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Die Blätter flatterten in dem böigen Nordwind. Es roch nach Staub. Ein Schleier aus braunem Licht, der westliche Himmel messingfarben. Die Zweige reichten bis zu seiner doppelten oder dreifachen Körperhöhe. Die unteren Zweige senkten sich, so tief, daß sie sein Gesicht streiften. Menschlicher Maßstab. Der mediterrane Baum, der Baum der Griechen, die so vieles so deutlich gesehen hatten in seiner richtigen Proportion, alles maßstabsgerecht in einer Symmetrie dem menschlichen Maß angepaßt — die Bäume, die Städte, ihre ganze physische Welt, die felsigen Inseln der Ägäis, die steinigen Berge der Peloponnes, ein Universum, das man in ein paar Tagen durchwandern konnte. Vielleicht war die Heimat der Ort des menschliehen Maßstabs, wo immer er sich befand. Gewöhnlich in der Kindheit.

Jeder Baum war wie ein Tier, das sein Gefieder in den Wind hielt und die wulstigen Beine in den Boden gestemmt hatte. Eine Bergflanke voller Gefieder zuckte unter dem Ansturm des Windes, seinen wechselnden Böen und Stößen und unerwarteter Stille. Das war die Provence, das Herz der Provence. Sein ganzes Unterbewußtsein schien bei jedem Moment seiner Kindheit zu verweilen, ein weites presque vu, das ihn erfüllte und überschäumte, ein Leben in einer Landschaft, die von ihrem Gewicht und ihrer Ausgeglichenheit brodelte. Er fühlte sich nicht mehr schwer. Das Himmelblau selbst war eine Stimme aus jener früheren Inkarnation und sagte: Provence, Provence.

Draußen über der Schlucht schwirrte eine Schar schwarzer Krähen und schrie: Ka, ka, ka!

Ka. Wer hatte diese Geschichte erfunden von dem kleinen roten Volk und dessen Namen für den Mars? Er wußte es nicht. Solche Geschichten haben keinen Anfang. Im mediterranen Altertum war Ka das überirdische Double eines Pharaos gewesen, das herabsteigend in Gestalt eines Falkens, einer Taube oder Krähe dargestellt wurde.

Jetzt stieg der Ka des Mars zu ihm herab, hier in der Provence. Schwarze Krähen — auf dem Mars flogen unter den klaren Kuppeln die gleichen Vögel, ebenso sorglos und mächtig in den Böen der Belüftung wie im Mistral. Es kümmerte sie nicht, ob sie auf dem Mars waren. Er war für sie Heimat, ihre Welt ebenso wie jede andere; und die Menschen waren, was sie immer gewesen waren, gefährliche Bodentiere, die einen töten oder auf fremdartige Reisen mitnehmen würden. Aber kein Vogel auf dem Mars erinnerte sich an die Reise zwischen den Planeten. Nichts schlug die Brücke zwischen den zwei Welten außer dem menschliehen Geist. Die Vögel flogen einfach und suchten Futter und krächzten, auf der Erde oder dem Mars, wie sie es immer getan hatten und immer tun würden. Sie waren überall zu Hause, zogen ihre Kreise in den scharfen Windstößen, nahmen es mit dem Mistral auf und riefen einander zu: Mars, Mars, Mars! Michel Duval! — Sein Geist, der in zwei Welten zugleich daheim war oder verloren im Nirgendwo zwischen ihnen, war ruhelos. Die Noosphäre war so riesig. Wo war er, wer war er? Wie sollte er sein Leben führen?

Olivenhain. Helle Sonne in einem messingfarbenen Himmel. Das Gewicht seines Körpers, der saure Geschmack im Mund. Er fühlte sich direkt im Boden verwurzelt. Dies war seine Heimat, dies und nichts anderes. Sie hatte sich verändert und würde sich dennoch niemals verändern — nicht dieser Hain, nicht er selbst. Endlich daheim. Er könnte zehntausend Jahre auf dem Mars leben, und immer würde dieser Ort seine Heimat bleiben.

Wieder im Hotelzimmer in Arles, rief er Maya an. »Bitte, Maya, komm her! Ich möchte, daß du das alles siehst.«

»Michel, ich arbeite an der Übereinkunft. Der zwischen den UN und dem Mars, wenn du dich erinnerst.«

»Ich weiß.«

»Es ist wichtig.«

»Ich weiß.«

»Gut. Ich bin deswegen hierhergekommen, und ich bin ein Teil davon, mitten drin. Ich kann nicht einfach in Urlaub gehen.«

»Okay, okay. Aber schau, diese Arbeit wird nie enden. Politik ist ein Faß ohne Boden. Du kannst einen Urlaub nehmen und danach wieder zurückkommen, und es wird immer noch laufen. Aber dies — dies ist meine Heimat, Maya. Ich will, daß du sie siehst. Möchtest du mir nicht Moskau zeigen und daß ich dorthin gehe.«

