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»Was immer Sie wollen.«

»Es ist nahe Vallabrix. Nördlich von Uzes.«

Sie sagte, sie wüßte, wo das lag.

Es war später Nachmittag, als sie die Stelle erreichten. Eine Lichtung neben einer engen alten Straße dicht bei einem Olivenhain auf einem Abhang, über den der Mistral brauste. Michel bat Sylvie, beim Wagen zu bleiben, ging hinaus in den Wind und den zwischen den Bäumen liegenden Abhang hinauf; allein mit der Vergangenheit.

Sein alter Mas lag am nördlichen Ende des Haines am Rande eines Plateaus oberhalb einer Schlucht. Die Olivenbäume waren knorrig vor Alter. Der Hof selbst war eine Holzhütte, fast vergraben unter langen, verflochtenen, dornigen Brombeerranken, die an den Außenwänden wuchsen.

Beim Blick in die Ruine stellte Michel fest, daß er sich eben noch an das Innere erinnern konnte. Oder zumindest an Teile davon. In der Nähe der Tür waren eine Küche und ein Eßtisch gewesen und dann, nachdem man unter einem massiven Holzbalken durchgegangen war, ein Wohnzimmer mit Couches und einem niedrigen Kaffeetisch und hinten eine Tür zum Schlafzimmer. Er hatte hier zwei oder drei Jahre lang mit einer Frau namens Eve gewohnt. Er hatte seit mehr als einem Jahrhundert nicht mehr an diesen Ort gedacht. Er war der Meinung gewesen, daß ihm alles aus dem Kopf entschwunden war. Aber mit den Ruinen vor sich sprangen ihm Fragmente jener Zeit ins Auge. Eine blaue Lampe hatte in der Ecke gestanden, die jetzt mit brüchigem Putz gefüllt war. Ein Druck von van Gogh war an jene Wand genagelt gewesen, wo jetzt nur noch Holzscheite, Dachziegel und verwehtes Laub zu sehen waren. Der massive Dachbalken war verschwunden, ebenso seine Stützen in den Wänden. Jemand mußte sie herausgeschafft haben. Schwer zu glauben, daß sich einer diese Mühe gemacht haben sollte. Das hatte Hunderte von Kilos gewogen. Die Leute machten schon seltsame Dinge. Und ringsum Entwaldung. Es gab nur noch wenige Bäume, die einen so großen Balken abgeben könnten. Jahrhundertelang hatten Menschen auf diesem Land gewohnt.

Am Ende dürfte die Entwaldung kein Problem mehr darstellen. Während der Fahrt hatte Sylvie von dem schweren Winter der Flut gesprochen mit Regen und Wind. Dieser Mistral hatte einen Monat gedauert. Manche sagten, er würde nie enden. Bei dem Blick in das verfallene Haus tat es Michel nicht leid. Er brauchte den Wind, um sich zu orientieren. Es war eigenartig, wie das Gedächtnis funktionierte oder nicht. Er stieg auf die zerbrochene Wand des Mas hinauf und versuchte, sich an mehr von diesem Ort zu erinnern, an sein Leben hier mit Eve. Eine gewollte Erinnerung, eine Jagd nach der Vergangenheit... Statt dessen fielen ihm lebhaft Szenen von dem gemeinsamen Leben mit Maya in Odessa ein, mit Spencer unten im Saal. Wahrscheinlich hatten die zwei Leben genug Aspekte gemeinsam gehabt, um die Konfusion zu bewirken. Eve war heißblütig gewesen wie Maya; und der Rest war la vie quotidienne, das alltägliche Leben, gewesen, zu allen Zeiten und an allen Orten, besonders für ein spezifisches Individuum, das sich mit seinen Gewohnheiten einrichtete wie mit Möbeln, die man von einem Ort zum anderen mitnimmt. Vielleicht.

Die Innenwände dieses Hauses waren sauber in Beige verputzt gewesen und mit Drucken bepinnt. Jetzt waren die Stockflecken roh und verfärbt wie die Außenwände einer alten Kirche. Eve hatte in der Küche gewerkelt wie eine routinierte Tänzerin mit ihrem schönen Rücken und den langen, kräftigen Beinen. Wenn sie über die Schulter blickte, um ihn anzulachen, wogte ihr kastanienbraunes Haar bei jeder Drehung. O ja, er erinnerte sich an diesen sich wiederholenden Moment. Ein Bild ohne Kontext. Er war verliebt gewesen. Obwohl sie ihn wütend machte.

