Endlich stand Ann auf und ging auf einer Rippe aus hartem altem Shishovit, die jetzt eine schmale Trennung zwischen zwei langen Stränden bildete, nach unten. Um die Wahrheit zu sagen — über dem Eis hatte sich an dem urtümlichen Zustand nicht sehr viel verändert. Unten an der Wasserlinie war es anders. Hier hatten die täglichen Winde über dem offenen Wasser Wellen erzeugt, die groß genug waren, um die restlichen Eisstücke zu Packeis zu brechen. In großen Reihen war es jetzt über dem regulären Eisniveau ans Ufer gedrückt worden, und wie Skulpturen aus Strandgut blieb es liegen. Im Sommer hatte dieses Eis geholfen, den Sand der neuen Strände aufzureißen und in ein Gemisch aus Eis, Schlamm und Sand zu verwandeln, das jetzt an Ort und Stelle gefroren war wie brauner Kuchen mit Zuckerguß.
Ann ging langsam durch diesen Schmutz. Dahinter war eine schmale Bucht voller Eisblöcke, die in der Untiefe auf Grund geraten und in der Meeresoberfläche festgefroren waren. Dadurch, daß sie der Sonne und dem Wind ausgesetzt waren, waren diese Blöcke zu barocken Phantasiegebilden aus klarem blauem und undurchsichtigem rotem Eis geworden, wie Artefakte aus Saphir und Hämatit. Die Südseiten der Blöcke waren immer wieder geschmolzen, und das Schmelzwasser war zu Eiszapfen, Eisbärten, Eisflächen und Eissäulen gefroren.
Beim Blick zurück auf die Küste bemerkte sie wieder, wie gefurcht und zerrissen der Sand war. Der Schaden war enorm, die Vertiefungen manchmal zwei Meter tief. Eine unglaubliche Kraft mußte diese Gräben gepflügt haben! Bei dem Flugsand mußte es sich um Löß handeln. Löß bestehend aus lockeren leicht äolischen Ablagerungen. Jetzt war es ein Niemandsland aus gefrorenem Schlamm und schmutzigem Eis, als ob Bomben die Schützengräben einer bedauernswerten Armee verwüstet hätten.
Sie ging weiter und schritt über opakes Eis. Auf der Oberfläche der Bucht.
Wie eine in Samen gepackte Welt. Einmal knackte das Eis unter ihrem Fuß.
Als sie ein gutes Stück auf der Bucht draußen war, blieb sie stehen und schaute sich um. Der Horizont war wirklich eng. Sie stieg auf einen Eisberg mit flachem Gipfel, der ihr eine weitere Sicht über die Eisfläche verschaffte, bis hinaus zu dem Kreis des Kraterrandes, direkt unter den ziehenden Wolken. Obwohl das Eis zerbrochen, verwirrend angeordnet und von Druckspalten gezeichnet war, ließ es dennoch die Flachheit des Wassers darunter erkennen. Nach Norden hin war die Lücke zum Meer augenfällig. Tafelförmige Eisberge ragten wie entstellte Burgen aus dem Eis. Eine weiße Wildnis.
Nach langem vergeblichem Bemühen, die Szene zu verstehen, kletterte sie den Berg hinunter und stapfte wieder zur Küste zurück und dann auf ihren Wagen zu. Als sie die kleine Landzunge überquerte, fiel ihr eine Bewegung unten am Rande des Eises ins Auge. Da bewegte sich etwas Weißes — eine Person in einem weißen Overall — nein. Ein Bär. Ein Eisbär, der an der Eiskante entlangging.
Er erblickte den Wirbel von Möwen über der toten Robbe. Ann duckte sich hinter einem Felsblock und kroch auf eine Stelle mit reifbedecktem Sand. Ihr war auf der ganzen Vorderseite ihres Körpers kalt. Sie blickte über den Stein.
Der elfenbeinfarbene Pelz des Bären war an Flanken und Beinen gelblich. Das Tier hob den schweren Kopf, schnupperte wie ein Hund und schaute sich neugierig um. Es watschelte zum Kadaver der Robbe, ohne die Säule kreischender Vögel zu beachten. Es fraß von der Robbe wie ein Hund aus einem Napf. Dann hob es den Kopf mit dunkelroter Schnauze. Ann hatte Herzklopfen. Der Bär setzte sich auf die Hinterkeulen, leckte eine Pfote und rieb sich das Gesicht, bis es sauber war, gründlich wie eine Katze. Dann ließ er sich auf alle viere nieder und machte sich auf, den Hügel aus Fels und Sand hinaufzusteigen, auf Anns Versteck hinter dem Felsblock zu. Er trottete dahin und bewegte immer beide Beine auf einer Seite zugleich — links, rechts, links.