»Nicht einmal, wenn es der letzte Ort über der Flut wäre.«

Michel seufzte. »Nun, für mich ist das anders. Bitte, komm und sieh, was ich meine!«

»Vielleicht später, wenn wir mit dieser Stufe der Verhandlungen fertig sind. Eigentlich bist du es, der hier sein müßte, und nicht ich.«

»Ich kann auf meinem Handgelenk zuschauen. Es gibt keinen Grund, dort persönlich anwesend zu sein. Bitte, Maya!«

Sie machte eine Pause; irgend etwas in seinem Ton nahm sie gefangen. »Okay, ich werde es versuchen«, willigte sie ein. »Es wird aber nicht so bald sein, ganz gleich was du sagst.«

»Wenn du nur überhaupt kommst.«

Danach verbrachte er seine Tage mit Warten auf Maya, obwohl er versuchte, nicht daran zu denken. Er fuhr jeden wachen Augenblick in einem Mietwagen umher, manchmal mit Sylvie, manchmal allein. Trotz des Moments der Erinnerung in dem Olivenhain, oder vielleicht auch gerade deswegen, fühlte er sich völlig fehl am Platz. Er wurde aus irgendeinem Grund von der neuen Küstenlinie angezogen, fasziniert durch die Anpassung an das neue Meeresniveau, die die Ortsansässigen vollzogen. Er fuhr oft auf Umwegen zu ihnen. Die zu steilen Klippen und plötzlichen Marschen führten in tiefe Täler. Viele der Küstenfischer waren algerischer Abstammung. Die Fischerei ging nicht gut, sagten sie. Die Camargue war durch überschwemmte Industriegebiete verschmutzt, und im Mittelmeer blieben die Fische größtenteils außerhalb des braunen Wassers. Im Blauen, das einen halben Tagesausflug entfernt war, lauerten viele Gefahren.

Das Hören und Sprechen von Französisch, selbst von diesem merkwürdigen neuen Französisch, war so, als ob mit einer Elektrode Teile seines Gehirns berührt würden, die seit mehr als einem Jahrhundert nicht mehr besucht worden waren. Regelmäßig tauchten unbeholfen wie Quastenflosser Bilder der Vergangenheit auf. Erinnerungen an Freundlichkeiten, die ihm von Frauen erwiesen worden waren, und seine Grausamkeiten ihnen gegenüber. Vielleicht war er deshalb zum Mars gegangen, um vor sich selbst zu fliehen, vor dem unangenehmen jungen Mann, der er damals gewesen war.

Nun, wenn die Flucht vor sich selbst sein Verlangen gewesen war, so hatte er Erfolg gehabt. Jetzt war er jemand anders. Ein hilfsbereiter, sympathischer Mensch. Er konnte offen in einen Spiegel blicken. Er konnte heimkehren und dem, was er gewesen war, gegenübertreten, als der, der er geworden war. Das hatte der Mars auf jeden Fall bewirkt.

Es war eigenartig, wie das Gedächtnis arbeitete. Die Fragmente, die sich hier an die Oberfläche arbeiteten, waren so klein und scharf, wie jene winzigen Kaktusstacheln, die weit mehr verletzten, als es ihrer geringen Größe entspricht. An was er sich am deutlichsten erinnerte, war sein Leben auf dem Mars. Odessa, Burroughs, die unterirdischen Schutzräume im Süden, die verborgenen Vorposten im Chaos. Sogar Underhill.

Wenn er während der Jahre in Underhill zur Erde zurückgekehrt wäre, hätten ihm die Medienleute die Türe eingerannt. Aber er hatte seit seinem Verschwinden mit Hiroko keinen Kontakt zur Erde gehabt; und obwohl er seit der Revolution nicht versuchte hatte, sich zu verstecken, schienen in Frankreich nur wenige sein Wiederauftauchen bemerkt zu haben. Die ungeheure Tragweite der jüngsten Ereignisse auf der Erde hatten eine gewisse Störung der Medienkultur bewirkt. Oder vielleicht war es bloß der Lauf der Zeit. Der größte Teil der Bevölkerung Frankreichs war erst nach seinem Verschwinden geboren worden, und die Ersten Hundert waren für sie alte Geschichte, allerdings nicht alt genug, um nicht wirklich interessant zu sein. Wenn Voltaire oder Ludwig XIV. erschienen wären, hätte das vielleicht eine gewisse Aufmerksamkeit erregt; aber ein Psychologe aus dem vorigen Jahrhundert, der auf den Mars ausgewandert war, der eine Art von Amerika darstellte, zu dem bereits alles gesagt und getan war? Nein, das war für niemanden mehr von besonderem Interesse. Er erhielt einige Anrufe, es kamen ein paar Leute in das Hotel in Arles, um ihn in der Lobby oder auf dem Hof zu interviewen, und danach kamen auch ein paar Shows in Paris. Aber sie alle waren mehr daran interessiert, was er ihnen über Nirgal sagen konnte als über sich selbst.