Schließlich hatte sie ihn wegen eines anderen verlassen, ach ja, eines Lehrers in Uzes. Welcher Schmerz! Er erinnerte sich daran; aber das hatte für ihn jetzt nichts mehr zu bedeuten. Er fühlte kein Quentchen mehr davon. Ein vergangenes Leben. Diese Ruinen konnten ihm kein Gefühl dafür vermitteln. Sie brachten kaum die Bilder zurück. Es war erschreckend, als ob Reinkarnation real wäre und er winzige Rückblicke auf ein Leben erlebte, das von ihm durch mehrere aufeinanderfolgende Tode getrennt war. Wie seltsam wäre es, wenn es eine solche Reinkarnation wäre, da man in unbekannten Sprachen redete wie Bridey Murphy und den Wirbel der Vergangenheit durch den Kopf brausen fühlte und frühere Existenzen erlebte... Na schön, es würde sicher ein genau solches Gefühl sein. Aber nichts von diesen vergangenen Gefühlen zu empfinden, nichts außer dem Eindruck, daß man kein Gefühl hatte...

Er verließ die Ruinen und ging zwischen den alten Ölbäumen zurück zum Wagen.

Es sah so aus, als würde der Hain noch von jemandem bearbeitet. Die Zweige über seinem Kopf waren alle bis zu einem gewissen Grad beschnitten, und der Boden unter seinen Füßen war glatt und von kurzem, trockenem, blassem Gras bedeckt, das zwischen Tausenden alter grauer Olivenkerne wuchs. Die Bäume standen in Reih und Glied, sahen aber doch so natürlich aus, als ob sie in dieser Distanz voneinander einfach so gewachsen wären. Der Wind blies mit seinem sanften Zischeln durch die Blätter. Wenn er mitten drin stand, wo er fast nur Olivenbäume und Himmel erblickte, fiel ihm wieder auf, wie die zwei Farben der Blätter im Wind abwechselnd aufblitzten. Grün, dann grau; grau, dann grün...

Er langte hoch, um einen Zweig herunterzuziehen und die Blätter genau anzusehen. Er entsann sich: Aus der Nähe betrachtet, waren die zwei Seiten eines Olivenblattes in ihrer Farbe nicht so verschieden. Ein mittleres Grün und blasses Khaki. Aber eine von ihnen bedeckte Hügelflanke, die vom Wind gepeitscht wurde, hatte diese zwei verschiedenen Farben, die bei Mondschein zu schwarz und silbern wurden. Wenn man sie gegen die Sonne betrachtete, kam es mehr auf die Struktur an, matt oder glänzend.

Er ging zu einem Baum und legte die Hände auf den Stamm. Er fühlte die Borke des Olivenbaums, rohe gebrochene Rechtecke von graugrüner Farbe, etwa wie die Unterseiten der Blätter, aber dunkler und oft von noch einem anderen Grün überdeckt, dem gelblichen Grün von Moos oder dem Schlachtschiffgrau von Flechten. Auf dem Mars gab es kaum Olivenbäume, jedenfalls noch keine vom Mittelmeer. Nein, er merkte, daß er auf der Erde war. Ungefähr zehn Jahre alt. Er trug dieses gewichtige Kind in seinem Innern. Einige Rindenecken blätterten ab. Die Spalten zwischen den Rechtecken waren nicht tief. Die wahre Farbe der Borke, frei von allen Flechten, schien ein blasses holzartiges Beige zu sein. Davon war so wenig zu sehen, daß man es kaum sagen konnte. Bäume, eingehüllt in Flechten. Das war Michel vorher nicht aufgefallen. Die Zweige über seinem Kopf waren glatter, die Risse nur fleischfarbene Linien; auch die Flechten glatter, wie grüner Staub auf den Ästen und Zweigen.

Die Wurzeln waren groß und kräftig. Die Stämme spreizten sich, wenn sie den Boden erreichten, in fingerartige Ausbuchtungen mit Löchern und Lücken dazwischen, wie knorrige, in den Boden gestoßene Fäuste. Kein Mistral würde jemals diese Bäume entwurzeln. Nicht einmal der Wind des Mars könnte einen umwerfen.

Der Boden war bedeckt mit alten Olivenkernen und verschrumpelten schwarzen Oliven auf dem Weg, auch zu Kernen zu werden. Er hob eine auf, deren schwarze Haut noch glatt war und riß mit Daumen und Fingernägeln die Haut weg. Der purpurne Saft befleckte seine Haut; und als er ihn aufleckte, schmeckte er keineswegs nach eingelegten Oliven. Sauer. Er biß in das Fleisch, das Pflaumenfleisch ähnelte; und dessen Geschmack, sauer und bitter, war nicht olivenartig, bis auf eine Andeutung im Nachgeschmack, der ihm durch den Kopf ging — wie Mayas de ja vu, als ob er das schon früher getan hätte. Als Kind hatte er es oft versucht, immer in der Hoffnung, daß der Geschmack wie bei Tisch werden würde und ihnen so Nahrung in ihrem Kinderspielplatz schenken würde, Manna in ihrer Wildnis. Aber das Olivenfleisch (um so blasser, je tiefer man hineinbiß) blieb hartnäckig so unschmackhaft wie je. Es war der ihm wie jedem anderen eingeprägte Geschmack. Bitter und sauer. Jetzt angenehm wegen der heraufbeschworenen Erinnerung. Vielleicht war er geheilt.