Ann rollte die andere Seite der kleinen Landzunge hinunter, stand auf und lief durch den Trog einer flachen Bruchstelle nach Südwesten. Sie vermutete, daß sich ihr Rover ziemlich genau westlich von ihr befand; aber der Bär kam aus Nordwesten. Sie kletterte die kurze steile Flanke des nach Südwesten verlaufenden Canyons hoch und lief über ein Stück hohen Geländes zu einem anderen kleinen Bruchcanyon, der etwas mehr nach Westen führte als der vorige. Wieder hinauf zu dem nächsten Stück hohen Geländes zwischen diesen flachen Gräben. Sie blickte zurück. Sie keuchte schon, und ihr Rover befand sich noch mindestens zwei Kilometer westlich und etwas südlich von ihr. Er war noch hinter felsigen Buckeln außer Sicht. Der Bär befand sich nordwestlich von ihr. Falls er sich direkt auf den Rover zu bewegte, würde er ihm fast ebenso nahe sein wie sie jetzt. Jagte er auf Sicht oder auf Geruch? Konnte er den Kurs seiner Beute abschätzen und sich so bewegen, daß er ihn abschnitt?
Ohne Zweifel konnte er das. Ann schwitzte in ihrem Windschutzanzug. Sie eilte in die nächste Rinne hinunter und lief einige Zeit darin nach Westsüdwesten. Dann erblickte sie eine leichte Rampe und lief zum nächsten höheren Gelände, einer Art breiter, hoher Straße zwischen den flachen Rinnen zu beiden Seiten. Sie blickte zurück und sah den Eisbären. Er stand auf allen vieren hinter ihr, zwei Canyons entfernt, und sah aus wie ein sehr großer Hund oder eine Kreuzung zwischen einem Hund und einem Menschen, gekleidet in strohfarbenen Pelz. Sie war überrascht, eine solche Kreatur hier draußen zu sehen. Die Nahrungskette konnte doch wohl kaum ein so großes Raubtier tragen. Man mußte es sicher an Futterstellen ernähren. Hoffentlich, sonst wäre es sehr hungrig. Dann kam er in dem übernächsten Canyon außer Sicht, und Ann lief los, um über das Gelände zu ihrem Rover zu rennen. Trotz des Umwegs und dem engen durchfurchten Horizont traute sie ihrem Gefühl hinsichtlich des Standorts ihres Rovers.
Sie hielt ein Tempo, das sie, wie sie glaubte, über die ganze Distanz durchhalten würde. Es war schwer, nicht einfach loszulegen und mit voller Geschwindigkeit zu sprinten; aber nein, nein, das würde rasch zum Zusammenbruch führen. Halt dein Tempo — dachte sie und atmete in kurzen, kräftigen Stößen. Halte die Richtung! Kommst du südlich vom Rover vorbei? Zurück auf höheres Gelände, bloß um dich einen Moment umzuschauen. Dort hinter dem niedrigen Hügel mit dem flachen Gipfel, der ein kleiner Krater war, mit einem Buckel auf dem Südende des Randes, mußte ihr Rover sein, dessen war sie sich sicher, obwohl der Rover immer noch nicht zu sehen war und man sich bei dem zerrissenen Land leicht irren konnte. Tausendmal hatte sie kurzfristig halb die Orientierung verloren, da sie nicht ihre genaue Richtung zu einem Fixpunkt kannte. Gewöhnlich war das ihr geparkter Rover. Eigentlich keine große Sache, da das Peilgerät an ihrem Handgelenk sie immer zurückführen konnte. Das könnte es auch jetzt; aber sie war sich sicher, daß der Rover drüben hinter diesem Kraterbuckel stand.
Die kalte Luft brannte in ihren Lungen. Sie erinnerte sich an die Gesichtsmaske für den Notfall, die in ihrem Rucksack steckte, hielt an, öffnete den Rucksack und wühlte, zog die CGvMaske heraus und legte sie an. Sie enthielt auch einen kleinen Vorrat an komprimiertem Sauerstoff. Nachdem sie sie über Mund und Nase gezogen und eingeschaltet hatte, war sie plötzlich stärker und konnte ein schnelleres Tempo halten. Sie lief auf einem hochgelegenen Geländestreifen zwischen zwei Rissen dahin und hoffte, den Rover hinter dem Hang des nächsten Kraters zu erblicken. Ah, da war er! Triumphierend sog sie den kühlen Sauerstoff ein. Er schmeckte angenehm, reichte aber nicht aus, um ihr Keuchen zu verhindern. Wenn sie die Senke zu ihrer Rechten schräg durchquerte, mußte sie direkt auf den Rover treffen.
Sie schaute zurück und sah, daß der Eisbär auch rannte. Seine Beine bewegten sich in einer Art watschelndem Galopp. Aber er gewann mit diesem Laufen an Boden; und die niedrigen Canyonwände schienen für ihn kein Hindernis zu sein. Er huschte darüber wie ein weißer Alptraum, etwas Schönes und Erschreckendes zugleich. Die flüssige Bewegung seiner Muskeln spielte locker unter dichtem weißem Pelz mit gelben Spitzen. All das sah sie in einem Augenblick mit höchster Deutlichkeit. In ihrem Gesichtsfeld war alles klar, scharf und hell, wie von innen her erleuchtet. Selbst wenn sie so schnell lief, wie sie konnte, und scharf auf den Boden achtete, um nicht über etwas zu stolpern, sah sie immer noch wie ein Nachbild den Bären über den roten Abhang gleiten.