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»Ein Glück, daß die Gezeiten hier nicht so stark sind«, sagte Michel.

»Allerdings. Sonst wäre es für Schiffe zu gefährlich, Arles zu erreichen.«

Im Mittelmeer waren die Gezeiten vernachlässigbar; und Fischer wie Küstenfrachter entdeckten tagtäglich, was sicher unternommen werden konnte. Man versuchte, den Hauptkanal der Rhone durch die neue Lagune zu sichern, genau wie die Seitenkanäle, so daß die Boote bei der Rückfahrt stromaufwärts nicht gegen die Strömung der Rhone ankämpfen mußten. Sylvie wies auf Merkmale hin, deren Existenz Michel nicht nachvollziehen konnte, und erzählte ihm von plötzlichen Verlagerungen des Rhonekanals, von auf Grund gelaufenen Schiffen, losen Bojen, angekratzten Rümpfen, Rettungen bei Nacht, Ölverlusten, dem Verwechseln neuer Leuchttürme, falschen Leuchttürmen, die von Schmugglern für die Unvorsichtigen aufgestellt wurden und sogar regelrechter Piraterie auf hoher See. Das Leben an der neuen Rhonemündung schien aufregend zu sein.

Nach einer Weile fuhren sie in dem kleinen Wagen zurück, und Sylvie hielt nach Südosten, bis sie auf die Küste trafen, die richtige Küste, zwischen Marseille und Cassis. Dieser Teil der Mittelmeerküste bestand wie weiter östlich die Cöte d’Azur aus einer großen Reihe steiler Hügel, die jäh zur See hin abfielen. Die Hügel standen noch gut über dem Wasser; und auf den ersten Blick schien es Michel, daß sich dieser Küstenabschnitt viel weniger verändert hatte als die überflutete Camargue. Aber nach ein paar Minuten stiller Beobachtung änderte er seine Meinung. Die Camargue war immer ein Delta gewesen und war jetzt immer noch ein Delta. Da hatte sich nichts Wesentliches geändert. Hier aber hieß es: »Die Strände sind fort.«

»Ja.«

Das war nur zu erwarten gewesen. Aber die Strände hatten das Wesen dieser Küste ausgemacht, die Strände mit ihren langen lohfarbenen Sommern, die von nackten, die Sonne anbetenden menschlichen Lebewesen dicht besetzt gewesen waren, von Schwimmern und Segelbooten, und Karnevalfarben und langen, warmen, aufregenden Nächten. All das war verschwunden. »Sie werden nie wiederkommen.«

Sylvie nickte und sagte sachlich: »Es ist überall dasselbe.«

Michel blickte nach Osten. Die ganze Strecke bis zum fernen Horizont fielen die Hügel steil in das braune Meer ab. Es sah aus, als könnte er bis Cap Sicie schauen. Dahinter lagen all die einstigen großen Fejrienorte: Saint-Tropez, Cannes, Antibes, Nizza, sein altes Villefranche-sur-Mer und die modischen Strandbäder dazwischen, große und kleine, alle überflutet wie der Landstreifen unter ihnen. Die schlammig braune See planschte gegen einen Streifen aus blassem, zerbrochenem Gestein und toten gelben Bäumen. Die Strandwege tauchten in schmutzigweiße Gischt ein. Schmutzige Gischt, die bis in die Straßen verlassener Städte gespült wurde.

Die grünen Bäume oberhalb der neuen Wasserlinie schwankten über weißem Gestein. Michel hatte sich nicht erinnert, wie weiß der Fels war. Das Laub hing niedrig und war staubig. Entwaldung war in den vergangenen Jahren ein ernstes Problem geworden, erklärte Sylvie, als die Leute angefangen hatten, Bäume als Brennholz zu fällen, aber Michel hörte ihr kaum zu. Er starrte auf die ertrunkenen Strände und versuchte, sich an ihre sandige heiße erotische Schönheit zu erinnern. Und als er so in die schmutzige Brandung schaute, stellte er fest, daß er sich nicht sehr gut erinnern konnte, auch nicht an die von ihm dort verbrachten Tage. Diese vielen faulen Stunden waren jetzt verwischt, wie das Gesicht eines toten Freundes. Er konnte sich nicht erinnern.

