Nirgal war der einzige, von dem die Leute fasziniert waren. Er war für sie charismatisch.
Und ohne Zweifel war es besser so, obwohl Michel in Cafes saß und seine Mahlzeiten einnahm und sich so einsam fühlte, als wäre er in einem Rover allein im fernen Hinterland des Gebirges des Südens. Es war etwas enttäuschend, völlig ignoriert zu werden, nur ein vieux unter all den übrigen zu sein, noch einer jener Leute, deren unnatürlich langes Leben mehr logistische Probleme schuf als le fleuve blanc, wenn man bei der Wahrheit blieb...
So war es besser. Er konnte in den kleinen Dörfern um Vallabrix Station machen, wie Saint Quentinla-Poterie oder Saint Victor-des-Quies oder Saint Hippolyte-de-Montaigu, und mit den Ladeninhabern schwatzen, die genau so aussahen wie die, welche die Läden betrieben hatten, als er damals ausgewandert war, und wahrscheinlich deren Nachkommen waren oder manche vielleicht sogar noch die gleichen Leute. Sie sprachen ein anderes dauerhafteres Französisch, ohne sich um ihn zu kümmern, absorbiert von ihren eigenen Gesprächen und ihrem eigenen Leben. Genauso war es draußen in den engen Straßen, wo viele Leute wie Zigeuner aussahen. Ohne Zweifel afrikanisches Blut, das sich in der Bevölkerung verbreitete, wie schon seit dem Einfall der Sarazenen vor tausend Jahren. Die jungen Frauen waren schön. Sie strömten in Scharen durch die Straßen, ihre schwarzen Kleider waren im Staub des Mistrals immer noch glänzend und schimmernd. Das waren seine Dörfer gewesen. Staubige Plastikschilder, alles etwas heruntergekommen und verfallen...
Er schwankte zwischen Vertrautheit und Entfremdung, Erinnerung und Vergessen. Aber immer einsamer. In einem Cafe bestellte er Cassis und erinnerte sich beim ersten Schluck, daß er in dem gleichen Cafe gesessen hatte, an dem gleichen Tisch. Eve gegenüber. Proust hatte völlig recht, wenn er den Geschmack als wichtigsten Auslöser unfreiwilliger Erinnerung identifizierte; denn die Langzeiterinnerungen eines Menschen steckten oder waren mindestens organisiert in der Mandel, genau unter dem Teil des Gehirns, der mit Geschmack und Geruch zu tun hatte. Darum waren Gerüche eng mit Erinnerungen verknüpft, genau wie mit dem emotionalen Netz des limbischen Systems, weil es sich durch beide Gebiete wand. Daher die neurologische Sequenz, daß Geruch Erinnerung auslöste und dieses Heimweh. Heimweh oder Nostalgie, das schmerzliche Verlangen eines Menschen nach seiner Vergangenheit, nicht weil sie so schön gewesen war, sondern einfach, weil sie gewesen und jetzt dahingegangen war. Er erinnerte sich an Eves Gesicht, wie sie in diesem voll besetzten Raum ihm gegenüber plauderte. Aber nicht, was sie gesagt hatte, oder warum sie dort waren, fiel ihm ein. Natürlich nicht. Einfach ein isolierter Augenblick, ein Kaktusstachel, eine Momentaufnahme, alles wie von einem Blitzschlag erhellt und dann verschwunden. Ohne den Rest davon zu kennen, so sehr er sich auch zu erinnern bemühte. Und sie waren alle so, seine Erinnerungen, das, was Erinnerungen waren, wenn sie älter wurden: Blitze im Dunkeln, unzusammenhängend, fast sinnlos und dennoch manchmal voll eines vagen Schmerzes.
Er stolperte aus dem Cafe, von seiner Erinnerung zu seinem Wagen, und fuhr durch Vallabrix unter den großen Platanen von Grand Planas heim, hinaus zu dem verfallenen Mas, ganz ohne nachzudenken. Und er ging wieder hilflos hin, als ob das Haus wieder lebendig geworden wäre. Aber es war immer noch die gleiche staubige Ruine am Olivenhain. Er setzte sich fassungslos auf die Mauer.
Jener Michel Duval von damals war verschwunden. Auch dieser hier würde verschwinden. Er würde noch mehrere Inkarnationen durchleben und diesen Moment vergessen, sogar diesen scharfen schmerzhaften Moment, als er gerade begonnen hatte, alle Momente zu vergessen, die sich hier zugetragen hatten. Blitze, Bilder, ein Mann, der auf einer zerbrochenen Mauer sitzt, ohne daß Gefühle mitspielen. Das war alles. Auch dieser Michel würde verschwinden.
Die Olivenbäume schwenkten ihre Arme, graugrün, grün-grau. Lebt wohl, lebt wohl! Sie waren diesmal keine Hilfe, sie gaben ihm keine euphorische Verbindung mit verlorener Zeit. Auch dieser Moment gehörte bereits der Vergangenheit an.
