»Das war ein anderer Gegner. Als wir gegen die Terraner gekämpft haben, waren die Grünen des Mars beeindruckt. Wenn wir aber gegen die Grünen des Mars kämpfen, sind sie nicht beeindruckt, sondern wütend. Und die Grünen gewinnen mehr Macht denn je.«
Die Gruppe saß schweigend da, in Gedanken versunken, vielleicht entmutigt.
»Aber was sollen wir tun?« fragte eine grauhaarige Frau.
»Geht zu einem Land, das gefährdet ist«, schlug Ann vor. Sie zeigte aus dem Fenster. »Gerade hier wäre nicht schlecht. Oder irgendwo nahe der Sechskilometergrenze. Siedelt euch an, gründet eine Stadt, macht sie zu einer erstklassigen Zufluchtsstätte und zu einem schönen Ort! Wir werden wieder vom Hochland herunterkriechen.«
Sie erwogen das in trüber Stimmung.
»Oder geht in die Städte und bildet eine Gruppe, die Tours anbietet, und einen legalen Fonds! Zeigt den Leuten das Land! Setzt jede Änderung durch, die sie vorschlagen!«
»Mist!« sagte der junge Mann kopfschüttelnd. »Das klingt fürchterlich.«
»Allerdings«, sagte Ann. »Es gibt viel zu tun, das nicht angenehm ist. Aber wir müssen auch diese Leute von innen her anpacken. Und das funktioniert nur dort, wo sie leben.«
Lange Gesichter. Sie saßen herum und diskutierten weiter. Über ihre jetzige Lebensweise und wie sie zu leben wünschten. Was sie tun könnten, um von dem einen zum anderen überzugehen. Die Unmöglichkeit des Guerillalebens nach dem Ende des Krieges. Und so weiter. Es gab viele tiefe Seufzer, einige Tränen, Beschuldigungen und Ermutigungen.
»Kommt morgen mit mir«, schlug Ann vor, »und werft einen direkten Blick auf dieses Eismeer!«
Am nächsten Tag fuhr die Guerillagruppe mit ihr auf dem sechzigsten Längengrad nach Süden, einen schwierigen Kilometer nach dem anderen. Die Araber nannten dieses leere Land Khala. Auf der einen Seite war es schön. Eine vorzeitliche Einöde von Steingebilden, die ihre Herzen erfüllte. Dennoch waren die Guerilleros still und bedrückt, wie auf einer Pilgerreise mit Ungewissem Begräbnischarakter. Sie kamen zu dem großen Canyon namens Nilokeras Scopulus und fuhren über eine breite natürliche Rampe hinein. Im Osten lag Chryse Planitia, eisbedeckt, ein weiterer Arm des Nordmeeres. Dem waren sie nicht entkommen. Vor ihnen im Süden lagen die Nilokeras Fossae, das Ende eines Canyonkomplexes, der im Süden, in der enormen Senke von Hebes Plasma, seinen Ursprung hatte. Hebes Plasma hatte keinen Ausgang, aber man nahm an, daß der Canyon durch den Ausbruch des Wasserreservoirs auf der Höhe von Echus Chasma entstanden war. Eine sehr große Wassermenge war von Echus gegen die harte Westseite von Lunae Planum heruntergebrochen und hatte die hohe steile Klippe bei Echus Overlook unterhöhlt. Dann war die riesige Klippe in den Canyon gestürzt; und das Wasser war hinab- und hindurchgerauscht und hatte dabei die große Biegung von Kasei Vallis zerrissen und einen tiefen Kanal zu den Tiefländern von Chryse gegraben. Das war einer der größten Wasserreservoirausbrüche in der Geschichte des Mars gewesen.
Jetzt war das nördliche Meer nach Chryse zurückgeströmt; und es ergoß sich wieder Wasser in das untere Ende von Nilokeras und Kasei. Der Berg mit dem flachen Gipfel, der Sharanow-Krater, stand wie ein gigantisches Schloß auf dem hohen Vorgebirge über der Mündung dieses neuen Fjords. Draußen, mitten im Fjordwasser, lag eine lange, schmale Insel, eine der geschweiften Inseln der alten Flut, die jetzt wieder zur Insel geworden hartnäckig rot in dem Meer aus weißem Eis lag. Dieser Fjord würde schließlich einen noch besseren Hafen abgeben als die Botany Bay. Er hatte steile Wände, aber hier und da gab es Terrassen, die zu Hafenstädten werden könnten. Man würde sich natürlich wegen des Westwindes, der von Kasei wie durch einen Trichter hereinströmte, genau wie über katabatische Angriffe, die die Schiffe im Chryse-Golf draußen festhielten, Gedanken machen müssen...
Sehr merkwürdig. Ann brachte die Gruppe schweigender Roter zu einer Rampe, und leitete sie hinunter auf eine breite Bank westlich des Eisfjords. Inzwischen war es Abend; sie verließen die Rover, und sie führte sie zu einem Spaziergang bei Sonnenuntergang hinaus ins Freie.
