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Stampfen, rennen, ein Felsenballett. Der Bär war schnell, und das Terrain machte ihm nichts aus. Aber auch sie war ein Tier. Auch sie hatte Jahre im Outback des Mars verbracht, tatsächlich viel mehr Jahre als dieser junge Bär; und sie konnte wie ein Steinbock über das Gelände laufen, von Urgestein zu Felsen, zu Sand und zu Geröll. Mit festen, aber wohl ausgeglichenen Schritten, mit Beherrschung des Dahinstürmens und um ihr Leben rennend. Und außerdem war der Rover nah. Nur noch eine letzte Canyonflanke hinauf und den Abhang der Moräne, und da war er. Sie rannte fast dagegen, richtete sich auf und schlug auf die runde Metallflanke mit einem festem triumphierenden Bum, als ob es die Schnauze des Bären wäre. Dann, mit einem zweiten, besser kontrollierten Schlag auf die Konsole der Schleusentür, war sie drinnen, und die äußere Schleusentür schloß sich hinter ihr.

Sie eilte die Stufen hinauf in den Ausguck des Fahrers, um zurück zu blicken. Durch das Glas sah sie unten den Bären, wie er ihr Fahrzeug aus respektvoller Distanz beäugte. Er war außer Reichweite einer Pfeilwaffe und schnaufte nachdenklich. Ann schwitzte stark, schnappte immer noch heftig nach Luft — ein, aus; ein, aus. Was für Strapazen der Brustkorb doch aushalten konnte! Und da war sie nun im Fahrersitz. Sie brauchte nur die Augen zu schließen, dann sah sie wieder das heraldische Bild des Bären über den Fels gleiten. Wenn sie sie aber öffnete, dann leuchtete vor ihr das Instrumentenbrett, hell, künstlich und vertraut. Ah, so seltsam!

Noch Tage danach befand sie sich in einer Art Schock und konnte den Eisbären sehen, wenn sie nur die Augen schloß und daran dachte. Bei Nacht dröhnte und grunzte das Eis in der Bucht. Manchmal krachte es explosionsartig, so daß sie von dem Angriff auf Sheffield träumte und selbst stöhnte. Bei Tag fuhr sie so sorglos, daß sie den Rover auf Autopilot schalten konnte und ihn anwies, seinen Weg längs der Küste der Kraterbucht zu finden.

Während er dahinrollte, ging sie in ausgelassener Stimmung im Fahrerabteil umher. Ohne Kontrolle. Nichts zu tun als zu lachen und es zu ertragen. An die Wände schlagen, aus den Fenstern blicken. Ursus maritimus, Ozeanbär. Die Inuit nannten ihn Tornassuk, ›der, welcher Kraft verleiht‹. Es war wie mit dem Erdrutsch, der sie in Melas Chasma fast erwischt hatte — jetzt für immer ein Teil ihres Lebens. Als sie mit dem Erdrutsch konfrontiert war, hatte sie keinen Muskel gerührt. Diesmal war sie gerannt wie der Teufel. Der Mars könnte sie töten. Ohne Zweifel würde er sie töten; aber kein großes Zoo-Tier von der Erde würde sie töten, sofern sie es verhindern könnte. Sie war keineswegs so sehr in das Leben verliebt — weit gefehlt. Aber man sollte die Freiheit haben, sich seinen Tod auszusuchen. Wie sie es in der Vergangenheit mindestens zweimal getan hatte. Aber Simon und dann Sax — wie kleine Braunbären — hatten sie dem Tod weggeschnappt. Sie wußte noch nicht, was sie davon halten sollte und wie sie sich deswegen fühlen sollte. Ihre Gedanken eilten zu schnell dahin. Sie hielt sich an der Lehne des Fahrersitzes fest. Schließlich griff sie nach vorn und tastete die alte Nummer von Sax als einem der Ersten Hundert auf dem Armaturenbrett ein, XY23, und wartete darauf, daß der Computer den Ruf zu dem Shuttle weiterleiten würde, mit dem Sax und die anderen zum Mars zurückkehrten. Und nach einer Weile war er da und schaute mit seinem neuen Gesicht aus dem Bildschirm.

»Warum hast du das getan?« rief sie. »Ich kann mir meinen Tod aussuchen, wie es mir gefällt!«

Sie wartete, bis die Mitteilung ihn erreichte. Dann war es so weit, und er sprang auf. Sein Abbild wackelte. »Weil...«, sagte er und hielt inne.