In dem flackernden Graugrün fuhr er nach Arles zurück. Der Pförtner in der Lobby des Hotels sagte, daß der Mistral wohl nie aufhören würde. »O doch«, erklärte Michel im Vorbeigehen.
Er ging nach oben in sein Zimmer und rief Maya an. Er sagte: »Bitte, komm bald!« Es ärgerte ihn, daß sie sich so bitten ließ. Bald, sagte sie immer wieder. Noch ein paar Tage, und sie würden eine erste Übereinkunft festgelegt haben, eine Übereinkunft bonafide zwischen den UN und einer unabhängigen Regierung des Mars. Geschichte im Entstehen. Danach würde sie sehen, ob sie käme.
Michel war das Entstehen der Geschichte egal. Er ging in Arles spazieren und wartete auf sie. Er ging in sein Zimmer zurück, um zu warten. Dann ging er für einen Spaziergang wieder raus.
Die Römer hatten Arles ebenso als Hafen genutzt wie Marseille. Tatsächlich hatte Cäsar Marseille zerstört, weil es Pompeji unterstützt hatte, und Arles den Vorzug als regionale Hauptstadt gegeben. Es wurden drei strategische Römerstraßen gebaut, die in der Stadt zusammenliefen und alle noch Jahrhunderte lang benutzt wurden, nachdem die Römer gegangen waren. So hatte die Stadt während dieser Zeit lebhaft, erfolgreich und einflußreich gelebt. Die Rhone hatte jedoch ihre Lagunen verschlammt, die Camargue war ein verpesteter Sumpf geworden, und die Straßen waren schließlich außer Gebrauch gekommen. Die Stadt war heruntergekommen. Zu den berühmten salzigen Grasflächen und Herden weißer Pferde der Carmargue waren schließlich Ölraffinerien, Kernkraftwerke und chemische Fabriken gekommen.
Jetzt waren mit der Flut die saubergespülten Lagunen wieder da. Arles war wieder ein Seehafen. Michel wartete genau dort weiter auf Maya, weil er noch nie in Arles gelebt hatte. Es erinnerte ihn an nichts außer den Augenblick; und er verbrachte seine Tage damit, die Menschen zu beobachten, wie sie ihr Leben lebten. In diesem neuen fremden Land.
Er empfing im Hotel einen Anruf von einem gewissen Francis Duval. Sylvie hatte den Mann kontaktiert. Er war Michels Neffe, der Sohn von Michels verstorbenen Bruder. Er lebte noch in der Rue du 4 Septembre, die gleich nördlich der römischen Arena, ein paar Blocks von der angeschwollenen Rhone entfernt lag, unweit von Michels Hotel. Er lud Michel ein, ihn zu besuchen.
Nach kurzem Zögern sagte Michel zu. Nachdem er durch die Stadt gegangen war und kurz angehalten hatte, um einen Blick in das römische Theater und die Arena zu werfen, erschien sein Neffe, der das ganze quartier zu einer spontanen Feier zusammengeholt zu haben schien. Die Champagnerkorken knallten wie die Knallfrösche, als Michel durch die Tür gezerrt und von allen abgeküßt wurde — nach Sitte der Provence dreimal auf die Wangen. Es dauerte eine Weile, bis er zu Francis kam, der ihn lange und fest an sich drückte und die ganze Zeit redete, während die Glasfasern der Kameras aller Leute auf sie gerichtet waren. »Du siehst genau so aus wie mein Vater!« sagte Francis.
»Du auch!« erklärte Michel und versuchte sich zu erinnern, ob das überhaupt stimmte oder nicht, indem er die Erinnerung an das Gesicht seines Bruders zu wecken bemüht war. Francis war ziemlich alt. Michel hatte seinen Bruder nie so alt gesehen. Es war schwer zu sagen.
Aber alle Gesichter waren irgendwie vertraut und die Sprache größtenteils verständlich. Die Gesprächsfetzen ließen ein Bild nach dem anderen in ihm aufleuchten. Mehr aber die Gerüche von Käse und Wein und noch stärker der Geschmack des Weines. Francis erwies sich als Connoisseur und entkorkte fröhlich eine Anzahl verstaubter Flaschen: Chäteauneuf du Pape, dann einen jahrhundertalten Sauterne von Chäteau d’Yquem und als seine Spezialität einen roten Bordeaux premier cru genannt Pauillac, je zwei von Chäteaux Latour und Lafitte, sowie einen 2064er Chäteau Mouton-Rothschild mit einer Etikette von Pougnadoresse. Diese betagten Wunder hatten sich im Laufe der Jahre zu etwas verwandelt, das mehr war als Wein, mit einem Geschmack reich an Obertönen und Harmonie. Sie rannen Michel die Kehle hinunter wie seine eigene Jugend.