Genau im Moment des Sonnenuntergangs standen sie in einem dichten mürrischen Haufen vor einem einzelnen Eisblock von etwa vier Metern Höhe. Dessen geschmolzene Einbuchtungen waren so glatt wie Muskeln. Sie standen so, daß die Sonne hinter dem Eisblock stand und durch ihn hindurchschien. Zu beiden Seiten des Blocks wurde das Licht von dem glasigen feuchten Sand zurückgeworfen. Eine Mahnung aus Licht. Unbestreitbar und blendend real. Was sollten sie damit machen? Sie standen unbewegt und schauten schweigend hin.
Als die Sonne über dem schwarzen Horizont verschwand, entfernte sich Ann von der Gruppe und ging allein zu ihrem Rover hinüber. Sie schaute zurück auf den Abhang. Die Roten waren noch bei dem Eisberg am Strand. Er wirkte zwischen ihnen wie ein weißer Gott, orange getönt wie das runzlige Eisfeld der Bucht. Weißer Gott, Bär, Bucht, ein Dolmen aus Mars-Eis. Der Ozean würde für immer mit ihnen sein, so real wie dieser Fels.
Am nächsten Tage fuhr sie Kasei Vallis nach Westen empor, auf Echus Chasma zu. Sie fuhr immer weiter aufwärts, ließ eine breite Bank nach der anderen hinter sich und kam leicht voran bis zu dem Punkt, wo Kasei nach links und auf den Boden von Echus abbog. Diese Biegung war eines der größten von Wasser ausgetieften Gebilde auf dem Planeten. Jetzt entdeckte Ann, daß der flache Boden des Arroyos von Zwergbäumen bedeckt war, so klein, daß sie wie Gestrüpp wirkten. Schwarze Rinde, dornig, die dunkelgrünen Blätter so glänzend und messerscharf wie die von Stechpalmen. Moos bedeckte den Boden unter diesen schwarzen Bäumen, sonst aber fast nichts. Es war ein monokultureller Wald, der Kasei Vallis von Wand zu Wand der Canyons bedeckte und die große Biegung ausfüllte wie ein übergroßer Schmutzfleck.
Notwendigerweise fuhr Ann direkt durch die niedrigen Bäume, und der Rover kippte hin und her, wenn die Zweige, zäh wie Bärentrauben, unter den Rädern nachgaben und dann wieder zurückwippten, wenn sie freigelassen wurden. Es war unmöglich geworden, diesen Canyon zu Fuß zu begehen, dachte Ann, diesen Canyon mit den tiefen Wänden, so rund und eng wie eine Art von Phantasie Utah; zumindest war er das gewesen, jetzt wirkte er eher wie der schwarze Wald im Märchen, unentrinnbar, voll fliegender schwarzer Wesen und mit einer weißen Gestalt, die gesehen wurde, wie sie im Dunkel durch die Gegend rannte. Es gab keine Spur mehr von dem UNTA-Sicherheitskomplex, der früher die Biegung des Tales besetzt gehalten hatte. Ein Fluch über dein Haus bis in die siebte Generation und auch ein Fluch für das unschuldige Land. Sax war hier gefoltert worden und hatte damals Feuer in den Boden gesät und die Stelle verbrannt; dadurch war ein Dornenwald gewachsen und sie bedeckt. Und sie bezeichneten Wissenschaftler als rationale Kreaturen! Ein Fluch auch auf ihr Haus, dachte Ann mit zusammengebissenen Zähnen. Bis in die siebte Generation und noch sieben danach!
Sie zischte zwischen den Zähnen und fuhr weiter, Echus hinauf, zu dem steilen Vulkankegel von Tharsis Solis. Dort war eine Stadt. An die Seite des Vulkans geklebt, wo der Abhang flacher wurde. Der Bär hatte ihr gesagt, daß Peter dorthin wollte, und darum mied sie sie. Peter, das Land überschwemmt; Sax, das Land verbrannt. Einst hatte er ihr gehört. Auf diesen Felsen will ich bauen. Peter Tempe Terra — der Fels im Land der Zeit. Der neue Mensen, der homo martialis. Der sie verraten hatte. Denk dran!
Sie fuhr weiter nach Süden, den Hang des Tharsis- Buckels hinauf, bis der Kegel von Ascraeus in Sicht kam. Ein Gebirgskontinent, der den Horizont markierte. Pavonis war wegen seiner äquatorialen Lage und des kleinen Vorteils, den ihm das Aufzugskabel gab, überschwemmt und zu groß geworden. Aber Ascraeus, nur fünfhundert Kilometer nordöstlich von Pavonis, war in Ruhe gelassen worden. Niemand wohnte dort. Nur ab und zu ein paar Areologen, um seine Lava und pyroklastischen Aschenflüsse zu studieren, die beide das Rot fast schwarz färbten.