, aber er konnte sie kaum verstehen. Er mußte scharf hinhören und hoffte, daß seine heimatliche Zunge wiederkommen würde und daß die Franglaisation und Frarabisation, die er hörte, die Verhältnisse nicht allzu sehr verändert haben würden. Es war ihm peinlich, in seiner Muttersprache unsicher zu sein. Es war auch schockierend, daß die Academie Francaise nicht ihre Pflicht erfüllt und die Sprache im siebzehnten Jahrhundert eingefroren hatte, wie man es von ihr erwartet hatte. Eine junge Frau, die das Hilfspersonal von Praxis leitete, deutete an, daß sie eine Rundfahrt machen und die Region besichtigen könnten, zur neuen Küste hinuntergehen und sich alles ansehen.

»Fein!« sagte Michel.

Er verstand die Leute schon besser. Vielleicht lag es nur an den Akzenten der Provence. Er folgte ihnen bei einem Rundgang durch die konzentrischen Kreise der Gebäude und dann hinaus zu einem ganz gewöhnlichen Parkplatz. Die junge Frau half ihm auf den Beifahrersitz eines kleinen Wagens und setzte sich dann an der anderen Seite hinter das Lenkrad. Ihr Name war Sylvie. Sie war klein, attraktiv, schick und roch angenehm, so daß ihr seltsames Französisch Michel ständig überraschte. Sie startete und fuhr aus dem Flughafen hinaus. Und dann fuhren sie geräuschvoll auf einer schwarzen Straße durch die flache Landschaft, die von Gras und Bäumen begrünt war. Nein, in der Entfernung gab es einige Berge — so klein! Und der Horizont war so weit entfernt!

Sylvie fuhr zur nächsten Küste. Von einer Kehre auf einem Hügel konnten sie weit über das Mittelmeer blicken, das an diesem Tag braun und grau gefleckt war und in der Sonne schimmerte.

Nach einigen Minuten stiller Betrachtung fuhr Sylvie weiter, wieder quer durch flaches Binnenland. Dann wurden sie an einem Deich angehalten und blickten über die Camargue, wie sie sagte. Michel hätte sie nicht wiedererkannt. Das Rhonedelta war ein breiter dreieckiger Fächer von vielen tausend Hektar gewesen, gefüllt mit salzigen Marschen und Gras. Jetzt war es wieder ein Teil des Mittelmeeres. Das Wasser war braun und mit Gebäuden getupft; aber es war trotzdem Wasser, in dessen Mitte der Rhonestrom eine bläuliche Linie bildete. Arles war, wie Sylvie sagte, wieder ein funktionierender Seehafen. Dennoch pflegten sie immer noch den Kanal. Sylvie sagte stolz, daß alles im Delta von Martiques im Osten bis Aigue-Mortes im Westen von Wasser bedeckt war. Aigues- Mortes war jetzt wirklich tot, seine industriellen Gebäude abgesoffen. Seine Hafeneinrichtungen waren laut Sylvie flott gemacht und nach Arles oder Marseille gebracht worden. Man arbeitete angestrengt, um sichere Navigationsrouten für die Schiffe zu markieren. Sowohl die Camargue wie weiter östlich die Plaine de la Crau waren mit allen möglichen Strukturen übersät, von denen viele noch aus dem Wasser ragten, aber nicht alle. Und das Wasser war durch Schlamm so getrübt, daß man nicht tiefblicken konnte. »Sehen Sie, hier ist der Bahnhof. Man kann die Getreidespeicher noch erkennen, aber nicht die Nebengebäude. Und da ist einer von den eingedeichten Kanälen. Die Deiche sind jetzt unsere Riffe. Sehen Sie die Linie aus grauem Wasser? Die Deiche brechen immer noch, wenn die Rhone sie überspült.«