Ann fühlte Kälte. Genau das hatte Simon auch gesagt, nachdem er sie aus dem Chaos hereingezogen hatte. Sie hatten nie einen Grund gehabt — nur das dämliche Weil des Lebens.

Sax fuhr fort: »Ich wollte nicht... es schien so eine Vergeudung zu sein... was für eine Überraschung, von dir zu hören. Ich freue mich.«

»Zur Hölle damit!« sagte Ann.

Sie wollte schon die Verbindung trennen, als er wieder zu sprechen anfing. Sie hatten jetzt Gegensprechverkehr. »Ann, es war so, daß ich zu dir sprechen konnte. Ich meine für mich selbst — ich wollte dich nicht vermissen. Ich wollte, daß du mir verzeihst. Ich wollte mit dir darüber diskutieren und wünsche mir, daß du verstehst, warum ich das getan habe, was ich tat.«

Sein Geplapper hörte so plötzlich auf, wie es angefangen hatte; und dann sah er verwirrt, sogar erschrocken drein. Vielleicht hatte er gerade gehört: »Zur Hölle damit!« Sie konnte ihm zweifellos Angst machen.

»Was für ein Quatsch!« sagte sie.

Nach einer Weile: »Ja. Hm... was machst du? Du sieht aus... «

Sie trennte die Verbindung. Im Geiste schrie sie: »Ich bin gerade einem Eisbären entwischt! Ich wurde wegen eurer blöden Spiele beinahe gefressen!«

Nein. Sie würde es ihm nicht sagen. Dem Naseweisen. Er hatte einen guten Unparteiischen für seine Einsendungen an das Metajournal ofMartian History, darauf lief es hinaus. Sich vergewissern, daß seine Forschungen korrekt von zuständiger Stelle besprochen wurden. Dafür würde er in den innersten Wünschen einer Person herumtoben, in ihrer essentiellen Freiheit, Leben oder Tod zu wählen, ein freies menschliches Wesen zu sein!

Wenigstens hatte er nicht versucht, es zu leugnen.

Und nun — war sie hier. Wut. Reue ohne Grund. Unerklärliche Besorgnis. Eine seltsam schmerzliche Heiterkeit. All das erfüllte sie plötzlich. Das wild vibrierende limbische System stieß mit konträren wilden Emotionen in jeden Gedanken, abgetrennt vom Inhalt der Gedanken. Sax hatte sie gerettet; sie haßte ihn, sie empfand eine tolle Freude. Kasei war tot, Peter nicht. Kein Bär konnte sie töten etc. — immer weiter und weiter. Oh, wie seltsam!

Sie sichtete einen kleinen grünen Rover, der sich auf einem Absatz über der Eisbucht befand. Impulsiv faßte sie das Lenkrad fester und fuhr zu ihm hinauf. Ein kleines Gesicht schaute heraus. Sie winkte ihm durch die Frontscheibe zu. Schwarze Augen, Brille, kahl. Wie ihr Stiefvater. Sie parkte ihren Rover neben seinem. Der Mann machte ihr ein Zeichen, herüber zu kommen, und hielt einen Holzlöffel hoch. Er sah unsicher aus, nur halb aus seinen Gedanken gerissen.

Ann zog eine gepolsterte Jacke an, ging durch die Schleusentüren und trat zwischen die Wagen. Den Schock der kalten Luft empfand sie wie eine kalte Dusche. Es war angenehm, von einem Rover zum anderen zu gehen, ja überhaupt sich ohne Schutzanzug ins Freie zu wagen, ohne das Leben zu riskieren. Es war ohnehin erstaunlich, daß nicht mehr Leute durch Sorglosigkeit oder defekte Schleusen umgekommen waren. Einigen war das natürlich passiert. Vielleicht Dutzenden, wenn man alle zusammenzählte. Jetzt war es nur noch ein Schuß kalter Luft.

Der kahle Mann öffnete seine innere Schleusentür, sagte »Hallo!« und strecke ihr die Hand entgegen.

Ann sagte »Hallo!« und schüttelte sie. »Ich bin Ann.«

»Ich bin Harry. Harry Whitebook.«!

»Ah! Ich habe von dir gehört. Du malst Tiere.«

Er lächelte höflich. »Ja.« Keine Scheu, keine Abwehr.

»Ich bin heute gerade von einem eurer Eisbären gejagt worden.«

»Wirklich?« Er machte runde Augen. »Die sind flink.«

»Allerdings. Aber es sind eigentlich keine Eisbären, nicht wahr?«

»Sie haben einige Grizzly-Gene wegen der Höhe. Aber größtenteils ist es einfach Ursus maritimus. Das sind zähe Biester.«