Marseille hatte natürlich überlebt. Der einzige Teil der Küste, um den man sich keine Sorgen machen mußte, der häßlichste Teil, die City. Natürlich. Die Docks waren überschwemmt und auch deren unmittelbare Nachbarschaft. Aber das Land stieg dort rasch auf, und die höheren Gebiete hatten ihre mühsame, schmutzige Existenz erhalten. Große Schiffe ankerten noch im Hafen, lange Schwimmdocks fuhren zu ihnen hinaus, um ihre Fracht zu entladen, während die Matrosen die Stadt überschwemmten und in einer durch die Tradition geehrten Weise verrückt spielten. Sylvie sagte, daß es in Marseille war, wo sie die meisten haarsträubenden Abenteuergeschichten gehört hatte; von der Rhonemündung und anderswo rund ums Mittelmeer, wo die alten Seekarten nichts mehr bedeuteten. Häuser der Toten zwischen Malta und Tunis, Angriffe von berberischen Korsaren... Sie sagte grinsend: »Marseille ist mehr es selbst, als es seit Jahrhunderten gewesen ist.« Und Michel bekam einen plötzlichen Eindruck von ihrem Nachtleben, wild und vielleicht etwas gefährlich. Sie liebte Marseille. Der Wagen rumpelte in eines der vielen Schlaglöcher; und es fühlte sich an wie sein Pulsschlag; als ob er und der Mistral durch das häßliche alte Marseille tobten, gefesselt von den Gedanken einer wilden jungen Frau.

Mehr es selbst, als es seit Jahrhunderten gewesen ist. Vielleicht traf das auf die ganze Küste zu. Es gab keine Touristen mehr. Nachdem die Strände dahin waren, hatte die ganze Tourismusidee einen Stich ins Herz bekommen. Die großen hellen Hotels und Apartmenthäuser standen jetzt halb versunken in der Brandung wie Kinderspielzeug, das bei Ebbe zurückgelassen worden war. Als sie aus Marseille hinausfuhren, stellte Michel fest, daß viele dieser Häuser in ihren oberen Stockwerken wieder besetzt worden zu sein schienen, von Fischern, wie Sylvie sagte. Ohne Zweifel hatten sie ihre Boote in den unteren Räumen, wie die Pfahlbauleute im vorgeschichtlichen Europa. Das Alte kehrte wieder.

Michel schaute weiter ständig aus dem Fenster und versuchte, sich ein Bild von der neuen Provence zu machen. Er bemühte sich nach Kräften, mit dem Schock, den so viel Veränderung hervorrufen mußte, fertig zu werden. Gewiß war das alles sehr interessant, selbst wenn es nicht seinen Erinnerungen entsprach. Es würden schließlich neue Strände entstehen, versicherte er sich, wenn die Wellen an den Füßen von Meeresklippen nagten und die befrachteten Flüsse und Ströme Boden mit sich führten. Es könnte sogar sein, daß sie sich rasch wieder bildeten, obwohl es zuerst Schmutz oder Steine sein würden. Der braune Sand — nun, die Strömung könnte etwas von dem ertrunkenen Sand auf den neuen Strand befördern. Wer weiß? Aber sicher war das meiste davon endgültig dahin.

Sylvie brachte den Wagen zu einem anderen windigen Wendepunkt mit Blick aufs Meer. Das war bis zum Horizont hin braun. Der ablandige Wind bewirkte, daß sie die vom Strand fortlaufenden Wellen von hinten sahen, ein eigenartiger Effekt. Michel versuchte, sich an das alte, von der Sonne überwältigte Blau zu erinnern. Es hatte mancherlei Arten von mediterranem Blau gegeben. Die klare Reinheit der Adria, die Ägäis mit ihrem homerischen Anflug von Wein... jetzt alles braun. Braunes Meer, Klippen ohne Strände, die blassen Felshügel, wüstenartig, verlassen. Eine Ödnis. Nein, nichts war dasselbe, gar nichts.

Schließlich bemerkte Sylvie sein Schweigen. Sie fuhr ihn nach Westen zu einem kleinen Hotel mitten in Arles. Michel hatte nie in Arles gelebt oder viel zu tun gehabt; aber dicht bei seinem Hotel waren Praxisbüros, und er hatte keine feste Vorstellung, wo er bleiben sollte. Sie stiegen aus. Die Schwere machte sich sehr bemerkbar. Sylvie wartete unten, während er sein Gepäck hinauftrug. Und da war er nun, unsicher in einem kleinen Hotelzimmer stehend, die Reisetasche aufs Bett geworfen, den Körper angespannt von dem Verlangen, sein Land zu finden und wieder heimzukehren. Dies war es nicht.

Er ging hinunter und dann in die nächste Tür, wo Sylvie etwas anderes zu tun hatte.

Er sagte ihr: »Ich möchte mir einen ganz bestimmten Ort ansehen.«